Spätestens 2030 sollen Menschen bis zum Mars reisen können. So lautet zumindest das Ziel von US-Präsident Barack Obama, wie er diese Woche bekannt gab. Charlie Duke, der diese Woche in Luzern weilte, erfährt beim Interviewtermin mit der «Schweiz am Sonntag» von der eben verkündeten Marschroute der USA. «Das sind aufregende Nachrichten», freut sich der 81-Jährige, der vor 44 Jahren auf den Mond reiste und sich noch immer an jedes Detail erinnert.

Herr Duke, ist es realistisch, dass wir 2030 auf dem Mars landen?
Charlie Duke: Wenn es darum geht, mit einer Crew dorthin zu reisen und den Planeten zu umrunden, dann ja, das sollte möglich sein. Allzu lange könnten wir aber nicht dortbleiben, da dem Raumschiff der Antrieb ausgehen würde. Die Reise allein würde eineinhalb bis zwei Jahre dauern. Aber ich bin froh, hat Präsident Obama diese Devise herausgegeben. Er hatte zuvor ja das Constellation-Programm von George W. Bush eingestellt, mit dem wir wieder auf den Mond geflogen wären. Seither fehlte ein Ziel.

Weshalb?
Ich weiss es nicht. Obama muss sich um andere Themen kümmern, die ihn mehr zu interessieren scheinen. Mal schauen, ob ich 2030 noch da bin (lacht).

Würden Sie zum Mars fliegen?
Nein. Heute nicht mehr. Die Reise dauert zu lange. Wissen Sie, ich habe neun Enkelkinder, da wird mir auf der Erde nicht langweilig. Der Gedanke, sie eineinhalb Jahre nicht zu sehen, gefällt mir nicht. Aber ich würde liebend gerne nochmals auf den Mond.

In den 60er-Jahren herrschte ein grosser Pioniergeist in der Raumfahrt. Ist dieser Geist verloren gegangen?
Ich denke schon. Wir sind seit 1961 regelmässig im Weltall, da hat sich eine gewisse Sättigung in der Gesellschaft entwickelt. Denken Sie an früher, an die Gebrüder Wright, die Erfinder des Flugzeugs. Die Faszination war riesig. Charles Lindbergh flog als Erster über den Atlantik. Unglaublich! Und dann kamen die Passagierflugzeuge. Heute fliegen Hunderte von Jumbojets und A380 durch die Welt, und niemanden interessiert es. Ausser sie stürzen ab. So funktionieren wir leider.

Sind Sie enttäuscht?
Mich stört vor allem, dass wir selber nicht zu den internationalen Raumstationen fliegen können, sondern die Russen dafür bezahlen müssen. Deshalb hoffe ich, dass private Firmen wie Boeing oder SpaceX von Tesla-Gründer Elon Musk bald amerikanische Astronauten ins All transportieren können.

Wen sehen Sie in diesem Wettrennen vorne?
Mir gefällt Elon Musk. Er hat bewiesen, dass sich die Investitionen von Nasa in seine Firma gelohnt haben. Musk ist wohl der smarteste von allen. Er ist ein Visionär.

Früher war die Nasa die Visionärin.
Ja. Und heute sind es Unternehmer. Manche sprechen von der Kommerzialisierung des Weltalls. Früher sagte die Nasa: Wir brauchen ein Raumschiff mit diesen und jenen Gadgets. Und dann baute es jemand. Heute kommt Elon Musk zur Nasa und sagt: Das biete ich euch an, wollt ihr es?

Auch Amazon-Inhaber Jeff Bezos will den Mars kolonialisieren. Verrückt?
Davon halte ich nicht allzu viel. Ich finde es toll, wenn wir das Weltall erforschen und entdecken, aber wir müssen es nicht unbedingt kolonialisieren.

Vielleicht schon, wenn wir unseren Planeten mit der Zeit zerstören.
Ich glaube nicht wirklich an all die Klimaerwärmungstheorien. Die Erde ist zu stabil. Und wenn Sie denken, die Erde gehe zugrunde, weshalb würden Sie dann auf einen Planeten wie den Mars gehen, wenn Sie nicht mal draussen leben können. Das ergibt für mich keinen Sinn.

Als Sie vor 44 Jahren zum Mond flogen, dachten Sie damals, wir würden bis heute mehr Planeten bereist haben?
Klar. Als wir dort oben waren, wurde gerade das Budget für das Spaceshuttle-Programm abgesegnet. Ich dachte damals, wir würden bald eine wissenschaftliche Station auf dem Mond errichten. Das fände ich spannend, denn es gibt dort noch viel zu erforschen.

Wurde die Nasa zu ängstlich?
Ich denke schon. Die Risikoaversion ist grösser geworden. Heute würde niemals ein Flug wie Apollo 8 beglaubigt. Der erste bemannte Flug zum Mond war meiner Ansicht nach das risikoreichste Programm. Aber es hat trotzdem funktioniert. Heute fehlt die Bereitschaft, solche Risiken einzugehen.

Das überrascht doch irgendwie. Heute steckt mehr moderne Technologie in einem Smartphone als damals in Ihrer Raumfähre.
Hardware bleibt Hardware. Die Software ist zweitrangig. «Houston, we have a problem.» Dieser Hilferuf von Apollo 13 erreichte in wenigen Sekunden die Erde. Wenn Sie vom Mars aus sagen «Houston, we have a problem», dann dauert das 15 Minuten, bevor jemand Hallo sagt. Dort oben sind Sie allein. Weit, weit weg. Das zeigt auch der Film «Der Marsianer» mit Matt Damon. Auch wenn Hollywood natürlich etwas übertrieben hat (lacht).

Sie haben Apollo 13 erwähnt. Die Mission endete beinahe in einer Katastrophe. Sie waren Reservepilot. Sagten Sie sich da irgendwann mal, okay, das ist zu gefährlich?
Nein, nie. Wir hatten alle Erfahrung als Test- und Kampfpilot. Und wir haben jede Notsituation im Simulator zigfach geübt. Unsere Einstellung war damals: Wir müssen weitermachen, wir müssen nach vorne schauen.

Wie nervös waren Sie beim Start zur Mondreise am 16. April 1972 im Kennedy Space Center in Florida?
Nicht nervös, aber extrem fokussiert. Und aufgeregt. Angespannt. Enthusiastisch. Wir sagten uns einfach «let’s go», lasst uns diese grosse Rakete reiten!

Der Flug dauerte 72 Stunden. Eine lange Zeit?
Nicht wirklich, wir hatten immer etwas zu tun. Auch Forschung. Wenn man ins Weltall reist, sieht man so etwas wie Blitzlichter, wenn man die Augen schliesst. Fast wie ein Feuerwerk. Es war kosmische Strahlung, die auf die Retina traf. Das haben wir untersucht.

Aber Sie waren zu dritt auf engem Raum.
Das stimmt. Wir mussten ordentlich sein, wie in einer kleinen Wohngemeinschaft. Mit einem Unterschied: Wenn man etwas nicht wieder an den ursprünglichen Ort zurückgestellt hat, schwebte es irgendwohin, und man fand es nicht mehr.

Eine Wohngemeinschaft mit einer spektakulären Aussicht.
Auf jeden Fall. Die Erde, der Mond, die Dunkelheit. Es ist schwer, die Lebendigkeit dieser Finsternis zu beschreiben. Man kommt nicht mehr aus dem Staunen raus. Man weiss, dass der Raum draussen voll von Sternen ist, aber man sieht sie nicht.

Was hat Sie beim Betreten des Mondes am meisten überrascht?
Das Terrain. Es hat viele mehrere Meter tiefe Löcher.

Sie hatten ein Gefährt dabei, einen Moonrover. Wie ist es, auf dem Mond Auto zu fahren?
John Young, unser Kommandant, war am Steuer. Ich war nur Navigator. Es war sehr holprig, aber die Federung des Moonrovers war zum Glück gut und wir hatten Sitzgurten. Mindestens ein Rad war immer in der Luft. Plötzlich tauchte wieder ein Krater auf, der nicht auf unserer Karte eingezeichnet war. John musste einiges schwitzen. Ich hingegen genoss die Aussicht, schoss Bilder und beschrieb Houston das Gesehene. Ich war wie ein Reiseführer in Sizilien. «Hier auf Ihrer Rechten sehen Sie dies und das», und so weiter (lacht).

Wie war die erste Nacht? Hatten Sie Mühe, einzuschlafen?
Oh ja! Ich war hellwach, konnte es nicht erwarten, den Mond zu erkunden. Zudem hatte ich die Kommandozentrale über Funk im Ohr. Ich nahm dann eine Schlaftablette und konnte vier Stunden schlafen. Die nächsten beiden Abende war ich dann aber so erschöpft von den Einsätzen draussen, dass ich sofort einschlief.

Und wie war der Gang aufs WC?
Auf dem Mond ging es ganz gut, dort gibt es Anziehungskraft. Am einfachsten war es, sich nackt auszuziehen und das Geschäft in einem Sack zu erledigen. Fürs Urinieren gab es eine Art Pissoir. Man gewöhnt sich daran.

Sie haben ein Bild von Ihrer Familie auf dem Mond niedergelegt. War es belastend, zu wissen, dass Ihre Frau und Ihre beiden Söhnen auf der Erde sind und sich Sorgen machen?
Nicht wirklich. Wir wohnten damals in Houston, Texas. Ich arbeitete aber in Florida, war also oft nur an den Wochenenden zu Hause. Jahrelang. Oft störte ich die Familienroutine, wenn ich heimkam. Ich wollte meinen Buben eine Freude machen und sagte ihnen, ich nehme euch mit auf den Mond. Dort liegt das Foto noch immer.
Was denken Sie, weshalb glauben noch immer viele Menschen, die Mondlandungen seien in einem Studio aufgenommen worden?
Keine Ahnung. Die Beweise sind eindeutig. Ich habe mit Zweiflern gesprochen. Sie sehen Fäden, wo keine sind, und so weiter. Man kann es ihnen zehnmal erklären, aber sie hören nicht zu.

Auf dem Mond scherzten Sie und Ihre Kollegen auch herum. Beinahe mit schlimmen Folgen.
Ja, wir führten Olympische Spiele durch, hüpften so hoch wie möglich. Wir hatten Spass. Das Problem war, dass wir das nie geübt hatten. John Young begann zu springen. Und dann ich. Aber das Lebenserhaltungssystem auf meinem Rücken wog so schwer wie ich. Es drückte mich nach hinten. Ich wusste sofort, dass ich in Schwierigkeiten war. Zum Glück reagierte ich rasch und drehte mich nach rechts. So konnte ich den Sturz abfedern.

War es verantwortungslos?
Oh ja, ich wäre auf dem Mond beinahe gestorben. John kam dann zu mir, als ich auf dem Boden lag, schaute mich an und sagte: Das war wohl nicht so clever, Charlie.

Und Houston?
Sie sagten uns: Eure Olympischen Spiele sind vorbei!

War die Rückkehr zur Erde genauso aufregend wie die Reise zum Mond?
Es war spektakulär. Überall blitzte es. Schneller und schneller. Und plötzlich ist das Raumschiff von einem Feuerball umhüllt. Wir wurden mit 7,5 G-Kraft in die Sitze gedrückt. Die Fallschirme öffneten sich. Und päng! Wir landeten im Ozean. Der Aufprall war hart, ich sah nur noch Sternchen.

Waren Sie glücklich, zurück zu sein?
Auf jeden Fall. Die Mission war erfolgreich und wir wollten allen mitteilen, was wir erlebt hatten.

Auf der Erde waren Sie plötzlich Mitglied des exklusivsten Clubs, jenem der Moonwalker. War es schwierig, dass fast niemand Ihre Erfahrungen nachvollziehen konnte?
Ich war einfach glücklich. Die Mission war eine Ehre und erfüllte mich mit Demut. Aber klar, John Young und ich wollten am liebsten nochmals zum Mond. Wir waren Ersatzpiloten für Apollo 17 und hofften insgeheim, die Crew würde krank (lacht).

Danach wurde das ApolloProgramm eingestellt ...
Da dämmerte uns, dass wir uns fragen mussten: Was jetzt?

Wurde Ihnen langweilig?
Nein. Wir tourten noch eine Weile durch die USA. Das half, den Enthusiasmus wachzuhalten. Danach nahm ich einen Job in Washington D.C. an, doch nach zwei Jahren, oft weg von meiner Familie, gab ich die Stelle auf. Darauf arbeitete ich für die Spaceshuttle-Programme. Aber das war nicht das Gleiche. In jener Zeit hatten meine Frau und ich Eheprobleme. Und so entschloss ich mich, die Nasa zu verlassen.

Sie wurden Geschäftsmann.
Auch das war eine Herausforderung. (Überlegt lange) Jemand sagte mir mal: Es gibt einen Unterschied, seine Ziele zu erreichen und einen Sinn im Leben zu haben. Man kann seine Ziele erreichen, aber weiterhin nach dem Sinn suchen. Das war bei mir der Fall. Da realisierte ich, mein Sinn im Leben ist es, Gott zu dienen. Ich wurde gläubiger Christ. Das rettete meine Ehe und veränderte meine Beziehung zu meinen Kindern und Freunden.

Und wie dienen Sie Gott?
Ich glaube, er will, dass ich weiterhin über die Apollo-Zeit spreche, Kinder für die Weltraumfahrt ermutige. Ich will sie inspirieren, grosse Träume zu haben.

Ihr kürzlich verstorbener Nasa-Kollege Edgar Mitchell, der ebenfalls auf dem Mond war, begann nach seiner Rückkehr ausserirdisches Leben zu erforschen. Glauben Sie auch an Aliens?
Nicht wirklich. Ich finde es gut, dass es erforscht wird. Aber bis jetzt gibt es dafür keine Beweise und die Nasa hat schon sehr viel Geld dafür ausgegeben. Ich habe kein Problem mit ausserirdischem Leben. Und falls es existiert, dann hat es Gott erschaffen.

Am 8. November wählen die USA einen neuen Präsidenten. Haben Sie sich schon für einen Kandidaten entschieden?
Ja, aber das verrate ich Ihnen nicht. Weder Clinton noch Trump haben in den TV-Debatten bisher über die Weltraumfahrt gesprochen. Das ist schade.

Auf Einladung von SwissApollo:
Charlie Duke weilte diese Woche auf Einladung der Organisation «SwissApollo» in der Schweiz. Sie will an die Apollo-Missionen erinnern sowie an die Beteiligung der Schweiz an den Abenteuern. «SwissApollo» organisiert regelmässig Anlässe mit Weltraum-Pionieren, um Menschen für die Weltraumforschung zu inspirieren. Charles «Charlie» Duke war der zehnte und mit damals 36 Jahren auch der jüngste Mensch auf dem Mond. Duke wuchs in South Carolina auf und besuchte später die US-Marineakademie. Er diente als Kampfpilot in Deutschland und schloss 1964 sein Studium als Luftfahrtingenieur am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ab. 1966 heuerte er bei der Nasa an. Bei Apollo 11, der ersten Mondlandung, übernahm er die Rolle des Capcom, des Verbindungssprechers zwischen Astronauten und Bodenstation. Während Apollo 13 war er Ersatzpilot. Duke lebt in Texas, ist verheiratet, hat zwei Söhne und neun Enkelkinder.