Herr Wales, wann waren Sie zum letzten Mal in einer Bibliothek?
Jimmy Wales: Einer echten Bibliothek? Das kann nicht allzu lange her sein. Oder doch? Wow, ich weiss es wirklich nicht mehr (lacht).

Sie haben die Art, wie wir Informationen suchen, verändert. Trotzdem hegen viele Leute Zweifel, wie verlässlich die Informationen auf Wikipedia sind. Wie viel Prozent der Artikel sind wahr?
Ich denke mindestens 99 Prozent sind wahr. Aber ist das gut genug? Denn wenn 99 Dinge stimmen und nur etwas komplett falsch ist, ist das sehr schlecht für unser Image. Die Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Informationen ist zentral. Die Studien, die es heute gibt, zeigen, dass wir es betreffend Fehlerquote mit herkömmlichen Enzyklopädien aufnehmen können.

Wissen Sie denn, wo am häufigsten Fehler geschehen?
Vor allem bei unkontroversen Artikeln.

Zum Beispiel?
Themen wie mathematische Wurzelrechnungen, spezielle Blumensorten und so weiter. Dort gibt es relativ wenig Leute, welche die Informationen überprüfen können. Bei kontroversen und populären Themen wie dem Nahostkonflikt, aber auch Lady Gaga nehmen enorm viele Leute am Verfassen der Artikel teil und merzen so Fehler aus. Dort habe ich ein gutes Gefühl.

Wie oft haben Sie Ihren eigenen Wikipedia-Eintrag geändert?
Früher habe ich das einige Male gemacht, aber dann hörte ich damit auf, weil die Presse das nicht goutierte.

Dann schauen wir mal, ob diese Wikipedia-Information stimmt. Dort steht, Sie hätten Ihre Verlobte Kate Garvey, die ehemalige Sekretärin von Tony Blair, in der Schweiz kennen gelernt.
Das stimmt, wir trafen uns zum ersten Mal in Davos.

Die Autorenschaft von Wikipedia ist in erster Linie männlich.
Ja, leider. Mehr als 80 Prozent unserer Autoren sind weisse Männer mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren, so genannte Geeks oder Computernerds halt. Es wäre schön, wenn die Autorenschaft etwas weiblicher würde.

Wieso schreiben Frauen weniger Artikel?
Da gibt es viele Gründe. Wobei ich auf keinen Fall das Vorurteil bestätigen will, dass Frauen nicht mit Computern umgehen können. Aber die ComputerGeeks sind nun mal grösstenteils männlich, daran kann auch Wikipedia nichts ändern. Es gibt aber auch Männer, wie mein Vater, die keine Beiträge schreiben, weil sie den Prozess zu kompliziert finden. Deshalb wollen wir den Zugang zum Verfassen von Wikipedia-Beiträgen noch einfacher machen. Auch für Frauen.

Fehlen gewisse Themen, die eher Frauen ansprechen?
Ja, da besteht sicher Potenzial. Wir haben zum Beispiel viel weniger Artikel über wissenschaftliche Studien zur Entwicklung von Kindern als über die Entwicklung von Softwaretechnologie. 26-jährige Männer ohne Kinder sind nun mal weniger an solchen Themen interessiert. Auch bei Modethemen besteht sicher Aufholbedarf.

Der Internetnutzer wird gläsern. Mit nur einem Klick können ganze Karrieren zerstört werden, wie ein US-Politiker auf Twitter kürzlich erfahren musste. Macht Ihnen das manchmal Angst?
Nun ja, ich glaube dieser Politiker hat mehr angestellt als nur einen Klick (lacht). Dieses Mal hatte er einfach Pech. Was Wikipedia betrifft, so publizieren wir keine persönlichen Informationen ohne eine zuverlässige Quelle. Aber generell ist es schon so, dass unser Leben in der heutigen Welt viel öffentlicher ist. Bei VIPs haben wir das immer für normal empfunden. Wir stürzten uns auf die Boulevard-Geschichten über Britney Spears’ Nervenzusammenbruch, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie ja Millionen von Dollars verdient. Heute ist aber praktisch jedermann der Medienöffentlichkeit ausgesetzt, auch wenn man nicht Millionen verdient.

Wikileaks-Gründer Julian Assange sagte kürzlich, Google und Yahoo seien Spionageschnittstellen des US-Geheimdienstes. Glauben Sie das auch?
Nein. Ich weiss gar nicht, was ich dazu sagen soll. Julian ist . . . (überlegt lange) ein interessanter Charakter. Ich glaube er ist sein eigener, grösster Feind, weil er solche skandalöse Sprüche rauslässt, ohne sie beweisen zu können. Das mag bei seinen Fans wirken, aber es kostet ihn viel seiner Glaubwürdigkeit, die er eigentlich verdient hätte für seine anderen Leistungen. Er sollte seine Aussagen überlegter formulieren.

Sie sind kein Fan von Wikileaks.
Ich habe zwiespältige Gefühle zu Wikileaks. Die Wahrheit gehört ans Licht. Aber die Wikileaks-Methode, heikle und ungeprüfte Informationen einfach ins Internet zu stellen, kann Menschenleben gefährden.

Es gibt einige tausend Stamm-Autoren bei Wikipedia, die für die Selbstregulierung und Kontrolle der Artikel sorgen. Aber wie viele Leute sind tatsächlich von Wikipedia angestellt?
Nur etwa 70. Sie kümmern sich in erster Linie um das Administrative und die Softwareentwicklung. Natürlich gibt es auch gewisse automatische Schutzmechanismen gegen den Vandalismus im Netz. Aber den Rest erledigt die Internetcommunity ganz allein.

Müssen Sie oft Artikel löschen?
Ja. Zentral sind die Relevanz und die Verifizierbarkeit. Man kann nicht einfach über irgendetwas schreiben. Artikel werden andauernd gelöscht. Meistens sind es PR-Texte von Personen über sich selbst, von denen noch nie jemand etwas gehört hat.

Könnte Sarah Palin im Hinblick auf die US-Präsidentschaftswahlen den Eintrag über sich selber ändern?
Ja, das könnte sie wahrscheinlich. Auch wenn ihr Eintrag einen gewissen Schutz hat, weil sie eine kontroverse Person ist. Sonst würden sie die Leute die ganze Zeit auf Wikipedia durch den Kakao ziehen. Sie müsste sich zuerst einloggen und dann erst mal vier Tage lang warten, bevor sie den Artikel redigieren könnte. Ich empfehle Sarah Palin jedoch, ihren Wikipedia-Eintrag nicht zu ändern. Hoffentlich wissen das ihre PR-Berater auch.

Die Häme wäre vorprogrammiert.
Genau. So was ist sehr riskant und man wird schnell kritisiert. Sie sollte das lieber anderen Leuten überlassen.

Werden Sie oft von Berühmtheiten oder Firmen kontaktiert, die eine Änderung in ihrem Eintrag verlangen?
Ja, das geschieht ab und zu. Jeder kann uns ein E-Mail schreiben und seinen Antrag begründen. Meistens sind sie gerechtfertigt.

Ein Beispiel?
Bianca Jagger, die Ex-Frau von Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger, beklagte sich auf Twitter, ihr zweiter Vorname auf Wikipedia sei falsch. Das haben wir mitbekommen und haben den Fehler zurückverfolgt. Er stammte aus einem Artikel im «People»-Magazin aus den 70er-Jahren, der danach jahrelang in den Medien wiederholt wurde. Das haben wir nun korrigiert.

Redigieren oder schreiben Sie manchmal auch selber Artikel?
Ja, aus Spass. Ob Sie es glauben oder nicht: In letzter Zeit schreibe ich sehr häufig über das britische House of Lords. Vor einigen Jahren begann ich, mich für die britische Geschichte zu interessieren. Daraus wurde ein kleines Hobby.

Dann haben Sie sicher auch die Hochzeit von William und Kate verfolgt.
Natürlich! Und ich habe als Erster ihren Namen auf Wikipedia geändert.

Wie meinen Sie das?
Ich sass vor dem Fernseher und sobald sie sich das Jawort gaben, bekam Kate ja den Titel «Catherine, Duchess of Cambridge». Und ich habe online zuerst reagiert. In der Wikipedia-Gemeinschaft machen wir uns einen Sport daraus, wer solche Änderungen als Erster einträgt. Diesmal war ich der Glückliche.

Sind Sie eigentlich auf Facebook?
Ja.

Und sind Sie mit Gründer Mark Zuckerberg virtuell befreundet?
Ja, ich habe ihm auch schon ein paar Nachrichten geschrieben und wir kennen uns persönlich. Aber ich möchte ihn nicht stören, er ist ein sehr beschäftigter Mann.

Im Film «The Social Network», in dem es um die Entstehung von Facebook geht, wird Zuckerberg als rücksichtsloser Computerfreak dargestellt. Entspricht dieses Bild der Wahrheit?
Nein, wirklich nicht. Der Film ist zwar hervorragend gemacht, aber er ist pure Fiktion. Mark ist viel lieber, er ist kein Roboter.

Zuckerberg ist Multi-Milliardär, während Wikipedia auf Spenden angewiesen ist. Ist er klüger als Sie?
Mark Zuckerberg ist sicher klüger als ich. Aber nicht aus diesem Grund.

Sondern?
Ich erzähle Ihnen eine Geschichte von meinem ersten Treffen mit Mark. Das war vor einigen Jahren am WEF in Davos, als Facebook schon ziemlich bekannt war. Ich sass an einem Tisch mit ihm, den Google-Gründern Sergey Brin und Larry Page und ein paar anderen Typen. Plötzlich begannen die Leute über ihre privaten Flugzeuge zu sprechen, mit denen sie angereist kamen. Ich drehte mich zu Mark und fragte ihn: Und, Mark, hast du einen Jet? So eine typische Dinner-Frage halt (lacht). Er antwortete: Wie sollte ich einen Jet haben? Da war mir klar: Er denkt überhaupt nicht ans Geld. Mark ist genauso wenig geldmotiviert, wie ich es bin.

Sie haben also auch keinen Jet?
Nein, habe ich nicht.

Facebook plant den Börsengang mit einem geschätzten Wert von 100 Milliarden Dollar. LinkedIn hat den Schritt bereits gewagt. Das Schnäppchenportal Groupon dürfte folgen. Droht eine neue Dotcom-Blase?
Schwer zu sagen. LinkedIn ist ein sehr erfolgreiches Geschäft. Facebook dürfte ebenfalls sehr erfolgreich werden. Vielleicht sind 100 Milliarden etwas überteuert, aber sicher nicht viel. Bei Groupon bin ich mir hingegen nicht so sicher. Ich weiss nicht, wie nachhaltig ihr Geschäftsmodell ist. Und es gab negative Gerüchte über ihre Buchhaltung. Ich hoffe deshalb, dass Groupon mit dem Börsengang noch etwas wartet.

Und falls nicht?
Gefährlich würde es, wenn sie nicht warten, und ein Jahr später platzt das Ganze. Die Marktbedingungen für Börsengänge waren lange schlecht, deshalb musste LinkedIn zuwarten. Nun sind wir auf einem vernünftigen Niveau. Ein Crash von Groupon könnte dies wieder zunichtemachen.

Wie sieht die Onlinewelt in zehn Jahren aus?
Die heutigen Trends werden sich beschleunigen. Die Entwicklung in Richtung mobile Kommunikation geht rasant weiter. Geräte wie das iPad zeigen uns die Zukunft. Steve Jobs ist in dieser Hinsicht ein Genie. Sobald man das neuste Apple-Produkt in den Händen hält, realisiert man sofort: Das wird in ein paar Jahren jeder haben.

Wird das Internet weiter wachsen?
Auf jeden Fall. Das Internet wird noch globaler. Diese Entwicklung wird zurzeit völlig unterschätzt. Wir glauben, wir seien jetzt schon mit allen vernetzt. Tatsache ist, dass zwei Milliarden Leute heute online sind. Diese verteilen sich aber praktisch nur auf die USA, Europa, Japan und vermehrt auch China. Heute sind zwar bereits mehr Chinesen als Amerikaner online, aber es ist immer noch ein Bruchstück der gesamten Population. Die nächste Milliarde Internetnutzer kommt aus China, Indien, Afrika und Südamerika. Diese Leute werden sich am globalen Diskurs im Netz beteiligen und uns ihre Kultur näherbringen, ihre Werte, ihre Musik. Das wird enorm spannend.

Was ist die grösste Herausforderung für Wikipedia in den nächsten Jahren?
Wir möchten noch mehr Sprachen einführen. Zurzeit gibt es auf Wikipedia 200 Sprachen mit mehr als 1000 Artikeln. Insgesamt sind es 270 Sprachen. Aber wir brauchen natürlich Autoren, um diese Pläne zu fördern. In Indien haben wir unser erstes Büro ausserhalb der USA eröffnet, und wir beobachten ein starkes Wachstum. Aber in vielen Entwicklungsländern fehlt der Zugang zum Internet oder zur Stromversorgung.

Was ist mit China und seiner Zensur?
Wir waren lange Zeit in China gesperrt. Nun läuft unsere Seite wieder, aber die chinesische Regierung filtert die Artikel, wie zum Beispiel über den regierungskritischen Künstler Ai Weiwei. Wir heissen das überhaupt nicht gut, und das habe ich der Regierung auch schon mehrfach gesagt. Wissen ist universell und sollte allen zugänglich sein. Wir gehen keine Kompromisse ein. Die chinesische Regierung hingegen auch nicht.

Und ist Wikipedia in zehn Jahren noch immer gratis?
Ja, definitiv. Das ist ein Versprechen.

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