VON PATRIK MÜLLER UND NADJA PASTEGA

Herr Bischof, geht es nach dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg, haben Kruzifixe in italienischen Schulzimmern nichts verloren. Was sagen Sie dazu?
Kurt Koch: Unsere Gesellschaft ist voll von Zeichen, es gibt sie in der Armee, bei der Polizei oder bei der Dorfmusik. Das ist nie ein Problem. Ein Problem gibt es immer nur bei religiösen Zeichen. Das weist auf ein gebrochenes Verhältnis der europäischen Gesellschaften zur Religion hin.

Religiöse Symbole müssen sichtbar sein dürfen?
Ja. Wenn Religion weiterhin aus der Gesellschaft abgedrängt wird, mache ich mir grosse Sorgen, ob der interreligiöse Dialog je gelingt. Zudem ist es nun wirklich ein Unterschied, ob man Kruzifixe in Italien verbietet, wo die Mehrheit nach wie vor katholisch ist, oder in einem ehemaligen Ostblockland, wo vielleicht nur neun Prozent Christen sind. Die verschiedenen Traditionen in den einzelnen Ländern kann ein Europäischer Gerichtshof offenbar nicht mehr respektieren.

Was bedeutet das Strassburger Urteil für die Schweiz?
In der Schweiz gibt es ja auch so einen eigenartigen Bundesgerichtsentscheid: Wenn sich Einzelne an einem Kruzifix im Schulzimmer stören, muss man es entfernen. Das Kruzifix ist kein Problem, solange niemand reklamiert. Wenn aber jemand sich beschwert, tut man es weg. Das heisst de facto, dass heute je länger, je mehr eine Minderheit entscheidet, was gelten soll. Das ist eine neue Form von Demokratie, die sich bisher nach Mehrheiten gerichtet hat. Darüber müssen wir nachdenken.

Wie weit soll die Sichtbarkeit von religiösen Zeichen gehen? Es könnte auch ein islamischer Lehrer auf die Idee kommen, in seinem Schulzimmer islamische Symbole aufzuhängen.
Nein, weil kein christlicher Lehrer in einem islamischen Land auf die Idee käme, ein Kreuz in einer öffentlichen Schule aufzuhängen. Die europäischen Länder müssen sich besser bewusst werden, ob sie ihre Wurzeln, die eindeutig im Christentum liegen, nach wie vor als gültig betrachten oder vergessen wollen.

In Schweizer Schulzimmern soll es keine islamischen Symbole geben?
Die Schule ist eine öffentliche Institution. Da sollen Zeichen aufgehängt sein, die der Kultur des Landes entsprechen. Das ist bei uns das Christentum. Ich habe das sehr schön erlebt in einem Dorf, wo eine Ordensschwester Unterricht gibt. Sie tut das seit 20 Jahren. Jetzt regte sich einer über den Schleier der Ordensschwester auf. Es waren auch muslimische Frauen, die Partei für diese Schwester ergriffen und gesagt haben, es sei doch selbstverständlich, dass sie einen Schleier trage. In islamischen Ländern würde man sich auch nach den dortigen Bräuchen richten. Das scheint mir ein fairer Umgang miteinander zu sein.

Sie haben in einer Predigt in Olten das Kruzifix-Verbot der Strassburger Richter mit deutlichen Worten kritisiert. Was hatten Sie für Reaktionen?
Ich wollte an sich nichts dazu sagen. Aber ich fand, wenn das gar niemand anspricht, muss man einfach mal diese Stimme in die Öffentlichkeit bringen. Diejenigen, die mich darauf angesprochen haben, waren dankbar.

Hätten Sie sich Unterstützung aus der Politik erhofft?
In Deutschland, Österreich und Italien haben Politiker Stellung genommen zu diesem Gerichtsentscheid. Nur in der Schweiz ist es ruhig geblieben. Das hat mich schon erstaunt.

Insbesondere von der CVP hätte man eine Stellungnahme erwarten dürfen.
Ich erwarte das von allen Parteien. Wir haben als Land die gleichen Wurzeln, ob man nun in der CVP, SP, SVP oder FDP ist.

Anders als das Kruzifix-Verbot ist die Anti-Minarett-Initiative ein grosses Thema in der Öffentlichkeit. Befürchten Sie, dass diese Diskussion Geschirr zerschlagen könnte?
Während laufender Abstimmungen äussere ich mich nicht dazu. Die Bischofskonferenz hat früher Stellung genommen. Derzeit gibt es die Kontroverse, ob es sich beim Minarett um ein religiöses oder ein politisches Zeichen handelt. Das geht quer durcheinander. Das macht die Diskussion schwierig.

Können Sie verstehen, dass viele Christen gewisse Ängste haben bezüglich der Ausbreitung des Islam?
Ich kann verstehen, dass diese Ängste vorhanden sind. Und man muss sie ernst nehmen. Was mich betrübt, ist, dass das erst verbalisiert wird, wenn die christlichen Werte infrage gestellt scheinen. Ansonsten hat man nicht den Eindruck, dass sich die Schweiz als ein besonders christliches Land versteht. Wenn man bei schönem Wetter auch so klar wäre wie jetzt bei schlechtem Wetter, würde es mir mehr Freude machen.

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