Herr Blocher, Ihr Unternehmen hat schwierige Jahre hinter sich, schreibt rote Zahlen. Wie schwierig ist das für einen Erfolgstyp wie Sie?
Markus Blocher: Warum soll ich ein Erfolgstyp sein?

Sie haben den Doktortitel, machten Karriere als Berater und stammen aus einer der erfolgreichsten Schweizer Unternehmerfamilien ...
Zuerst einmal: Dottikon ES schrieb nur in den letzten zwei Jahren rote Zahlen. So schlimm ist es nicht. Aber ob ich persönlich Erfolg habe oder nicht, ist mir nicht so wichtig. Das ist ein Vorteil meiner Herkunft: Ich bin nicht auf kurzfristigen Erfolg angewiesen.

Langfristig geht es aber nicht ohne.
Klar. In den letzten zwei Jahren haben wir unter dem schlechten Umfeld gelitten. Die Pharmafirmen – also unsere Abnehmer – standen unter gewaltigem Spardruck, weil die Staaten die Medikamentenpreise angreifen. Hinzu kommt, dass die Industrie nicht mehr so viele neue Medikamente in der Pipeline hat und deren chemische Weiterentwicklung aufschob. Wir sahen diese Delle kommen. Ich habe ihr Ausmass jedoch unterschätzt. Dennoch haben wir unsere Chemiker nicht entlassen, sondern uns bereit gemacht für den nahenden Aufholbedarf und Wiederaufschwung.

Gibt es Anzeichen dafür?
Ja, die Aufträge nehmen zu. Die Pharmabranche hat einen Nachholbedarf. Und nicht alle Anbieter auf unserem Gebiet haben überlebt oder sind in der Lage, den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Wir haben inzwischen weniger Konkurrenten. Ein Vorteil ist, dass wir alle Aktivitäten an einem Standort – in Dottikon – konzentriert und integriert haben, von der Forschung und Entwicklung bis zur Produktion. Wir haben nichts ausgelagert.

Konkurrenzfirmen verlagerten Jobs in der Produktion in Billiglohnländer.
Ein Fehler. Langfristig entsteht Innovation dort, wo die Produktion ist. Es ist kurzsichtig, nur die Forschung und Entwicklung in der Schweiz zu behalten.

Sie hatten zuletzt 420 Mitarbeiter. Sind die Sparprogramme beendet, schaffen Sie wieder neue Jobs?
Wir stehen nun bei 435 Stellen und werden je nach Geschäftsgang weiter ausbauen. In einer Erholungsphase sind Kostensenkungen fatal. Wir werden also sicher nicht abbauen.

Worauf achten Sie, wenn Sie neue Mitarbeiter einstellen?
Wichtig sind mir drei Grundwerte: Erstens die Leistungsbereitschaft, die hat mit Eigenverantwortung und Selbstdisziplin zu tun. Zweitens die Leistungsfähigkeit, geistig und körperlich. Und drittens die Sozialkompetenz, das heisst Team- und Kommunikationsfähigkeit.

Wo hapert es am häufigsten?
Beispielsweise im Finanzbereich ist es schwierig, Leute zu finden, die leistungsbereit sind. Hohes Salär kommt oft vor Leistung. Das ist eine Folge der Auswüchse in der Finanzbranche, aber auch der Werte, die in den entsprechenden Ausbildungen vermittelt werden.

Was für ein Typ Chef sind Sie?
Ich erwarte von einer Führungskraft, dass sie ein Problem analysieren kann, fachlich kompetent ist, kreative Ideen hat, entscheiden und sich durchsetzen kann. Ob ich das selber erfülle, müssen Sie nicht mich fragen. Ich bin einer, der flache Hierarchien bevorzugt und quer durch die Führungsstufen mit den Leuten redet.

In der «Handelszeitung» hiess es, Sie würden oft Ja-Sager um sich scharen.
Als ich das las, fragte ich ein Geschäftsleitungsmitglied: «Habe ich nur Ja-Sager um mich?» Da antwortete er: «Ja!» (lacht). Im Gegenteil, wir haben eine gesunde Streitkultur und sind sehr heterogen zusammengesetzt. Ich möchte, dass alle unsere Grundwerte teilen – aber ansonsten sehr unterschiedliche Charaktere sind. Jeder kann «seine Ecke ab haben». An unseren Mitarbeiterversammlungen werden oft kritische Fragen gestellt, und das ist gut so.

Viele jüngere Manager wie Sie pflegen Netzwerke, sind etwa im Zürcher «Club zum Rennweg». Wie halten Sie es?
Die Eintrittsgebühr für solche Clubs – zum Teil 100000 Franken – spare ich mir. Ich unterscheide zwischen Filz und Netzwerk. Das meiste ist leider Filz. Ein Netzwerk entsteht von selbst: indem man mit Leuten gemeinsam ein anspruchsvolles Problem erfolgreich löst. Und nicht, indem man am gleichen Ort das MBA gemacht hat oder im Club ein Cüpli trinkt. Dort ist ja vor allem gegenseitiges Schulterklopfen gefragt, mir aber sind Ehrlichkeit und Direktheit wichtig.

Wie beurteilen Sie den Standort Schweiz?
Die Schweiz hat grosse Vorteile. Wir haben durch unsere Unabhängigkeit und Selbstbestimmung eine hohe Rechtssicherheit und Stabilität. Nur: Wir sind im Moment daran, die Grundsätze, die den Wohlstand und den Erfolg unseres Landes begründet haben, Stück um Stück preiszugeben.

Wo denn?
Eigenverantwortung, ein liberaler Arbeitsmarkt, Selbstregulierung – hier hat die Schweiz eine lange Tradition. Aber jetzt geben wir diese Grundwerte preis, wegen kurzfristiger Partikularinteressen von Unternehmen, denen es nicht so wichtig ist, ob sie in der Schweiz, in den USA oder in Hongkong sind.

Meinen Sie das Nachgeben im Steuerstreit mit den USA oder Deutschland?
Nicht nur. Das Bankgeheimnis haben wir bereits aufgeweicht, jetzt liefern wir Kundendaten, als Nächstes wird der automatische Informationsaustausch kommen – weil es die Schweiz verpasst hat, ihn in den Steuerabkommen auszuschliessen. Ein anderes Beispiel ist die verheerende Diskussion über die Rohstoffindustrie, die sich gerade bei uns ansiedelt. Da sind selbstzerstörerische Kreise am Werk.

Es ist eine problematische Branche.
Es ist vielleicht nicht alles gut in dieser Industrie, aber es ist falsch, sie zu vertreiben. Das dient nur anderen Ländern, die interessiert daran sind, mehr von diesem Kuchen zu bekommen.

Sie kommen richtig in Fahrt …
Ich kann Ihnen viele weitere Beispiele nennen, wo die Schweiz ohne grosse Not bewährte Werte aufgegeben hat. Im Militär zum Beispiel hat man die ganzen Grundsätze einer Milizarmee über den Haufen geworfen, nur weil ein paar Berufsoffiziere in Amerika studiert haben und das gleiche Rangabzeichen wollen wie ihre Nato-Kollegen, wenn sie ein paar Monate im Kosovo sind. Die Problematik hat angefangen, als Politiker international eine wichtigere Rolle spielen wollten.

Was soll daran schlecht sein?
International spielt eine wichtige Rolle, wer mächtig ist. Und das sind wir nicht. Früher hatte der Schweizer die Hände in den Hosentaschen, er wurde unterschätzt, wie der Appenzeller. Das war das Erfolgsrezept der Schweiz. Jetzt ist es plötzlich wichtig, dass man auf der Treppe neben dem Präsidenten dieses und jenes Landes stehen und den Kopf in die Kamera strecken darf. So ein Land kommt auf den Radarschirm, und das hat nur Nachteile.

Die aktivere Aussenpolitik ist schuld, dass die Schweiz angegriffen wird?
Als Kleiner müssen Sie unter dem Radarschirm fliegen, vor allem jetzt, wo alle Staaten Geld brauchen. Jedes Mal, wenn jemand Druck auf die Schweiz macht, zahlen wir und meinen, es sei alles gut. Aber dann kommt schon der Nächste, der unser Geld will.

Was sollte die Schweiz denn tun?
Wir müssen uns aus den Konflikten der Grossen heraushalten, weil wir nur zerrieben werden. Eigentlich müssen wir uns im Moment noch mehr isolieren. Das wäre besser für die Schweiz.

Das wird in Zeiten der Globalisierung nicht funktionieren. Ihr eigenes Unternehmen ist ja auch sehr international.
Sicher, aber dafür muss unser Staat doch nicht wichtige Grundpfeiler schwächen. Es läuft so vieles schief. Alles wird internationalisiert, zum Beispiel die ganze Bildung: Nur damit man einfacher ein Semester im Ausland absolvieren kann, hat man die bewährte Hochschulbildung umgekrempelt und komplizierter gemacht. Und für alles braucht man heute einen Universitätsabschluss, es ist verrückt. Sogar für die Kinderkrippen. Und dann jammern wir, weil diese zu teuer sind.

Das klingt so, als würde es Sie in die Politik ziehen.
Ich bin politisch, ein Demokrat. Ich gehe abstimmen, wählen. Ich setze mich im Kleinen für die Grundwerte ein. Wir führen zum Beispiel unsere Pensionskasse selber. Da erlebe ich die ganze IV-Problematik, den Missbrauch. Ich kann Ihnen sagen: Es ist sehr mühsam, wenn Sie Ärzte haben, die Leute krankschreiben, die nicht krank sind. Und die ganze Juristenindustrie, die das noch unterstützt. Die machen unser System kaputt. Dagegen kämpfe ich.

Und im Grossen, ist ein politisches Engagement ein Thema für Sie?
Ich frage mich: Bringt es etwas, wenn noch einer mit dem Namen Blocher dabei ist?

Jedenfalls müssten Sie mit Ihrem Namen keine Plakate aufhängen ... Jeder kennt ihn.
Die Frage ist, ob die Wähler wissen, was sie wählen.

Nun, Sie werden nicht meilenweit von Ihrem Vater entfernt sein.
Mein Vater hat in vielen Punkten eine starke Grundhaltung, und die teile ich. Das Problem ist, dass oft ein ideologischer Grabenkrieg geführt wird: Für viele Leute ist nicht die Frage, ob eine Idee gut ist. Sondern, von wem sie kommt.

Das heisst, der Name «Blocher» würde Sie behindern?
Ja, für viele ist es einfacher zu akzeptieren, wenn jemand die gleichen Werte wie ich vertritt, der nicht diesen Namen hat.

Sie hätten den Namen Ihrer Frau annehmen können.
Ich habe mir vor der Heirat tatsächlich überlegt, den Namen der Frau anzunehmen. Mit anderem Namen wäre es in vielen Belangen interessanter. Die Vorurteile fielen weg, man würde nicht als Blocher, sondern als eigenständige Person wahrgenommen werden. Aber hätte ich den Namen geändert, hätte man es so interpretiert, dass ich mich von meiner Familie distanziere. Das wollte ich nicht. Ausserdem bin ich der einzige Stammhalter nach altem Namensrecht, diese Tradition bedeutet mir etwas.

Belasten Sie die Vorurteile?
Jeder hat sein «Bürdeli». Das hat Vor- und Nachteile. Ich habe am liebsten die Leute, die negative Vorurteile haben. Da können Sie nur gewinnen. Bei den anderen verlieren Sie. Schwierig wird es, wenn sich sogar meine Schwiegermutter rechtfertigen muss für irgendeine Haltung meines Vaters, weil die Leute das Gefühl haben, über eine Verwandtschaft, die nicht einmal genetisch ist, müsse man alles mittragen.

Sie schliessen dennoch nicht aus, eines Tages in die Politik einzusteigen?
Die Frage stellt sich nicht.

Das sagen die Bundesratskandidaten jeweils auch.
Ja, ja (lacht).

Wer steht Ihnen nebst der SVP politisch nahe?
Es ist spannend, dass im Moment eine politische Kraft aufkommt, die eine radikale Liberalisierung bei der IT-Technologie fordert: die Piratenpartei. Jetzt äussert sie sich auch zu anderen Themen, etwa gegen den EU-Beitritt. Mir gefällt diese Radikalität für weniger Regulierung und mehr Eigenverantwortung.

Können Sie sich vorstellen, die Piratenpartei zu wählen?
Ich habe eine gewisse Sympathie für sie. Von der Grundtendenz her ist das, was sie fordern, liberal. Sie bewirtschaften aber bisher nur ein sehr schmales Segment.

Das politische Hauptthema ist zurzeit die 1.20er-Grenze des Franken zum Euro. Als Exporteur sind Sie bestimmt froh darüber?
Nein. Natürlich hätten die Lobbyisten der Industrie gern einen schwachen Franken. Aber wenn wir den Franken an den Euro knüpfen, dann ist das so, wie wenn man ein Segelschiff an die «Titanic» ankettet. Wir importieren die Probleme der EU.

Was hätten Sie stattdessen gemacht?
Ich hätte Schweizer Franken gedruckt und Gold gekauft. Oder man könnte den Franken an den US-Dollar anbinden, das ist vielleicht die gescheitere Währung als der Euro. Dann hätten wir wenigstens etwas, das einen guten Restwert hat.

Über Sie ist wenig Privates bekannt. Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Das Geschäft ist intensiv. Unter der Woche arbeite ich, und am Wochenende bin ich für die Familie da. Das ist mein Hobby, wenn man so will.

Markus Blocher (41) ist Doktor der Chemie und war als Berater für McKinsey tätig. Als sein Vater Christoph Blocher 2003 Bundesrat wurde und seine Unternehmen den Kindern verkaufte, übernahm Markus Blocher beim Aargauer Chemieunternehmen Dottikon ES das Zepter. Zuerst war die Firma Teil der Ems-Gruppe, welche von seiner Schwester Magdalena Martullo geleitet wird, 2005 wurde sie aus der Ems-Gruppe herausgelöst und an die Börse gebracht. Dottikon ES (1913 gegründet als Schweizerische Sprengstofffabrik) ist auf die Auftragsherstellung von Feinchemikalien für die Pharma- und Chemiebranche spezialisiert. Markus Blocher ist verheiratet und Vater von fünf Kindern zwischen 1 und 9 Jahren. Er wohnt in Wilen bei Wollerau SZ.

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