VON FLORENCE VUICHARD

Das chinesische Fernsehen hat kürzlich zehn ausländische Persönlichkeiten porträtiert, welche die Geschicke der Volksrepublik in den letzten 30 Jahren mitgeprägt haben. Dazu gehören der frühere US-Aussenminister und «alte Freund des chinesischen Volkes», Henry Kissinger, der 2010 verstorbene langjährige Präsident des Olympischen Komitees Juan Antonio Samaranch und ehemalige Premierminister, wie Yasuhiro Nakasone (Japan), Bob Hawke (Australien) oder Jean-Pierre Raffarin (Frankreich).

Ebenfalls einer dieser zehn «China Visionaries» ist Uli Sigg. «Das ist ein grosses Kompliment für mich», sagt der ehemalige Schweizer Botschafter im Gespräch mit dem «Sonntag» und stellt fest: «Ich bin in China viel berühmter als in der Schweiz.» Wenn er dort sei, müsse er fast täglich Interviews geben, das Interesse an seiner Person sei sehr gross. «Die Ehre, die man mir entgegenbringt – das kennen wir in der Schweiz nicht. Der Personenkult in China ist grösser als hier, Leitfiguren begegnet man mit einem Übermass an Respekt.»

Seine Popularität verdankt er zwei Umständen: Erstens gründete er 1980 mit Schindler das erste Jointventure in China. «Das war ein Monument, ein Modell damals für was mittlerweile auf eine Million ausländisch investierte Unternehmen angewachsen ist.» Der zweite Grund ist Siggs Sammlung an chinesischer Gegenwartskunst, die heute rund 2000 Werke von 250 Künstlern umfasst. «Ich habe die zeitgenössische chinesische Kunst zur Welt gebracht», sagt Sigg.

Als er am Anfang der 90er-Jahre mit Sammeln anfing, interessierte sich niemand dafür – weder im Westen noch in China selbst. Dort ist Sigg heute ein Gütesiegel. Künstler, die nicht in seiner Sammlung sind, wollen unbedingt rein. Denn das steigert ihr Ansehen – und ihren Wert. «Es gibt tatsächlich Künstler, die mir Bilder schenken wollen oder mir einen Tiefstpreis offerieren, damit sie in meiner Sammlung sind.»

Sigg ist auch nicht ganz unschuldig daran, dass die Preise für chinesische Kunst in den letzten Jahren in ungeahnte Höhen geschnellt sind. «Jetzt sind die Preise wieder gefallen, um 30 bis 40 Prozent. Die Krise hat ihre Spuren hinterlassen.» Doch das stört Sigg nicht. Er will seine Werke nicht verkaufen. Wenn er sich eines Tages von ihnen trennen wird, dann wird er sie verschenken – und zwar an China.

Dieses Versprechen hat er gemacht, auch gegenüber dem chinesischen Fernsehteam, das ihn rund drei Monate für «China Visionaries» begleitet hatte. Jetzt haben es Millionen gehört. «Ich habe diesbezüglich Gespräche aufgenommen mit mehreren Städten, konkret aber ist die Sache noch nicht.»

Probleme mit dem offiziellen China hatte Sigg nie. Daran haben auch seine Freundschaften mit regimekritischen Künstlern wie Ai Weiwei nichts geändert. «Die offiziellen Stellen akzeptieren mich als Chinaspezialisten mit hoher Glaubwürdigkeit, weil ich seit 30 Jahren das Land intensiv begleite und das wohl als Einziger in den verschiedenen Sparten: Wirtschaft, Politik und Kunst», sagt Sigg.

Besonders wichtig in den Augen der chinesischen Behörden dürften dabei seine zahlreichen Auftritte gewesen sein, bei denen er im Ausland für China als Investment- und Wirtschaftsstandort geworben hat. «Ich habe mich auch politisch immer kritisch differenziert geäussert, habe weder China-Bashing betrieben, noch mich wie viele Exponenten aus der Wirtschaft verhalten, die sich kritiklos positiv zu China äussern.»

Differenziert kritisch äussert sich Sigg auch jetzt wieder: Die Vergabe des Friedensnobelpreises an den Schriftsteller und Dissidenten Liu Xiaobo beurteilt er zwiespältig. «Der Mann verdient Respekt, aber ich bezweifle, dass der Preis ihm helfen wird.» Er sei jetzt noch stärker exponiert, und die Chance, dass seine Haftstrafe, die er derzeit in Peking absitzt, gemildert werde, sei kleiner geworden.

Denn für die Regierung und gar auch für einen Teil jener Chinesen, die ihn überhaupt kennen, sei Liu Xiaobo «ein Krimineller, der sich über die Landesgesetze hinwegsetzte». Und auch für Liu Xiaobos Kampf für mehr Demokratie und Freiheit ist der Preis gemäss Sigg eher kontraproduktiv. «Denn kurzfristig führt er zu einer Verhärtung, langfristig kann er allerdings eine Wirkung entfalten.»

Siggs Chinakenntnissen verdankt die Schweiz wohl auch, dass sie an der am 31. Oktober endenden Weltausstellung in Schanghai einen der populärsten Pavillons hat. «Wir haben es geschafft, unter 200 Pavillons herauszuragen. Das ist eine Leistung», sagt Sigg, der im Auftrag des Bundesrats als Generalkommissär des Schweizer Pavillons amtet. «Mit den Chinesen muss man anders kommunizieren als mit Schweizern. Ihre Sprache ist direkter und emotionaler.» Nur wer den Ton richtig treffe, werde auch verstanden. «Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Fischer», sagt Sigg, und das klingt aus seinem Mund wie ein chinesisches Sprichwort.

Der Wurm hat den Chinesen offenbar geschmeckt. Nicht weniger als drei Stunden Wartezeit nahmen die Besucher im Schnitt in Kauf, um den Schweizer Pavillon zu sehen. Es hätte auch anders kommen können: Das Präsenz-Schweiz-Team liebäugelte damit, einen Panda-Comic einzusetzen – liess es aber nach Siggs Warnung bleiben. «Der Panda wird in China sehr verehrt und anders wahrgenommen als bei uns. Wenn man falsch damit umgeht, wird man die Chinesen vor den Kopf stossen.»

Kaum schliesst die Ausstellung in Schanghai, eröffnet Sigg die nächste. Diesmal richtet er sich wieder an ein Schweizer Publikum – und zeigt ab dem 19. November unter dem Titel «Big Draft – Shanghai» im Berner Kunstmuseum erneut eine Auswahl seiner Sammlung chinesischer Gegenwartskunst.


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