VON PATRIK MÜLLER

Google-Gründer Sergej Brin habe ich zwei Erlebnisse zu verdanken: Das erste ist der Genuss des teuersten Weins, von dem ich je trank – eines Cheval Blanc, Jahrgang 1959, Preis 1500 Franken die Flasche. Das war an seiner Firmenparty am Weltwirtschaftsforum in Davos vor vier Jahren. Das zweite ist ein Interview, das ich mit Brin führte, als Google 2006 eine eigene Suchmaschine für China startete. In diesem Interview begründete er, warum Google eine zensurierte Version für China lancierte – eine Expansion, die er diese Woche rückgängig machte: Google bedient die chinesischen Internetnutzer ab sofort nicht mehr aus Peking, sondern – unzensiert – aus Hongkong.

Damals hatte ich Brin gefragt, warum er denn mit den Zensuristen kooperiere. «Wir haben unseren Entscheid, Google auch in China zu lancieren, mehrere Jahre lang überlegt. Ich kam zur Zeit des Sowjetkommunismus in Moskau zur Welt und bin vertraut mit dem Problem», antwortete Brin. Und weiter: «Früher hatten die Chinesen überhaupt keinen Zugriff auf Google. Das Beste, was wir für das chinesische Volk tun können, ist: So viel Information verfügbar zu machen wie nur möglich.»

Dem heute 36-jährigen Selfmade-Milliardär, der noch immer aussieht wie ein Informatikstudent, war anzumerken, dass ihm bei der Sache nicht ganz wohl ist. Insbesondere, als er von seiner Familie erzählte, die im kommunistischen Moskau lebte, bis er 6-jährig war – und dann in die USA floh. Sein Vater wurde wegen seines jüdischen Glaubens von den Sowjetbehörden schikaniert und durfte nicht, wie gewünscht, Astrophysik studieren. Immer wieder kam die Staatspolizei bei den Brins zu Hause vorbei und schüchterte sie mit Kontrollen ein. Diese Erinnerungen würden ihn bis heute verfolgen, erzählte er.

Und diese traumatischen Erinnerungen sollen es gewesen sein, die Sergej Brin nun bewogen haben, mit der Kuschelpolitik gegenüber China zu brechen. «China hat grosse Fortschritte in der Armutsbekämpfung gemacht», sagte er diese Woche im «Wall Street Journal», «aber ich sehe auch beunruhigende Parallelen zur totalitären Sowjetunion, vor allem, was die Zensur und die Überwachung von Dissidenten betrifft», begründete der Google-Gründer den Rückzug aus Peking.

Wiederholt hatte es Hacker-Angriffe auf chinesische Menschenrechtsaktivisten gegeben, die ein Mailkonto bei Google hatten – und auch auf das Unternehmen selber. Ihr Ziel: Die geheimen Algorithmen knacken, mit denen die Suchmaschine funktioniert, den eigentlichen Google-Code stehlen, der noch ungleich wertvoller ist als die Coca-Cola-Formel. Der US-Geheimdienst will herausgefunden haben, dass die Cyber-Attacken von zwei chinesischen Universitäten aus gestartet wurden.

Google-Kritiker bezweifeln, ob es tatsächlich ideelle Motive sind, die den Ausschlag für den Entscheid gegen China gaben. Sie sehen darin eine PR-Aktion, die das Image von Google in den übrigen Erdteilen verbessern soll, und machen darauf aufmerksam, dass die amerikanische Suchmaschine in China bislang keine grossen Gewinne macht – ihr Marktanteil beträgt nur 30 Prozent, die grosse Mehrheit der Chinesen sucht im Netz mit dem staatlichen Anbieter Baidu.cn.

Sehr glaubhaft ist diese These indes nicht. Erstens ist fraglich, wo denn der kommerzielle Nutzen von Brins China-Kritik liegen soll, die sich in dieser Deutlichkeit noch kein westliches Unternehmen (und kein Staat) erlaubt hat. Google nimmt immerhin in Kauf, dass es komplett aus dem Land geworfen wird – und das würde das Wachstum des Unternehmens massiv bremsen. Denn China ist inzwischen der grösste Handymarkt der Welt – und der am schnellsten wachsende. In diesem lukrativen Geschäft versucht Google zurzeit Fuss zu fassen und verbucht erste Erfolge. Diese Strategie ist mit dem Abzug der Suchmaschine nun in Gefahr.

Zweitens hat Sergej Brin ein für einen Topmanager ungewöhnliches Verhältnis zum Thema Geld. Er hat zwar mehr als genug davon: Laut «Forbes» besitzt er ein Vermögen von 17,5 Milliarden Dollar, ebenso wie sein Studienfreund Larry Page, mit dem zusammen er 1998 das Unternehmen gründete. Diese Milliarden hätten aber dazu geführt, dass ihm Geld – oder noch mehr Geld – nicht mehr wichtig seien, heisst es. Deshalb wohl ist ihm völlig gleichgültig, welchen Wein seine Leute an der Google-Party auf seine Kosten ausschenken.

Man nimmt dem jungenhaften, stets in Jeans und T-Shirt steckenden Informatikfreak ab, dass es ihm nur ums Geschäft geht. Das «Wall Street Journal»-Interview zeigt, dass er sich als Missionar sieht – als Kämpfer für den freien Informationszugang in allen Ländern der Welt. «Ich hoffe auf die Befreiung des Internets in China», sagte er.

So weit ist es abernoch lange nicht. Kenner beobachten gar einen Rückschlag: Seit den Olympischen Spielen in Peking 2008 hat das Regime die Pressefreiheit zunehmend eingeschränkt. Es traf das Gegenteil dessen ein, was Sergej Brin beim Google-Start vor vier Jahren hoffte. Der Internet-Gigant ist machtlos, selbst nach der Verlagerung der Suchmaschine nach Hongkong. Denn über diese unzensierte Version können die Chinesen zwar auch Begriffe wie «Dalai Lama» oder «Tiananmen-Massaker» googeln (was bei der bisherigen Selbstzensur der Maschine nicht möglich war), aber bei den aufgeführten Treffern blockiert die chinesische Internetpolizei die Links. Die Seiten lassen sich also gar nicht einsehen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass Google in China gänzlich abgestellt werden wird.

Sergej Brins Gewissensentscheidung, die Kooperation mit den Zensurbehörden zu beenden, könnte sich am Schluss rächen: Vielleicht haben die Chinesen am Ende gar keine Alternative zur staatlichen Suchmaschine mehr.

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