VON PASCAL MEIER AUS SIEM REAP

Herr Richner, wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?
Um 5 Uhr. Das Leben fängt hier früh an und geht mit dem Licht, weil es noch nicht lange Strom gibt. Dafür gehe ich um 22 Uhr ins Bett.

Sie beschäftigen über 2000 kambodschanische Mitarbeiter und arbeiten dennoch täglich 15 Stunden. Warum?
Unsere Spitäler sind ständig gewachsen. Ich muss wissen, was läuft, und bin deshalb als Arzt bei der Visite und jedem Rapport dabei. Drei Tage die Woche arbeite ich in den Spitälern in der Hauptstadt Phnom Penh, vier Tage hier in Siem Reap. Und jeden Samstag gebe ich ein Benefizkonzert. Hinzu kommt die Suche nach Spenden. Die Inserate schalte ich selber. Zwei- bis dreimal pro Jahr bin ich für eine Woche in der Schweiz. Diese ist dann ausgefüllt mit Konzerten.

Das tönt nach wenig Privatleben.
Ich führe ein einfaches und zurückgezogenes Leben und bin fast nur im Spital.

Sie hatten in 18 Jahren keinen einzigen Tag Ferien. Sind Sie überarbeitet?
Nein. Oft mache ich auch nichts oder stehe auf die Bremse. Man kann nicht zu viel gleichzeitig entwickeln. Nichts tun ist für mich aber sehr schwierig.

Sie behandeln 85 Prozent aller kambodschanischen Kinder. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?
Für alles, was man tut, hat man Verantwortung. Diese hätte ich auch als Kinderarzt in einer Praxis in Zürich.

Wir sprechen hier aber über die Gesundheitsversorgung eines Landes.
Die Spitäler laufen nun von allein. Das Problem ist die Finanzierung: Seit 18 Jahren haben wir das Geld jeweils nur für die kommenden sechs Monate. Das setzt mich manchmal unter Druck. Dann sehne ich mich danach, wieder einmal ruhig durchatmen zu können.

Dann sind Sie in den vergangenen 18 Jahren nie zur Ruhe gekommen?
Ja, das ist so. Innere Ruhe finde ich erst, wenn ich das Geld habe, um das Überleben der Spitäler für die nächsten 10 bis 15 Jahre zu garantieren. Ich hoffe, dass dies in den nächsten Monaten möglich ist. Dann kann ich mich langsam zurückziehen. Ich werde ja nicht jünger.

Dies tönt sehr konkret.
Ich strebe eine Partnerschaft mit der Schweizer Wirtschaft an. Ich treffe dazu im Dezember Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer.

Warum soll die Schweizer Wirtschaft für Spitäler in Kambodscha zahlen?
Unsere Spitäler sind in Südostasien das beste Aushängeschild für die Schweiz. Und darauf könnte die Economiesuisse setzen, statt zum Beispiel auf einen Rennstall. Das wäre gut für das Image der Wirtschaft. Viele Menschen kommen in meine Konzerte, darunter auch hochrangige Regierungsmitglieder. Und Asien ist für die globale Wirtschaft in den nächsten Jahren entscheidend. Darum glaube ich, dass sich die Schweizer Wirtschaft engagieren sollte. Ich denke an einen festen Finanzierungsplan für die nächsten Jahre.

In die Offensive gehen Sie auch mit Ihrem neuen Buch «Ambassador – Zwischen Leben und Überleben». Darin veröffentlichen Sie eine schwarze Liste. Wen prangern Sie an?
Staaten, die schuld sind an den Kriegen in Kambodscha, darunter Frankreich, Japan und die USA – aber auch die UNO, deren Soldaten nach dem Bürgerkrieg Aids nach Kambodscha brachten. Diese müssen unser Spital mitfinanzieren. Was wir hier machen, ist nur nötig, weil es Krieg gab. Sonst wäre die medizinische Versorgung heute mindestens so gut wie in Malaysia oder Indonesien.

Denken Sie, dass Sie gehört werden?
Ja. Mit diesem Buch sicher.

Wie man aus Ihrem Umfeld hört, könnte das Buch Prozesse auslösen.
Der Text wurde entschärft. Ich habe das Buch zudem der Stiftung und einem Anwalt gezeigt. Die sind der Meinung, dass das Buch nur für rote Köpfe sorgen wird.

Bei wem?
In Bern, bei der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf oder bei der UNO.

Nennen Sie auch Namen?
Nur am Rande. Es geht um die Institutionen. Ich kritisiere die Gesundheitspolitik der Hilfswerke, wonach Kranke selber zahlen müssen und die Spitaleinrichtung dem Standard des Landes entsprechen soll. Das ist das Credo von Unicef und WHO. Das ist verheerend.

Warum kritisieren Sie immer wieder die Deza von Micheline Calmy-Rey? Sie erhalten jährlich 3 Millionen.
Die Deza hat auch nach 18 Jahren nichts begriffen. Es gibt kein vergleichbares Projekt, das die Deza unterstützt. Schon 1996 hat der damalige Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz 3 Millionen versprochen. Heute, 13 Jahre später, ist unsere Kapazität 16-mal grösser und wir bekommen nach wie vor nur 3 Millionen von der Deza – obwohl Micheline Calmy-Rey im Februar 2007 hier war. Calmy-Rey hat mich sogar hingehalten. Ich bin enttäuscht. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Deza jährlich rund 128 Millionen für Evaluationen und Gutachten ausgibt. Wir retten in dieser Zeit 80 000 Kinderleben.

Sie provozieren manchmal auch. Damit machen Sie sich nicht nur Freunde.
Es geht mir nicht ums Provozieren. Hier geht es ums Überleben. Es ist eine Provokation der Hilfswerke, arme Menschen sterben zu lassen, weil man ihnen keine korrekte Medizin gibt. Als ich in Kambodscha die erste Labormaschine kaufte, ging das Geschrei von Bund und Hilfswerken los. Ich musste erfahren, dass es eine Medizin für Arme gibt und eine für Reiche. Das ist nicht fair. Wir machen keine Luxusmedizin, wir machen korrekte Medizin. Zum Glück haben dies die meisten Schweizer realisiert. Sonst hätten wir nicht so viele Spenden.

Sie werden auch kritisiert, dass Ihre Spitäler stark auf Sie fokussiert und von Ihnen abhängig sind. Würde Ihr Lebenswerk nicht zusammenbrechen, wenn Sie plötzlich ausfallen?
Nein, wir haben Szenarien entworfen, die vorsehen, wer mich wo ersetzt.

Ich denke mehr an die Spendensammlung. Diese ist nur auf Ihre Person fokussiert. Das ist doch gefährlich.
Man fragt mich seit 18 Jahren: Was ist, wenn Sie nicht mehr sind? Auch die Deza. Die Frage ist pervers und absurd. Wir haben über eine Million Kinder gerettet, eine ganze Generation behandelt – und die Kinder sind nachhaltig geheilt!

Diese Frage macht Sie wütend?
Ja, natürlich! Diese Frage macht mich hässig. Es ist ein jämmerlicher Versuch der Deza und anderer Experten, die Verantwortung auf mich abzuschieben. Das ist ungeheuerlich: Es wäre die Verantwortung der Deza und vieler Staaten, endlich etwas zu tun. Wer diese Frage stellt, soll sich selber engagieren.

Haben Sie nicht manchmal die Nase voll vom Streit mit Hilfswerken?
Doch, manchmal schon. Das ist aber kein Kriterium. Relevant ist, was wir hier machen. Jeden Tag werden im Schnitt 300 Kinder in unseren Spitälern aufgenommen. Jeden Tag. Wenn ich frustriert bin, schaue ich mir jene Kinder an, die gesund nach Hause gehen. Dann geht es mir wieder gut.

Was machen Sie in zehn Jahren?
Mein Traum ist, dass unser Spital-Modell in anderen Ländern kopiert wird. Wir haben weltweit das beste Verhältnis zwischen Kosten und Heilungsrate. Weltweit! Das stösst in vielen Staaten auf Interesse. In Laos wurde ich von der Regierung gefragt, ob ich ein Spital bauen würde. Auch Burma hat Interesse. Wir haben im November erstmals einen Kurs durchgeführt und unser Modell international vorgestellt, um eine weltweite Wirkung zu erzielen. Der Kurs war ein grosser Erfolg und wird wiederholt.

Diese Staaten machen es sich einfach: Sie lassen sich mit Spenden Spitäler bauen. Das ist fragwürdig.
Man müsste die Finanzierung ganz anders aufziehen als in Kambodscha. Das Geld, das wir sammeln, ist nur für unsere Spitäler in Kambodscha. Das bin ich den Spendern in der Schweiz schuldig.

Und Sie werden diese Spitäler bauen?
Ich würde gerne beim Aufbau in weiteren Ländern helfen. Aber ich bin realistisch: Das geht nicht. Diese Aufgabe gehört meinen Nachfolgern.

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