VON KURT-EMIL MERKI, BENJAMIN WEINMANN

Der Comedian, der Ende März zusammen mit Sven Furrer als «Edelmais» auf Knie-Tournee geht, sagt, wovor er sich im Zirkus am meisten fürchtet. René Rindlisbacher (47) verrät auch, dass er für seine beiden Kinder am liebsten ein Bühnenprogramm schreiben würde.

Herr Rindlisbacher, in elf Tagen findet die Knie-Premiere statt. Wie weit sind Sie und Ihr Partner Sven Furrer mit den Vorbereitungen?
Das Programm ist fertig geschrieben. Zurzeit proben wir noch bei mir zu Hause.

Warum nicht in der Manege?
Unsere Auftritte sind zum grössten Teil wortlastig. Das bedeutet, dass wir problemlos ausserhalb der Manege probieren können.

Sie haben also Eisbären, Elefanten und Tiger bei sich zu Hause für die Proben?
Wir haben nur eine einzige Tiernummer vorgesehen.

Können Sie mehr verraten?
Wir veranstalten eine Konferenz mit vier Tieren. Jedes von ihnen bekommt einen anderen Dialekt und eine andere Stimmlage – selbstverständlich kommen wir nicht darum herum, den Esel Zürcher Mundart sprechen zu lassen. Die Tiere diskutieren darüber, was sie dem Elefanten zum Geburtstag schenken wollen. Wir haben keine Ahnung, wie sich die Tiere in der Manege verhalten werden; wir werden sie weder führen noch dressieren. So gesehen können wir den Auftritt mit ihnen gar nicht proben. Da ist unser Improvisationstalent gefragt.

Übernehmen Sie Sketches aus dem «Edelmais»-Repertoire oder ist das Programm völlig neu geschrieben für die Manege?
Wir übernehmen Ideen aus dem Bühnenprogramm, machen aber völlig andere Geschichten daraus. Das Spannende am Manegen-Projekt ist, dass wir nicht wissen, ob zum Beispiel der Zürcher Quartiermacho aus unserer TV-Sketchshow «Edelmais & Co», der zum Zirkusmacho wird, im Zelt funktionieren wird.

Ist das Zirkuspublikum denn völlig anders als das Publikum, das Sie jeweils mit «Edelmais» in den grossen Sälen haben?
Nein. Aber die Umstellung von der Bühne in die Arena ist gewaltig. Auf der Bühne haben wir das Publikum vor uns, in der Arena befindet es sich rund um uns herum. Da muss man sich völlig anders bewegen.

Mussten Sie lange überlegen, als die Anfrage von Knie kam?
Es war kein einfacher Entscheid. Wir hatten ursprünglich vor, 2011 mit dem neuen Bühnenprogramm «Gymi 5 – Klassenzusammenkunft» auf Tournee zu gehen. Das haben wir jetzt um ein Jahr verschoben. Und wir hätten 2011 mit «Edelmais & Co» verschiedene Termine im Schweizer Fernsehen gehabt. Die haben wir ebenfalls abgesagt. Uns ist andererseits klar, dass das Knie-Jahr für uns eine einzigartige Möglichkeit darstellt, rund 600000 Menschen zu erreichen. Das sind potenzielle Zuschauer für unser Bühnenprogramm im kommenden Jahr.

Ist das Knie-Jahr finanziell attraktiv?
Wir können davon leben.

Anders gefragt: Würden Sie mit der eigenen Tournee mehr verdienen?
Sagen wir es so: Wir könnten ein bisschen besser davon leben. Da macht man sich natürlich schon seine Gedanken. Schliesslich läuft unsere ganze «Edelmais»-Administration weiter. Aber seien wir einmal ehrlich: Wer denkt bei einem einmaligen Knie-Engagement schon in erster Linie an die Finanzen?

Sie stehen in einer langen Liste von Comedians, die in den letzten Jahren vom Zirkus Knie verpflichtet worden sind: von Dimitri über Emil bis zum Duo Fischbach, Ursus & Nadeschkin und Oropax. Orientieren Sie sich an den Programmen der Vorgänger?
Wir müssen die Ideen der Vorgänger ausblenden. Gleichzeitig ist uns natürlich klar, dass es nichts gibt, was in der Manege nicht schon gemacht worden ist. Offenbar auch die Tierkonferenz. Jedenfalls sagte uns Fredy Knie kürzlich, dass er die Idee sehr gut finde – um dann hinzuzufügen, dass sie im Welschland bereits einmal von jemandem ähnlich umgesetzt worden sei. Das hat mich beinahe erschlagen.

Leben Sie während der Tournee im Zirkuswagen?
Fast immer. In Zürich aber eher nicht, weil ich in zehn Minuten zu Hause bin.

Ihre Familie nehmen Sie nicht mit?
Das geht leider nicht. Meine Kinder sind 18 und 15, sie besuchen verschiedene Schulen. Meine Frau Monika unterrichtet an einer Schule. In der Ferienzeit werden sie mich aber sicher alle begleiten. Sven Furrer ist hingegen mit der Familie unterwegs. Seine drei Kinder sind jünger als meine; sie werden in die Schule des Zirkus gehen.

Sie müssen in den nächsten Monaten etwa 240 Vorstellungen geben. Das bedeutet Stress.
Das denke ich auch. Ich nehme es aber als eine positive Herausforderung. Eigentlich habe ich am meisten Angst davor, dass Sven und ich uns auf den Sack gehen könnten. Das ist das wesentlich grössere Problem als die Auftritte selber.

Arbeiten Sie an einer Problemlösung?
Seit wir uns für Knie entschieden haben, reden Sven und ich über diese Problematik. Sven weiss, dass ich mich darauf freue, ihn jeden Abend zu sehen. Aber er weiss auch, dass ich ihn nicht auch noch jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Nachmittag sehen möchte. Es ist wirklich nicht ausgeschlossen, dass wir uns in die Haare geraten. Aber indem wir uns dessen bewusst sind, haben wir einen Teil des Problems schon bewältigt. Hoffe ich.

Sie hatten im Herbst eine Hirnoperation. Fühlen Sie sich für die Riesentournee fit?
Ich fühle mich extrem fit. Die Hirnoperation ist kein Thema mehr. Im Unterschied zu anderen Hirnoperationen handelte es sich bei mir um eine Kleinigkeit, vergleichbar mit der Entfernung einer Warze. Die Operation war erfolgreich, ich habe keinerlei Nebenwirkungen, muss allerdings noch einige Medikamente nehmen. Aber ich bin fit und für die Knie-Tournee bin ich kein Risiko.

Welche Art von Medikamenten müssen Sie nehmen. Schmerzmittel?
Nein. Ich habe nie Schmerzen gehabt.

Sie haben auch an Depressionen gelitten. Das ist eine Krankheit, von der man nie weiss, ob und wann sie wieder auftritt. Keine Angst, dass Sie bei einem allfälligen Misserfolg im Knie wieder depressiv werden könnten?
Die Depression hat nichts mit Erfolg oder Misserfolg zu tun. Ich hatte ja eigentlich immer Erfolg. Ich verdränge das Thema nicht, aber es interessiert mich im Moment ganz einfach nicht. Auch die Hirn- und Herzgeschichten interessieren mich nicht.

Nehmen Sie Antidepressiva?
Nein. Ich habe mir immer gesagt, ich muss diese Krankheit anders in den Griff bekommen. Aber ich verstehe alle, die Antidepressiva nehmen. Ich würde nie jemandem, der sie nimmt, sagen, es gehe auch ohne.

Aber Sie nahmen psychologische Hilfe in Anspruch?
Selbstverständlich. Das war wichtig für mich, heute komme ich wieder ohne aus.

Sie haben eine eindrückliche Krankenbiografie. Wie wichtig war die Familie bei der Bewältigung?
Die Familie ist das Wichtigste. Ich könnte einen noch so guten Psychologen haben, ich könnte einen noch so guten Chirurgen haben – wenn die Familie mich nicht auffängt, dann ist alles für die Katz. Wir haben null Probleme mit unsern Kindern. Das Familienleben funktioniert extrem gut. Das ist die beste Voraussetzung für einen erfolgreichen Heilungsprozess.

Die Schicksalsschläge haben schon sehr früh in Ihrem Leben angefangen. Als Sie sieben Jahre alt waren, starb Ihre Schwester an Leukämie. Glauben Sie noch an irgendetwas?
So wie es kommt, so muss es kommen: Daran glaube ich.

Lachen Ihre Kinder über Ihre Sketche?
Und wie! Laura und Nico sind selber ausgeprägte Komiker. Eigentlich müsste ich für die beiden ein Programm schreiben. Sie mögen einander sehr. Ich glaube, sie haben noch nie gestritten.

Allzu viel Harmonie ist für die Bühne keine gute Voraussetzung.
Auf der Bühne würden sie mit Wonne miteinander streiten. Beide fühlen sich sehr zur Wort-Comedy hingezogen. Bei uns geht es am Esstisch lustig zu und her, weil wir den schnellen und trockenen Wortwitz pflegen. Die beiden Kinder verstehen meine ironischen Bemerkungen sehr schnell. Das liebe ich. Nico konnte schon als Neunjähriger das «Edelmais»-Programm auswendig.

Da könnten Sie ihn glatt ins neue Programm einbauen.
Definitiv. Laura ebenfalls. Das werde ich mir bestimmt überlegen.

Die letzten Jahre waren von vielen Comebacks geprägt: von Michael Schumacher bis zu Take That. Haben Sie sich schon ein Schmirinski-Comeback überlegt?
Bestimmt wäre das, wie bei vielen andern Comebacks, sehr lukrativ. Es wäre Millionen wert (lacht). Und die Fans von damals hätten sicherlich auch Freude daran. Vielleicht gibt es irgendwann mal einen einmaligen Schmirinski-Auftritt. Ein dauerhaftes Comeback kommt aber frühestens zustande, wenn wir 70 sind. Schmidi und ich haben heute noch viel Kontakt und wir sehen uns oft. Er hat in der Kunstszene als Holzskulpteur Fuss gefasst und ich ziehe den Hut vor seiner neuen Karriere. Er möchte diese Szene nicht mehr verlassen, um den Clown zu spielen.

Ist Sven Furrer manchmal auf Ihre vergangenen Erfolge mit Stefan Schmidlin eifersüchtig?
Das glaube ich nicht. Sven kannte von Anfang an, was auf ihn zukommen wird, und er wusste, dass er ständig mit Schmidi verglichen würde. Damit hat er keine Probleme.

Was unterscheidet die beiden?
Sven ist der bessere Schauspieler, während Schmidi wahrscheinlich der bessere Komiker war. Aber Spass hatte und habe ich mit beiden.

Kürzlich ist der SF-Sport-Kommentator Hans Jucker verstorben, der wie Sie aus dem Säuliamt kommt. Wie gut kannten Sie ihn?
Hans war Stammgast in meinem Restaurant in Affoltern am Albis. Früher, als ich als Junge Fussball spielte, war er Präsident des FC Affoltern. Hans war immer gut drauf. Als Sportjournalist habe ich ihn bewundert. Er hat alles moderiert, obwohl er absolut unsportlich war: Er spielte kein Curling, er fuhr nicht Ski, er konnte nicht reiten – boxen und rudern schon gar nicht. Trotzdem zog er sein Ding durch und war beim Publikum sehr beliebt. Das machte mir Eindruck.

Sie waren als Teenager auch im Turnverein Affoltern. Damaliger Präsident war SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi. Stehen Sie ihm politisch nahe?
Toni ist der Entdecker der Schmirinskis. Als Schmidi und ich im Turnverein waren, wählte uns Toni für einen Sketchauftritt aus. Und so begann alles. Aber Toni und ich politisieren nie. Auch mit Hans Jucker sprach ich nie über Politik.

Sie weichen der Frage aus.
Ich stehe politisch niemandem nahe. Ich finde es schlimm, wie viele Leute eine politische Meinung vertreten, die sie irgendwo aufschnappten, aber nie und nimmer fundiert begründen können.

Sie haben jetzt die Gelegenheit, ausführlich zu begründen, wie Sie bei der Waffeninitiative abgestimmt haben. Und weshalb.
Besten Dank fürs Angebot, auf das ich dankend verzichte. Es käme nie so rüber, wie ich das möchte. Am Schluss hiesse es nur, er ist dafür oder dagegen.

Auf dem Stimmzettel geht es akkurat darum.
Ein Wort auf einem Stimmzettel kann nie meine ganze Meinung reflektieren. Auf der Bühne mache ich ja kein politisches Kabarett. Das ist nicht meine Kernkompetenz. Ich würde unter Umständen fünfzig Prozent meines Publikums mit einer Aussage vor den Kopf stossen.

Beschäftigen Sie sich privat überhaupt mit Politik?
Natürlich, ich bin ein sehr politischer Mensch.

Die politische Schweiz bewegt sich zurzeit nach rechts…
...Sie können es einfach nicht lassen. Wichtig ist, dass sich die Schweiz überhaupt bewegt.

Sie moderieren zurzeit die SF-Quizshow «1 gegen 100», weil Susanne Kunz bis April im Babyurlaub ist. Würden Sie die Sendung gerne übernehmen?
Wenn Susanne die Sendung abgeben würde, würde ich sicher nicht Nein sagen. Die Sendung macht mir Spass und anscheinend komme ich bei den Leuten gut an. Die Zuschauerzahlen sind so hoch wie nie zuvor. Und dies, obwohl auf SF2 gleichzeitig die neuste Staffel von «Desperate Housewives» läuft. Das spricht nicht gegen Susanne Kunz, aber es spricht für mich.

Was wäre, wenn Beni Thurnheer bei «Benissimo» ausfallen würde?
Wäre doch was. Man müsste ja nur aus dem «B» ein «R» machen... So lange Beni aber noch laufen kann, wird er «Benissimo» moderieren. Bald steht die 100. Sendung an. Dann schon bald die 150. und dann ist die 200. auch nicht mehr weit.

Wie müsste Ihre eigene Show aussehen?
Ich könnte mir eine grosse Samstagabend-Sendung mit Sven Furrer vorstellen. Etwas im Stil von «Edelmais und Co.» mit Musik und Gästen.

Wie wärs mit einer Late-Night-Show?
Ich würde gerne einen Wochen-Talk machen. «Black & Blonde» wäre mein Ding gewesen. Aber Roman Kilchsperger war damals hoch im Kurs – zu Recht. Die Show war ihrer Zeit voraus, genau wie «Ventil» von Frank Baumann oder «Night Moor» von Dieter Moor. In so einem Talk würde ich auch den Politikern von links und rechts auf den Zahn fühlen.

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