Der Kommentar: Im Januar 1991 stand eines Morgens plötzlich der Schriftsteller Niklaus Meienberg in meinem Büro. Er wolle eine breite Koalition von Intellektuellen gegen den unmittelbar bevorstehenden Golfkrieg auf die Beine stellen, einen Appell an Politik und Bevölkerung starten. Dafür benötige er alle Journalisten dieses Landes, die eine Katastrophe verhindern wollten, sagte er. Meienberg meinte, die Operation «Desert Storm» von Präsident Bush senior würde den dritten Weltkrieg auslösen. Die Welt war für ihn auch nach dem Mauerfall keineswegs stabil geworden. Meienberg wirkte fahrig, verzweifelt, hoffnungslos. Zweieinhalb Jahre später setzte er seinem Leben ein Ende.

Wie würde Meienberg über die heutige Weltlage denken? Über das Chaos in Syrien, im Irak, über die Gräueltaten des «Islamischen Staates», die sich nicht in Worte fassen lassen, über diesen Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten, über einen narzisstischen Präsidenten, dessen Ränkespiele in der Ukraine Europa von Krise zu Krise treibt?

Wer macht sich heute in der Schweiz solche Meienberg’sche Gedanken? Es gibt keinen Dürrenmatt mehr, der mit moralischem Zynismus reagierte, und keinen Max Frisch, der in Interviews und Essays gegen die Gleichgültigkeit anrennte. Der Schweiz fehlen die Geister, die sie aufrütteln. Diejenigen, die sich berufen fühlen, uns zu bewegen, beschwören ausschliesslich eine angeblich autistische Einzigartigkeit. Wir wenden uns ab und beschäftigen uns lieber mit dem Präsidenten einer Kleinstadt, der seine Nacktbildchen nicht im Griff hat, und mit der Frage, in welcher Höhe die Bratwurst am Kiosk mehrwertsteuerpflichtig ist. Die «Tagesschau» liefert uns die Bilder zu einer Welt, an der wir nicht teilhaben wollen.

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