Die zierliche Basler Sängerin mit der voluminösen Stimme wird in diesen Tagen reich beschenkt: Jedermann kommt der 23-Jährigen mit wohlfeilen Ratschlägen. Sie soll sich etwas mehr wie Lena bewegen, sie soll sich etwas weniger wie Lena bewegen. Sie soll sich fröhlicher kleiden, sie soll die Performance perfektionieren, sie soll, sie soll, sie soll.

Sie sagt: «Ich will auch im kommenden Jahr mich selber bleiben.» Der Satz tönt nicht trotzig, sondern selbstbewusst. Ja, Anna Rossinelli ist voller Selbstvertrauen, jedenfalls meistens. Taucht allerdings eine Frage auf, die sie verunsichert oder die sie nicht so richtig versteht, schaut sie gerne zu Georg. Georg Dillier (28) ist ihr Bassist. Er ist vor allem ihr Freund. Wenn er einen Vorschlag für eine Antwort macht, übernimmt sie ihn sofort.

Anna und Georg sind seit bald acht Jahren ein Paar. Sechs Jahre alt war Anna, als der Vater starb. Stimmt, sagt sie. Und führt das Gespräch gekonnt auf ein anderes Gleis. Sie sei in den letzten Wochen in der Presse etwas gar plakativ als Serviertochter dargestellt worden. Dabei arbeite sie nur gerade an zwei Abenden im Service. Eigentlich ist sie gelernte Fachfrau für die Betreuung von Kindern mit Behinderung. «Schreiben Sie bitte nicht ‹Betreuerin von behinderten Kindern›. Die Persönlichkeit steht im Vordergrund und nicht die Behinderung.»

2011 setzt Rossinelli auf die Musik. «Als Betreuerin nimmt man immer einen Teil der Arbeit mit nach Hause.» Zusammen mit dem Druck, der jetzt im Zusammenhang mit dem Eurovision Song Contest (ESC) entstanden ist, wäre es zu viel. In den nächsten Wochen gilt es, den Auftritt vom 10.Mai in Düsseldorf vorzubereiten. Angst vor dem Millionenpublikum habe sie nicht, sagt Anna Rosinelli. «Ich weiss, dass ich mich auf meine Stimme verlassen kann.»

Eigentlich müssten Anna Rosinelli und ihre Band jetzt mit Hochdruck an einer CD arbeiten. Einen besseren Promo-Anlass als den ESC gibt es für ein Album kaum. «Wir beschäftigen uns tatsächlich mit einem CD-Projekt», sagt Anna. «Wenn es bis im Mai realisiert ist, dann ist das gut. Wenn nicht, ist es ebenfalls gut. Wir wollen einfach ein Produkt, zu dem wir stehen können. Denn die erste CD ist für eine Gruppe immer eine Visitenkarte. Ob sie nun im Mai oder im Juni oder noch später herauskommt, spielt keine Rolle. Wer uns mag oder uns in Düsseldorf gut findet, wird die CD auch im Sommer noch kaufen.»

Da ist er wieder, dieser faszinierender Glaube an die eigene Person, der ihr auch erlaubt, mit den Foto- und TV-Kameras zu flirten. Zusammen mit der Stimme, die Emotion erzeugt, ergibt das eine ziemlich hochkarätige Mischung.

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