Herr Knie, Sie kommen gerade von der morgendlichen Pferdeprobe. Klappt alles so, wie Sie es sich vorstellen?
Fredy Knie: Die Pferde, die Sie gerade sehen (zeigt in die Manege), sind vier junge Andalusier, die seit einem Jahr bei mir in der Ausbildung sind. Bei der Premiere in Rapperswil kamen sie letzte Woche sehr gut an. Ich erkläre den Zuschauern per Mikrofon bei dieser Nummer auch, wie man mit jungen Pferden arbeitet.

Wie lange geht es denn, bis Pferde für einen Auftritt vor Publikum bereit sind?
Etwas Einfaches ist nach einer zehnmonatigen Grundausbildung möglich. Nach eineinhalb Jahren kann man eigentliche Nummern kreieren. Unsere Pferde machen jedes Jahr neue Nummern. Schon drei Wochen nach der Premiere beginnen wir, parallel dazu die Nummer für das nächste Jahr zu üben.

Bringen die Tiere die beiden Übungen nicht durcheinander?
Nein, gar nicht. Die Pferde sind fähig, mit dem Kopf zu arbeiten und nicht nur Dinge abzuspulen. Sie müssen gefordert sein. Langeweile ist auch für Pferde das Schlimmste!

Ihr jüngstes Enkelkind, Chanel (4), tritt bereits mit Ponys auf. Sie scheint das Pferdevirus geerbt zu haben. Wie wichtig ist Ihnen, dass diese Tradition in der Familie weitergeht?
Es wäre gelogen, zu sagen, dass es mir nicht wichtig ist. Wenn ein Arzt Kinder hat, die sich für Medizin interessieren, hat er Freude – und bei uns im Zirkus ist das erst recht so. Ich sage aber immer, auch meinem Enkel Ivan, der 13-jährig ist: Ihr müsst nicht. Es gibt keinen Zwang. Dass das bei Kindern nichts bringt oder gar schädlich ist, wissen alle Eltern.

Aber die Kinder wollen?
Ja. Ich sage ihnen oft: Wenn ihr mal nicht auftreten wollt oder wenn ihr viele Schulaufgaben habt, dann lasst es sein. Aber das kommt nicht vor. Wenn die Kinder die Schule abgeschlossen haben, wird sich die Frage stellen: Wollt ihr weitermachen? Wenn sie Ja sagen, dann gilt es ernst. Dann gibt es nur 100-prozentigen Einsatz. Zirkus ist keine Hobbyveranstaltung.

Warum haben sich die Kinder von inzwischen sieben Knie-Generationen für den Zirkus entschieden?
So wie der Zirkus für Kinder, die ihn besuchen, eine Traumwelt ist, so ist er das auch für Kinder, die hier aufwachsen. Es gibt nichts Schöneres.

Aber es ist harte Arbeit.
Nicht für die Kinder. Meine Enkel sagen: «Nonno, du arbeitest so viel.» Dann antworte ich: «Ja, das musst du später auch, wenn du im Zirkus bleiben möchtest.» Aber erst dann!

Wann waren Sie zum letzten Mal in den Ferien?
1998.

Vor siebzehn Jahren?
Ja, es ist lange her. Ich arbeite sieben Tage in der Woche und habe keinerlei Bedürfnis nach Ferien. Zweimal habe ich es versucht, und dann war etwas mit den Tieren, da kam ich mir gegenüber meinen Pferden wie ein Verräter vor. Ich weiss, das ist nicht ganz normal, ich habe da wohl einen Zacken ab. Aber es ist so: Die schönsten Momente erlebe ich, wenn ich am Morgen zu den Tieren kann.

Sie sind 68 Jahre alt. Warum treten Sie nicht kürzer?
Ich hätte zwar Anspruch auf die AHV, will sie aber nicht. Ich verdiene ja Geld mit unserem Zirkus. Ich bin auch in meinem Kopf noch nicht auf AHV eingestellt – und werde das wohl nie sein (lacht).

Sie verzichten auf die Rente?
Ja. Mein Bruder Rolf macht es anders, er nimmt die AHV, gibt sie aber einer Familie in seiner Wohngemeinde weiter, die das Geld braucht.

Haben Sie Mühe, das Zepter an die nächste Generation zu übergeben?
Nein. Es gibt nichts Schöneres, als ein Geschäft zu haben, das man mit Herzblut aufgebaut hat – und zu sehen, dass es weitergeht. Ich bin glücklich, zu beobachten, dass auch die Jungen der 7. Generation Freude daran haben. Dann kann ich eines Tages auch in Ruhe sterben. Noch nicht gerade, hoffentlich. Bei uns ist es inzwischen so, dass die Jungen die Entscheide fällen. Ich stehe immer mit Rat zur Seite, lasse sie aber auch mal etwas verkehrt machen. Nur dann lernt man. Solange ich gesund bin, werde ich mit dem Zirkus mitreisen.

Ist Ihre Tochter Géraldine für das Programm verantwortlich?
Ja, das macht sie zusammen mit ihrem Mann Maycol alles selber. Ich sitze da und sehe zu, wenn die Proben sind. Wenn sie mich fragt, antworte ich manchmal provokativ: Nein, du machst das jetzt, ich sage nichts!

Was muss ein Zirkusdirektor oder eine -direktorin können?
Vieles! Aber eines vor allem: Mit Menschen umgehen. Wir sind 220 Leute aus 15 Nationen. Ein gutes Auskommen ist entscheidend für das Funktionieren unseres Unternehmens. Darum haben wir zwei Tabus: Wir reden nicht über Politik, und wir reden nicht über Religion.

Weil das sofort Konflikte gäbe?
Es sind doch diese beiden Themen, die auf der ganzen Welt zu Konflikten führen. Und schauen Sie, wir haben viele Marokkaner, einige von ihnen sind seit dreissig Jahren bei uns. Die werden nicht einmal schräg angeschaut, wenn sie beten oder Ramadan machen. Sie sind die Ersten, die sich darüber aufregen, wenn Terroristen im Namen des Islams Anschläge verüben. Sie schämen sich dafür. Das hat auch mich sensibel gemacht. Mich trifft es, wenn Religionsangehörige pauschal verunglimpft werden. Diese Terroristen, die haben für mich nichts mit dem Islam zu tun.

Sie haben diese Saison auch Artisten aus der Ukraine dabei.
Ja, die siebenköpfige Truppe Bingo. Sie sind glücklich bei uns, aber natürlich sind sie mit ihren Gedanken auch immer bei ihren Angehörigen in der Heimat. Solche Dinge kann man nicht ausblenden, und diese menschlichen Gegebenheiten muss ein Zirkusdirektor verstehen. Er ist auch die Anlaufstelle für ganz persönliche Probleme. Mich kann jeder immer ansprechen.

Müssen Sie manchmal auch schlichten, oder ist das mehr die Sache Ihrer Frau?
Meine Frau und auch meine Tochter haben sehr viel Feingefühl dafür. Wenn Bedarf besteht, haben wir für alle Anliegen und Sorgen ein offenes Ohr.

Wie tragen Sie Konflikte in der Familie aus?
Wir leben und arbeiten auf engstem Raum zusammen. Entscheidend ist zweierlei: Erstens, dass man das Geschäftliche und das Private nicht vermischt. Zweitens, dass man jedem seine Freiheiten zugesteht. Mit unterschiedlichen Meinungen können wir gut umgehen, am Ende haben wir noch immer einen gemeinsamen Nenner gefunden.

Im Gegensatz zu vielen Familienfirmen ist bei Ihnen die Nachfolge geregelt. Wie aber sieht die wirtschaftliche Zukunft aus?
In den vergangenen Jahren ist es sehr viel schwieriger geworden. Das Freizeit- und Veranstaltungsangebot ist enorm gross. Und die Kosten für Platzmieten, Bewilligungen, Strom, Wasser steigen stetig. Ich würde heutzutage niemandem raten, einen Zirkus zu eröffnen – und das sage ich nicht, weil ich keine Konkurrenz möchte. Wenn man als Zirkus schon da ist und sich behaupten muss, dann ist es noch immer machbar. Aber um über die Runden zu kommen, muss man genau rechnen. Wenn ich denke, wie mein Vater damals den Zirkus geleitet hat und wie es heute ist: Das sind Welten.

Schreibt Ihr Zirkus noch Gewinn?
Wir müssen Gewinn machen. Sonst können wir nicht investieren. Klar, in einem Jahr läuft es besser und in einem andern etwas weniger. Das Schlimmste wäre, beim Programm zu sparen. Dann geht der Schuss nach hinten los.

Sie geben seit einiger Zeit keine Zuschauerzahlen mehr bekannt. Warum nicht?
Weil dann nur noch über die Zahlen geredet wird und nicht mehr über das Programm. Das wollen wir nicht mehr.

Wie schwierig ist es heute, junge Zuschauer zu gewinnen?
Das Unterhaltungsangebot mit Konzerten, Musicals und so weiter ist riesig geworden. Trotzdem kommen heute wieder mehr junge Menschen in unsere Show. Sie fallen mir mit ihren Piercings beim Eingang auf (lacht).

Bei den Jungen ist der Zirkus wieder im Kommen?
Ja, diesen Eindruck habe ich, junge Menschen mögen Liveshows. Vielleicht weil sie sich sonst oft in der virtuellen Welt bewegen. Auch scheinen sie sich nach Erinnerungen aus ihrer Kindheit zu sehnen.

Müssen die Nummern immer waghalsiger werden und die Artisten mehr Risiko eingehen, damit die Zuschauer kommen?
Nein. Zwar sind gewisse artistische Einlagen nicht ungefährlich, aber die Artisten haben so lange geübt, bis sie es können. Dies im Unterschied zu den Jugendlichen, die den Adrenalinkick in ihrer Freizeit suchen und Dinge tun, die am Ende tödlich sein können.

Warum fehlt im diesjährigen Programm eigentlich ein Schweizer Komiker? Giacobbo oder auch Zuccolini gaben Ihnen auch in den Medien immer viel Aufmerksamkeit.
Ich suche nicht per se einen Schweizer Komiker oder Clown. Sondern jemanden, der das Publikum zum Lachen bringen kann – Vierjährige ebenso wie Achtzigjährige. Dem diesjährigen Clown, Rob Torres aus den USA, gelingt dies mit seinem Gespür für die Details hervorragend. Dazu haben wir mit Willer Nicolodi einen Bauchredner im Programm, der ebenfalls sehr gut ankommt.

Radikale Tierrechtsorganisationen fordern ein Verbot von Tieren in der Manege. Glauben Sie, eines Tages wird es so weit kommen?
Mit dem Tierschutz haben wir eine gute Zusammenarbeit, wir gelten gar als Vorbild. Doch mit den radikalen Organisationen können wir nicht einmal diskutieren. Unser Zirkus hat sich verändert. Vor 50 Jahren gab es Nummern mit Bären und Affen, die Röckli und Hut trugen. Diese Zeiten, wo Tiere vermenschlicht wurden, sind längst vorbei. Das ist nicht mehr vertretbar.

Seit ein paar Jahren führt Knie keine Raubtiershows mehr auf. Wäre es nicht konsequent, auch auf Elefanten zu verzichten?
Mit den Raubtiernummern haben wir aufgehört, weil die Plätze der Gastspielorte zu klein geworden sind. In 85 Prozent der Städte können wir kein Aussengehege für Tiger oder Löwen mehr aufstellen. Und die Raubtiere nur im Wagen zu halten, ist für uns keine Option. Die asiatischen Elefanten sind seit über 5000 Jahren als Arbeitstiere mit den Menschen vertraut, man kann gut mit ihnen umgehen. Auch sind wir stets bemüht, die neusten Erkenntnisse über die Tierhaltung umzusetzen. Vor ein paar Jahren band der Bauer seine Kühe auch noch im Stall an, und wir ketteten die Elefanten an. Der Bauer und wir machen das nicht mehr.

Ist ein Zirkus Knie ohne Tiere undenkbar?
Tiere gehören zu uns. Sollten Tiere im Zirkus verboten werden, müsste man konsequenterweise auch sämtliche Sportarten mit Tieren oder das Halten von Papageien verbieten. Ein Zirkus hat, wie der Zoo, eine wichtige Aufgabe: Er macht es Kindern möglich, in Kontakt mit Tieren zu kommen, und das sensibilisiert sie später für den Arten- und Tierschutz. Darum bieten wir im Kinderzoo in Rapperswil auch Elefanten-, Kamel- und Ponyreiten an.

Knie ist die bekannteste Schweizer Dynastie. Wie sehen Sie unser Land?
Es stimmt eigentlich alles. Nur das Wetter manchmal nicht.

Und politisch? Wie sehen Sie die Schweiz in Europa?
Gerade von den ausländischen Artisten höre ich immer wieder: Die Schweiz ist ein tolles, sicheres Land, wir werden im Ausland beneidet. Als wir damals über Europa abgestimmt haben, war ich unsicher, ob ich Ja oder Nein stimmen soll. Doch heute scheint mir, es war gut, dass wir unabhängig geblieben sind.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Überall. Wirklich. Ich kann mich schnell einleben und ich akzeptiere lokale Gepflogenheiten. Klar gibt es Orte, die mir sympathischer oder weniger sympathisch sind – auch in der Schweiz. Das ist aber kein Indiz für meine politische Gesinnung. Ich bin schweizerisch neutral (lacht).

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