Fünfzehn Minuten Taxifahrt von Ibiza-Stadt Richtung San Antonio, dann erreiche man den Ort, wo der Schriftsteller Martin Suter einige Monate im Jahr lebt. Sant Rafel de sa Creu heisst dieser Ort, steht auf dem Blatt, das uns der Diogenes-Verlag mitgegeben hat, inklusiv Adresse und Telefonnummer. Und weil selbst Ortskundige sich kundig machen müssten, hat Suter eine Skizze mitgeliefert, mit der er uns zu seinem Wohnsitz lotst. Also biegen wir an der richtigen Stelle ab – und wir sind definitiv auf dem Land angekommen: schmale Naturstrasse, hier ein kleines Gehöft, dort weidende Tiere. Nach einem Kilometer sehen wir, was auch von der Skizze winkt: eine Palme vor einem Gebäude. Hier also wohnt Martin Suter.

Sommer in Ibiza, die Strände der Baleareninsel rege aufgesucht, spätabends wirbelt und wummert es in Ibiza-Stadt. Nichts von alledem auf Suters Finca. Unser Blick schweift über dreieinhalb Hektaren rotbraune Erde, hin zu Haus und Gästehaus, zu Oliven-, Johannisbrot- und Feigenbäumen, das Anwesen umrandet von ockerfarbenen Mauern. Hier ist Raum, ist Ruhe, ist Idyll. Seit 1991 wohnt Martin Suter mit seiner Frau Margrith hier, seit fünf Jahren als Familie.

Das Haus entworfen hat Margrith Suter: funktional und grosszügig und mit Gespür für das Material. Die Räume sind licht und hoch, die Ausstattung erlesen. Nichts ist überladen. Hier wird Schlichtheit zum Ornament.

Doch wir sind nicht nur um zu schauen und staunen hierher zu dieser Dichteroase gefahren, sondern auch, um zu fragen. Zum Beispiel: Was, Herr Suter, vermisst der gebürtige Stadtzürcher hier an diesem einsamen Insel-Ort? «Manchmal ein bisschen die Stadt, das Urbane», sagt Martin Suter und relativiert sogleich: «Doch das ist immer so: Überall, wo ich bin, vermisse ich etwas, das nicht da ist.»

Wir sitzen inzwischen an einem grossen Holztisch unter einem Feigenbaum. Martin Suter im weissen Kurzarmhemd. Der Fotograf hat den Ästheten gebeten, den Kittel aus fotoästhetischen Gründen abzulegen. Martin Suter tats, «obwohl ich mich eigentlich nur mit Kittel fotografieren lasse». Der Autor mit der sprichwörtlich ruhigen Rede ist eben auch ein zuvorkommender Mensch.

Ein Zufall wars, dass das Ehepaar Suter Ende der 1980er-Jahre in Ibiza landete, ein Zufall führte sie wenig später nach Guatemala, wo die Suters in Panajachel am Lago Atitlán ein weiteres Haus besitzen. Und so ergab es sich, dass die Familie Suter zwischen November und April in Guatemala lebt und das Sommerhalbjahr auf Ibiza. Und dazwischen für wenige Wochen immer wieder auch in Zürich Hottingen. Drei Wohnsitze, drei Lebensgefühle. Im urbanen Zürich liegt der heimatliche Humus. Ibiza steht für Ländlich-Rurale, während Guatemala zum Ort des Schreibens geworden ist. Dort fand Suter in der Distanz zur Schweiz die Nähe zu seinen Stoffen, die immer auch etwas mit der Schweiz zu tun haben.

Das war bis jetzt so. Zum ersten Mal nämlich hat die Familie Suter dieses Jahr den europäischen Winter nicht am Lago Atitlán verbracht. Der Grund: die Kriminalität. «Wer sich dagegen gewehrt hat», sagt Martin Suter, «sitzt jetzt im Gefängnis, weil die Dealer mehr Geld haben und sagen können, wer in die Kiste kommt.» Was das Wohnen betrifft, ist gedanklich eh alles im Fluss. Die Familie Suter überlegt sich nämlich, den Lebensmittelpunkt in die Schweiz zu verlegen. Das hat auch etwas mit der bald schulpflichtigen Tochter Anna zu tun. Die Rückkehr in die Schweiz als grosser Lebensentscheid? «Ja», sagt Martin Suter, «deshalb tun wir uns auch so schwer damit.»

Der neue Roman «Die Zeit, die Zeit» entstand grösstenteils in Ibiza und somit an dem Ort, wo Martin Suter am liebsten nur als «Gentleman-Farmer» Wein keltern und Oliven pressen würde. Nun haben ihn die guatemaltekischen Drogenbosse plötzlich zum Schreiben in Ibiza verdammt ... Lachen am Holztisch unter dem Feigenbaum und das Eingeständnis: «Es war auch eine Erlösung, weil ich immer geglaubt hatte, ich könne nur in Guatemala schreiben.»

Mit «Die Zeit, die Zeit» ist Martin Suter bei seiner Tour durch die Genres beim Science-Fiction-Roman angekommen. Der Plot in Kürzestform: Der achtzigjährige Knupp, ehemaliger Primarlehrer, hat vor zwanzig Jahren seine Frau verloren, glaubt an die Theorie der Zeitnihilisten und ist überzeugt, dass er das Unfassbare wieder rückgängig machen kann. Peter Taler, ein Buchhalter und Knupps Nachbar, soll ihm helfen und gerät dabei in Teufels Küche. Fast auf dreihundert Seiten breitet Martin Suter seine erneut schnörkellos erzählte Geschichte aus, präzise in den Bildern und Dialogen; wir erfahren auf dieser Zeitreise viel aus Knupps wie Talers Biografie, werden mit- und hineingerissen in ein verrücktes und immer folgeschwereres Experiment, bis am Schluss . . . nein, Herr Suter, das Versprechen unter dem Feigenbaum gilt: Den Tricky-Schluss Ihrer Geschichte verraten wir nicht!

«Die Zeit, die Zeit» ist Suters zehnter Roman, «Small World» war sein erster. Er erschien 1997 und wurde ein Riesenerfolg. Mit Folgen. Denn seit «Small World» hat sich Suters Welt geweitet – und ein «Lebenstraum» erfüllt, nämlich «Schriftsteller zu sein und davon auch leben zu können». Es folgten weitere Romane, Reiseberichte, Glossen, Feuilletons, Theaterstücke, Film- und TV-Drehbücher. «Small World» schliesslich wurde 2010 in einer französischen Verfilmung mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle, cineastisch geadelt. Im gleichen Jahr erschien der kulinarisch-erotische Roman «Der Koch», der mit einer Auflage von rund 350 000 Exemplaren Suter definitiv in die Sphäre der literarischen Überflieger entlockte.

Schreibt es sich anders, Herr Suter, wenn man erfolgreich ist? «Nein, das glaube ich nicht. Ich habe ein bisschen mehr Erfahrung, ein besseres Gefühl für die Distanz von dreihundert Seiten und die Struktur. Aber ich setze mich jedes Mal hin und versuche, ein neues Buch zu schreiben, mit neuen Stoffen und auf eine neue Art. So habe ich mich auch bei ‹Die Zeit, die Zeit› nicht gefragt, weshalb ‹Der Koch› so erfolgreich war.»

Im Hochstaplerroman «Lila, Lila» (2004) bewegte sich Martin Suter im Literaturbetrieb, mit dem «Letzten Weynfeldt» in der Welt der Kunst und in «Die Zeit, die Zeit» geht er einen Roman lang mit einem Buchhalter durchs Leben, nimmt an dessen kriminellen Finanztransaktionen teil ... jetzt, Herr Suter, wäre ein Roman aus der Finanzwelt fällig. «Im ‹Koch› ist doch viel von diesen Themen drin», erwidert Suter, «ich habe die Aktualität während des Schreibens immer mitlaufen lassen, die Finanzkrise, den Bürgerkrieg in Sri Lanka, damit meine Figuren darauf reagieren können.»

Nach einer Stunde die Frage: Was, Herr Suter, macht eigentlich Herr Allmen? «Nächstes Jahr sollte die dritte Folge ‹Allmen und die Dahlien› erscheinen.» Ende August läuft der Kinofilm «Nachtlärm» an. Drehbuch: Martin Suter. «Der Teufel von Mailand» wird vom Fernsehen Ende September ausgestrahlt. Im September erscheint ein neues Album von Stephan Eicher. Drei der Texte stammen von Martin Suter.

Und in der Schublade liegt noch ein Romanmanuskript, das vom Verlag abgelehnt worden ist, oder? «Ja», antwortet Suter und klärt selbstkritisch: «Nach dem Erfolg von ‹Small World› war ich wohl etwas zu übermutig und sorglos.» Die Geschichte? Es geht um Amnesie, um einen Journalisten, einen vermeintlichen Mord ... Martin Suter erzählt sie und bittet den Besucher zum zweiten Mal unter dem Feigenbaum: «Verraten Sie den Plot nicht, denn ich merke: Total verabschiedet habe ich mich von dieser Geschichte noch nicht.»

* Mit diesem Artikel verabschiedet sich unser Literaturredaktor Marco Guetg von den «Sonntag»-Leserinnen und Lesern. Er geht in die (selbst gewählte) Frühpension. Während elf Jahren hat der Bündner für die AZ Medien gearbeitet, zuerst für die Wochenend-Beilage der «Aargauer Zeitung», dann für deren Kulturredaktion und ab September 2007 auch für den «Sonntag». Für sein Engagement danken wir gu. herzlich – und hoffen auf ein gelegentliches Wiederlesen. Denn Journalist bleibt Marco Guetg auch als Pensionierter. (Patrik Müller)

Martin Suter wurde am 29. Februar 1948 in Zürich geboren. Nach der Matura 1968 liess er sich bei der Basler Werbeagentur GGK zum Werbetexter ausbilden und avancierte zum Kreativdirektor. Später gründete Martin Suter mit Robert Stalder die Werbeagentur «Stalder & Suter». Parallel dazu versuchte sich Suter als Schriftsteller. Er schrieb Drehbücher fürs Fernsehen («Tatort») und für Filme – u.a. für Daniels Schmids «Jenatsch». Bekannt wurde Martin Suter durch seine Wirtschaftsglossen «Business Class» und «Geri Weibel», seinen literarischen Durchbruch hingegen erlebte er 1997 mit «Small World». Es folgten weitere Romane und Drehbücher, 2010 der Roman «Der Koch», der über Wochen auf Platz eins der «Spiegel»-Bestsellerliste lag und 350 000 Mal verkauft wurde. Martin Suter ist in zweiter Ehe mit der Modedesignerin Margrith Nay verheiratet. Die Familie lebt in Zürich, auf Ibiza und in Panajachel in Guatemala, wo das Paar 2006 zwei Kinder adoptierte: Anna und Antonio. Antonio starb im August 2009 im Alter von drei Jahren durch einen Unfall. Einzige Lesung in der Schweiz: 30.September, 11 Uhr, Schauspielhaus Zürich.

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