Wiktor Juschtschenko war die Symbolfigur der Orangen Revolution in der Ukraine. Er führte das Land zusammen mit Julia Timoschenko in die Unabhängigkeit. Im Exklusiv-Interview mit dem «Sonntag» spricht Juschtschenko über den Giftanschlag auf ihn, die Aufstände in der arabischen Welt – und die Parallelen von Fukushima zu Tschernobyl.

Herr Juschtschenko, weiss Ihr 7-jähriger Sohn, dass Sie Präsident der Ukraine waren?
Wiktor Juschtschenko: Mein Sohn wollte zu Weihnachten unbedingt in den Europa-Park nach Rust fahren. Er hat mir gesagt: «Papa, wenn du nicht mehr Präsident bist, können wir endlich zusammen dorthin fahren.» Diese Antwort zeigt, dass mein Sohn begriffen hat, dass ich Präsident war (lacht).

Wie erklären Sie ihm, was Freiheit für ein Volk bedeutet?
Es gibt in der ukrainischen Sprache das Wort Kosak. Kosaken waren Reiter und freie Menschen. Ein Kosake zu sein, bedeutet stolz zu sein, ein Selbstwertgefühl und keine Minderwertigkeitskomplexe zu haben. Das bedeutet für mich auch Freiheit. Ich versuche, meinem Sohn diese Werte mit auf den Lebensweg zu geben. Ein Mensch kann nur dann glücklich sein, wenn er frei ist. Dafür muss man manchmal einen hohen Preis zahlen. Aber was ist die Alternative? Es kann doch nicht interessant sein, ein Sklave zu sein. Man kann sein Potenzial nur ausschöpfen, wenn man frei ist und in einem freien Land lebt.

Sind die Menschen in der Ukraine heute frei, stolz und glücklich?
Sie sind frei wie nie zuvor. Es ist kein Vergleich zu vor 10 oder 15 Jahren. Ganze Generationen haben von dieser Freiheit geträumt. Der Prozess ist aber noch nicht zu Ende. Wir müssen weiterkämpfen. Es ist für die ganze Nation ein harter Weg, denn Freiheit und Demokratie sind ein langer Prozess. Das Wort Demokratie auszusprechen, ist das eine, sie aber auch zu erreichen, ist das andere. Das passiert nicht von heute auf morgen. Die Freiheit ist sehr komplex, und sie muss erschaffen werden.

Und es braucht Mut dazu.
Es braucht auf allen Ebenen Mut. Nicht nur auf der persönlichen, sondern auch auf der kollektiven Ebene. Das Volk muss sich mit diesen Werten identifizieren. Es ist ein nationales Selbstbewusstsein nötig.

Das heisst konkret?
Ein echter Bürger zu sein heisst Verantwortung übernehmen für die Sprache, die Kultur, die Familie oder Werte wie Moral. Mit dieser Verantwortung muss man sich von morgens bis abends beschäftigten.

Wir leben in unruhigen Zeiten. Es gibt Aufstände in der arabischen Welt. Erinnert Sie das an Ihre eigene, an die Orange Revolution?
Wir leben in einer Welt, in der auch die Menschen in anderen Ländern viel gelernt haben. Sie suchen neue Identitäten und Ziele. Ich will es so erklären: Es gab die Zeit der Zaren, Könige und Monarchen. Jetzt gibt es einen Wechsel zu mehr Demokratie. Das Musterbeispiel für die direkte Demokratie ist ja Ihr Land, die Schweiz.

Wird es in Ägypten, Libyen oder Syrien effektiv mehr Demokratie geben oder werden die liberalen Kräfte wieder von Fundamentalisten abgelöst?
Jeder wünscht sich, dass die Demokratie gewinnt. Aber auf diesem Weg gibt es einige Stolpersteine und Gefahren. In den Ländern im arabischen Raum fehlen demokratische Strukturen. Diese müssen erst aufgebaut werden. Das beginnt bei der Gerichtsbarkeit und geht hin bis zu einem Parteiensystem. Das Risiko ist ziemlich gross, dass es schiefgehen kann. Aber noch viel riskanter wäre es, diesen Weg nicht zu beschreiten.

Was kann die Schweiz eigentlich von der Ukraine lernen?
Diese Frage habe ich nicht erwartet (lacht). Ich gehöre zu einer hochinteressanten Nation, die in Europa teilweise völlig unbekannt ist. Ich hoffe, dass sich dies von Jahr zu Jahr ändern wird. Viele Europäer und Schweizer werden nicht wissen, dass die erste Verfassung in Europa in der Ukraine entstand. Das war am 10. April 1710. Die Ukraine hat einen indirekten, aber grossen Einfluss auf den europäischen Demokratisierungsprozess, obwohl dies in Europa kaum jemand weiss. Unser Kulturerbe wird leider auch kaum in Ausstellungen gezeigt. Dabei ist es kolossal. Wir Ukrainer wohnen in einem schönen und zutiefst europäischen Land.

Wir geht Ihr Nachfolger Viktor Junkowitsch mit dem Erbe Ihrer Revolution um?
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass mein Nachfolger und alle, die noch kommen werden, keinen Prozess mehr einleiten können, der rückwärts gewandt ist. Meine Nation wird nie mehr in die Vergangenheit zurückgehen. Nach der Orangen Revolution wird unsere Nation die Freiheit auch nie mehr zurückgeben. Demokratie bekommt man nicht geschenkt.

Sie haben Ihren Einsatz für Demokratie beinahe mit dem Leben bezahlt. Wie ist Ihre Genesung nach der Dioxinvergiftung 2004 vorangeschritten?
Ich fühle mich so gut wie vor 7 Jahren.

Sie fühlen sich so gut wie vor dem Anschlag?
Ja, aber dafür musste ich 26 Operationen überleben. Die Konzentration dieses Giftes in meinem Blut war 50000-mal höher als normal. Niemand in unserem Land wusste, wie man mit diesem Gift umgehen muss. Es war völlig unbekannt und ich war ein echter Präzedenzfall. Für die Mediziner war es unglaublich kompliziert. Was die Ärzte in meinem Fall erreicht haben, ist unvorstellbar. Ich möchte ausdrücklich Dr. Zimpfer aus Wien und Professor Saurat aus Genf erwähnen. Sie haben eine enorme Leistung vollbracht. Wissenschafter haben mich gefragt, ob ich mein Dossier für die Medizin öffnen würde. Selbstverständlich bin ich dazu bereit. Es ist nur ein kleiner Beitrag, aber die Ärzte haben durch meinen Fall ein wenig mehr über Dioxinvergiftungen gelernt.

Es ist ein Wunder, dass Sie überlebt haben.
Der liebe Gott hat das entschieden. Ich weiss auch nicht, warum. Vielleicht hatte er eigene Pläne mit mir.

Wissen Sie, wer hinter dem Anschlag steckt?
Ja. Ich weiss das.

Sie hatten sich damals mit dem Chef des ukrainischen Inlandgeheimdienstes und dessen Stellvertreter getroffen. Noch in der Nacht hatten Sie erste Symptome. Werden die Verantwortlichen je bestraft?
Ich habe Hoffnungen, dass dies geschieht. Aber hier geht es nicht alleine um eine juristische, sondern auch um eine politische Dimension. Das ist nicht einfach ein Fall von Kriminalität, sondern von hoher Politik.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Ihnen irgendwann Gerechtigkeit widerfährt?
Das ist mir wichtig. Eine zentrale Komponente von Freiheit ist Gerechtigkeit. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich bereit wäre, den Tätern zu verzeihen, sage ich eindeutig Ja. Ich habe keine Rachegefühle.

Vor 25 Jahren hat sich in Ihrem Land die Katastrophe von Tschernobyl ereignet. Wie sehr hat Sie jetzt Fukushima erschüttert?
Das hat mich sehr getroffen. Ich habe stundenlang die Nachrichten verfolgt. Die Japaner sind mir als Nation sehr nahe und haben diese Katastrophe nicht verdient. Sie sind sehr fleissig, arbeiten hart und haben eine uralte Kultur. Sie sind auch sehr tolerant gegenüber anderen Nationen. Aber egal, wo sich ein solches Unglück auch ereignet, hätte es mich überall genau gleich erschüttert.

Was für Parallelen sehen Sie zu Tschernobyl?
Tschernobyl war insofern schlimmer, als sich dieses Unglück damals in einer geschlossenen, totalitären Gesellschaft abgespielt hat. Die Bevölkerung war überhaupt nicht informiert, was in Tschernobyl passiert ist. Ich erinnere mich an diesen Tag ganz genau. Ich lief mit meinen kleinen Kindern durch die Strassen. Das Wetter war schön und niemand hatte eine Ahnung, was sich ganz in der Nähe für eine furchtbare Tragödie abspielt. Es passierte ja am 26.April und nur Tage später fanden im Stadtzentrum von Kiew die 1.-Mai-Kundgebungen statt. Mit Hunderttausenden von Menschen, die eigentlich zu Hause hätten bleiben müssen. Doch sie liefen durch die Strassen, wie wenn nichts geschehen wäre – weil es keine Informationen gab.

Haben wir nichts aus Tschernobyl gelernt?
Das wäre zu einfach formuliert. Wir müssen akzeptieren, dass das Risiko steigt, wenn wir mit dieser hochtechnologischen Materie arbeiten. Die Menschheit zahlt dafür einen Preis. Es tut mir leid, aber man wird dieses Risiko nie auf null reduzieren können.

Wir haben also kein Restrisiko, sondern eine Restsicherheit?
Ein Sprichwort lautet: «Die kleinen Leute machen kleine Fehler, die grossen Leute machen grosse Fehler.» Es wird solche Fehler auch in Zukunft geben. Es ist nicht möglich, zu erwarten, dass es nie mehr Katastrophen geben wird und wir in einem Paradies leben. Dieser technologische Prozess bringt nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile.

Es wird die Atomkraft auch in Zukunft brauchen?
Das ist so. Es ist aber auch eine Realität geworden, dass unsere Ressourcen begrenzt sind und wir nach neuen Energien suchen müssen. Aber ohne Atomkraftwerke kann die Menschheit nicht weiter existieren. Selbstverständlich müssen alle Formen von alternativen Energien unterstützt werden. Aber das muss parallel dazu geschehen. Man wird leider nicht alleine mit erneuerbaren Energien erfolgreich sein.

Sie haben einen steilen Aufstieg hinter sich, wurden dann aber auch hart kritisiert. Hat Sie das kalt gelassen?
Ein Politiker darf nicht kalt sein. Er muss Wärme ausstrahlen. Das Wichtigste ist die eigene Überzeugung. Man muss von seinen Werten und seinen Schritten überzeugt sein. Und davon, dass die eigene Richtung die richtige ist. Als Politiker muss man auch unpopuläre Entscheide treffen, die dann von der Bevölkerung nicht vollumfänglich akzeptiert werden. Was man als Präsident macht, ist nicht reine Arithmetik. Deshalb musste ich manchmal auch zwei Schritte machen – mit dem Risiko, dass mich die eigene Bevölkerung nicht verstanden hat. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass man nicht richtig liegt.

Die Bevölkerung in der Ukraine hat die Auseinandersetzungen zwischen Ihnen und Ihrer früheren Weggefährtin Julia Timoschenko bis heute nicht verstanden.
Das stimmt. Aber auch die Europäer haben es nicht verstanden.

Dann erklären Sie mir, um was es geht.
Meiner Ansicht nach ist Julia Timoschenko die grösste Schwindlerin in der Politik. Das ist eine Tragödie. Sie hat angebliche Werte für den eigenen Populismus missbraucht. Mit der Politik von Frau Timoschenko kann man nichts erreichen. Es wird nicht funktionieren. Timoschenko ist der grösste Fehler in meinem Leben.

Haben Sie sich diesen Fehler denn selbst verziehen?
(zögert) Was zwischen mir und Frau Timoschenko passiert ist, fand nicht auf einer persönlichen Ebene statt. Ich war immer überzeugt, dass ein Politiker konkrete Schritte machen muss und kein Blabla abliefern sollte. Diese Arbeit macht man nicht für sich, sondern für die Zukunft seiner Nation. Ich bin überzeugt, Frau Timoschenko ist eine kluge und begabte Person. Aber sie hat keine Werte.


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