Irina meldet sich per SMS: «Lieber Raffael, die Sonne lockt nach draussen, und der Sommer steht vor der Tür. Hast du schon Urlaubspläne? Falls du noch das passende Outfit dazu brauchst, stelle ich dir gerne was zusammen. Herzliche Grüsse Irina». Irina ist Style-Beraterin. Sie arbeitet für Outfittery, einen Online-Kleiderladen für Männer aus Berlin, und fragt ab und zu bei ihren Kunden nach, ob sie etwas brauchen.

Der Vorteil: Bei Outfittery verliert man sich nicht in einem nie enden wollenden Online-Katalog mit Tausenden von Artikeln. Man kann gar keine einzelnen Kleidungsstücke bestellen, sondern bekommt ganze Outfits geliefert. Dafür muss der Kunde zuerst online ein paar Angaben zu sich machen. Wie er sich zur Arbeit kleidet («Slim-Fit-Hemden»), was er privat gerne trägt («Hoodies»), was er niemals anziehen würde («rosa Poloshirt»). Fertig.

Am nächsten Tag ruft zur vereinbarten Zeit die bevorzugte Styleberaterin an – zum Beispiel Irina. Man quatscht über Mode, Marken und Marotten. Ein paar Tage später bringt die Post eine grosse Box mit zwei kompletten, individuell zusammengestellten Outfits. Dazu gelegt: eine handschriftliche Notiz von der Stilberaterin.

So persönlich kann Online-Shopping sein. Und das nicht nur bei Outfittery. «Curated Shopping», wie man das «betreute Einkaufen» nennt, boomt. Diesen Dienstag hat das deutsche Start-up Modomoto sein Angebot in der Schweiz lanciert. Und innerhalb der nächsten Woche will auch Zalando sein betreutes Shopping-Portal Zalon in der Schweiz aufschalten. Während Outfittery und Modomoto ausschliesslich Männer beraten – die nun mal als Shopping-Muffel gelten –, richtet sich das neue Angebot von Zalando auch an Frauen. Andere Start-ups wie Kisura oder 3Compliments sehen in der Beratung von Frauen eine Marktlücke und bedienen ausschliesslich ein weibliches Publikum. In der Schweiz sind sie aber noch nicht verfügbar.

Je umfassender und unübersichtlicher das Angebot im Netz ist, desto gefragter sind persönliche Assistenten, welche die Übersicht behalten und für die Konsumenten eine Vorauswahl treffen. Doch braucht es dafür wirklich menschliche Stilberater? Könnte dieser Job nicht auch von Algorithmen übernommen werden? Schliesslich geben die Kunden übers Netz ja einiges an Daten preis – und bei Amazon funktionieren die automatischen Buchempfehlungen ja auch ziemlich zuverlässig. «Mode funktioniert anders», ist Anna Alex, Co-Gründerin von Outfittery, sicher. Stil sei eine zu persönliche Sache, als dass ein Computerprogramm die Mode-Beratung übernehmen könnte.

Forscher der Universität Toronto sehen das anders und bringen dem Computer modischen Geschmack bei. Dafür trainierten sie einen Bilderkennungsalgorithmus mit Fotos des Style-Portals Chictopia. Je mehr positives Feedback ein Bild von den Nutzern der Website bekommt, desto «modischer» wird die Kleiderkombination eingestuft.

Nun kann der Algorithmus bei Outfits, die nicht perfekt sind, Tipps geben. Zum Beispiel: die braunen Stiefel durch schwarze Stiefeletten austauschen. Gemäss der Zeitschrift «New Scientist» wollen die Forscher den Algorithmus so weit optimieren, dass er die Arbeit von menschlichen Stylisten übernehmen kann.

Der Schweizer Online-Shop Jeans.ch setzt bereits jetzt auf Automatisierung bei der Beratung. Über den Jeansfinder soll der Kunde aus über 5000 Modellen die für ihn perfekte Jeans finden. Dafür muss er Angaben zu seinem Körper («breite Taille», «schmale Hüften») und zu seinen Vorlieben («Ich mag den Sitz meiner Jeans tief») machen sowie seine Grösse angeben. Anschliessend erhält er eine Vorauswahl. «Wir bilden den Beratungsprozess aufgrund der Selbsteinschätzung des Nutzers online ab», sagt Gründer Guido Weltert. Damit das funktioniert, gibt sein Team jeder Jeans ein Profil und hinterlegt dieses im Computersystem. Kommt es zu Rücksendungen, fliesst dies in den Lernprozess des Jeansfinders ein.

Auf massgeschneiderte Jeans setzt das Schweizer Start-up Selfnation. Gegründet wurde es von zwei ETH-Studenten, die eine Software entwickelt haben, die aus den Körpermassen ein 3-D-Modell berechnet. Daraus wird anschliessend mithilfe eines Algorithmus automatisch ein Schnittmuster erstellt. Genäht wird die Masshose anschliessend in Deutschland; sie kostet mindestens 219 Franken.

Damit die Jeans aber wirklich sitzt, muss der Körper zuerst korrekt vermessen werden. Auch bei Outfittery und Co. passt der Inhalt der Box nur wirklich, wenn der Kunde die richtigen Masse angegeben hat – und auch dann kann mal eine Hose zu eng oder ein Hemd zu weit sein, variieren doch die Grössen je nach Marke. Im Detailhandel besteht dieses Problem nicht – und es wird vielleicht auch bald für das Kleiderkaufen im Netz gelöst sein. Denn Outfittery hat einen 3-D-Scanner entwickelt, mit dem sich der Kunde selber ausmessen kann. Dafür stellt er sich auf ein drehendes Podest und streckt die Arme in einem 45-Grad-Winkel von sich. Das Spannende daran: Die Technologie, die dafür verwendet wurde, steckt in der Bewegungssteuerung Kinect von Microsofts Spielkonsole Xbox One. Mit der richtigen Applikation könnte jede Kinect als Mass-Scanner genutzt werden.

Microsoft hat diese Anwendung bereits vor zwei Jahren in einem Konzeptvideo präsentiert. Hier scannt die Kundin nicht nur ihren Körper. Zugleich wird ein Abbild ihrer selbst erstellt und auf den Fernseher projiziert. Nun kann sie mit ein paar Gesten virtuelle Kleidungsstücke anprobieren und sieht dabei nicht nur, ob die Grösse passt, sondern auch, ob ihr das Modell in Lila oder das in Olivgrün besser steht.

Neue Technologien könnten aber nicht nur das Online-Einkaufen revolutionieren, sondern auch die Art und Weise, wie die Pakete den Kunden erreichen. Heute besteht das Problem: Wenn der Pöstler oder Kurier tagsüber klingelt, ist oft niemand zu Hause. Die Lieferung muss deshalb wieder mitgenommen werden. Der Kurierdienst DHL liefert in München versuchsweise Pakete in den Kofferraum der Kunden. Der Kurier lokalisiert das Auto über GPS, öffnet den Kofferraum mit einer App auf dem Smartphone und verstaut das Paket sicher im Auto. Derzeit wird das System noch getestet – zusammen mit dem Versandhändler Amazon und dem Autobauer Audi.

Eine Kofferraum-Logistik hat auch das Technik-Unternehmen T-Systems entworfen. Dafür arbeitete die Firma nicht mit einem einzelnen Autobauer zusammen, sondern entwickelte ein System, das markenunabhängig funktioniert, wie Alexander Decker von T-Systems erklärt. Technisch ist das keine Hexerei mehr, weil Autos mittlerweile fahrende Computer sind: Alles lässt sich elektronisch steuern, und sie sind ständig mit dem Internet verbunden. Die Schwierigkeit liegt aber darin, dass sich die Autobauer nicht auf eine standardisierte Schnittstelle einigen, auf die man für das Öffnen und Schliessen des Kofferraums zugreifen kann.

Trotzdem könnte der Kofferraum zum Briefkasten der Zukunft werden. Und die Lieferung könnte im Zuge der Sharing Economy nicht mehr bloss vom Pöstler zugestellt werden, sondern von einem freischaffenden Kurier oder dem Nachbarn. Gemäss dem «Wall Street Journal» will Amazon nach dem Vorbild von Uber einen Crowd-Sourced-Service für Pakete entwickeln. So könnte jeder zum Pöstler werden und sich etwas hinzuverdienen, indem er auf dem Weg zur Arbeit noch ein paar Pakete mitnimmt.

Konkurrenz könnten die menschlichen Kuriere aber auch von automatisierten Drohnen bekommen. Nicht nur Amazon testet eine Zustellung mit unbemannten Flugobjekten. Auch die Schweizer Post will demnächst Drohnen losschicken. Bereits in den nächsten Wochen soll ein erster Feldversuch starten, um herauszufinden, wann und wo eine Zustellung mit unbemannten Flugobjekten Sinn macht.

Vielleicht wird in Zukunft die Outfittery-Box tatsächlich von einer Drohne geliefert, die selbstständig auf dem Balkon landet, das Paket ablädt und wieder davonschwirrt. Und wie schön wäre es, wenn den Kleidern dann noch immer eine handgeschriebene Notiz beiläge: «Viel Spass mit deiner Box. Und sag mir, wenn ich die Drohne noch einmal mit etwas Neuem beladen soll. Liebe Grüsse Irina.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper