Von Alexandra Fitz

Es ist Sonntag. Acht Uhr morgens. Mühsam schäle ich mich aus dem Bett. Gar nicht meine Zeit. Aber im Zimmer nebenan liegen meine Eltern. Sie sind zu Besuch. Und obwohl ich weiss, dass sie es nicht erwarten und sie überdies auch gar nicht frühstücken wollen, bin ich der Überzeugung, zum nächsten Café, zur Not zur nächsten Tankstelle marschieren zu müssen, damit der Tisch gedeckt ist, wenn sie aufstehen. Ich will es ihnen eben recht machen, ihnen zeigen, dass ich mein Leben im Griff habe. Mit einem Zmorge? Ja, irgendwie schon.

Vor zehn Jahren bin ich von zu Hause ausgezogen, habe seither in vier verschiedenen Ländern gelebt (natürlich nie im selben wie meine Eltern) und verdiene mein eigenes Geld – okay, das noch nicht allzu lange. Mit anderen Worten, ich bin unabhängig und selbstständig. Wäre da nicht diese emotionale Abhängigkeit und die Tatsache, dass ich meine Eltern ständig beeindrucken möchte und um ihre Anerkennung buhle – meist in Konkurrenz zu meiner Schwester. Und ich weiss, dass viele in meinem Alter (25, 30, so rum) dieses «Guck mal, was ich kann»-Syndrom haben.

Warum ist das so, will ich von François Höpflinger wissen. Schliesslich gehört er zu den führenden Alters- und Generationenforschern der Schweiz. «Das hängt einerseits stark von der Lebensphase ab, in der man sich gerade befindet, andererseits von den Leistungsanforderungen der Eltern», erklärt Höpflinger. Denn viele Eltern hätten grosse Erwartungen an ihre Kinder, vor allem Bildungsbürger engagieren sich stark. Früher habe man viele Kinder gehabt, da sei die Qualität nicht wichtig gewesen. Heute hat man weniger Kinder, investiert aber viel Zeit und Geld in sie. Man will, dass sie gut «rauskommen», und hat hohe Erwartungen an sie. «Der Druck auf die Kinder hat zugenommen», erklärt mir Höpflinger. Klingt nicht gerade gut.

Gleichzeitig sei es für die junge Arbeitsgeneration schwieriger, Anerkennung im Beruf zu finden, deshalb würden viele junge Erwachsene diese bei den Eltern einfordern. Irgendeine Bestätigung brauchen wir ja schliesslich. Ein guter Freund von mir sagt, dass wir Menschen generell süchtig sind nach Bestätigung. Egal von wem. Ich glaube trotzdem, dass es Abstufungen gibt. Ich frage Jean-Luc Guyer. Er ist Psychologe an der ZHAW in Zürich und unterstützte mich bei einem früheren Artikel sehr kompetent. Er sagt, dass die Anerkennung der Eltern ein wichtiger Bestandteil für das Selbstwertgefühl ist.

Aber es ist doch auch so, dass junge Erwachsene die Worte ihrer Erziehungsberechtigten (und vor allem wie diese ausgesprochen und betont werden) auf die Goldwaage legen. Kinder hören alles, was ihre Eltern sagen, wie über eine Dolby-Surround-Anlage. Ja, das sieht Guyer genauso. Er spricht von den geschärften Antennen der Kinder, wenn Mami oder Papi loben oder eben kritisieren.

Nachdem wir in meiner Wohnung frühstückten, verstaute meine Mutter die Bettsachen unter dem Sofa. Als sie die Schublade wieder zuschob, sagte sie: «Hier unten könnte man auch wieder mal saugen.» Mit einem kleinlauten «Ja» schlurfe ich aus dem Wohnzimmer. Eigentlich stimmen mich diese Kommentare und diese Einmischungen in den Haushalt milde gesagt missmutig, aber das letzte Mal als sie – weil O-Ton «noch Zeit war» – die ganze Wohnung putzte, war ich dann doch froh.

Guyer merkt, dass ich noch nicht ganz zufrieden bin, also erzählt er mir von seinen Studenten im Lehrerseminar der 60er-, 70er-Jahre. Sie (zwischen 20 und 30 Jahren) haben nicht mehr zu Hause gelebt. Aber in den 90er-Jahren hätten dann fast 50 Prozent noch bei den Eltern gewohnt. Klar, entscheidet oft Ort und Dauer der Ausbildung, und natürlich die Tatsache, wie flüssig man ist, wie man wohnt.

Guyer sieht aber auch einen Hinweis darauf, dass es zu Hause mit den Eltern entspannter ist. Und so dauert eben auch die Abhängigkeit und die Ablösung heute länger. Die Jungen sind laxer als früher. Jugendliche, die eine Berufslehre machen, ziehen in der Regel früher aus, nabeln sich früher ab, werden früher erwachsen. Die Studenten brauchen nicht nur länger für ihre Ausbildung, nein, sie zerren auch länger an Papis Konto und Mamis Nerven.

«Dass Eltern und Kinder so lange zusammenwohnen, hat es historisch noch nie gegeben», sagt Alexander Grob, Psychologe für Persönlichkeitsentwicklung an der Universität Basel (er wurde mir von einer Psychologie-Koryphäe empfohlen). Diese «Ich-wohn-noch-bei-den-Eltern-Jahre», meist zwischen 19 und 24 Jahren, seien eben prägend. Und weil man heute länger zusammenlebe – auch noch in einem «nicht-an-schreienden-Verhältnis» – sehe man gegenseitig mehr in die Problemzonen (gemeint sind nicht körperliche) des anderen, und dadurch entstünden wieder emotionale Abhängigkeiten.

Doch allgemein ist das Verhältnis zwischen jungen Erwachsenen und Eltern entspannter denn je. Experten sprechen von der Generationengrenze, die sich immer mehr aufgelöst hat. Die Hierarchien sind flacher geworden. Moderner. Die Eltern sind nicht mehr unbedingt Autoritätspersonen, sondern Freunde. Man geht mit ihnen feiern, fährt gemeinsam in die Ferien und erzählt – detailreich oder nicht – vom letzten Date.

Fest steht: Die Eltern-Kind-Beziehung ist eine der langlebigsten, man kann da nicht raus, konnte schon gar nicht wählen oder wie es der Altersforscher Höpflinger, der selber zwei erwachsene Kinder und vier Enkelkinder hat, nennt «Diese Eltern sind einfach vor der Wiege gestanden». Ja, aber wir lagen ja auch einfach darin, denke ich mir während des Telefongesprächs mit ihm.

Wie langlebig (und anstrengend) diese Bindung sein kann, merken wir jungen Erwachsene insbesondere an Familienfeiern. Warum werden wir an Weihnachten wieder zu Kindern und fallen zurück in pubertierende Verhaltensmuster? Wir räumen nicht auf, geben die Verantwortung für alles und jeden ab, lassen uns verpflegen, ja gar bemuttern. «Da findet ein Territoriums-Wechsel statt. Wir werden ins Uralt-Muster zurückgeworfen, ins Zeitalter Kinder» erklärt Grob, der laut meiner Kontakt-Koryphäe der beste Experte ist für das Thema junge Erwachsene und die Beziehung zu ihren Eltern.

Auch Höpflinger sagt, dass die Jungen heute gleichzeitig Kind und Erwachsener sind. Dass sie eine Doppelrolle haben. Ja, ist ja auch ganz schön bequem. Mit einer schützenden Hand und einem schönen Dach über dem Haupt lebt es sich nun mal leichter – weit weg von der Arbeit, der Affäre und der ständig aufgeschobenen Auseinandersetzung mit sich selbst.

Aber ist das wirklich der Feiertags-Blues, der uns wieder zum rotzigen Teenager werden lässt? Lösen unsere Eltern nicht auch Unsicherheiten in uns aus? Denken sie nicht ständig an unsere ersten Tage, als wir uns hilflos, schutzbedürftig und sabbernd auf dem Strampeltisch wanden – und können uns deshalb vielleicht gar nie so richtig als Erwachsene anerkennen?

Für Grob fängt die Ablösung schon am Tag an, an dem wir auf die Welt kommen. Das Abschneiden der Nabelschnur sei nicht nur symbolisch. Er ist Psychologe für Persönlichkeitsentwicklung, wenn er nicht weiss, wann der Abnabelungsprozess stattfindet, wer sonst? Dann sagt er weitere kluge Sätze wie: «Jeder Tag im Leben ist eine Ablösung.» Okay. Aber was ist denn die Lösung oder die perfekte Erwachsene-Kinder-Eltern-Beziehung? «Die Idealvorstellung ist, dass die asymmetrische Beziehung symmetrisch wird», sagt Grob.

Man sollte sich auf Augenhöhe begegnen und akzeptieren, dass die Eltern eine andere Meinung haben dürfen als man selber. Das gilt dann aber umgekehrt auch, oder? Junge Erwachsene müssen eigene Entscheidungen durchsetzen, auch wenn sie unangenehm sind. (Auch wenn sie wissen, dass es dafür kein Streicheln und Tätscheln gibt). «Man muss es aushalten, dass einen die Eltern nicht verstehen. Wichtig sei, dass man zu sich selber steht und für sich einsteht.» Das ergibt Sinn und klingt nach einem guten Plan – aber noch viel mehr nach harten Zeiten.

Ich habe viel (Kluges) über die Eltern-Kind-Beziehung erfahren. Und es klingt alles plausibel, trotzdem glaube ich, dass der Zeitpunkt der Ablösung an etwas Bestimmten festgemacht werden kann. Kann es vielleicht sein, dass man sich erst ablöst, wenn man eigene Kinder hat?

Die Antwort erhalte ich, als ich mit der Familientherapeutin Ursula Davatz spreche, die ich wegen eines anderen Themas kontaktiert habe – doch total unerwartet befinden wir uns mitten im Ablösungsgespräch. Ich erzähle ihr, dass ich 28 Jahre alt bin und mich nicht so gut von meiner Mutter lösen kann. Ob ich schon Kinder habe, will sie wissen. «Nein.» Sie lacht. «Dann kommt nämlich die Abnabelung richtig in Gang. «Ich könne also noch ein wenig daran arbeiten. Sie bläst ins gleiche Ablösungshorn wie Grob: «Man muss lernen, dass man nicht auf das Verständnis der Eltern angewiesen ist, und eigenständig werden. Das ist manchmal schmerzhaft, aber es lohnt sich. Das ist die Ablösung.»

«Ah, okay. Das klingt klug», sage ich etwas zu baff. Ich verstehe es. Ich will diesen Rat ernst nehmen und umsetzen. Aber erst geh ich nach Hause und sauge unter dem Sofa.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper