Herr Largo, seit Wochen streiten Politiker darüber, welche Fremdsprache Primarschüler zuerst lernen sollen. Sind Sie für Französisch oder für Englisch?
Remo Largo: Ich kann Ihnen keine vernünftige Antwort geben. Ein etwas schräger, aber dennoch passender Vergleich: Es ist etwa so, wie wenn Sie mich fragen würden, ob wir Doppeldecker oder Segelflugzeuge oder beides für unsere Flugwaffe anschaffen sollen.

Weder das eine noch das andere ergibt Sinn?
Der Fremdsprachenunterricht, wie wir ihn in der Schweiz kennen, ist im Ansatz falsch. Die Bildungspolitiker tun so, als ob sie über die Kinder frei verfügen könnten und vor allem, als ob die Kinder beliebig lern- und anpassungsfähig wären. Sie sind es nicht.

Sie haben den Fremdsprachenunterricht im «Tages-Anzeiger» als «pädagogischen Irrweg» bezeichnet. Was läuft falsch?
Je früher die Kinder eine Sprache lernen, desto besser, heisst es. Stimmt. Aber nur, wenn sie die Sprache auf ihre Weise lernen dürfen. Dann sind kleine Kinder eigentliche Lerngenies. Sie erbringen in den ersten Lebensjahren eine Leistung, zu der kein Erwachsener fähig wäre. Sie können sich jede Sprache, die auf der Welt gesprochen wird, aneignen. Im Alter von 5 Jahren können sich die meisten Kinder in vollständigen Sätzen ausdrücken. Ihr Wortschatz umfasst etwa 4000 Wörter. Sie lernen jeden Tag bis zu 6 neue Wörter – ohne dass wir es bemerken würden. Dazu verinnerlichen sie die Regeln des Satzbaus und der Grammatik.

Wie schaffen das die Kinder?
Die Kinder verfügen wohl über eine angeborene Begabung zum Spracherwerb. Sie müssen aber ausgedehnte Erfahrungen in einem ständigen sprachlichen Austausch mit Eltern, anderen Bezugspersonen und vor allem mit Kindern machen. Dabei genügt es nicht, Sprache nur zu hören. Die Kinder müssen Sprache konkret erleben. Das heisst, Sprache muss mit ganzheitlichen Erfahrungen verknüpft sein. Die Sprache muss in den Alltag der Kinder eingebettet sein und ständig in einem direkten Bezug zu ihren Erfahrungen stehen.

Das geht problemlos in der Familie, aber in der Schule?
In einer Privatschule wurde eine Engländerin als Kindergärtnerin eingestellt, die der deutschen Sprache nicht mächtig war. Nach einem Jahr konnten sich die Kinder auf Englisch recht gut verständigen. Kindern muss Sprache nicht «beigebracht» werden. Sie bringen das Gehörte mit Personen und Gegenständen, Handlungen und Situationen in Verbindung und lernen so, eine Sprache zu verstehen und schliesslich auch zu sprechen. Anders als Erwachsene müssen sie keine Vokabeln büffeln und Grammatikregeln auswendig lernen.

Kennen Sie Länder, in denen die Schulen genau dies tun?
Das sogenannte Immersionslernen wird in Australien, Kanada und Finnland angewandt. Es ist dem natürlichen Spracherwerb nachempfunden. Die Fremdsprache kommt im Alltag konsequent zum Einsatz. Die Kinder machen also vielfältige sprachliche Erfahrungen in allen Lebensbereichen. Die Immersion beginnt spätestens mit 3 Jahren, ist von hoher Intensität und wird bis in die Oberstufe weitergeführt. Im Südtirol werden die Kinder ebenfalls nach diesen Grundsätzen vom Kindergarten bis in die Oberstufe unterrichtet. Die Kinder wachsen perfekt zweisprachig auf. Neben Deutsch und Italienisch sprechen viele Kinder auch noch Ladinisch.

Bei uns werden Sprachen analytisch erworben: Man büffelt Vokabeln und lernt, wie Sätze aufgebaut sind. Kann nicht auch diese Methode funktionieren?
Es ist ein pädagogischer Sündenfall, wenn man den Kindern auf der Primarstufe die Fremdsprache analytisch beibringen will. Das ist genauso erfolglos wie Unterricht in Algebra. Die Regeln der Grammatik und Syntax – auch in der deutschen Sprache – sind für die Kinder vor dem 10. Lebensjahr ein Buch mit sieben Siegeln. Erst mit dem Auftreten des abstrakten Denkens nimmt das bewusste Verständnis für die Gesetzmässigkeiten der Sprache zu und setzt damit die Fähigkeit zum analytischen Spracherwerb ein. Selbst für Jugendliche kann diese Form des Spracherwerbs eine Überforderung darstellen.

Also besser kein Fremdsprachenunterricht an der Primarschule, solange er auf diese Weise funktioniert?
Dieser Unterricht führt letztlich nur zu negativen Lernerfahrungen. Eine kürzlich durchgeführte Studie des Wissenschaftlichen Kompetenzzentrums für Mehrsprachigkeit an der Universität Freiburg ergab, dass ein analytischer orientierter Sprachunterricht im frühen Schulalter kaum Erfolg bringt. An der Universität Zürich kam eine Studie über das Frühenglisch zum gleichen Ergebnis. Simone Pfenninger, die Studienleiterin, sagte in der «NZZ am Sonntag»: Englisch kann man auf die Oberstufe verschieben.

Das beurteilen die meisten Politiker anders, sie sehen gar den Zusammenhalt der Schweiz gefährdet, wenn an der Primarschule kein Französisch mehr gelehrt wird.
Es könnte auch das Gegenteil zutreffen. Französisch ist schwierig zu lernen. Viele Erwachsene – auch ich – wurden durch den Französisch-Unterricht traumatisiert, was leider oftmals die Lust, in die Romandie zu fahren, geschmälert hat. Vor allem aber fehlen gesellschaftliche und kulturelle Inhalte, die vermittelt werden und die man teilen könnte. Eine Sprache muss gelebt werden.

Das klingt gut, aber wie soll an der Schule eine Sprache konkret gelebt werden?
Das Wallis hat es vorgemacht: Schüler der Oberstufe wurden für ein Jahr zwischen dem Ober- und Unterwallis ausgetauscht. Diese sehr sinnvolle Förderung der Zweisprachigkeit wurde von den Schulbehörden im letzten Jahr leider eingestellt. Ein solcher Austausch sollte auf der Ebene der Familien, Schulen und auch der Medien vermehrt stattfinden. Sprache allein genügt nicht, es braucht Inhalte, die verbinden.

Wenn man Ihnen zuhört, scheint die Bildungspolitik bei den Fremdsprachen alles falsch gemacht zu haben. Übertreiben Sie nicht?
Es ist höchste Zeit für das Eingeständnis, dass wir einen kostspieligen und nicht kindgerechten pädagogischen Irrweg eingeschlagen haben. In den vergangenen 10 Jahren haben wir – finanziell und personell – sehr viel in den Fremdsprachenunterricht, die Lehrmittel sowie in die Aus- und Weiterbildung der Lehrerschaft investiert. Es ist aber auch Zeit für die Einsicht, dass kulturelle Verbundenheit nicht durch das Auswendiglernen von Vokabeln und Passé simple, sondern nur durch gemeinsames Erleben entstehen kann. Dies einzugestehen ist schmerzhaft und mag ein Gesichtsverlust für die Bildungspolitiker sein, ist aber notwendig.

Was würden Sie ändern?
Wenn wir den Sprachunterricht in den Primarschulen weiterführen wollen, müssen wir uns an den Kindern und den Gesetzmässigkeiten ihrer Sprachentwicklung orientieren. Dies bedeutet eine kindgerechte Pädagogik und ein weit grösserer Zeitaufwand, der es den Kindern überhaupt erst ermöglicht, eine Sprache zu erlernen.

In der Fremdsprachen-Frage denken viele Lehrer und Dozenten an den Pädagogischen Hochschulen wie Sie, doch Sie sind einer der wenigen, der seine Kritik auch öffentlich äussert. Woran liegt das?
Sie sprechen hier ein heikles politisches Problem an. In einer Demokratie ist die Meinungsfreiheit ein hohes Gut und überaus wichtig, damit sinnvolle politische Entscheide gefällt werden. Die eigene Meinung frei äussern zu können, setzt aber Unabhängigkeit voraus. Ich war beruflich immer unabhängig. Manche Lehrer und Dozenten sind es leider nicht. Sie sind Angestellte des Staates und damit in einem Abhängigkeitsverhältnis.

Die Kritiker werden mundtot gemacht?
Wenn ihre Meinung den vorgesetzten Behörden nicht genehm ist, befürchten sie – leider nicht ganz unberechtigt –, in ihrer beruflichen Karriere beeinträchtigt, gar gekündigt zu werden oder Gelder für ihre Projekte zu verlieren. Ich habe in der vergangenen Woche ein E-Mail von einer Lehrerin erhalten, die sich in den 90er-Jahren kritisch zum Fremdsprachenunterricht geäussert hatte. Der Erziehungsdirektor drohte ihr an, ihr zu kündigen, wenn sie nicht schweigen würde. Ich würde es sehr begrüssen, wenn die Behörden ihre Lehrerschaft ausdrücklich dazu aufforderten, ihre Meinung frei zu äussern. Lehrerinnen und Lehrer könnten mit ihren praktischen Erfahrungen ganz wesentlich zu einer Verbesserung des Unterrichts beitragen – auch in Bezug auf den Lehrplan 21.

Sie haben selbst wiederholt gesagt, unsere Schule stamme aus dem 19. Jahrhundert, warum stemmen Sie sich denn gegen diese Reformen?
Der Spruch – er stammt übrigens nicht von mir – geht noch etwas weiter: «. . . die Eltern aus dem 20., und die Kinder aus dem 21. Jahrhundert.» Beispielhaft dafür ist eine der grossen Herausforderungen im Bildungswesen. Erstmals in der Menschheitsgeschichte sind die Kinder und Jugendlichen kompetenter als die älteren Erwachsenen. Und dies nicht in einem Nischenbereich, sondern in der Domäne der Kommunikation, die Gesellschaft und Wirtschaft beherrscht. Gegenwärtig tun wir immer noch so, als ob wir Erwachsene die Kontrolle hätten. Die Jugendlichen und selbst manche Kinder wissen, dass dem nicht so ist. Geben wir doch zu: Wir sind überfordert. Hören wir auf mit überstürzten Reformen wie Fremdsprachenunterricht und – wahrscheinlich auch Lehrplan 21.

Plädieren Sie für einen kompletten Reform-Stopp?
Nein. Ich halte Reformen für dringend notwendig, aber sinnvoll müssen sie sein. Dafür müssen wir in der Schweiz zuerst eine Diskussion darüber führen, was uns wichtig ist, welche Werte in unserer Gesellschaft gelebt und an die Kinder weitergegeben werden sollen. Eine solche Debatte hat im 19. Jahrhundert – ausgelöst durch die industrielle Revolution – stattgefunden und zur Gründung einer sehr erfolgreichen Volksschule geführt. Wir leben wieder in einer Zeit des gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Umbruchs. Es ist höchste Zeit für eine weitere ausführliche Debatte.

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