Fast jeder zweite Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren hat ein Smartphone. Dies ist das Ergebnis einer neuen Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz, die in dieser Woche veröffentlicht wurde. Demnach besitzen fast alle befragten Jugendlichen ein eigenes Handy, 38 Prozent haben mit ihrem Mobiltelefon Zugang zum Internet. Das Ergebnis überrascht: Bisher gingen Experten davon aus, dass in der Schweiz etwa 10 bis 15 Prozent aller Jugendlichen ein Smartphone haben. Die Studie zeigt: Die I-phonisierung der Schweizer Kinder geht schneller voran, als alle denken.

Beat Döbeli Honegger, Professor an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz, prognostiziert: «In fünf Jahren werden 90 Prozent aller Zwölfjährigen ein Handy haben, mit dem sie auch ins Internet können.» Längst sind iPhone, iPad und iPod zum Kinderspielzeug geworden – und haben Spielkonsolen wie Playstation und Wii von den Weihnachts-Wunschlisten verdrängt.

Eltern berichten von Einjährigen, die ihren Grossmüttern zeigen, wie man ein iPhone entsperrt. Von Zweijährigen, die auf dem iPad locker den Weg zu ihrem Lieblings-Zeichentrickfilm auf Youtube finden. Und von Dreijährigen, die vor dem Aquarium im Zürcher Zoo stehen, den Zeigefinger auf die Scheibe drücken und versuchen, zum nächsten Fisch zu blättern – so, als wäre die Scheibe aus Glas ein Touchscreen.

Sicher ist: Es wächst eine neue Generation heran, nennen wir sie iKids. Ihre Mediennutzung bereitet Eltern und Grosseltern Kopfzerbrechen. Denn noch nie hatten Kinder so früh Umgang mit Computern – jenen Geräten, die einst reine Rechenmaschinen waren und die heute Fernseher, Foto, Routenplaner, Radio und Videokamera in einem sind. Für Kinder sind sie auch Trommel, Puzzle, Hörkassette und Malbuch.

«Kids finger painter». Eine App für Kinder ab 4 Jahren, zum Malen, Ausmalen und Stempeln, mit vielen bunten Farben und unterschiedlich dicken Pinseln.

Wann die Kleinsten das erste Mal einen iPad in den Händen halten sollen, darüber streiten die Experten. «Kleinkinder befinden sich in der so genannten senso-motorischen Entwicklungsphase, das heisst, sie begreifen die Welt, indem sie die Dinge anfassen, in den Mund stecken, herumdrehen und werfen können», sagt Daniel Süss, Professor für Mediensozialisation und Medienkompetenz an der Universität Zürich. Dafür eigne sich ein Smartphone «herzlich wenig». Für Kleinkinder machen die neuen Medien nur Sinn, so der Professor, «wenn man gemeinsam Fotos oder Bilder darauf anschaut und sich im Dialog mit dem Kind beschäftigt».

Allein im App-Store, dem virtuellen Kaufhaus der iPhone-Gesellschaft, gibt es unter der Rubrik «Spiele für Kinder» 7200 Einträge, Tendenz steigend. Nach Angaben von Apple Schweiz gibt es für Kinder ausserdem Apps in den Kategorien «Lernen» und «Bücher». Das Angebot für die iKids geht in die Zehntausende, darunter finden sich auch zahlreiche Anwendungen aus der Schweiz.

«Karneval der Tiere». Eine App für Kinder ab 4 Jahren. Blättern, hören und ausprobieren. Zur Musik des Basler Festival Orchesters wird der Karneval der Tiere kindgerecht erzählt.

«Kinder wachsen in einer Medienwelt auf und müssen lernen, kompetent damit umzugehen», sagt Beat Döbeli Honegger von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz. Er gehört zu jenen, die den Gebrauch der neuen Medien schon den Kleinsten zutrauen. An der Primarschule in Goldau SZ betreute er das so genannte «iPhone-Projekt», bei dem alle Kinder einer 5.Klasse während zweier Schuljahre ein iPhone erhielten und es sowohl während des Unterrichts als auch zu Hause nutzen durften.

Döbeli Honegger plädiert im Umgang mit den neuen Medien für Gelassenheit: «Bereits das Aufstellen allgemeingültiger Regeln mit Altersangaben und Zeitbeschränkungen scheitert an der technischen Konvergenz und den unterschiedlichen Charakteren der Kinder», sagt er. Verbote und Alters- oder allgemeingültige Zeitgrenzen seien selten sinnvoll.

In einem Punkt ist sich die Fachwelt einig: Die Kinder sollten in ihrer Mediennutzung von den Eltern begleitet werden. «Wenn man Kinder mit einem Smartphone oder Tablets ruhigstellen möchte, kann die Gefahr bestehen, dass sich das Kind völlig in die digitale Welt zurückzieht», sagt Daniel Süss von der Uni Zürich. Zentral sei es, dass Kinder eine gute Balance zwischen medialer und nicht-medialer Freizeitbeschäftigung fänden.

Olivier Steiner, der an der FH Nordwestschweiz die Studie zur Mediennutzung Jugendlicher durchgeführt hat, gibt als Faustregel: «Je jünger ein Kind, desto kürzer sollte die Zeit sein, die es mit den neuen Medien verbringt.»

Aber, und auch da sind sich die Fachleute einig: Die neuen Medien bieten Chancen. «Studien zeigen, dass neue Medien die Hand-Augen-Koordination verbessern», sagt Olivier Steiner. Zudem werde das räumliche Vorstellungsvermögen gefördert, ebenso wie die Suchkompetenz, die Fähigkeit, Informationen zu selektieren und die schnellere Aufnahme von Informationen. «Es ist Aufgabe von Eltern und Lehrern, den Kindern ein anderes Bild vom Handy zu vermitteln», sagt Beat Döbeli Honegger.

Diese Aufgabe nimmt Kora Erdelyi sehr ernst. Die in München lebende Ungarin ist Mutter einer 20 Monate alten Tochter namens Kira – die bereits eifrig mit dem iPad ihrer Eltern experimentiert. Doch als Kora Erdelyi nach passenden Apps suchte, wurde sie enttäuscht: «Es gab damals nichts Deutsches, Anspruchsvolles, wo das Kind etwas lernen kann», sagt sie. Deshalb machte sich Erdelyi selbst daran, eine App für Kinder zu entwickeln.

«Kinderapp». Eine App für Kinder ab 1 Jahr. Ein animiertes Bilderbuch, bei dem Kinder auf die gezeigten Gegenstände deuten und so Namen lernen können.

Die Resonanz war enorm. Kora Erdelyi plant bereits die nächste App. Dieses Mal für ältere Kinder. Sie ist überzeugt: «Entweder man nutzt die Geräte vor dem Kind, dann kann man nicht verhindern, dass Kinder damit spielen. Oder man lässt es. Wir aber wollten unserer Tochter die Möglichkeit geben, mit den neuen Medien aufzuwachsen.» Kira, eines von Millionen iKids.

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