Ende nächster Woche beginnt die EM. Valon Behrami sitzt im Garten des Hotels Villa Sassa in Lugano. Dort, wo sich das Schweizer Nationalteam zwei Wochen auf das Fussball-Highlight des Jahres vorbereitete. Er, der sich als Jugendlicher zwischen Fussball und Leichtathletik entscheiden musste, gewährt tiefe Einblicke in sein Denken.

Valon Behrami, als 4-jähriger Knirps emigrierten Sie mit Ihren Eltern in die Schweiz. Wie haben Sie das Land entdeckt?
Valon Behrami: Zuerst einmal haben wir eineinhalb Monate in einem Hotel gewohnt. Als wir dann endlich in unsere neue Wohnung kamen, sah ich ein rotes Sofa, eingehüllt in Folie. Ich habe das Sofa gestreichelt, als wäre es ein Haustier. Immer wieder. Danach hat meine Mutter gekocht. Zwei Monate hatte ich zuvor nicht mehr gegessen, was sie so gut kocht.

Wie fanden Sie sich zurecht in der Schweiz?
Am Anfang war das noch etwas schwierig, schliesslich sprach ich kein Italienisch zu der Zeit. Aber nach drei, vier Monaten wurde es immer besser. Ich war immer beschäftigt. Begann bald einmal mit Leichtathletik. Etwas anderes war viel schwieriger: die ständige Angst in den Augen meiner Eltern zu sehen.

Weil Ihre Familie fast vier Jahr warten musste, bis sie Asyl erhielt?
Ja. Für ein Kind stellt sich diese Frage ja nicht. Ein Kind kann nicht einschätzen, wie sich das Leben entwickeln wird. Aber ich fühlte diesen Druck, der meine Eltern belastete. Die Angst, zurückgeschickt zu werden. Und natürlich auch die Sorge wegen des Krieges im Land, das sie verlassen hatten. Das war schwierig.

Wenn Sie heute auf diese Zeit zurückblicken – welche Gefühle dominieren?
Dankbarkeit. Eindeutig. Ich bin der Schweiz auf ewig dankbar, dass sie uns aufgenommen hat. Ich habe grosse Achtung vor dem Respekt, der uns entgegengebracht wurde. Heute bin ich professioneller Fussballer, ich habe Geld, alles was ich will, ist leicht. Aber wenn ich vergessen würde, was ich der Schweiz alles zu verdanken habe, das wäre schlimm. Ich habe gearbeitet, ich habe mich reingehängt, so gut es eben ging, um dahin zu kommen. Aber es war die Nation Schweiz, die am Ursprung meiner Reise stand. Das habe ich schon immer gesagt. Ohne die Schweiz gäbe es den Fussballer Behrami nicht.

Einst gab es in Ihrer Heimat eine Petition, die 2000 Personen unterschrieben, um zu erwirken, dass Ihre Familie in der Schweiz bleiben darf.
Ja, das war in Ligornetto, dem Dorf, wo ich Leichtathletik gemacht habe. Sie halfen uns, dass wir bleiben dürfen. So etwas zu erleben, ist unbeschreiblich.

Wie sah Ihr Leben als junger Fussballer aus?
Wir wohnten in Stabio, das ist ungefähr 25 Kilometer von Lugano entfernt. Fussball spielte ich aber beim FC Lugano. Ich war 14-jährig, musste am Morgen um 6.30 Uhr los von zu Hause mit einem riesigen Sack mit den Fussballsachen drin – und auch noch jenen für die Schule. Die Schule dauerte bis um 14.30 Uhr. Danach wartete ich ungeduldig, bis das Training endlich begann. Ich war immer der Erste auf dem Trainingsgelände. Vor 21 Uhr war ich nie zu Hause. So war mein Leben damals. Das war nicht einfach. Wer Fussballer werden will, muss so etwas auf sich nehmen. Aber eine Garantie, dass du es schaffst? Nein, die gibt es nicht.

Sie haben in Ihrer Karriere neben der Schweiz viele Länder gesehen. Italien, England, Deutschland.
Wie nehmen Sie die Schweizer Bevölkerung wahr im Vergleich? Zurückhaltender?

Das hat etwas Wahres. In der Schweiz spüre ich im Vergleich zu anderen Ländern manchmal eine gewisse Distanz. Das stört mich ein bisschen. Weil ich eigentlich genau derselbe Mensch sein möchte wie früher. Ich würde mir wünschen, dass mir die Leute genau gleich begegnen wie damals, als ich ein unbekannter 16-Jähriger war.

Haben Sie in Ihrem Leben häufig Ausländerfeindlichkeit gespürt?
Als Kind merkte ich nie etwas davon. Die entscheidende Phase beginnt an dem Punkt, wo du etwas erreichst im Leben. Dann beginnen die Leute, gut oder schlecht über dich zu reden. Worte wie «du bist ein Ausländer, du gehörst nicht zu uns», habe ich zum Glück nie erlebt. Vielleicht auch, weil ich immer grundehrlich gesagt habe, was ich denke. Manchmal hat es mir das Leben nicht vereinfacht. Aber die Leute merkten: Aha, das ist Valon, so denkt er, und er verändert sich nicht.

Ihre Dankbarkeit gegenüber der Schweiz betonen Sie immer wieder. Trotzdem gibt es Leute, die nicht verstehen können, wenn Sie die Nationalhymne nicht singen. Und es gibt Leute, die über Ihre Tattoos lästern wie den albanischen Adler oder die Flagge Kosovos.
Was ändert sich denn, wenn ich die Schweizer Nationalhymne singe? Ich habe nicht das Gefühl, dass ich eine patriotische Kampagne aufführen muss für die Schweiz. Sondern dass ich auf dem Platz immer alles gebe für das Team, für das Land. Ich komme aus einem Land, wo Krieg herrschte. 42 000 Menschen sind gestorben, darunter Mitglieder meiner Familie. Andere, meiner Familie nahe stehende Menschen haben ihr Zuhause plötzlich verloren. Ich gestatte niemandem, über meine Tattoos zu urteilen, der nicht denselben Hintergrund haben und fühlen kann wie ich. Und genauso wenig sollte jemand darüber urteilen, ob ich die Hymne singe oder nicht. Wenn mich jemand dafür kritisiert, dass ich auf dem Platz schlecht gespielt habe, ist das kein Problem! Wenn es denn stimmt … (schmunzelt)

Ihr erstes Spiel für die Schweizer Nationalmannschaft haben Sie vor über zehn Jahren bestritten. Seither ist vieles passiert. Sie sind vom Aussenseiter zum Vize-Captain aufgestiegen.
Ich sage Ihnen nun etwas, das ich so noch nie betont habe: In den ersten zwei Jahren, da hatte ich eigentlich gar keine Lust, ins Nationalteam einzurücken.

Warum?
Ich habe mich nicht akzeptiert gefühlt. Niemand hat mir geholfen. Niemand hat versucht, mich zu integrieren. Niemand hat mit mir gesprochen.

Niemand?
Ok, vielleicht Johan Vonlanthen ab und zu. Aber er war auch jung wie ich, hatte dasselbe Problem. Und vielleicht ab und zu noch Barnetta oder Senderos. Aber sonst? Man hat meine Frisur betrachtet, meine Tattoos, ich habe gespürt, wie hinter meinem Rücken über mich gesprochen wurde. Es hätte vielleicht schon gereicht, wenn manchmal einer auf mich zugekommen wäre und gefragt hätte: «Hey, wie gehts?» Diese Erfahrungen helfen mir heute. Ich weiss, was ein Junger braucht, der neu in ein Nationalteam kommt. Ich möchte nicht, dass einer so etwas erleben muss wie ich damals.

Ihre Position in der Hierarchie hat sich seit dem Rücktritt von Torhüter Diego Benaglio und Ex-Captain Gökhan Inler noch einmal nach oben verschoben. Wie nehmen Sie Ihre veränderte Rolle wahr?
Der Fussball ist schnelllebig. Wenn einer abtritt, dann kommt der Nächste. Das ist der natürliche Verlauf. Ich selbst bin nicht der Typ «Kommandant», der von oben herab alles dirigiert. Ich möchte meinen Mitspielern helfen. Wenn einer einmal nicht gerade sprüht vor Lust in einem Training, gibt es dafür vielleicht Gründe. Diese möchte ich erfahren.

Ottmar Hitzfeld hat auf Sie gesetzt. Trotzdem hat man das Gefühl, dass Sie unter Vladimir Petkovic nochmals an Einfluss gewonnen haben. Sehen Sie das auch so?
Wir kennen uns gut, wir verstehen uns super und wir respektieren uns immer. Und klar tut es gut, einen Trainer zu haben, der sehr häufig mit mir spricht, mich nach meiner Meinung fragt. Aber das bedeutet nicht, dass ich deswegen Immunität geniesse. Oder vorher unzufrieden war.

Es dauert nur noch wenige Tage bis zur EM. Die Schweiz startet gegen Albanien, es ist das Duell der Blutsbrüder. Mehrere Schweizer Spieler haben Wurzeln im Balkan. Wie speziell ist diese Konstellation für Sie?
Ja, das ist ein Sonderfall. Die Ambiance wird heiss, klar. Wir dürfen einen Fehler nicht machen: Uns auf die Emotionalität der Albaner einlassen. Wenn wir unseren Fussball spielen, ruhig bleiben, unsere Nerven kontrollieren, dann haben wir mehr Qualitäten. Wenn wir uns aber in Emotionen verzetteln, wird es schwierig. Natürlich werde ich mit jenen darüber sprechen, die wegen ihrer Wurzeln – wie ich – etwas aufgeputscht sein könnten. Ich werde dafür sorgen, dass alle nur an Fussball denken. Ich musste das ja auch lernen in der Vergangenheit.

Die Schweiz hat die Erfahrung, gegen Albanien zu spielen, bereits in der Qualifikation für die WM
in Brasilien gemacht. Es gab damals zwei Siege …

… obwohl wir nicht überragend spielten. Aber an diese Erlebnisse müssen wir anknüpfen. Wir blieben ruhig, obwohl uns die Leute ausgepfiffen haben.

Wo war es spezieller? In Albanien oder in der Schweiz?
In der Schweiz. Aber das ist auch eine Geschichte, die ich nicht verstehe.

Nämlich?
Ich habe kürzlich mit meinen Eltern darüber gesprochen: Wie kann es sein, dass Albaner in der Schweiz heftiger pfeifen und gröbere Beleidigungen rufen als in Tirana? Es gibt viele Albaner in der Schweiz, die haben fast die gleiche Geschichte wie wir. Sie kamen hierher, mussten sich zurechtfinden, sich hocharbeiten. In der Zeit, als viele Albaner in die Schweiz kamen, gab es viele Probleme. Es gab das Bild des kriminellen Albaners. Ich glaube, wir können dank des Fussballs einen Teil dazu beitragen, dass die Leute ein anderes Bild über Albaner bekommen.

Der Kosovo darf endlich mit seiner eigenen Nationalmannschaft antreten. Granit Xhaka hat kürzlich gesagt, er werde weiter für die Schweiz spielen. Und Sie?
Ich? (lacht) Ich bin schon 31 Jahre alt. Meine internationale Karriere neigt sich dem Ende zu. Nein, ich denke nicht, dass ich für den Kosovo spielen werde.

Aber Trainer könnten Sie einmal werden …
Nein, nein, nein. Wissen Sie, was das bedeuten würde, mit 25 Typen wie mir umzugehen? Nein danke! Da würden mir alle Haare ausfallen vor Stress. Und ich liebe doch meine Haare (lacht heftig). Im Ernst: Es gibt noch einen anderen Punkt, der mir wichtig ist. Es wäre ein fatales Signal, wenn Spieler wie Xhaka, Shaqiri oder ich plötzlich für den Kosovo spielen würden. Auch für 16-, 17-jährige Spieler mit kosovarischen Wurzeln, die derzeit ihre fussballerische Ausbildung in der Schweiz machen.

Können Sie das präzisieren?
Die Gedanken in der Schweiz wären doch: Warum sollten wir in Spieler mit kosovarischen Wurzeln investieren, wenn sie dann bei erstbester Gelegenheit gleichwohl gehen? Das darf nicht passieren. Wir haben auch eine Verantwortung für diese jungen Spieler. Und ich finde, sie sollten auch weiterhin für die Schweiz spielen. Wenn es dann nicht reicht für einen Platz im A-Team, gibt es immer noch Alternativen mit dem Kosovo und Albanien. Und am Ende profitieren alle Nationen.

Wie sehen Sie der EM entgegen? Von aussen betrachtet, scheint die Überzeugung in die eigene Stärke weniger gross als vor der WM 2014.
Diese Ansicht teile ich nicht. Mein Vertrauen in unsere Gruppe ist sogar noch grösser. Ich denke, wir haben einen Schritt nach vorne gemacht. Die vergangenen Tage im Trainingscamp in Lugano bestätigen mich in dieser Ansicht.

Die Geschichte der Schweiz an der WM 2014 ist unzertrennbar mit Ihnen verbunden. Ihr famoser Ritt über das ganze Feld in der 93. Minute des Schweizer Auftaktspiels gegen Ecuador, der zum 2:1 geführt hat. Löst die Erinnerung daran auch bei Ihnen noch heftige Emotionen aus?
Auf jeden Fall. Die ganze Szene ist hoch emotional. Ich sehe mich vor dem inneren Auge zum Tackling ansetzen im eigenen Strafraum. Ich bin mir bewusst: Wenn ich den Ball nicht treffe, gibt es Penalty. Dann verlieren wir den ersten Match. Riskieren das Out in der Gruppenphase. Und die Zeitungen sind voll mit negativen Kommentaren über mich. Aber ich habe alles gewagt für das Team. So bin ich.

Als Sie dann mit dem gewonnenen Ball nach vorne stürmten …
… gibt es ein Foul an mir im Mittelfeld. Ich fliege auf den Boden. Und schaue dem Schiedsrichter in die Augen. Er sieht, dass ich weiterspielen will, und lässt Vorteil laufen. Hätte er gepfiffen – er hatte die Pfeife schon im Mund –, das Siegtor wäre wahrscheinlich nicht entstanden.

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