VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL, RICHARD HEGGLIN (TEXT) UND VALERIANO DI DOMENICO (BILDER)

Herr Russi, 1978 sind Sie mit dem Satz zurückgetreten: «Es gibt im Leben mehr Verlierer als Gewinner.» Die letzten 33 Jahre haben Sie aber nicht wie ein Verlierer gelebt . . .
Bernhard Russi: Nein, aber diese Weisheit stimmt immer noch. Man verliert im Leben häufiger als man gewinnt. Wenn man sich hohe Ziele setzt, muss man sich bewusst sein, dass man nicht alle erreichen kann. Das ist nichts Negatives.

Sie sind bis heute eine Ikone des Skisports. Ist diese Popularität anstrengend?
Grundsätzlich ist das nicht negativ.

Weil Sie sich so problemlos mit den Medien arrangieren?
Ich fühle mich als ganz normaler Mensch. Vielleicht hat es einen Grund, warum die Öffentlichkeit ein positives Bild von mir hat. Denn ich habe schon früh erkannt, dass zwischen mir und den Medien ein Pingpong-Spiel stattfindet. Beide Seiten brauchen einander. Da kann man nicht nur nehmen, sondern muss auch geben. Auch wenn man mal in den sauren Apfel beissen muss.

Das bedeutet, dass Sie auch Ihr Privatleben in der Öffentlichkeit ausbreiten. Man erfährt, wenn Sie sich von Ihrer Frau getrennt haben und wieder zusammengekommen sind. Macht Ihnen das nichts aus?
Wenn man den Schritt auf die Bühne macht, stellt man sich der Öffentlichkeit. Man betritt die Bühne um etwas zu zeigen, aber auch um Applaus zu bekommen. Wer auf der Bühne steht, will doch auch, dass sich das Publikum mit ihm identifiziert. Deshalb ist man gezwungen, etwas von sich zu geben. Die Leute wollen hinter den Menschen sehen. Sie wollen wissen, was hinter und in ihm steckt. Jeder Athlet ist darauf bedacht, möglichst viele Fans zu haben. Doch diese Fans wollen mehr. Sie begnügen sich nicht damit, ihn nur auf der Piste zu sehen. Denn sie lieben nicht nur den Athleten, sondern auch den Menschen.

Verstehen Sie einen wie Alex Frei, der seine Freundin versteckt, aber heftig reagiert, wenn sie während einer Auswärtsreise des FC Basel fotografiert wird?
Ich kann verstehen, wenn er keine Homestory machen will. Aber wenn man etwas lange Zeit versteckt, und es dann plötzlich doch zeigt, ist es ganz normal, wenn die Öffentlichkeit die Augen nicht verschliesst. Dann darf man auch nicht so reagieren. Denn es ist ja nichts Weltbewegendes. Wenn ich mit meiner Frau oder mit einer anderen Frau an eine Film-Premiere gehe, weiss ich doch zum Voraus, dass man mich sehen wird. Ich gehe ja auch deswegen hin. Wer sich daran stört, sollte zu Hause bleiben und sich stattdessen die DVD ausleihen.

Aber es gibt ja auch noch Ihre Frau.
Mari ist es absolut bewusst, wie es läuft. Wenn es ihr nicht passt, dann muss sie sich öffentlich auch nicht zeigen.

Sie sind nicht der erfolgreichste, aber der populärste Schweizer Skifahrer aller Zeiten. Wie schafft man das?
Ich glaube nicht, dass man das schafft. Ob ich der Populärste bin oder nicht, ist mir nicht wichtig. Aber es gibt Gründe für meine Popularität. Ich habe die Bühne zum perfekten Zeitpunkt betreten.

Wie meinen Sie das?
Es war die Zeit, als die Direktübertragungen im Fernsehen erfunden worden sind. Zuvor zeigte das Fernsehen tagsüber das Testbild. Vielleicht mal eine Tagesschau, aber nichts anderes. Es gab noch keinen Eurosport. Man konnte nicht massenweise Sportveranstaltungen konsumieren. Es gab keine Open-Air-Festivals en masse. Die Konkurrenz der Unterhaltung war noch sehr klein. Ausserdem waren wir Skifahrer im Aufwind. Daran bin ich nicht allein schuld. Ich habe zehn Rennen gewonnen. Mit dieser Bilanz kann man kein Volk zum Wahnsinn treiben. Der zweite Grund für meine Popularität ist meine Tätigkeit in der Öffentlichkeit.

Nach Ihrem Rücktritt haben Sie bewusst diesen Weg eingeschlagen. Doch Ihr Engagement als «Blick»-Kolumnist wurde nicht allseits goutiert.
Ich wollte es erst auch nicht. Doch Ian Todd (früherer IMG-Manager, die Red.) hat mich fast dazu gezwungen. Er hat mir gesagt: Hör zu. Irgendwann musst du aufhören, für alle nur der «good guy» zu sein. Irgendwann musst du Farbe bekennen. Du hast Anfragen von drei Verlagshäusern. Jetzt musst du dich entscheiden. Es war eine heikle Phase für mich. Ganz bewusst habe ich damals nach der Zieldurchfahrt zuerst mit allen anderen Medien gesprochen, bevor ich mit dem «Blick» sprach.

Sie sagten einst, dass Sie nahe dran waren, das Image des «good guys» nachzuleben.
Es wird ja jeder Mensch schubladisiert. Aufgrund seines Naturells, aber auch aufgrund der Marktsituation. Braucht es einen Bösen, einen Guten, einen Schönen oder einen Seriösen? Ich habe das Image des Sonnyboys gefasst. Wenn man sich in dieser Rolle wohl fühlt, beginnt man weiter daran zu schrauben. Roland Colombin beispielsweise schraubte auch an seinem Image des wilden Kerls. Doch er war gar nicht so viel wilder als wir. Ich trank das Bier in der Hotelbar, er im Ausgang, damit ihn möglichst viele sehen. Doch wir tranken beide am Abend zwei Bier.

Haben Sie irgendwann überdreht?
Vielleicht. Doch es ist menschlich, wenn man seine Grenzen hin und wieder auslotet.

Sie waren der erste Schweizer Sportler, der die Kraft der kommerziellen Vermarktung entdeckt hat.
Mir war klar, dass die Skiindustrie und der Skimarkt zu klein sind, um alle Athleten auch nach ihrer Karriere aufzufangen.

Doch Sie haben sich immer geweigert, eine Funktion bei Swiss Ski zu übernehmen. Und als Sie als Präsident von Swiss Olympic angefragt wurden, haben Sie auch abgelehnt.
Ich war nicht überzeugt, als Einzelperson in einem Verbandsgefüge innert nützlicher Frist so viel zu ändern, wie mir vorschwebt. Ich habe die Lösung zum Erfolg nicht gesehen. Ausserdem liegt mir die sportpolitische Funktion nicht. Damit hätte ich Mühe gehabt.

Sind Sie ungeeignet für einen Funktionärsjob?
Ja. Und ich wäre sicher auch kein guter Politiker.

Aber Anfragen aus der Politik gab es bestimmt.
Ja. Zur Politik habe ich Nein gesagt, weil ich auf einem anderen Gebiet zu sehr in der Öffentlichkeit stehe. Ich hätte meinen Bekanntheitsgrad als Skifahrer vergewaltigt. Wer meinen Argumenten zugestimmt hätte, täte dies nur, weil ich ein bekannter Skifahrer war.

Wo ist da der Unterschied zu Adolf Ogi, der seine Popularität ebenfalls dem Skisport verdankt?
Natürlich wäre es möglich gewesen, mich als Politiker einzuleben. Ich habe mich ein einziges Mal vor den politischen Karren spannen lassen.

Wofür?
Für das Initiativkomitee «Jugend ohne Drogen». Als ich angefragt wurde, war ich selbstverständlich dabei. Denn wer kann bei diesem Thema schon anderer Meinung sein. Aber in der Diskussion konnte ich mich nicht behaupten. Als ich argumentieren musste, merkte ich, dass ich nicht sattelfest bin.

Hängt das damit zusammen, weil Sie nicht gerne Partei ergreifen?
Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch und nicht der grosse Streiter.

Trotzdem haben Sie schon die Bemerkung fallen lassen, dass es im Sport mehr Diktatur braucht.
Demokratur ist das richtige Wort. Im Skisport bewegen wir uns an der Grenze zu «top super professionell». Wenn man diesen professionellen Zirkus perfekt umsetzen will, geht das nur in einer Demokratur. Demokratur bedeutet, den wichtigsten Leuten zuzuhören. Doch irgendwann muss einer allein alle Punkte zusammenbringen und entscheiden, wie man noch mehr sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg verbuchen kann.

Wenn Sie die Macht hätten: Was würden Sie im Skisport verändern?
Ich strebe das nicht an. Aber wenn morgen der FIS-Vorstand entscheidet, dass der Weltcup als autonomes Geschäft ausgeklammert wird, würde ich applaudieren.

Wäre der Weltcup dann ein geschlossener Zirkel?
Unser Hauptproblem ist vielleicht, dass die Anzahl der Rennen nicht perfekt ausgewogen ist. Weniger wäre mehr und besser. Aber keiner kann mir sagen, auf welche Rennen man verzichten soll. Weniger Fahrer im Weltcup wäre auch nicht schlecht. Aber dann stellt sich die Frage: Wer denn nicht? Dann begrenzt man bei den Top-Nationen, weil man ja unbedingt Fahrer aus Deutschland oder Italien im Feld haben muss, weil das wichtige Märkte für die Skiindustrie sind.

Es gibt Fahrer, die sich über die schwierigen Pisten beklagen. Und es gibt andere wie Kostelic und Zurbriggen, die gegen die Super-Kombination sind. Jeder redet auf seine Mühle.
Da muss ich doch applaudieren. Ich höre den Fahrern gerne zu und schätze ihre Meinung hoch ein. Aber ich sage ihnen immer: Konzentriert euch während des Winters aufs Fahren. Ich schätze es, wenn Fahrer nach der Besichtigung öffentlich zugeben: Hey, das ist verdammt gefährlich. Denn das ist für mich der Beweis, dass sie die Gefahren sehen. Diesen Fahrern passiert im Rennen garantiert nichts.

Wie beim WM-Super-G der Männer?
Ja. Vor dem Rennen hatten alle grossen Respekt vor der Piste. Doch schon nach der Nummer 2 liefen die Funkgeräte heiss. Die Trainer haben die Devise ausgegeben: pushen, pushen, pushen. Die Fahrer haben Fehler gemacht, sie sind ausgeschieden, sie sind gestürzt, aber es hat keine Unfälle gegeben. Das ist für mich der Beweis, dass die objektive Gefahr unproblematisch ist.

Ivica Kostelic hat die schlechte Sicht auf der Piste kritisiert. Wegen des diffusen Lichts würde man die Schläge nicht sehen, was sich auf die Gelenke auswirke.
Ich kann das nachvollziehen. Aber: Es war doch immer gleich hier in Garmisch. Einzig, wenn der Föhn blies. Dann wurde es «pfludiweich». Aber nach einer klaren Nacht war es hier immer eisig und pickelhart. Ihr habt doch nicht das Gefühl, dass man hier ein Eisfeld machen wollte. Wobei es realistisch gesehen gar kein Eisfeld ist.

Die kurzen Pausen zwischen den Rennen werden von vielen Athleten kritisiert.
Da sind wir sicher am Limit. Und da müssen wir grausam aufpassen, dass wir den Bogen nicht überspannen. Da tragen alle die Verantwortung, auch die Fahrer. Ich wäre nicht überrascht, wenn es künftig häufiger vorkommt, dass einzelne Fahrer eine Pause einschalten. Das ist auch vernünftig.

Wie jetzt an der WM mit Janka und Kostelic?
Moment. Jetzt haben wir zwei spezielle Fälle. Nehmen wir Lindsey Vonn auch noch dazu. Vonn hat eine Gehirnerschütterung. Es ist normal, dass sie nicht hundertprozentig parat ist. Ich hätte aber von ihr erwartet, dass sie in diesem Zustand den Super-G auslässt.

Und Janka?
Ich ziehe den Hut vor Carlo Janka. Er sagt: Ich bin nicht auf dem Niveau, dass ich die Rennen gewinnen kann. Um Sechster oder Siebter zu werden, muss er als Weltmeister und Olympiasieger dieses Risiko nicht eingehen. Kostelic hat sein ganz grosses Ziel, den Gewinn des Gesamtweltcups, schon fast erreicht. Da flattern vielleicht noch etwas die Nerven. Eine Verletzung darf er sich jedenfalls nicht mehr einfangen, sonst holt ihn einer noch auf.

Würde es etwas bringen, wenn der Weltcup vor der WM eine Woche pausiert?
Dann gibts irgendwo ein mit 200 000 Franken dotiertes Einladungsrennen. Man kann im Winter kein Wochenende auslassen. Aber man könnte vielleicht pro Station nur noch zwei statt drei Renntage durchführen.

In Andermatt sind Sie in das Feriendorf-Projekt des ägyptischen Investors Samih Sawiris involviert. Wie ist der Stand?
Wir sind im Zeitrahmen. Ende 2013 wird das erste Fünfsternehotel eröffnet. Mitte 2013 wird der Golfplatz eröffnet. Jetzt hat die Fundation für das Dorf begonnen. Zwei Drittel dieses Dorfs kommen auf eine Platte zu stehen. Einerseits, um Raum für Tiefgaragen und technische Installationen zu schaffen. Aber auch, damit die Gegend geflutet werden kann, wenn es wieder mal ein Jahrhundert-Unwetter gibt.

Wie viel Überzeugungsarbeit mussten Sie für das Projekt im Dorf leisten?
Keine. Im Dorf gibt es im Prinzip keinen vernünftigen Menschen, der gegen dieses Projekt ist. Es gibt einige Gegner, und das ist gut für die Geschichte. Die sagen, Andermatt wäre danach nicht mehr dasselbe. Aber das ist ja auch gut, wenn es nicht mehr dasselbe ist. Denn wenn Andermatt ewig dasselbe Dorf bliebe, würde es irgendwann nicht mehr existieren. Die Arbeitsplätze gingen verloren, die Infrastruktur ginge verloren. Dieses Projekt ist nach wie vor ein Glücksfall.

Warum sind Sie immer in Andermatt geblieben?
Da liegen meine Wurzeln. Ich rieche den Stein, wenn ich wieder hoch komme. Ich rieche den Schnee. Wer wie ich viel herumreisen konnte, den zieht es immer wieder zurück zu seinen Wurzeln.

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