VON SACHA ERCOLANI, PATRIK MÜLLER

Herr Hirschmann, Sie gelten als der Schweizer Partykönig schlechthin. Im Moment ist Ihnen aber kaum zum Feiern zumute . . .
Partykönig Carl Hirschmann– das ist eine Etikette, die mir die Boulevardpresse verpasst hat. Ich verstehe mich als Unternehmer, der sich zwar im Nachtleben betätigt, aber noch andere Engagements hat.

Sieht man Fotos von Ihnen, etwa auf tilllate.com, dreht sich immer alles um Partys und Frauen.
Dieser Eindruck mag entstehen, wenn man die Bilder, die in all diesen Jahren entstanden sind, zusammennimmt. Er täuscht aber, denn in einem Club gibt es jedes Wochenende vielleicht 400 Fotos. Dass da einiges über mich als Clubbesitzer zusammenkommt, ist klar. Das Image, das so von mir entstanden ist, habe ich zwar nicht aktiv aufgebaut, aber ich habe es mitverschuldet, weil ich auch nicht versucht habe, es zu verhindern. Und ich war im Umgang mit Journalisten zum Teil zu naiv.

An einer Party in Basel sollen Sie handgreiflich geworden sein. Warum ziehen Sie den Schuldspruch des Gerichts – bedingte Geldstrafe wegen einfacher Körperverletzung und Tätlichkeiten – weiter?
Weil ich das Urteil als ungerecht empfinde und insbesondere nicht den Vorwurf auf mir sitzen lassen will, ich hätte eine Frau geschlagen. Nach meinem Eindruck hat mich das Gericht nicht so behandelt wie einen gewöhnlichen Bürger. Es liess sich von den Berichten in der Boulevardpresse beeinflussen und hat dem Druck der Medien nachgegeben. Es wollte bei diesem «Highflyer von der Zürcher Goldküste» ein Zeichen setzen. Richter sind eben auch nur Menschen.

Die Medienberichte zeichneten ein falsches Bild von Ihnen?
Ich bin kein Unschuldslamm, ich habe auch Fehler gemacht. Aber ich bin ganz anders, als mich die Boulevardpresse beschrieben hat. Von dem, was ich gelesen habe, war 80 Prozent falsch.

Was haben Sie denn für Fehler gemacht?
Ich habe eine gewisse Nonchalance an den Tag gelegt, vor allem in jungen Jahren. Als ich 20 bis 25 war, hatte ich das Bedürfnis, mich auszuleben.

Das ist in diesem Alter normal.
Ich war mir nicht bewusst, dass man in meiner Situation, also wenn man einer bekannten Familie angehört, so stark unter Beobachtung steht, vor allem in einer kleinen Stadt wie Zürich. Ich machte zum Beispiel beim Autofahren Fehler. Das machen auch viele andere Jugendliche, aber bei mir wurde es zu einem riesigen Thema gemacht. Dabei habe ich noch nie einen Unfall gebaut. Ja, und sicher habe ich früher auch im Umgang mit Frauen einiges falsch gemacht: Ich bin lebenslustig, geniesse den Moment und war mir nicht immer bewusst, dass sich Frauen andere Vorstellungen machten, wenn wir zusammen waren.

Sie sind reich, sehen gut aus – warum haben Sie es überhaupt nötig, Frauen mit den Methoden zum Sex zu zwingen, die Ihnen vorgeworfen werden?
Ich weise es in aller Form von mir, dass ich Frauen zum Sex oder sogar Oralsex gezwungen haben soll.

Wenn nichts dran ist, warum gibt es dann so viele Frauen, die Ihnen diese Vorwürfe machen? Gemäss «Weltwoche» laufen drei Verfahren wegen sexueller Nötigung gegen Sie.
Ich kann dazu leider nichts sagen, weil es sich hier um laufende Verfahren handelt. Über die Motive, welche diese Frauen bewogen haben, Anzeige gegen mich zu erstatten, können nur sie selber Auskunft geben.

Jedenfalls scheinen viele Frauen ein Problem mit Ihnen zu haben.
Wäre ich ein Psychopath, wie die Boulevardmedien jetzt glauben machen wollen, wäre doch Bianca Gubser nicht fünf Jahre mit mir zusammen gewesen. Auch meine jetzige Freundin, Noémie Lenoir, ist eine selbstbewusste, gestandene Frau – die kann ich doch nicht blenden mit Geld oder was auch immer.

Der Staatsanwalt in Basel diagnostizierte bei Ihnen ein «ungesund gesteigertes Männlichkeitsgefühl».
Fragen Sie Frauen in meinem Umfeld. Ich bin doch nicht der Typ, der die Frauen an den Herd schickt. Ich bin privat ein sensibler Typ, auch ein Romantiker. Geschäftlich habe ich sicher auch eine harte Seite, um mal auf den Tisch zu hauen. Der Macho-Typ ist sowieso out, ich finde Machos peinlich.

Können Sie sich vorstellen, einmal Kinder zu haben und Familienvater zu sein?
Das kann ich mir nicht nur vorstellen: Es ist mein grösster Traum! Bis ich nicht Frau und Kind habe, ist mein Leben nicht erfüllt. Weder Geld, Macht oder Erfolg sind wichtig für mich – glücklich zu sein und eine gesunde Familie zu haben, ist mein einziges Lebensziel.

Und Noémie Lenoir ist die Frau, mit der Sie sich diesen Traum erfüllen wollen?
Schauen Sie, das ist die Frage, ob Sie an Liebe auf den ersten Blick glauben oder ob Sie eher glauben, dass Liebe auch erst langsam wachsen kann, so wie es damals bei Bianca und mir der Fall war. Noémie hat sehr viele tolle Eigenschaften, die Grundvoraussetzungen für eine gemeinsame Zukunft sind vorhanden. Das Schicksal wird zeigen, ob sie die Frau fürs Leben ist.

Wie hat sie auf Ihre Verhaftung reagiert?
Noémie hält zu mir. Wir sind erst seit dem 12. September zusammen, aber wir haben eine sehr tiefe Beziehung, wir haben auch sehr viele Gespräche geführt. Sie kennt mich, meine Art und meine Schwächen, sie hat mich auch in meiner Persönlichkeit situiert. Sie ist eine Frau mit grosser Lebenserfahrung, ihr kann man nichts vormachen. Noémie hat diese Geschichten, die über mich herumgeboten werden, nie geglaubt. Sie selber hat mit der Presse auch schon schlechte Erfahrungen gemacht.

Haben Sie eigentlich Angst davor, dass Sie ins Gefängnis müssen?
Nein, denn ich weiss, was ich gemacht habe und was nicht. Und das wissen auch jene, die mich kennen. Verschiedene erfolgreiche und unabhängige Frauen haben sich sehr positiv über mich geäussert. Aber die Boulevardpresse hat es fertig gebracht, all das totzuschweigen und nur negative Stimmen zu bringen.

Schlafen Sie wirklich noch gut?
Ja, weil ich mit einem ruhigen Gewissen ins Bett gehe. Natürlich, ein Restrisiko bleibt bei einem Prozess immer, das hat man in Basel gesehen. Aber ich vertraue dem Schweizer Justizsystem.

Wie haben Sie die dreitägige Untersuchungshaft erlebt?
Ich muss etwas ausholen. Ich hatte Glück in meinem Leben. Ich hatte zwar keine einfache Kindheit und Jugend, aber ich gehöre sicher zu jenen Menschen, die sich nicht über ihre Situation beklagen dürfen. Doch auch bei mir kann es Schicksalsschläge geben, das muss ich akzeptieren, ohne darüber zu jammern. Die U-Haft gehörte dazu. Viel schlimmer wäre es, wenn mir plötzlich ein Kind vors Auto rennen würde und ich es überfahre; einen solchen Schicksalsschlag könnte ich kaum verarbeiten.

Sie kamen gegen Kaution aus der U-Haft frei. Wer nicht so reich ist wie Sie, hätte diese Möglichkeit nicht.
In den Medien hiess es: Hätte er kein Geld, wäre er nicht rausgekommen. Ich behaupte: Hätte ich kein Geld, wäre ich gar nicht reingekommen. Ich beziehe diese Aussage nicht auf den Staatsanwalt, der mich stets sehr korrekt behandelt hat, sondern auf die Gesamtsituation. Dass ich freigelassen wurde, hängt auch damit zusammen, dass keine Verdunkelungsgefahr besteht und dass ich kein Interesse habe, mich ins Ausland abzusetzen.

Ihre Familie ist gemäss «Bilanz» 1 bis 1,5 Milliarden Franken schwer, Sie haben im Grandhotel Dolder eine Dauersuite. Verlieren Sie da nicht den Bezug zur Realität?
Das ist ein Thema, über das ich oft nachdenke. Bin ich ein realitätsfremder Bonze? Schauen Sie, wenn sie einen weltweiten Vergleich machen, dann ist auch ein durchschnittlicher Schweizer ein Bonze. Der Unterschied zwischen ihm und einem Menschen in Afrika ist viel grösser als derjenige zwischen ihm und mir. Wieso nehmen wir unsere Realität oft so verzerrt wahr? Das sind tiefgründige, philosophische Fragen.

Wünschen Sie sich manchmal, als normaler Büezer durchs Leben zu gehen?
Nein. Es wäre beschämend, wenn ich mich darüber beklagen würde, dass ich aus einer reichen Familie stamme. Obwohl auch das seine Nachteile hat. Ich weiss zu schätzen, was ich habe.

Erstaunt hat, dass Sie nur knapp 2500 Franken im Monat verdienen sollen, wie es beim Basler Prozess hiess.
Das ist das Einkommen aus dem Club, das ich versteuere. Daneben werde ich auch von meinem Vater finanziell unterstützt, weil der Club wegen des Restaurants, das wir bis im Sommer betrieben haben, wirtschaftlich nicht besonders gut gelaufen ist und ich das meiste Geld, das wir verdienten, wieder in den Club investiert habe. Meine finanziellen Verhältnisse gehen niemanden etwas an, ich habe auch nie behauptet, Millionär oder Milliardär zu sein.

Am Gericht konnte man zudem erfahren, dass Sie seit längerem in psychologischer Behandlung sind.
Ich bin jetzt bald 30 Jahre alt und habe im letzten Jahr viel über mein Leben nachgedacht. Ich hatte sehr konstruktive Gespräche mit meinem Vater und realisierte, dass ich gewisse Dinge in meinem Leben ändern muss. Als beinahe Dreissigjähriger kann das Nachtleben nicht mehr mein Hauptinhalt sein. Ich sah auch, dass mir eine psychologische Beratung helfen kann, mich selber besser kennen zu lernen. Deshalb besuche ich regelmässig eine Spezialistin.

Hilft Ihnen diese Therapie?
Auf jeden Fall. Das ist eine sehr gute Erfahrung, die ich aber nicht unbedingt in der Öffentlichkeit ausbreiten will. Durch die Gespräche mit der Psychologin habe ich mich besser kennen gelernt. Das hilft mir, künftig gewisse Situationen ruhiger anzugehen.

Zum Beispiel?
Ich musste mir in den letzten Wochen von gewissen Boulevardmedien einiges gefallen lassen. Früher, ohne die jetzige Behandlung, wäre mein Hass, meine Wut und meine Impulsivität das Zehnfache gewesen. Jetzt kann ich damit umgehen und es gelassener nehmen.

Sie werden wohl noch vieles über sich lesen müssen. Haben Sie vor, nach dem Zürcher Prozess die Schweiz zu verlassen und auszuwandern?
Für meine Situation gebe ich nicht der Schweiz die Schuld. Jedes Land hat seine Vor- und Nachteile. Ich wollte zwar im Winter mit Noémie eine Wohnung in Paris suchen, damit wir häufiger zusammen sind, doch damit muss ich nun warten. Auch da glaube ich ans Schicksal: Es kommt, wie es kommen muss.

Werden Sie von den Leuten auf der Strasse in Zürich nicht blöd angemacht?
Im Gegenteil, ich erhalte oft, auch von wildfremden Frauen, Zuspruch und unzählige aufmunternde Facebook-Mails. Klar, gibt es auch Hassmails, aber die machen höchstens zehn Prozent aus. Damit kann ich leben.

Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft: Liegt die weiter beim Club Saint Germain – trotz Wirtschaftskrise?
Meine persönliche Zukunft sehe ich weniger im Nachtleben, mich interessiert heute die Immobilienbranche mehr. Das Nachtleben spürt die Krise nicht so stark wie andere Bereiche der Wirtschaft. Die Leute verzichten lieber auf ein Essen im Restaurant und kochen zu Hause, um dann danach im Club zu feiern und sich abzulenken. In diesen schwierigen Zeiten will man sich doch erst recht amüsieren, um für wenige Stunden den schweren Alltag zu vergessen. Ich habe deshalb keine Angst um die Zukunft meines Clubs.

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