VON KURT-EMIL MERKI, PATRIK MÜLLER

Herr Jürgens, Sie sind seit kurzem eingebürgert. Zücken Sie am Zoll nun den Schweizer oder den österreichischen Pass?
Udo Jürgens: Den Schweizer Pass. Ausser wenn ich nach Österreich fahre. Die Österreicher wären sehr traurig, wenn ich dort den Schweizer Pass vorweisen würde. Ich trage immer alles doppelt auf mir: Wenn ich ein Portemonnaie verliere, habe ich immer noch ein zweites mit Kreditkarten und Ausweispapieren dabei.


Sie kommen viel in der Welt herum. Welchen Ruf hat unser Land?
Die Schweiz ist nach wie vor ein sehr beliebtes Land, praktisch überall. Auf die Banken wird man im negativen Sinn selten angesprochen. Österreich ist ebenfalls ein Sympathieträger – doch da kommt manchmal noch die Nazi-Vergangenheit hoch.


Nehmen Sie an Volksabstimmungen teil?
Ich bin ja noch nicht so lange eingebürgert. Und habe bisher noch nie in irgendeiner Form politisch eingegriffen. Aber jetzt muss ich mir über die Themen natürlich Gedanken machen . . .


Welche Partei würden Sie denn wählen?
Ich stehe in der Mitte, bin relativ bürgerlich in meinen Einstellungen. Durch meine Freundschaft mit Hans Dietrich Genscher, dem ehemaligen deutschen Aussenminister, habe ich eine grosse Nähe zu den deutschen Liberalen entwickelt. Die Art, wie er Weltpolitik gemacht hat – etwa bei der Wiedervereinigung – fasziniert mich und imponiert mir.


Nach diesen Aussagen wird Ihnen die lokale FDP ein Mitgliederformular zuschicken.
Da hätten sie keinen Erfolg. Mein Freund Guido Westerwelle (Präsident der deutschen FDP, die Red.) schickt mir ständig SMS und ich ihm, aber ich bin nicht Mitglied der FDP und werde es auch nicht werden. Ein Künstler muss gedanklich, in seiner Seele und in seinem Herzen frei bleiben. Ohnehin kommt es in der Politik mehr auf die Persönlichkeit an als auf die Partei.


Sehen Sie in der Schweiz politische Persönlichkeiten, die Ihnen Eindruck machen?
Charisma ist in der Schweizer Politik eher selten. Es gibt keine glänzenden Figuren, zu denen die Bevölkerung aufschaut. In Deutschland sind sie vereinzelt vorhanden. Die deutsche Kanzlerin etwa macht eine hervorragende Figur, international gesehen.


Von Charisma kann man bei Frau Merkel aber nicht reden.
Optisch vielleicht nicht. Aber sie hat durchaus eine Ausstrahlung durch ihre Intelligenz. Das wird sichtbar, wenn Sie zum Beispiel mit Präsident Obama grosse internationale Themen bespricht. Dass Deutschland und Frankreich offenbar die ersten beiden Länder sind, die die wirtschaftliche Talsohle durchschreiten, ist auf die Gespräche zwischen Merkel und Sarkozy zurückzuführen. Die haben die Weichen richtig gestellt. Wenn man im Ausland mit Menschen über die Kanzlerin spricht, dann stösst man auf höchste Bewunderung.


Auf Ihrer Tournee singen Sie das Lied «Was ist das für ein Land?», das aus dem Jahr 2000 stammt. Darin geht es um die alltägliche Gewalt. Weshalb ist dieser Song im aktuellen Repertoire?
Dieses Lied passt jetzt beinahe noch besser in die Zeit als vor neun Jahren. Sinnlose Aggressionen und Gewalt haben zugenommen.


Vor allem die Jugendgewalt.
Früher waren die Jugendlichen extrem politisiert, gingen auf die Strasse und machten Rabatz. Heute hat die Gewalt andere Gründe: Langeweile zum Beispiel. Prügeln ist zu einer Art Freizeitbeschäftigung geworden. Im Moment haben wir eine unpolitische Jugend.


Das macht Ihnen Sorgen?
Es ist gefährlich. Die unpolitische Jugend ist anfällig für Extremismus, vor allem für Rechtsextremismus. Sie schliesst sich bestimmt nicht einer sozialdemokratischen oder bürgerlichen Partei an. Bei ihr kommen einfache, dumpfe Sprüche alter Männer an, uralte Thesen, die gar nicht zur Jugend passen. Leider ist Rechtsradikalismus heute fast die einzig mögliche Form von Rebellion.


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