Frau Schmiel, welches Bild hatten Sie von Zürich, bevor Sie hierherkamen?
Ilona Schmiel: Ganz ehrlich: Ich nehme Städte, in denen ich nicht lebe, nur partiell wahr. Mal aus einem Artikel im Feuilleton, mal aus dem Internet – aber natürlich auch aus den Beobachtungen und Bewertungen der Künstler. Was ich wahrnehme, ist sehr inhaltsgetrieben.

Nahmen Sie das Tonhalle-Orchester wahr?
Schon auch. Ich habe Zürich bereits vorher als Kulturstadt wahrgenommen. Ich finde hier eine Vielfalt an herausragenden Angeboten, erkenne auch ein Empfinden dafür, was Qualität sein kann und sein muss. Aber jetzt, wo ich in der Stadt lebe, merke ich, dass die Kultur zwar eine Rolle spielt, aber sie könnte noch präsenter sein. Da haben es Festivals einfacher: Durch diese punktuellen Ereignisse, die Inseln, auf die man sich begeben kann, hat man eine andere Wirksamkeit und Aufmerksamkeit.

Das ist im Schweizer Klassikleben gut zu spüren in der enormen Präsenz von Lucerne Festival. Eine grosse Konkurrenz für die Tonhalle?
Konkurrenz ist mit das Wichtigste, was es gibt. Nichts Besseres, als wenn das Niveau an anderen Orten top ist. Das inspiriert und belebt uns. Wir müssen uns auch mit den anderen Veranstaltern absprechen. In welcher Konkurrenz steht etwas inhaltlich? Wo ergänzen, wo verdoppeln wir? Wir sprechen uns ab, wenn es um Exklusivitäten geht. Auch mit dem Lucerne Festival.

Wenn in Zürich am 10. September die Saison losgeht, kommen gerade die Wiener Philharmoniker für drei Konzerte nach Luzern.
Das halten wir aus. Wir haben ein wunderbares Programm. Wir starten mit einer fulminanten Uraufführung von Esa Pekka Salonen, auf die sich alle Musiker und unser Chefdirigent Lionel Bringuier sehr freuen.

Lucerne Festival ist den Konzerthäusern oft einen Schritt voraus: Immer sind es die Luzerner, die einen Dirigenten-Workshop zuerst machen, die ein neues Format wie «40 Minuten» erfinden, wo man gratis Einblick ins Festival erhält. Warum?
Ich bin froh, dass es nun «40 Minuten» in Luzern gibt. Wir schauen uns das genau an und werden eine eigene Antwort, eine eigene Variante finden, die für die Tonhalle und für Zürich passt. Wir waren dafür mit Tonhalle-Late zuerst. Es wird hier Formate wie zum Beispiel unser Schülermanagerprojekt geben, bei denen wir Vorreiter sein werden. Und da ich nun hier ein festes Ensemble habe, werde ich die Musiker in diese Überlegungen einbeziehen. Das ist ein Vorteil! Ich kriege sofort gespiegelt, wie Dinge wirken, wo Nachholbedarf besteht, wo Traditionslinien gelebt werden oder wo sie aufgebrochen werden müssen.

Wie nutzen Sie das feste Ensemble?
Etwas vom Wichtigsten ist die Verortung in der Stadt. Das Tonhalle-Orchester Zürich hat vielfältige und heterogene Aufgaben: In der Stadt müssen wir sichtbar machen, wofür wir stehen. Wir werden vermehrt aus dem Saal heraustreten. Für mich ist es wichtig, dass wir sehr viel mehr Bürgerinnen und Bürger begeistern, auch begeistern müssen, als jene, die wir Gott sei Dank schon haben. Da kommt mir vielleicht die Bonner Festivalerfahrung zugute: Denn da galt es, immer das Besondere mitzudenken. Nichts, was wir hier tun, soll alltäglich sein. Wir müssen uns vorher genauestens vorstellen, was wir umsetzen wollen. Dann müssen wir aufgrund der Reaktionen sehen, wie die folgenden Schritte zu machen sind.

Nur gut spielen reicht heute nicht mehr?
Wir spielen immer in einem bestimmten Umfeld, in dem wir etwas auslösen. Vorrangig ist die musikalische Qualität, aber eine Bühne bewirkt etwas: Für mich ist es extrem wichtig, was bei den Leuten ankommt – und wie.

Gibt es überhaupt noch Orchester, die sich damit begnügen können, einfach nur gut zu spielen?
Diese Zeiten sind vorbei. Die Anstrengungen, ein zusätzliches Publikum – altersunabhängig, ich bin nämlich nicht dem Jugendwahn verfallen! – an uns zu binden, sind für mich eine faszinierende Aufgabe. Ich bin ein Mensch mit vielen Antennen: Ich versuche, Strömungen vorauszuahnen, sehe, wie es andere machen, versuche einzuschätzen, ob das für uns Sinn macht: Können wir das übernehmen? Adaptieren? Welches Repertoire spielen wir? Welches Klangbild möchten wir mit dem Orchester erreichen? Wie kommunizieren wir mit dem Publikum?

Sie haben gesagt, Sie seien nicht dem Jugendwahn verfallen. Und dennoch die Frage: Wie kann man jene Leute zwischen 25 und 50 ansprechen, die offensichtlich im Saal fehlen?
Ich frage mich seit einigen Jahren: Kann man das überhaupt gezielt tun? Ist nicht einfach das interessante Programm oder die Nähe zu den Künstlern entscheidend?

Wo holen Sie diejenigen ab, die es noch nicht schafften, herzukommen, die noch keinen Zugang zu Ihrem Haus haben?
Dann müssen wir Zugänge schaffen! Aber das heisst nicht, dass ich dafür gleich das Format verändern oder etwas Neues erfinden muss. Wir werden auf verschiedenen Ebenen arbeiten: Dauergäste oder Fans holt man übers Programm ab, über programmatische Einführungen, dramaturgische und musikwissenschaftliche Zusammenhänge. Jemand, der diese Affinität überhaupt nicht besitzt, der findet den Zugang sehr viel leichter über grosse Künstler und über die Erlebnisse auf der Bühne. Ohne das Bühnenleben zu entzaubern, wollen wir Einblicke geben. Ein wichtiger Faktor ist auch unser junger Chefdirigent. Warum sagt einer mit 27: Das ist eine Traumposition! Was sind da für Entscheidungen gefallen? Welche Krisen hat er durchgemacht? Diese Dinge sind übertragbar, sie bilden für jeden Einzelnen in jeder Altersstufe Ansätze. Dafür gilt es, eine Sprache zu finden.

Trotz allem sind Sie sind extrem von den wenigen Künstlern abhängig, die die Fähigkeit haben, Brücken zu bauen.
Ich muss wissen, wer das kann – und wen ich vielleicht dazu hinbringen könnte. Das ist heute eine der wichtigsten Aufgaben einer Intendanz.

Sind die Künstler wirklich bereit, da mitzumachen?
Absolut. Die sehen doch alle, dass sich unser Leben und unsere Gesellschaft verändert haben. Und natürlich ist es für eine jüngere Generation sehr viel nachvollziehbarer, warum Anfragen für Einführungen oder Ähnliches kommen. Viele von ihnen überlegen sich doch täglich, warum sie etwas spielen, wie sie es zum Publikum bringen, was sie auf der Bühne machen.

Ausser Kristian Zimmermann kann sich kaum mehr ein Künstler leisten, einfach seinen Beethoven zu spielen und den Klavierdeckel zu schliessen. Aber viele meinen noch immer, sie könnten das auch und erst noch eine grosse Gage nach Hause tragen. Ist das nicht ein dauernder Kampf für Sie?
Ja (lächelt). Dafür sind wir da. Ich sehe mich als ständige Übersetzerin für das, was wir tun: ob gegenüber der Presse, einem Taxifahrer oder einem Künstler – der Unterschied ist gar nicht so gross. Die Frage ist, in welcher Sprache ich es tue. Ich habe einen Sensor dafür, was mein Gegenüber interessieren könnte. Das ist Voraussetzung für eine solche Position: Ich muss ständig dialogbereit sein – und immer offen für Neues. Es wäre schlecht, zu glauben, man wisse, wie alles funktioniert. Die Veränderungen sind so rasant in der Gesellschaft 2.0 – durch ständige Verfügbarkeit, das virtuelle Geschehen –, dass wir manchmal, wenn wir wieder privat neu zusammenkommen, erst mal wieder eine Sprache finden müssen.

Wir sprechen nun darüber wie neu, wie anders Konzerte sein könnten. Andererseits ist das Konzert ein von vielen geschätztes, uraltes steifes Ritual!
Es ist ein fast schon archaisches Bedürfnis, sich zu versammeln, gerade in unseren schnellen Zeiten – eine Auszeit, auch wenn sie nur zwei Stunden dauert. Es ist eine ganz bewusste Entscheidung herzukommen. Aber die Durchführung des Rituals muss von höchster Qualität sein. Sonst funktioniert es nicht. Sonst ist der Dialog im Saal gestört. Musik ist vielleicht die direkteste Form überhaupt, um menschliche Seelen zu berühren. Diese Stärke, dieses Potenzial, müssen wir nutzen.

Heisst das auch, dass das Konzertritual an sich unverrückbar ist?
Ja, zu zwei Dritteln ist es gesetzt. Auch das Orchester ist auf dieses Ritual ausgerichtet. Von der Ausbildung bis zu dem, was auf der Bühne passiert. Trotzdem stelle ich mir die Frage, wie und mit welchen Mitteln, Inhalten und Konstellationen ich dieses Ritual immer wieder neu beleben kann. Das Quäntchen zu finden, das es besonders macht.

Gehen wir in 50 Jahren immer noch am Mittwoch um 19.30 Uhr in die Tonhalle und um 21.40 wieder heim?
Über die Zeiten können wir diskutieren.

Früher, später, länger, kürzer?
Wir werden es ausprobieren. Aber trotzdem eine grundsolide Wiedererkennbarkeit mit faszinierenden Künstlern beibehalten. In 10 oder 50 Jahren sind wir jedoch an den Arbeitsplätzen vielleicht nur noch halb so oft präsent, sind zu Hause oder unterwegs. Das hiesse dann, dass ich zu ganz anderen Zeiten zu Konzerten gehen könnte. Es gibt viele Berufsgruppen, die in ihrer Planung völlig frei sind. Es gilt, auf die Bedürfnisse eines Publikums einzugehen. Wir sind ein Angebot – und ein Angebot braucht Menschen, die es annehmen wollen und können. Diesen Fragen gegenüber sind wir sehr offen, aber ich wage nicht zu sagen, das Ritual werde abgeschafft.

Beim Fussball wurde lange überlegt: Spielen wir am Abend, am Sonntagnachmittag – früh oder spät? Doch es zeigte sich, dass es egal ist: Wenn der Klub gut spielt, kommen Zehntausende. Das Tonhalle-Lunchkonzert um 12.15 Uhr ist ja bereits ein Renner.
Absolut! Kurze Konzerte, über Mittag. Da nähern wir uns diesen Fragen an.

Wer sich die Website der Tonhalle anschaut, findet die gleiche Aufmachung wie vor einem Jahr vor. Mein Eindruck: Alles geht weiter wie bisher.
Ich bin nicht hierhergekommen, um alles über den Haufen zu werfen. Dieses Logo wurde erst vor zwei Jahren kreiert – und es ist gut. Aber sehen Sie die weisse Fläche auf dem Cover des Jahresprogramms? Ein weisses Blatt. Das wird jetzt neu beschrieben. Sie werden in vielen unserer Marketing- und Werbemassnahmen sehen, dass wir mit Ironie und vor allem Humor arbeiten. Humor ist sehr wichtig, den müssen wir uns in der Kulturbranche leisten. An diesem Programm haben wir zwei Jahre Arbeit gearbeitet. Ich hoffe, dass Sie in einem Jahr sehen, dass es anders wirkt oder anders gelebt wird als wie bisher.

Als Andreas Homoki 2012 die Oper von Alexander Pereira übernahm, demonstrierte er: Jetzt wird alles anders!
Kommen Sie in die Konzerte, dann werden Sie sehen, dass ein neues Führungsteam da ist. Mit mir und Lionel ist eine komplett andere Generation im Haus. Wir haben eine andere Haltung: Wir wollen an unser Publikum ran, wollen Dinge bewegen. Ich bin geholt worden, um einen Aufbruch ins 21. Jahrhundert zu gestalten, aber keinen Bruch. Die Marke Tonhalle-Orchester Zürich ist bereits mit vielen Elementen gefüllt, aber sie kann wachsen, das Image kann gestärkt werden. Optisch schnell etwas zu ändern, wäre falsch. Es geschieht über die künstlerischen Inhalte.

Zürich ist seit Pereira-Tagen berühmt-berüchtigt fürs Kultur-Sponsoring. Gehört das Geldeinholen auch zu Ihrem Job?
Ja, aber ich gehöre zur Generation, die damit aufgewachsen ist. Das gehört dazu. Es entstehen dadurch auch wunderbare Kontakte, über diese Persönlichkeiten erhalte ich auch Einblick in eine Gesellschaft. Und lerne jeden Tag Neues.

Ist Zürich nach wie vor ein dankbares Pflaster dafür?
Zürich ist speziell für diese Aktivitäten ein guter Standort.

Pereira hat es zusammen mit seinen Sponsoren geschafft, das Opernhaus in den 1990er-Jahren zum «Place to be» zu machen. Ist das auch Ihr Ziel?
Ja, ein Konzert steht nun mal nicht für sich allein, es ist ein Gesamterlebnis, und da müssen wir uns anstrengen, die Bedingungen rundherum zu schaffen und vermehrt zu investieren. Deswegen ist auch die Tonhalle-Renovation zwischen 2017 und 2020 ein grosses Thema.

Beim Beethovenfest Bonn waren Sie angetreten, die Besucherzahl von 30 000 auf 50 000 Besucher zu erhöhen – und schafften den Sprung auf 70 000! Gibt es hier in Zürich, wo man 105 000 Besucher im Jahr hat, ein Ziel – vielleicht sogar vom Verwaltungsrat definiert?
Nein, das wäre falsch. Wir haben es hier mit einer anderen Situation zu tun, müssen uns übers ganze Jahr und gegen die Konkurrenz behaupten. Zahlen spielen erst eine Rolle, wenn wir in rund zwei Jahren auswerten. Das heisst nicht, dass wir uns keine hohe Auslastungsquote wünschen!

Was denn nun: Erhöhung oder Konsolidierung?
Wir starten mit einer teilweise anderen inhaltlichen Ausrichtung und kalkulieren natürlich, wie viele Karten wir verkaufen wollen. Es geht jetzt aber vorrangig um die künstlerische Positionierung, die natürlich so viele Zuschauer wie möglich erreichen soll.

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