VON KURT-EMIL MERKI


Dass Kurt Felix vom vaterländischen Vorzeige-Intellektuellen Roger Köppel in der «Weltwoche» zum 70. Geburtstag ein wohlwollender Auftritt gewährt würde: Es war zu erwarten. Köppel und Felix bewundern Alt-Bundesrat Christoph Blocher wie eineiige Zwillinge. Es herrscht gleicher Stallgeruch.

Erstaunlicher war schon, was vor drei Wochen passierte. Da schaffte es Kurt Felix ins «Magazin» des «Tages-Anzeigers». Diese Publikation war einst eine Hochburg von Autoren, die Kurt Felix früher gerne als «elitäre Hochkultur-Bewusste» bezeichnete, «deren vornehmste Eigenschaft es ist, unverständlich zu bleiben». Dass das «Magazin» dem von der urbanen Schweiz lange Zeit verhöhnten und verlachten TV-Mann ein ehrerbietiges Interview gewährte, kann unterschiedlich interpretiert werden. Entweder ist Kurt Felix intellektueller geworden in den letzten Jahren. Oder aber: Das «Magazin» wurde zu einer Postille, die sich nicht mehr gross von der «Glückspost» unterscheidet.

Anzunehmen ist, dass sich Kurt Felix in den letzten, sagen wir, 45 Jahren kaum verändert hat. Wohl aber die Medienlandschaft rund um ihn herum. Gab es in den 70er- und 80er-Jahren, als der Fernsehunterhaltungs-Mann mit «Teleboy», «Verstehen Sie Spass?» und «Supertreffer» seine grössten Triumphe feierte, einen scharfen Trennungsstrich zwischen Qualitäts- und Boulevardzeitungen, wendet sich heute ein «Tages-Anzeiger» dem Kachelmann-Prozess mit bemerkenswerter Akribie zu. Und so weltbewegende Ereignisse wie die SF-Sendung «Die grössten Schweizer Talente» finden längst in allen Printprodukten ihren Niederschlag. Boulevard allenthalben.

Kurt Felix zum «Sonntag»: «Die ideologische Schere zwischen E – wie Ernst – und U – wie Unterhaltung – hat sich ziemlich verwischt. Die Print-Feuilletonisten haben bemerkt, dass TV-Unterhaltungsmacher in ihrer Freizeit nicht nur Mickey-Mouse-Heftchen lesen, sondern ernsthafte Medienarbeiter sind.»

Einst war der Graben zwischen Kurt Felix und vielen TV-Kritikern riesig. Da wurde jahrelang mit dem Zweihänder gefochten. Kurt Felix sagt es heute so: «Es galt in unserem TV-Showbiz-Job geradezu als gefährlich, vom ‹Tagi› gelobt zu werden. Dann wussten wir: Die Sendung hatte sicher schlechte Einschaltquoten. Die Zuschauer hatten abgeschaltet, nur der ‹Tagi›-Journalist nicht. Und der hatte – um es etwas überpointiert auszudrücken – keine Ahnung vom Unterhaltungsfernsehen.»

In seinem historischen bonmot «Es ist mir rätselhaft, weshalb Feuilletonisten vor allem Sendungen niederschreiben, die dem Publikum Freude machen» ist der Grundkonflikt zwischen TV-Machern und -Kritikern schon angelegt. Der «Feuilletonist», der von Felix wahlweise auch «Betroffenheits-Gutmensch» oder «moralgeschwängerter Glotz-Gendarm» oder «Kulturpessimist mit ideologischem Gehirnzaun» genannt wurde, muss den Massengeschmack nicht gutheissen, sondern analysieren. Er darf Fragen stellen und soll infrage stellen.

Ein «Vorrecht», auf das auch Kurt Felix nach seiner aktiven Zeit als TV-Konzepter und -Moderator immer wieder gepocht hat. Als TV-Kritiker für die Ringier-Presse war er ein unkaschierter Ideologe, hackte auf alle ein, die er als «Linke», als «Alt-68er», als «Gewerkschafter» zu erkennen glaubte. So warf er dem scharfzüngigen, bitterbösen ARD-Moderator Friedrich Küppersbusch einmal vor, er blase «in unterkühlter Steifheit (...) zum sozialistischen Klassenkampf».

Selbst die härtesten Kritiker hielten Felix aber stets zu gut, dass er als Konzepter und Drehbuchautor über grosse Qualitäten verfügte und die Verlässlichkeit in Person war. Präzision, Ordnungssinn und Organisationstalent zeichnen auch den Privatmenschen Kurt Felix aus. Er verfügt über eine Unmenge von Fernsehaufzeichnungen, die pingelig genau archiviert sind. Er schaut nach einem genauen Wochenplan gezielt Fernsehen. Und er pflegt die strikte Rollenteilung: Seine Ehefrau Paola ist für Budget und Haushalt zuständig, er selber kümmert sich um das Zerstreuungsprogramm.

Ein Zeugnis für den vorausschauenden Ordnungswillen war auf der Homepage von Kurt Felix zu finden. Mehrere Tage vor dem grossen Fest hiess es da: «Bis zu meinem 70. Geburtstag glaubte ich, noch nicht zur ‹älteren Generation› zu gehören. Seit dem 27. März 2011 ist das anders. Nun ist es da, das Alter.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!