An diesem Mittwoch strahlt nicht nur die Sonne: Oscar J. Schwenk marschiert voller Zufriedenheit über das Rollfeld der Pilatus-Werke in Stans NW. «Pardon für die Verspätung, aber wir mussten das gute Wetter für weitere Tests ausnutzen», entschuldigt sich der Patron mit breitem Lachen im Gesicht.

Herr Schwenk, soeben war der Prototyp des neuen PC-24 zum zweiten Mal in der Luft. Waren Sie an Bord?
Oscar J. Schwenk: Nein. Ich hätte nur gestört (lacht). Vorläufig ist nur die Crew bei den Testflügen dabei, die sich ein Jahr lang auf diesen Moment vorbereitet hat.

Wie stark war das Herzklopfen, als Sie – acht Jahre nach dem Start des PC-24-Projekts – den Jet erstmals in der Luft sahen?
Das war schon ein ganz spezieller Moment, und auch eine grosse Erleichterung: Es funktioniert! Auch heute Morgen wieder: Beim zweiten Testflug haben wir das Fahrwerk ein- und ausgefahren, das klappte wunderbar. Jetzt machen wir viele Versuche, um herauszufinden, wie sich diese Lady bewegt, und um das Flugzeug zu optimieren. Es ist für unser ganzes Team eine enorm intensive und aufregende Zeit.

Kommen Sie noch zum Schlafen?
Ich folge ganz meinem Naturell. Ich mache tausend Dinge, aber irgendwann merke ich: Jetzt muss ich schlafen. Dann schlafe ich sofort ein. Zwei Stunden später bin ich aber wieder wach, und im Kopf drehen sich die Gedanken. Meistens stehe ich morgens um vier auf. Ich bin wie ein Wildtier: Am liebsten wäre mir, ich könnte nachts drei Stunden und tagsüber zwei Stunden schlafen.

Wie sehr drückt die Verantwortung, die auf Ihnen lastet? Sie haben in Stans letztes Jahr 116 neue Arbeitsplätze geschaffen und beschäftigen jetzt 1850 Mitarbeiter.
Inzwischen sind wir fast 2000 Leute. Mehr aufbauen sollten wir aber nicht. Jetzt ist fertig. Wir müssen am Boden bleiben. Sprunghafte Entwicklungen sind gefährlich, denn es können auch wieder schwierigere Zeiten kommen.

Sie haben zurzeit 84 Bestellungen für den PC-24. Unter den Käufern ist auch der Bundesrat. Warum nehmen Sie nun keine Bestellungen mehr entgegen?
Wir möchten zuerst wissen, was das Flugzeug wirklich kann. Nun warten wir mindestens ein Jahr, bis wir die Bestellbücher wieder öffnen.

Und wer bekommt den ersten Flieger?
Es ist entweder ein Amerikaner ... (bricht ab). Nein, das darf ich nicht sagen. Sonst gibt es Streit.

In anderen Ländern wäre klar, wer das erste Flugzeug bekommt: die Regierung.
(Zögert) Der Bundesrat ...

... muss hinten anstehen?
Es gibt keine Sonderbehandlung für die Regierung, weder beim Zeitpunkt noch beim Preis. Aber ein Flugzeug aus der zweiten Serie ist für den Bundesrat wohl ausgereifter. Technisch gesehen ist der wichtigste Kunde für uns die Organisation der Royal Flying Doctors in Australien, weil sie sehr viel fliegen und die Eigenschaften des PC-24 für ihre Rettungsflüge benötigen: Unsere Maschine kann schnell und langsam fliegen und auch auf Schotter und Sand landen. Deshalb ist sie auch für Regierungen und NGOs interessant, wie die Unicef, WHO und so weiter.

Der PC-24 könnte für UNO-Organisationen in Krisengebieten zum Einsatz kommen?
Ja, wir sprechen ständig mit diesen Organisationen. Die müssen oft in Regionen fliegen, wo andere Flugzeuge nicht landen können, der PC-24 aber schon. Es wird auch eine Ambulanzversion des Fliegers geben mit drei Bahren. Wichtig ist für uns, dass der Flieger von Anfang ständig in der Luft ist, damit wir Resultate erhalten. Er darf nicht nur an reiche Leute gehen, die ihn vor dem Hangar stehen lassen.

Auch Nestlé-Präsident Peter Brabeck gehört zu den ersten Käufern.
Natürlich braucht es ein paar Vorzeigekunden, die sich anständig aufführen und einen guten Namen in Wirtschaftskreisen haben, so wie Peter Brabeck. Das gibt eine Signalwirkung. Das ist leider so bei diesen Leuten. Wieso weiss ich auch nicht. Auch der Eigentümer der amerikanischen Transportfirma U-Haul hat zwei Maschinen gekauft.

Die ersten PC-24 werden erst ab 2017 ausgeliefert. Bis dahin droht Pilatus eine Durststrecke.
Wir leben von den Trainingsflugzeugen für Luftwaffen und vom PC-12. Aber wir laufen in ein Loch hinein. Wir brauchen noch zwei Grossaufträge, die wir noch nicht auf sicher haben. Das macht mich nicht nervös, mit dieser Unsicherheit lebe ich seit 20 Jahren. Wir haben eine klare Strategie und halten unser Personal auch, wenn es zwischenzeitlich nicht so viel Arbeit gibt. Auch wenn das McKinsey und die Bankanalysten nicht verstehen.

Kein hire and fire?
Undenkbar! Dass wir einfach Leute rausschmeissen, wenn die Auftragslage schlecht ist: Das geht mit unserer Firmenkultur gar nicht. Unsere Mitarbeiter sind Teil der Pilatus-Familie. Wir dürfen sie nicht verlieren, schliesslich haben wir sie aufgebaut und sie identifizieren sich unglaublich mit Pilatus. Das haben wir auch beim Erstflug des PC-24 gesehen, wo alle am Pistenrand mitfieberten.

Sie sind seit 35 Jahren bei Pilatus und haben auch existenzielle Krisen erlebt. Wie ist das für Sie, jetzt diese Euphorie um den PC-24 zu sehen?
Wir können zum ersten Mal in die Infrastruktur investieren. Beispielsweise haben wir für die Mitarbeiter ein Parkhaus mit 1100 Plätzen gebaut. Vor 22 Jahren gab ich am Anschlagbrett die Devise aus: Es wird kein Franken in Beton investiert, sondern alles, was übrig bleibt, in die Produktentwicklung. Jeder hat begriffen, was das heisst. Keine modernen Gebäude, keine neuen Bürotische. Inzwischen sind wir schuldenfrei und haben einen relativ hohen Bargeld-Bestand.

Nun gibt es neue Bürotische?
Das ist das Gefährliche. Wenn genug Geld da ist, kommen die Begehrlichkeiten. Aber einem Mitarbeiter, der sich über sein 20 Jahre altes Pult beschwerte, habe ich jetzt tatsächlich ein neues, höhenverstellbares Modell bewilligt (lacht).

Viele Arbeitgeber in der Schweiz klagen über Fachkräftemangel. Finden Sie genügend gute Mitarbeiter?
Ja, wir stellen viele ETH-Absolventen an. Wir haben es heute einfacher als früher, weil der Ruf von Pilatus besser geworden ist. Früher hiess es: Das ist zwar ein guter Flugzeugbauer, aber immer wenn sie Flieger verkaufen wollen, bekommen sie keine Exportbewilligung und dann gehen sie wieder in Kurzarbeit. Diese Unsicherheit ist mit dem Erfolg und der Zuverlässigkeit von Pilatus verschwunden.

Wie viele Mitarbeiter rekrutieren Sie im Ausland, zum Beispiel in Indien?
In den letzten Jahren haben wir jeweils etwa 120 neue Mitarbeiter angestellt, davon waren vielleicht 90 oder 100 Schweizer. Mit der Rekrutierung von indischen Ingenieuren begannen wir vor zehn Jahren, weil Indien sehr viele gut ausgebildete Leute hat. Allerdings ist die Kultur ganz anders, das macht es manchmal schwierig.

Die Schweiz wird schleichend desindustrialisiert. In Winterthur werden keine Lokomotiven mehr gebaut und Saurer-Lastwagen gibt es auch keine mehr. Warum funktioniert es bei Pilatus in Stans?
Wir sind eine verschworene Gesellschaft, die in der Schweiz hart arbeiten will. Aber am Ende lautet die Frage immer: Geht die Rechnung auf?

Viele sagen: Mit dem starken Franken kann sie nicht aufgehen.
Bei uns schon. Wir bezahlen anständige Löhne und müssen immer genügend Geld zur Seite legen können, um neue Produkte zu entwickeln, so wie die letzten acht Jahre für den PC-24. Gleichzeitig braucht es auch eine anständige Dividende für unsere Aktionäre. Kommt hinzu, dass wir nicht an der Börse sind. Zum Glück! Sonst kämen all die Investmentbanker mit ihren Gewinnmaximierungsforderungen.

Klopfen denn die Investmentbanker bei Ihnen regelmässig an für den Kauf eines Aktienpakets?
Ja, gute und schlechte. Dabei ist mein Vorteil ja gerade, dass ich am Morgen nicht als Allererstes den Aktienkurs anschauen und ständig Gewinnwarnungen äussern muss. Ich staune jeweils, wie viele Tricks es da gibt. Aber das ist nur gut für die Spekulanten und Zwischenhändler, nicht für uns, nicht für den Kunden.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftspolitische Lage in der Schweiz?
Hier gibt es kein Investitionsklima, in dem man sich um die Firmen kümmert. Echte Wirtschaftsförderung sieht anders aus. Dabei gibt es in der Schweiz ganz viele kleine und mittelgrosse Firmen, die technologisch weit vorn sind. Mit eigenem Kapital. Aber denen helfen nur ein paar Leute, die Banken selten.

Wie ist denn die Zusammenarbeit mit den Behörden?
Grundsätzlich gut, aber alles muss man sich erkämpfen und erwürgen. Mit der SRG weniger. Jedes Mal, wenn Pilatus ein «angebliches Problem» hat, zum Beispiel im Export, dann steht «10 vor 10» bei uns vor der Tür.

Sie sprechen vom Exportverbot von Kriegsmaterial.
Darüber sollen die Medien natürlich berichten. Aber wenn wir mit dem PC-24 Wirtschaftsgeschichte schreiben und den Erstflug absolvieren, will «10 vor 10» davon nichts wissen. Die haben kein Wort darüber verloren. Null! Was muss dann eine Firma noch machen, damit über sie im eigenen Land positiv berichtet wird? Das ist furchtbar!

Die mediale Berichterstattung war gewaltig, auch in SRF-Sendungen.
Ja, gut, die «Tagesschau» brachte einen Beitrag, aber nicht von vor Ort. Aber es ist einfach so, dass wir in der Schweiz zu oft vom Negativen leben. Und es herrscht eine extreme Neidkultur. Wenn es jemandem gut geht, heisst es sofort, der entspreche nicht dem schweizerischen Durchschnitt. Wenn wir aber nicht mehr über unsere Errungenschaften sprechen dürfen, erreichen wir irgendwann gar nichts mehr.

Es zieht wieder vermehrt Unternehmer in die Politik, etwa Magdalena Martullo-Blocher. Ein gutes Zeichen?
Ich will nicht über Frau Blocher sprechen. Ich werde seit dreissig Jahren von Parteien angefragt, ob ich nach Bern komme. Es heisst ständig, die Unternehmer müssten sich stärker in die Politik einbringen. Und das stimmt.

Weshalb zieren Sie sich dann?
Weil ich weiss, dass das nicht gut käme. Ich will immer mit dem Grind durch die Wand. Hier in Stans fangen wir am Morgen an mit dem Ziel, dass wir bis am Abend eine Lösung ausgejasst haben und sie dann umsetzen. Nein, ich wäre kein guter Politiker. Vielleicht aber ein guter Revolutionär (lacht).

Sie sind 70. Wie lange bleiben Sie noch Präsident von Pilatus?
Das hängt auch davon ab, wie fit ich bin und wie viel Spass ich daran habe. Ich bin ja eigentlich nicht Präsident, ich übernehme noch immer viel zu viele operative Aufgaben, so wie immer. Ich müsste wahrscheinlich mal sagen: So, jetzt ist fertig. Aber ich will da einfach nicht raus im Moment.

Haben Sie noch Träume, die Sie verwirklichen möchten?
(Greift zu seinem schwarzen Notizbuch) Die stehen alle hier drin. In diesem Buch gibt es Seiten, auf denen ich vor dreissig Jahren meine Träume notiert habe, die heute zum Teil aber nicht mehr machbar sind. Ich kann nicht mehr mit zwei Kamelen durch die Wüste reiten. Dafür kommen neue Ziele dazu.

Zum Beispiel?
Niemand weiss, was im schwarzen Büchlein steht. Das trage ich immer mit mir. Vieles hat mit der Natur zu tun. Zurzeit helfe ich mit bei der Bartgeieraussetzung in der Innerschweiz. Und in Australien betreibe ich Landwirtschaft. Es wäre schön, wenn ich mal länger nach Down Under gehen könnte. Und ich habe einen Haufen verrückter Freunde auf der ganzen Welt. Da kann jederzeit wieder ein spannendes Abenteuer entstehen.

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