Jean-Stéphane Bron im Interview: «Blocher ist ein sehr guter Schauspieler»

Regisseur Jean-Stéphane Bron. Foto: Emanuel Freudiger

Regisseur Jean-Stéphane Bron. Foto: Emanuel Freudiger

Regisseur Jean-Stéphane Bron (44) hat mit «L’Expérience Blocher» keine Abrechnung mit dem politischen Gegner gedreht, sondern einen Nachruf. Im Interview spricht er über die Bedeutung Blochers für die Psyche der Schweizer und erklärt, wieso er keine Filme wie Michael Moore macht.

Herr Bron, «L’Expérience Blocher» kommt zum perfekten Zeitpunkt: Die EU wird wieder zum Thema, Christoph Blocher zieht wie schon 1992 in den Kampf. Nach dem Film fragt man sich allerdings: Ist er noch stark genug?
Jean-Stéphane Bron: Beim Drehen hatte ich das Gefühl, dass eine Ära zu Ende geht. Ein Gefühl von Abenddämmerung. Ich kann es nicht genau beschreiben. Jedenfalls habe ich dann bei der Montage des Films gesagt: Wir stellen uns vor, dass Blocher schon gestorben wäre.

Sie haben also einen Nachruf gedreht?
Ja, aber nicht nur. Es ist jedenfalls kein Gesundheitsbefund, auch keine politische Prognose. Sondern eine dramaturgische Analyse. Wenn er tot ist, fragen wir automatisch: Was wollen wir im Film behalten? Was bleibt übrig von seinem Wirken? Das erlaubt es uns auch, Blocher in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Seine Geschichte, das, was er repräsentiert, sprengt bei weitem den Schweizer Rahmen. Es gibt vergleichbare rechte populistische Bewegungen in ganz Europa. Dieser dramaturgische Ansatz erlaubt es uns auch, uns aus dieser in unseren Eingeweiden verwurzelten Beziehung zu Blocher zu befreien.

Was bleibt denn von Blocher?
Er hat unsere Beziehung zu Europa gepachtet. Eine der prägendsten Szenen im Film ist doch die Sequenz über die EWR-Abstimmung 1992. Für alle, auch die Linke. Die Schweiz ist nicht untergegangen nach dem EWR-Nein. Heute wird die SVP zwar kritisiert für ihre Asylpolitik, für ihre Ausländerpolitik, für ihre geschmacklosen Plakate. Aber bei der Europa-Frage sagen sogar viele Gegner heimlich, dass Blocher recht hatte.

Sie auch?
Wenn wir wieder über Europa abstimmen, dann werde ich wie 1992 wieder Ja sagen, weil es für mich keine wirtschaftliche Frage ist, keine Frage von kurzfristigem Wohlergehen. Es ist eine politische, moralische, philosophische Frage. Ich weiss, dass ich mit dieser Haltung sehr einsam bin. Das ist Blochers grosser Sieg.

Haben Sie ihm gesagt, dass Sie noch heute einem EU-Beitritt zustimmen würden?
Nein. Aber ich denke, er weiss es.

Hatten Sie Angst vor der politischen Auseinandersetzung mit Blocher?
Ich wollte nie darauf einsteigen. Er hätte das sicherlich gerne gemacht. Die Reibung macht ihn stark. Das ist es, was ihn elektrisiert. Er braucht einen Gegner. Ohne ist er entwaffnet.

In «L’Expérience Blocher» entwaffnen Sie ihn völlig: Sie nehmen ihm sogar die Sprache weg, er kommt kaum zu Wort.
Ein traditioneller Politiker versucht, seine Wähler mit rationalen Argumenten zu überzeugen. Ein Politiker wie Blocher schreibt seine politischen Taten in die Sprache selbst ein: Er nimmt Wörter, entstellt ihren Sinn, erfindet neue Wörter, schafft eine neue Realität, eine neue Sprache, die wiederum von den anderen politischen Parteien übernommen wird. Das Herz seiner Politik liegt in der Sprache. Und ganz ehrlich: Das hätte ich nie knacken können! Von Anfang an war für mich klar: Er spricht nicht, ich spreche über ihn. Aber es war auch klar: Mein Kommentar muss ehrlich sein.

Das heisst?
Ich schneide keine Spuren heraus, aus denen man zum Beispiel erkennt, wie er mich verführen will, wie ich über seine Witze lache. Ich habe meine Komfortzone verlassen, wollte so nah wie möglich an ihn ran. Ich wollte in sein Unterbewusstsein eindringen. Denn letztlich ist Blocher in unser aller Unterbewusstsein: Von Porrentruy bis Sils gibt es niemanden, der keine Meinung über diesen Mann hat. Er verfolgt uns alle.

Wie gross war die Versuchung, Blocher im Film fertigzumachen?
Als Regisseur habe ich eine grosse Macht. Blocher war ein Objekt in meinen Händen. Aber er hat die gleichen Rechte wie alle anderen Personen, die ich bis jetzt gefilmt habe. Es gab Leute, die wollten, dass «L’Expérience Blocher» eine Abrechnung wird, ein Match zwischen mir und ihm, den einer von uns gewinnen würde. Mein Ziel war das nie.

Der US-Dokumentarfilmer Michael Moore hätte das so gemacht.
Moore spielt in seinen Filmen selbst die Hauptrolle und nimmt den Zuschauern die Arbeit ab. Er ist der klassische Hollywood-Held, der sich aufmacht, ein Unrecht zu beseitigen oder zumindest anzuprangern. Am Schluss geht es dem Zuschauer nicht viel anders, als wenn er an der Seite von Bruce Willis in «Die Hard» die Welt gerettet hätte. Damit habe ich kein Problem, aber mein Ansatz tendiert eher zum Theater Bertholt Brechts: Ich halte den Zuschauern einen Spiegel vor. Ich zeige ihnen etwas, das in ihnen einen Prozess auslösen soll. Wenn ein Film am Schluss mehr Fragen aufwirft als Antworten, bin ich zufrieden.

Michael Moore hätte sicher keine Freude gehabt an Ihrem Film «Cleveland versus Wall Street»: Darin spricht die Jury letztlich die «bösen Banken» frei, statt der von der Subprime-Krise gebeutelten Stadt zu helfen.
Das war wirklich ein erstaunliches Verdikt, ich war selber überrascht. Aber für den Film ist es das viel bessere Ende. Wir sind halt alle irgendwo Teil des Systems. Übrigens hätten die Schweizer wohl nicht anders entschieden. Denn die Schweiz und die USA sind sich sehr ähnlich.

Inwiefern?
Uns verbindet die protestantische Ethik, die Beziehung zum Kapitalismus, der hohe Respekt vor Erfolg, die föderalistische Staatsstruktur. Und es gibt eine ähnliche moralische Kategorie: Etwas ist entweder «american» oder «unamerican», so wie es «schweizerisch» oder «unschweizerisch» ist. Und: Schweizer wie Amerikaner hissen gerne Landesfahnen im Garten, was zum Beispiel die Franzosen oder Italiener schockiert.

Ist Blocher für Sie das Pendant zur konservativen Revolution in Amerika?
Aber sicher: Er beruft sich ja auf Margret Thatcher und Ronald Reagan. Und es gibt Elemente der Tea Party in der SVP. Die Parteien haben teilweise die gleiche DNA. Wie auch in anderen Bewegungen in anderen europäischen Ländern. Sie wecken alle eine Leidenschaft bei den Menschen, Interessen zu verteidigen, die ihren eigenen widersprechen. Die Menschen erkennen sich darin, etwas zu verteidigen, das grösser ist als sie. Die Nation zum Beispiel. Das schafft auch Blocher. Er ist eine Art tragischer Held, in dem man sich wiedererkennen kann. Der uns tröstet.

Von was?
In Umbruchzeiten profitieren diejenigen, welche die Werte von früher hochhalten. Das gibt uns Sicherheit, das tröstet uns. Blocher, allein in seinem Reichtum, in seinen Bildern, die wiederum eine Fantasieschweiz darstellen, die schon zum Zeitpunkt, als sie gemalt wurden, nicht mehr existierte. Diese reaktivierten Mythen der Vergangenheit hindern uns, in die Zukunft zu schauen, bilden eine Mauer. So endet «L’Expérience Blocher». Wir sind alle ein bisschen wie Blocher.

Ohne Zukunft?
Die Schweiz steckt heute in einer Art Kindesstadium fest. Und sie will offenbar nicht daraus herauswachsen. Nehmen wir die Rede von Jean-Pascal Delamuraz von 1992 auf dem Gotthard: Darin hatte er eine Art kollektives Projekt skizziert, was die Menschen an der Urne letztlich abgelehnt haben. Das muss man akzeptieren. Aber was mich immer wieder erstaunt, ist die Unfähigkeit, heute überhaupt noch ein kollektives Projekt für die Zukunft zu formulieren.

Ist «L’Expérience Blocher» die pessimistische Antwort auf «Mais im Bundeshuus», Ihren unterhaltsamen Dokumentarfilm von 2003 über den parlamentarischen Gesetzgebungsprozess?
«Mais im Bundeshuus» ist eigentlich ein melancholischer Film. Ich glaube auch, dass das der Grund ist, wieso er so erfolgreich war. Die Menschen haben unbewusst gespürt, dass sich etwas ändern wird. «Mais im Bundeshuus» zeigt die Schweizer Demokratie von früher, in der Parlamentarier miteinander einen Konsens finden. Die Menschen haben gespürt, dass diese Welt stark durchgeschüttelt wird. Der Film ist 2003 nur ein paar Wochen vor den eidgenössischen Wahlen in die Kinos gekommen, bei denen die SVP enorm zulegen konnte. Sie hat dann eine gewisse Art von Stress ins politische Leben gebracht, hat die Agenda diktiert und harte Schläge ausgeteilt.

Sie gehen im Film sehr nahe an Blocher heran. Gleich zu Beginn schauen wir ihm zu, wie er sich im Badezimmer Gesichtscreme aufträgt.
Diese Szene ist eine Metapher. Sie zeigt einen Schauspieler, der sich für seinen bevorstehenden Auftritt schminkt. Kurz zuvor sieht man ihn ja, wie er in seinem Swimmingpool Längen zieht, wie ein Fisch im Wasser, hinter ihm der Zürichsee. Blocher ist Teil der Landschaft, Teil der Schweiz. Das wollte ich ergründen.

Im Film ständig zu sehen ist Silvia Blocher. Welche Rolle spielt sie?
Es gibt dieses Hirngespinst von Journalisten, die glauben, Silvia Blocher ziehe die Fäden, sie sei der Machtmensch im Hintergrund. Das glaube ich überhaupt nicht. Es ist vielmehr eine Liebesgeschichte. Er braucht ihren Blick, er braucht, dass sie ihn anschaut. Sie ist seine Frau, aber auch sein Über-Ich. Das wollte ich zeigen. Deshalb spricht sie kaum im Film, obwohl sie in der Realität sehr gerne und eher viel redet.

Also entspricht Ihr Porträt nicht ganz der Wahrheit?
Ein Dokumentarfilm ist nie die Wahrheit. Ein Dokumentarfilm ist eine Meinung, eine Konstruktion. Das habe ich auch nicht versteckt. Es wird ja niemand glauben, dass Blocher einfach so ins Kunstmuseum geht und vor dem Gemälde zur Schlacht bei Marignano seinen Hut abzieht. Wir haben abgemacht, im Voraus geklärt, was er anziehen soll, und die Szene mehrmals wiederholt.

Ist Blocher ein guter Schauspieler?
Ja, ein sehr guter Schauspieler. Er ist derart an Kameras und Mikrofone gewöhnt, dass der Unterschied zwischen den Momenten, in denen gefilmt wird, und jenen, an denen nicht gefilmt wird, extrem klein ist.

Und welchen Blocher sehen wir jetzt in Ihrem Film: Brons Blocher? Blochers Blocher? Oder den wahren Blocher?
Ich weiss es nicht. Für mich ist er zu dem geworden, war er im Film ist. Eine fast neu erfundene Figur.

Blocher war in den letzten 25 Jahren omnipräsent. Wieso braucht es jetzt noch einen Film über ihn?
Ich glaube ans Kino als Möglichkeit, die Geschichte des Landes zu befragen. Im Kinosaal ist man nicht allein vor einem Bild, sondern man teilt im Kollektiv eine gemeinsame Erfahrung einer Projektion. Das trifft das Unterbewusstsein ganz anders als ein Buch, ein Gemälde oder eine Untersuchung.

Viele waren enttäuscht, dass sie nichts Neues erfahren haben im Film. Kränkt Sie das?
Nein. Alle diese Politjournalisten, die extra nach Locarno an die Premiere kamen in der übersteigerten Erwartung, etwas total Neues zu erfahren: Das war fast irrational. Sie suchten nach einer Offenbarung, die sie in all den Jahren übersehen hatten. Sie hofften auf die Erleuchtung! Mir ging es aber nie darum, etwas aufzudecken oder eine besonders aussergewöhnliche Szene einzufangen. Mich interessierten das Gesamtbild – und die stillen Momente.

Waren Sie auf Kritik vorbereitet?
Ja, natürlich. Es gibt viele Leute, die sagen, sie würden sich aus Prinzip niemals einen Film über Blocher anschauen. Mir war klar, dass ich auf Widerstand stossen würde.

Vor der Premiere auf der Piazza Grande in Locarno kämpften Sie gegen die Tränen. Warum?
Ich spürte einen grossen Druck. Blocher und seine Entourage sassen im Publikum, da waren 200 Polizisten wegen eines Films, ich fand das schockierend. Und trotzdem wollte ich etwas über meine Motivation sagen, diesen Film zu machen – dass es nicht nur um Blocher geht, sondern um die Demokratie.

Hatte es auch etwas zu tun mit der Polemik um die Finanzierung des Films mit öffentlichen Geldern, die aus der SP losgetreten wurde?
Nein, das kümmert mich nicht. Das war mir egal. Wer will denn ernsthaft bestreiten, dass Blocher ein wichtiges politisches Sujet ist, über den sich ein Film zu machen lohnt?

Brauchte es einen Romand, um einen solchen Film zu machen?
Für uns Romands ist Blocher weiter weg als für die Deutschschweizer. Die Wunden, die Blocher hinterlässt, sind in der Westschweiz weniger tief. Das wurde mir vielleicht erst während dieses Films bewusst: dass es besonders in der Deutschschweiz Leute gibt, die sich von Blocher wirklich verletzt fühlen. Für diese Menschen ist schon nur die Tatsache, dass es über ihn überhaupt einen Film gibt, ein Skandal. Deshalb wollte ich einen Film machen, der sich durch Stille und Ruhe auszeichnet – nicht durch die übliche Erregung.

Wie tief ist denn der Röstigraben heute noch?
Ich hielt den immer für überbewertet. Das war für mich nie ein Schlüssel, um dieses Land zu verstehen. Eine 16-Jährige in Genf hat doch heute den gleichen Eindruck der Welt wie eine 16-Jährige in Zürich. Sie haben viel mehr gemeinsam, als dass sie unterscheiden würde. Klar, 1992 gab es den Graben in der Europafrage. Aber dafür haben wir Romands euch Deutschschweizern vergeben!

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