VON SANDRO BROTZ UND CLAUDIA MARINKA

Frau Späni, gab es für Ihren Entscheid einen Schlüsselmoment?
Ich dachte schon nach der Fussball-EM darüber nach, ob jetzt der richtige Moment wäre, um aufzuhören. Die Euro-Sendungen waren dann aber so lässig, dass ich mir sagte: Es wäre doch schade, das alles aufzugeben. Dann begannen aber die Momente überhandzunehmen, in denen ich dachte: Jetzt ist Schluss. Vancouver war ein schöner Abschluss. Jetzt kann ich den Sommer endlich mit meinen Kindern verbringen.

Wie sehr haben Sie mit sich gerungen?
Sehr. Ich gebe einen Traumjob auf. Es war ein ständiges Abwägen, immer wieder: Ist es wirklich der richtige Schritt? Bereue ich es nachher nicht? Aber gleichzeitig der Gedanke: Die Kinder kommen in ein Alter – vor allem auch Gian – in dem sie mich mehr brauchen.

Wie war denn Ihr Alltag bis jetzt?
Zum Teil chaotisch. Man rennt nur noch der Zeit hinterher, man hetzt die Kinder und sich selbst. Nach 21 Jahren beim Fernsehen musste ich mich fragen: Warum mache ich das? Warum belaste ich die Familie so? Warum belaste ich mich so?

Was ist die Antwort?
Weil es im Kopf ständig rotierte: Dieses Mail muss ich schreiben, das muss ich noch erledigen, der Kleine braucht mich jetzt, aber dem muss ich auch noch anrufen und das Telefon läutet und, und, und. Ich war nur noch wie ein Hamster im Rad.

War es keine Option, dass Ihr Mann weniger arbeitet?
Er hat schon sehr zurückgeschraubt. Aber er hat nun mal einen Job, in dem das nicht so einfach geht. Wenn Roger Federer spielt, dann spielt er. Stefan ist ein hervorragender Tenniskommentator. Wenn ich ihm sagen würde, er müsse jetzt zu Hause bleiben, wäre das ganz schlecht für unsere Familie und für unsere Ehe.

Es wäre ja auch die umgekehrte Variante möglich gewesen: Sie arbeiten, er ist der Hausmann.
Das kann ich mir nicht vorstellen. Das will ich auch nicht. Stefan hat auch nie voll gearbeitet, sondern 70 oder 80 Prozent, damit er sieht, wie die Kinder aufwachsen. Er ist viel unterwegs, aber wenn er da ist, macht er auch viel. Er kocht, kauft ein, kümmert sich um den Haushalt, hilft überall mit und unternimmt viel mit den Kindern. Aber die emotionale Grundversorgung der Kinder habe ich, weil ich mehr zu Hause bin.

Ihr Mann ist oft als Kommentator in Tennis- und Eishockeystadien.
Er war jetzt sieben Wochen weg, zuerst in Australien und dann in Vancouver. Da bekommt man viele Dinge gar nicht mit. Ich habe solche längeren Engagements bewusst nie gemacht. Bei «Einfach luxuriös» mitzumachen, habe ich abgelehnt, weil mir zehn Tage am Stück einfach zu viel waren. Ich will das Stefan auch nicht wegnehmen. Er soll seinen Job ausleben. Das kommt so schnell auch nicht wieder – schon gar nicht mit so einem Sportler wie Roger Federer.

Wie wichtig ist Ihnen die finanzielle Unabhängigkeit von Ihrem Mann?
Das ist mir schon wichtig. Ich habe bei vielen Frauen in der Generation meiner Mutter gesehen, dass die den Mann fragen mussten, ob er ihnen Geld für einen Lippenstift gibt. Stefan und ich haben ein gemeinsames Budget. Natürlich ist es schöner, wenn man weiss: Ich verdiene mit. Aber es ist nicht so, dass ich komplett unabhängig von meinem Mann sein möchte. Es ist mehr der Gedanke: Was ist, wenn ihm etwas passieren sollte? Was ist, wenn die Ehe auseinandergehen würde? Wenn man zehn Jahre weg vom Job ist, wird man doch nur noch ausgelacht. Da hat man keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt . . .

War es auch ein Entscheid für die Beziehung?
Ja, natürlich. Er hat mir oft gesagt: «Komm mal runter.»

Was haben Sie ihm da geantwortet?
Wie sollte ich denn runterkommen? Ich hatte ja gar nicht die Zeit, um die Musse dazu zu haben. Die Zeit fehlte schlicht, um mal in Ruhe hinzusitzen und sich zu fragen: Wer bin ich und was will ich eigentlich? Ich war immer zu spät. Vorwärts, vorwärts in die Schule, zum Schwimmen, den Kleinen bringen, dann den Grossen, umziehen, zack, hopp. Eine Zeit lang sagt man sich: Das ändert sich dann schon wieder, aber wenn es sich nicht ändert, dann muss ich selbst die Reissleine ziehen.

Wie einfach war das?
Gar nicht, ich war ständig in einem Clinch. Eigentlich sollte ich jetzt an eine Sitzung, eigentlich sollte ich nochmals recherchieren, eigentlich sollte ich jetzt dieses Mail noch schicken. Auf der anderen Seite die Kinder, die fragen: Wann gehen wir wieder mal in den Wald? Wann gehen wir wieder mal in die Badi? Ein einziges Hin und Her.

Das tönt verzweifelt.
Ich war nicht verzweifelt, aber es war kein harmonisches, ruhiges Familienleben mehr. Schon als ich mit Sari schwanger war, habe ich mir gesagt: Die Kinder dürfen nicht unter meinem Beruf leiden. Das konnte ich mir auch immer so einrichten. Ich habe beruflich auf vieles verzichtet, das mich vielleicht karrieremässig weitergebracht hätte.

Die Balance zwischen Mutter und Berufsfrau zu finden: Führte das zu einem schlechten Gewissen gegenüber den Kindern?
Immer. Früher konnte ich das besser abstrahieren. Ich wusste: Meine Mutter ist da, sie spielt mit den Kindern, liest ihnen Bücher vor, geht mit ihnen spazieren und Entlein füttern. Aber unterdessen ist meine Mutter 74 und muss drei Kinder betreuen. Dazu kommt, dass die Belastung in der Schule auch anders und grösser ist, als ich sie je in der Primarschule erlebt habe. Ich muss daheim sein und Strukturen bieten.

Immer mehr Frauen – Kader-und Hausfrauen – leiden unter Burnout-Symptomen. Hatten Sie auch davor Angst?
Ich hatte Angst, dass ich in ein Burnout reinlaufe, ja. Wirklich. Es war die Angst davor, dass ich irgendwann sagen muss: So, jetzt müsst ihr mich einliefern. Dieses Gefühl betrifft nicht nur berufstätige Frauen. Ich kenne viele Mütter in meiner Umgebung, die erschöpft herumlaufen. Es gibt so viele Mütter, die sagen: Ich kann nicht mehr. Da überlege ich mir schon: Warum ist das so? Ist das System falsch? Sind wir Mütter zu anspruchsvoll? Oder ist es einfach eine verrückte Welt, die einen nicht mehr zur Ruhe kommen lässt?

Was glauben Sie?
Meine ganz persönliche Antwort, nicht wissenschaftlich fundiert: Wir leben in einer gestörten Welt. Was alles auf diese Kinder einprasselt! Wir haben mit unseren Eltern vielleicht um ein Töffli gestritten. Was aber die Kinder von heute alles haben und wollen. Sari kam in der ersten Klasse zu mir und fragte: «Mami, wann bekomme ich ein Handy?»

Hat sie ein Handy bekommen?
Sicher nicht! Sie braucht kein Handy. Erstens bin ich mir nicht sicher, ob die Strahlen wirklich nicht doch schädlich sind. Zweitens hocken sie dann nur noch da und schreiben SMS. Drittens kann man miteinander reden. Und viertens: Man muss auch lernen können, zu warten und zu verzichten. Sie bekommt dann ein Handy, wenn sie sich selber eines kaufen kann. Es hat natürlich Kinder in ihrer Klasse, die haben ein Handy.

Es ist nicht einfach, Nein zu sagen, wenn alle rundherum Ja sagen . . .
. . . und es kostet Energie. Damit ist es ja dann auch noch nicht zu Ende. Zuerst der Nintendo, dann der Computer, nachher die Computerspiele. Ich bin aber eine, die sagt: Hey, Bewegung ist wichtig, geht doch raus spielen! Ich war mit meinem Bruder tagelang allein im Wald. Wir spielten als Fünfjährige allein am Weiher. Heute würde man den Müttern wahrscheinlich die Kinder wegnehmen.

Wie ist der TV-Konsum bei Ihnen zu Hause geregelt?
Fernsehen gibt es nur noch am Wochenende. Die Gefahr, dass man sein Kind einfach vor den Fernseher setzt, ist aber gross. Das habe ich auch gemacht. Weil man zwischendurch einfach keine Kraft mehr hat.

Dann haben Sie zu lange mit Ihrem TV-Abschied zugewartet.
Nein, es ging immer irgendwie. Aber es stimmt, ich habe meinem Mann oft gesagt: Jetzt mag ich nicht mehr, jetzt hör ich auf. Aber dann erholt man sich und findets wieder lässig. Als Mami ist man das letzte Glied in der Kette und fängt alles auf.

Für ein romantisches Weekend mit Ihrem Mann bleibt da nicht viel Zeit.
Einmal im Jahr gehen wir zwei, drei Tage weg zur Wellness. Dann kommt man für zwei Wochen wieder runter, aber danach ist die Grundbelastung wieder da.

Hatten Sie keine Bedenken vor dieser Entscheidung, nachher nur noch das Huscheli am Herd zu sein?
Ich werde ja nicht ganz aufhören zu arbeiten. Ich finde, Frauen müssen etwas für sich haben, egal was. Jede Frau muss sich selber verwirklichen, arbeiten oder auch nur in Ruhe Kaffee trinken können.

Ab jetzt sind Sie Vollzeit-Mami.
Ich bin nicht Vollzeit-Mami. Ich werde weiterhin Anlässe moderieren und Medienschulungen machen. Einfach in reduzierterem Rahmen. Ich will aber am Mittag für meine Kinder zu Hause kochen, ihnen zuhören können und mit ihnen Hausaufgaben machen. Aber ich werde mir auch meinen Freiraum schaffen. Wir Frauen brauchen auch eine Bestätigung. Aber es muss für die Frau und für die Familie stimmen. Dann gibt es natürlich noch Frauen, die sind gezwungen, arbeiten zu gehen.

Hat Sie die SVP schon angeworben?
Nein (lacht).

Von Ueli Maurer stammt die Aussage: «Es ist schlecht, wenn Mütter arbeiten und sich der Staat um die Kinder kümmern soll.»
Das sagen Männer, die gar nicht wissen, was es bedeutet, Mutter zu sein. Ich würde gerne mit einem SVP-Politiker darüber debattieren. Wie oft haben die denn ihre Kinder abends ins Bett gebracht und ein Lied gesungen? Wie oft sind sie in der Nacht aufgestanden, wenn ein Kind krank war, oder wie oft haben sie für ihr Kind auf etwas verzichtet? Und uns Müttern nun sagen, was richtig und falsch ist?

Warum tun sich Frauen denn diese Doppelbelastung überhaupt an?
Das habe ich mich so oft auch gefragt. Warum mache ich das? Aus Freude am Job und weil auch ich eine innere Befriedigung brauche, einen Ehrgeiz habe. Kinder geben einem auf eine andere Art eine Befriedigung.

Sie wollen doch nur die Super-Frau sein.
Wahrscheinlich. Wir Frauen wollen den Männern beweisen, dass wir die Super-Frauen sind. Ich höre von immer mehr Frauen, die ihren tollen Job aufgeben.

Von einer Frau wird in unserer Gesellschaft erwartet, dass sie alles unter einen Hut bringen kann.
Daran sind wir Frauen mitschuldig. Erst jetzt, nachdem ich meinen Rücktritt bekannt gegeben habe, kommen viele Frauen zu mir und berichten von ähnlichen Erfahrungen.

Warum sprechen Frauen nicht früher darüber?
Weil alle durchs Leben hetzen: Kinder, Eltern, Lehrer. Machen wir doch einen Schritt zurück und fragen wir uns: Was können wir tun, dass wir wieder mehr Zeit haben für unsere Kinder?

Das ist eine schöne Botschaft, geht aber nur, wenn man es sich finanziell leisten kann. Sie sind privilegiert.
Sie haben recht. Ich habe auch keine Lösung. Kindern aus Working-Poor-Familien muss der Staat helfen. Es braucht Institutionen, in denen Kinder gut und liebevoll betreut werden.

Tatsache ist aber, dass unsere Kinder schon früh auf Leistung getrimmt werden.
Ich finde Leistung a priori nicht schlecht. Ich verlange von meinen Kindern auch Leistung. Weil man später im Beruf seine Leistung bringen muss. Wenn ich aber mit den Lehrern rede, merke ich, dass sie genauso am Anschlag sind. Kein Wunder, gilt das auch für die Kinder: Sie haben in der Unterstufe schon mehrere Lehrpersonen, die Hausaufgaben geben und Prüfungen machen. Wir hatten dieses System erst in der Oberstufe. Ich höre auch von Müttern, die am Mittwochnachmittag zwei Stunden mit einer Drittklässlerin für eine Englischprüfung lernen. Das kanns ja nicht sein!

Sie müssen eigentlich in die Politik!
(lacht) Ich muss mich jetzt neu ordnen, sonst renn ich wieder von einer Ecke in die andere. Aber vielleicht melde ich mich ja für den Elternbeirat.

Was unterscheidet Sie von der früheren deutschen TV-Moderatorin Eva Herman, die mit ihrem konservativen Familienbild negativ in die Schlagzeilen geriet?
Ich will nicht als die Eva Herman der Schweiz angesehen werden. Sie hat sich 20 Jahre im Beruf ausgetobt und sagt jetzt, alle Mütter, die arbeiten gehen, schaden ihren Kindern. Davon möchte ich mich ganz klar distanzieren. Das finde ich total daneben.

Sie haben keine Lust auf die Rolle der Mutter der Nation?
Nein, ich bin nicht die Mutter der Nation (lacht).

Besteht nicht auch die Angst vor einem Loch?
Ich pendle schon zwischen leichten Stresssymptomen, wenn ich daran denke, dass ich am 31. rauslaufe und Tschüss sage. Ich habe schliesslich fast die Hälfte meines Lebens beim Schweizer Fernsehen verbracht.

Fernsehschaffende sind eitle Menschen. Wie sehr schmerzt es Sie, dass Ihr Abgang nun mit der Kritik an der «sportlounge» in Zusammenhang gebracht wird?
Was mir wehtut ist, wenn eine Kritik ins Persönliche geht und ungerechtfertigt draufgehauen wird. Das tut weh und ärgert mich auch. Kritisiert wurde ja in erster Linie eine Sendung, die Premiere. Ich sage klar: In letzter Zeit hatten wir gute Sendungen, ich habe gut moderiert. Klar, wenn jemand will, findet er in jeder Sendung Kritikpunkte. Heute hat jeder das Gefühl, seine Meinung sei die einzig richtige. Ich bin sehr selbstkritisch. Manchmal sogar so sehr, dass ich mich selber für Sachen gegeisselt habe, wo andere gemeint haben: Spinnst du? Ich gehe mit einem guten Gefühl.

Aber eine andere Sendung zu moderieren, ist keine Option?
Nein. Ich bin 45. Frauen haben eine kürzere Haltbarkeit am Bildschirm als Männer. Dessen bin ich mir bewusst: Wir haben 15 Jahre weniger Zeit. Ich weiss nicht, ob ich mir das antun würde. Jetzt mit HDTV sowieso nicht. Da sieht man alles (lacht).

Sari, du sollst das letzte Wort haben: Worauf freust du dich am meisten, wenn deine Mutter jetzt mehr zu Hause ist?
Sari: Hm . . . dass sie bei uns ist.

Hast du das vermisst?
Sari: E bitzeli.

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