Sie musizieren, moderieren und studieren an der HSG St. Gallen Wirtschaft. Wie weit sind Sie?
Nicolas Senn: Im Herbst habe ich noch drei Kurse und muss dann meine Masterarbeit bis nächsten Sommer abgeben. Ich versuche, etwas zu erforschen, was mit meiner Tätigkeit als Musiker zu tun hat. Zum Beispiel neue Geschäftsmodelle im Musikgeschäft. Ich habe in meiner letzten Arbeit schon die Vermarktung und neue Produktionsformen von Tonträgern untersucht. Mit dem Verkauf von CDs verdient man ja praktisch nichts mehr. Solche Sachen interessieren mich, und davon profitiere ich auch als Musiker.

Was ist heute Ihre Haupteinnahmequelle?
Eindeutig die Musik. Zwei Drittel meines Alltags werden von der Musik, etwa ein Viertel von der Moderation in Anspruch genommen. Den kleinen Rest und ab und zu die Nachtstunden wende ich fürs Studium auf. Das geht nur, weil man in St. Gallen sein Studium relativ frei einteilen kann.

Was ist Ihr Ziel, wohin wollen Sie?
Aktuell hat die Musik absolut Priorität, hier möchte ich mich weiterentwickeln und auch mehr komponieren. Ich hatte aber nie in Stein gemeisselte Ziele, die ich verbissen verfolge. Ich hatte auch Glück und nahm einfach das, was sich mir anbot. Solange die Leute Freude daran haben, will ich es machen. Aber es ist nicht unbedingt mein Ziel, bis 65 meinen Lebensunterhalt mit Musik zu bestreiten. Insofern ist das Studium mein Plan B.

Sind Sie in zehn Jahren noch Moderator bei «Potzmusig»?
Im heutigen Medienzeitalter wäre es für mich eine Überraschung, wenn es die Sendung in zehn Jahren noch geben würde. Das Fernsehen ist schnelllebiger geworden. Volksmusik wird es am Fernsehen sicher noch geben. Es ist eher die Frage, ob es dann Fernsehen in der heutigen Form noch geben wird.

Wurden Sie auch angefragt, den «Stadl» zu moderieren?
Nein, nein. Das ist eine andere Liga, auch inhaltlich. In meinen Sendungen konzentriere ich mich auf die Schweizer Volksmusik. Dazu wird bei uns live gespielt. Meine Sendungen sollen authentischer sein als frühere Formate, wo Playback dominierte. Dagegen ist der «Musikantenstadl» ein Showformat, neu heisst er ja auch «Stadlshow». Der «Stadl» wird zwar für viele noch mit Volksmusik assoziiert, echte Volksmusik ist aber nur ein kleiner Anteil. Es wäre also schon programmstrategisch nicht dienlich gewesen, wenn man mich angefragt hätte.

Was halten Sie vom volkstümlichen Schlager?
Die Lieder und Texte sind zwar oft einfach und simpel, aber in einem Festzelt mag ich ihn inzwischen auch. Aber es gehört für mich klar in die Kategorie Schlager. Es stört mich, wenn Leute hören, dass ich Volksmusik mache und dann «Atemlos», Andreas Gabalier oder DJ Ötzi zu trällern beginnen. Mit traditioneller Volksmusik hat das nichts zu tun. Das hat sicher damit zu tun, dass Sendungen wie der «Grand-Prix der Volksmusik» oder der «Musikantenstadl» die Begriffe Volksmusik und volkstümlich inflationär verwendeten.

Dann betreibt der «Stadl» Etikettenschwindel?
Diese Sendungen haben eine jahrzehntelange Tradition und wenn ich mir Archivaufnahmen anschaue, waren sie früher noch näher an der traditionellen Volksmusik und haben sich mit den Jahren etwas davon entfernt. Vor fünf Jahren habe ich auch am «Grand-Prix der Volksmusik» teilgenommen und in der Schweiz gewonnen. Aber mit meinem Hackbrett war ich damals ein Exot und Aussenseiter im seichten Teich des volkstümlichen Schlagers.

Was halten Sie denn von Sängerinnen wie Beatrice Egli und Francine Jordi?
Ich höre keinen Schlager, aber kenne beide und respektiere sie als Sängerinnen. Sie sind beide gute Entertainerinnen, hinter den Kulissen sehr umgänglich und beide haben eine fundierte Ausbildung. Das tut auch der Schlagerszene gut.

Welche Musik hören Sie privat?
Natürlich Volksmusik, aber auf meiner Lieblingsplaylist finden sich Stücke aus den verschiedensten Genres wie Rock, Pop, Alternative und Klassik. In letzter Zeit höre ich auch gerne mal etwas Jazz. Radio Swiss Jazz, also die relativ bekömmliche Sorte. Die Standards habe ich inzwischen gut im Ohr, habe aber keine fundierten Kenntnisse.

Welches sind Ihre Idole?
Das sind natürlich Hackbrett-Spieler: Walter Alder, Roman Brülisauer und Töbi Tobler, die auch meine Lehrer waren. Ich war erst kürzlich an einem Konzert von Töbi. Das ist einfach der Hammer. Inzwischen kann man das Hackbrett an der Musikhochschule in Luzern auch studieren. Eine neue Hackbrett-Generation macht sich bemerkbar.

Ist das nicht auch problematisch? Volksmusik ist eine orale Tradition. Widerspricht diese Akademisierung und Professionalisierung nicht dem Wesen der Volksmusik?
Ich glaube nicht. Für die Entwicklung der Volksmusik ist das wichtig und gibt ihr viele Impulse. Das Niveau ist eindeutig gestiegen und die Absolventen der Musikhochschule sind enorm wichtig für die Ausbildung der nächsten Volksmusikgeneration. Aber es stimmt: Es tauchen immer mehr Notenblätter auf. Nicht mehr alle spielen einfach nach Gehör.

Wie geht es denn der Schweizer Volksmusik?
Insgesamt gut. Sie lebt und bewegt sich. Ich bin immer wieder erstaunt, wie gross und gut der Nachwuchs ist. Schwyzerörgeli und Hackbrett haben keine Nachwuchssorgen, etwas schwieriger ist es derzeit mit der Klarinette. Dazu gibt es ein Stadt-Land-Gefälle. In urbanen Gebieten ist es schwieriger, junge Musiker für Volksmusik zu begeistern. Wogegen auf dem Land und in den Berggebieten viele Junge einfach hineinwachsen und es normal ist, dass man Schwyzerörgeli und Alphorn spielt oder jodelt.

Was kann man gegen dieses Gefälle tun?
Schwierig. In den städtischen Gebieten sind nun mal mehr Alternativen für Freizeitaktivitäten vorhanden. Aktive Junge ziehen weitere ab, weshalb die bereits aktiven jungen Städter hier eine sehr wichtige Botschafterrolle haben. Ein weiteres Rezept könnten Crossover-Projekte sein, wie sie es jetzt immer mehr gibt. Ich selbst war drei Jahre auf Tour mit Bligg und trat immer in der Tracht auf. Im Programm hatten wir neben Hip-Hop, Rock und Pop immer auch einen volksmusikalischen Part mit dem «Birewegge-Polka». Ob sies glauben oder nicht: Das Publikum hat hier stets am meisten getobt und gejohlt. Die Botschaft ist angekommen, sogar bei jenen mit den Dächlikappen und den Hosen unter dem Füdli. Wir haben Leute zu einer Kultur und einer Musik hingeführt, die zuvor als uncool galt.

Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang die eidgenössischen Feste, wie das anstehende Volksmusikfest in Aarau?
Sehr wichtig. Es ist eine einmalige und beste Gelegenheit, so viele und so viel unterschiedliche Volksmusik-Formationen vereint an einem Ort und in einer Stadt zu sehen. Gerade Leute, die die Szene nicht so gut kennen, können sich ein Bild der grossen Vielfalt machen. Die Schweizer Volksmusik kann sich in seiner ganzen Pracht zeigen. In Aarau kann man allfällige Vorurteile abbauen. Das Eidgenössische Volksmusikfest ist das jüngste der grossen Eidgenössischen und der organisierende Verband Schweizer Volksmusik ist im Wandel. Er wurde verjüngt und will sich zeitgemässer und moderner präsentieren.

In der Schweizer Volksmusik gibt es regionale Stile und Eigenheiten. Sind die immer noch so ausgeprägt?
Ja, die Bündner mit Klarinette und Örgeli, die Innerschweizer mit Klarinette, Akkordeon, Klavier und Bass, die Appenzeller, die ja sowieso aus der Reihe tanzen, und bei den Bernern gibt es nochmals regionale Unterschiede.

Herzstück in Aarau sind die Wettvorträge der Formationen.
Ja, dort kann man sich den besten Überblick verschaffen. Die Gala-Abendveranstaltungen bilden das attraktive Rahmen- und Unterhaltungsprogramm.

Haben Sie auch schon teilgenommen?
Nein, hin und wieder spiele ich zwar auch in einer traditionellen Formation, 80 Prozent meiner Auftritte sind aber solo. Aber ich bin auch so an diesem Eidgenössischen ziemlich ausgelastet. Am Samstag machen wir eine «Potzmusig»- Spezialsendung, am Sonntag übertragen wir den Festumzug und am Freitag spiele ich an der «Gala der Volksmusik».

Was können wir da erwarten?
Es ist eine coole Kombination von volkstümlichen Melodien mit der Big Band von Thomas Biasotto. Mit dabei sind auch Carlo Brunner und die Alphorn-Spielerin Lisa Stoll. Es ist eine etwas andere Hommage an die Schweizer Volksmusik. Auch Stücke von mir werden für Big Band arrangiert. Das fägt.

Worauf freuen Sie sich am meisten?
Es wird für mich ein intensives, strenges Wochenende. Am meisten freue ich mich darauf, wenn ich am Sonntag alles erledigt habe und den Anlass ohne Druck noch etwas geniessen kann. Für mich sind das die schönsten Momente. Wenn Generationen zusammenkommen, wo es gemütlich und höckig ist und spontan und unverkrampft musiziert wird.

Sie gehen an Stubete?
Oh ja. Ich spiele dort am liebsten, wo ich nicht muss. Dort, wo ich unverbindlich bei zwei, drei Stücken mitspielen kann. Völlig privat mit Musikerkollegen.

Schweizer Volksmusik galt lange ideologisch vereinnahmt. Gibt es diese politischen Gräben heute noch?
Aus meiner Sicht gibt es sie nicht mehr. Die Musikanten spielen zusammen, weil sie Lust dazu haben und nicht aus politischen oder ideologischen Gründen. Aber es immer noch so, dass Volksmusik eher dem bürgerlichen Lager zugeordnet wird.

Wo stehen Sie politisch?
Wir Moderatoren vom Schweizer Fernsehen äussern uns nicht zu politischen Themen. Aber ich darf sicher sagen, dass ich in keiner Partei bin und ich mich politisch an keinem der beiden Pole befinde. Und je nach Sachgeschäft schere ich in die eine oder andere Richtung aus. Ich bin Vertreter einer Generation, die sich ideologisch pragmatisch verhält und immer das Beste herauspickt.

Aber Sie waren 2006 mit Christoph Blocher an der Albisgüetli-Tagung.
Das ist jetzt typisch. Ich habe schon fast vor allen Bundesräten gespielt, bei den Grünen, am 1. Mai sogar bei der SP. Ich bin mit meinem Hackbrett also durchaus für alle Parteien unterwegs. Interessanterweise reagieren die Medien aber nur, wenn Volksmusik bei der SVP präsentiert wird. Hier müssen sich die Medien also schon vorwerfen lassen, dass sie das herausstreichen, was zu ihrer vorgefassten Meinung passt. Wenn ich vor einem Bundesrat spiele, und damals war Christoph Blocher Bundesrat, ist mir das eine Ehre.

Wenn man Ihren Namen googelt, kommt als erster Zusatz das Wort «Freundin»?
(Lacht.) Das hab ich auch schon bemerkt. Aber mehr findet man nicht, gell? Darüber bin ich froh. Früher war ich in dieser Beziehung offener und naiver. Heute bin ich strikt, um mein Umfeld und Privatleben zu schützen.

Aber die Freundin gibts?
Mein Status ist «vergeben».

Erzählt man sich unter Appenzellern eigentlich auch Appenzellerwitze?
Es gibt unter uns schon begnadete Witze-Erzähler, aber diese Klischee-Witze hört man bei uns nicht. Die werden erst ab Zürich lustig (lacht). Der Humor der Appenzeller ist scharf- und spitzzüngig und entsteht oft spontan aus der Situation heraus.

Welches ist Ihr Lieblings-Appenzeller-witz?
Ein kleiner Appenzeller ist weit gereist, bis nach Basel. Am Bahnschalter witzelte so ein Basler: Wie fühlt man sich als kleiner Appenzeller unter so vielen grossen Baslern? Darauf der Appenzeller schlagfertig: Ich fühle mich wie ein Fünfzigräppler in einer Handvoll Zwanzigräpplern.

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