Wir erreichen Marc Sway am Telefon. In Rio de Janeiro ist Morgen, Sway ist gerade aufgestanden. «Wir haben vorher an der Copacabana gefrühstückt», sagt der Zürcher mit rauer Stimme. Am Abend vorher hatte er mit seiner Band im «House of Switzerland», dem temporären Dorf der Schweizer Olympia-Delegation, bis spät in die Nacht gesungen. Für Sway, der den schweizerischen wie den brasilianischen Pass besitzt, ist es etwas Besonderes, in der Heimat seiner Mutter aufzutreten. «Brasilien ist mein zweites Zuhause.»

Herr Sway, Sie sind in Rio Schweizer Kulturbotschafter im Auftrag des Bundes. Wie ist die Stimmung vor Ort bei unseren Athleten?
Marc Sway: Man spürt die Vorfreude bei den Athleten, aber auch die Anspannung. Die Stimmung ist aber etwas getrübt, weil unsere Gold-Favoriten im Tennis, Stan Wawrinka und Roger Federer, kurzfristig absagen mussten. Ich stand neben Stans Trainer, als bekannt wurde, dass er nicht kommt. Das war hart und gab der ganzen Delegation einen Dämpfer.

Dann werden die beiden vermisst?
Ja, sehr sogar. Mit ihnen würden wir wohl mehr Medaillen heimtragen.

Auf wem ruhen jetzt Ihre Gold-Hoffnungen?
Ich kann mir gut vorstellen, dass die Radrennfahrerin Jolanda Neff eine Medaille gewinnt. Insgesamt rechne ich mit sechs Medaillen.

In welcher Sportart würden Sie antreten, wenn Sie bei den Olympischen Spielen dabei wären?
Vor 15 Jahren wäre ich als Hürdenläufer dabei gewesen. Heute aufgrund meiner Fitness eher als Bogenschütze (lacht).

Welche Wettkämpfe schauen Sie sich an?
Ich bin nur noch bis morgen da und hoffe, dass ich noch das Beach-Volleyballspiel Schweiz – Deutschland sehen kann.

Im Vorfeld war das Zika-Virus ein grosses Thema, manche Sportler sagten ihre Teilnahme gar ab. Wie ist es nun vor Ort?
Eigentlich ist Zika kein Thema. Dies liegt auch daran, dass hier zurzeit Winter ist. Dadurch hat es deutlich weniger Mücken. Ich bin seit einer Woche in Rio und hatte noch keinen Stich.

Das heisst aber nicht, dass keine Gefahr besteht.
Natürlich. Eines unserer Bandmitglieder ist beispielsweise in der Familienplanung. Wer in den nächsten sechs Monaten ein Kind haben möchte, der ist sehr erpicht darauf, dass er nicht gestochen wird. Er trägt nur lange Kleider, benutzt Antibrumm und lässt sich in der Schweiz dann noch testen – sicher ist sicher.

Ist Ihre Familie mit dabei?
Nein, aber nicht, weil sie Angst vor Zika hat. Ich kann schlecht Berufliches und Privates verbinden. Wenn ich arbeite, dann bin ich ein Workaholic und würde meiner Familie nicht gerecht.

Ihre Mutter ist Brasilianerin. Wie viel von Brasilien steckt im Schweizer Marc Sway?
Meine Mutter stammt aus Bahia, das ist die gemütlichste Gegend in Brasilien. Die Leute von dort sind quasi die Berner von Brasilien. Von hier stammen auch viele Musiker. Das Gemächliche und das Musikalische ist also wohl das Brasilianische an mir. Als Brasilianer hat man einen anderen Rhythmus. Das Herz schlägt langsamer, dafür pumpt es mehr Blut. Je mehr eine Gesellschaft durchorganisiert ist, desto eher geht der Spassfaktor verloren.

Das heisst, Sie vermissen in der Schweiz die Leichtigkeit?
Wir Schweizer können oft etwas verknorzt sein. Ich fühle mich nicht immer zu hundert Prozent verstanden mit meiner offenen Art. Die Leichtigkeit, die ich vorlebe, ist in Brasilien völlig normal. In der Schweiz gilt sie hingegen oft als Faulheit. Man wird schnell kategorisiert.

Wie oft sind Sie in Brasilien?
In jüngeren Jahren quasi jährlich. Aber ich sah selten viel vom Land, da wir immer zu den Verwandten gingen. Letztes Jahr bin ich nun mit meiner Familie zwei Monate durchs Land gereist und entdeckte Brasilien aufs Neue. Mir ist es wichtig, dass meine Frau und meine beiden Kinder diesen Teil meiner Kultur kennen lernen. Deshalb spreche ich zu Hause auch oft Portugiesisch.

Sie singen zum Teil auf Portugiesisch, wie zuletzt an Konzerten im «House of Switzerland» in Rio. Um neue Fans zu gewinnen?
Mir gefällt vor allem, dass ich hier unbekannt bin. In der Schweiz kennen mich die Leute seit fast zehn Jahren, sei es als Sänger oder als Jury-Mitglied aus «The Voice». Aber hier trete ich als Nobody auf. Wenn dann die Leute bei meiner Musik mitgehen, ist das ein tolles Gefühl. Fast wie der Beginn einer zweiten Karriere.

In Ihrer Musik steckt vor allem Soul und Pop, nicht Samba oder Bossa Nova. Wird das nächste Album ein Brasil-Album?
Sagen wir es so, meine Musik wird immer brasilianischer. Aber die magische Formel habe ich noch nicht gefunden für die perfekte Verschmelzung der europäischen und brasilianischen Musik.

Müssten Sie dafür länger in Brasilien leben?
Schon möglich. Aber irgendwie spüre ich, dass ich die Formel irgendwann finde. Da habe ich ein gewisses Urvertrauen. Denn ich habe die Liebe zu anderen Klängen und lasse mich von anderen Künstlern inspirieren.

Anfang Jahr sagten Sie, Sie würden eine Auszeit nehmen, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Wie füllen Sie diese Auszeit?
Ich nahm mir vor allem letztes Jahr viel Zeit für meine Familie. In den letzten Monaten habe ich aber damit begonnen, viel zu schreiben, wie ein Wahnsinniger. Das Songwriting hat für mich zurzeit höchste Priorität, ich schreibe täglich neue Songs.

Ohne Pause?
Na ja. Die Muse ist ja weiblich. Und manchmal warte ich stundenlang auf sie. Aber da ich drei Frauen im Haushalt habe, bin ich mir das gewöhnt (lacht).

Das heisst aber, dass es bald ein neues Marc-Sway-Album gibt?
Ja, nächstes Jahr sollte es beendet sein. Das Songwriting ist jetzt fertig. Nun geht es darum, wo wir es produzieren. Ich könnte mir auch vorstellen, einen Teil in Brasilien aufzunehmen mit regionalen Künstlern.

In Brasilien geht es momentan vor allem auch politisch turbulent zu und her. Verfolgen Sie die Entwicklungen?
Die aktuelle Situation ist verworren. Das ganze politische System ist verfilzt und kriminell. Dabei könnte es dem Land so viel besser gehen, wenn nicht laufend Milliarden von Geldern in irgendwelchen Taschen verschwinden würden. Zu viele Menschen bereichern sich auf Kosten der Allgemeinheit. Das zeigt sich auch daran, dass kein Wille da ist, das Leben in den Favelas, den Armenviertel, zu verbessern. Es verdienen schlicht zu viele Leute an den dort umgeschlagenen Drogen mit.

Für den Bau von Olympia-Stadien wurden Hunderte von Menschen aus ihren Häusern vertrieben.
Das ist leider so. Das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich ist traurige Realität. Noch immer. Doch Brasilien beginnt sich zu emanzipieren. An der Fussball-WM 2014 gingen die Menschen auf die Strasse, um zu demonstrieren. Doch sie müssen erst lernen, sich für ihre Rechte starkzumachen. Bis in den 70er-Jahren war das Land eine Militärdemokratie und heute hält eine reiche Elite die Bevölkerung klein.

Helfen die Olympischen Spiele der Bevölkerung bei der Emanzipation?
Klar. Zu keinem anderen Zeitpunkt bekommen die Brasilianer für ihre Anliegen so viel Aufmerksamkeit, wie vor einem grossen Sportanlass. Das haben sie an der WM 2014 erkannt.

Grossanlässe wie die WM oder nun die Olympischen Spiele bergen auch Gefahren. Wie gross ist die Angst vor Terroranschlägen?
Aktuell gibt es wohl keinen sichereren Ort als die Copacabana. Überhaupt sind in ganz Rio viele Sicherheitsleute unterwegs. Es gibt praktisch keine Ecke, wo die Polizei und das Militär nicht präsent sind. Das olympische Dorf kommt einem Sicherheitstrakt gleich. Jeder wird mit Scanner und Detektoren durchleuchtet, bevor er rein darf. Doch Terror-Angst ist bei den Brasilianern keine zu spüren, bei den Europäern sitzt der Schock der vergangenen Anschläge tiefer. Wir haben den Terror näher miterlebt.

In der Schweiz ist die Angst vor Terrorismus gestiegen. In Europa rückt die Politik nach rechts.
Das macht mir Sorgen. Ich verurteile es, dass Politiker die Unsicherheit in der Bevölkerung nutzen, um Propaganda zu machen. Denn jedes politische System, das auf Angst basiert, ist ein Irrweg. Leider führt dies oft auch zu Fremdenfeindlichkeit.

Haben Sie solche selber schon erlebt?
In der Schweiz werde ich als Schweizer wahrgenommen. Und wenn nicht, dann komme ich auch als Brasilianer positiv an. Für viele ist Brasilien gleich Samba und Fussball. Überspitzt gesagt: Kaum erwähne ich, dass ich Brasilianer bin, fangen die Leute an zu tanzen und haben Freude. Da haben es andere Nationen schwerer.

Sie haben zwei kleine Mädchen, was wollen Sie ihnen auf den Weg geben?
Optimismus. Die Geschichte lehrt uns, dass auf Zeiten des Terrors auch immer wieder friedliche Abschnitte folgen. Das Wichtigste ist aber: in der Gegenwart zu leben. Den Moment zu geniessen, ist der Weg zum Glück. Nicht umsonst wurden die Brasilianer in einer Studie als glücklichstes Volk gekürt. Sie leben extrem im Hier und Jetzt.

Hören Ihre Kinder eigentlich Ihre Musik?
Ja, manchmal sogar sehr intensiv. Sie hatten kürzlich eine Phase, in der sie die Lieder von meinem letzten Album «Black & White» rauf und runter hörten. Meine Frau ist fast durchgedreht und bat mich, dringend ein neues Album zu schreiben oder zumindest den Kindern meine Demo-Tapes zu geben.

Was singen Sie ihnen vor dem Schlafengehen vor?
Meist ein brasilianisches Lied, das mir schon meine Mutter vorsang. Es ist ein Wiegenlied von Heitor Villa-Lobos. Mit ihm sind in Brasilien alle in den Schlaf gewiegt worden. Am Konzert im «House of Switzerland» am Mittwoch habe ich es als Zugabe gespielt. Das Publikum hat getobt und aus voller Kehle mitgesungen. Ich hörte teilweise meine Stimme nicht mehr, so laut war es. Das war grossartig.

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