Herr Jaton, am Donnerstag geht es los. Wie nervös sind Sie vor Ihrer Premiere als Festival-Direktor?
Mathieu Jaton: Nicht allzu sehr, denn ich war ja schon früher für die Organisation verantwortlich. Aber es ist das erste Festival ohne Claude, und das ist schon sehr speziell.

Gab es bei der Planung Probleme?
Bis jetzt nicht (lacht). Aber die kritischen Tage vor der Eröffnung folgen erst noch. Dann taucht sicher die eine oder andere Herausforderung noch auf.

Claude Nobs arbeitete 47 Jahre lang für das Festival. Können Sie sich ein so langes Engagement auch vorstellen?
Wer weiss. Mich treibt meine Passion an, Tag für Tag. Und wenn ich dieselbe Passion auch in dreissig Jahren spüre, werde ich auch dann noch hier sein.

Nach dem Tod von Claude Nobs haben Sie das Team umgebildet und Hierarchien abgebaut. War es manchmal schwierig, mit einem Freigeist wie Nobs zusammenzuarbeiten?
Nicht schwierig, herausfordernd. Aber gleichzeitig auch inspirierend. Für Claude war nichts unmöglich, er dachte manchmal wie ein Achtjähriger und war voller verrückter Ideen. Aber oft haben sie am Schluss funktioniert. Für mich galt es also, diese intuitive Verrücktheit im Team zu behalten. Ich allein konnte das nicht. Deshalb brachte ich eine neue, jüngere Generation in die Organisation. Sie fordern mich heraus mit genauso verrückten Ideen. Das treibt uns alle voran.

Was sind die verrückten Ideen dieses Jahr?
Wir haben eine 40 Meter lange Terrasse gebaut, die in den See hinausragt. Der Stiftungsrat hat mich dabei unterstützt. Anfang Jahr sagte ich ihnen, schaut, wir können auch einen Schritt zurückgehen, falls euch das zu riskant ist. Aber alle sagten mir, nein, gehe so weit, wie du gehen kannst.

Sie haben die Marke «Claude Nobs» beim Institut für geistiges Eigentum registrieren lassen. Weshalb?
Thierry, Claudes Lebenspartner, hat das gemacht im Namen einer neuen Stiftung, die Claude Nobs Foundation. Nach Claudes Tod erbte Thierry alles, das Chalet, die Archive, und so weiter. Deshalb beschloss er, eine Stiftung im Namen von Claude zu gründen mit Claudes Chalet als Hauptsitz. Der Stiftung gehören die Archive des Festivals, der Namenszug und das Logo von Claude.

Dann gibt es bald T-Shirts und Kaffeetassen mit dem Logo Claude Nobs?
Nein, nein. Darum geht es nicht. Wir haben seit Jahren die Funky-Claude-Shirts. Aber wir möchten kein Merchandising mit der Stiftung betreiben, das hätte Claude nicht gewollt. Er war ja eigentlich sehr schüchtern, auch wenn er gegen aussen sehr exzentrisch und extrovertiert auftrat. Mit der Stiftung und der Marke Claude Nobs möchten wir Claudes Lifestyle bewahren.

Das Konzertarchiv von Montreux, mehr als 5000 Konzertstunden, ist ins Unesco-Weltdokumentenerbe aufgenommen worden. Was bedeutet das für das Festival?
Sehr viel. Wir sind stolz, denn es ist eine weltweite Anerkennung für Claudes Vision. Er dachte immer an das Aufnehmen der Konzerte für die Archive. Vor drei Jahren begann die EPFL (École Polytechnique Fédérale de Lausanne) die Aufnahmen zu digitalisieren. Nächstes Jahr werden sie fertig sein. Ohne die EPFL wären die Archive wohl verloren gegangen. Jetzt haben wir dann alles auf riesigen Servern und dieses Jahr eröffnen wir während des Festivals ein Museum und zeigen Auszüge des Archivs.

Lässt sich wirklich jeder Künstler aufnehmen? Schliesslich geht es um viel Geld in der Verwertungskette.
Ja, aber wenn wir den Künstlern sagen können, dass sie Teil des Unesco-Erbes werden, ist das ein gutes Argument. Und wir verdienen damit ja kein Geld, wir sind eine Non-Profit-Organisation.

Wird es ein ständiges Museum geben?
Wir hoffen es. Momentan gibt es sehr verschiedene Projekte für die Claude Nobs Foundation. Sicher ist bereits, dass wir 2015 an der EPFL in Lausanne ein riesiges Montreux Jazz Café eröffnen. Im selben Gebäude wird auch das gesamte Festival-Archiv zugänglich sein. Und andererseits hoffe ich, dass wir zusammen mit der Stadt Montreux ein Montreux-Jazz- oder Claude-Nobs-Museum schaffen können. Daran arbeiten wir.

Musiklegende Quincy Jones und Ex-US-Aussenministerin Hillary Clinton haben das Unesco-Projekt unterstützt. War Clinton schon mal in Montreux?
Nein, bis jetzt noch nicht. Wir haben sie mehrmals eingeladen, auch dieses Jahr. Aber sie ist ziemlich beschäftigt. Claude traf sie vor einigen Jahren, und Quincy war ein langjähriger Freund von Claude. So kam es zu ihrer Unterstützung.

Bill Clinton könnte auftreten als begeisterter Saxofon-Spieler, zusammen mit Funklegende George Clinton.
Das ist eine brillante Idee, Sie sollten unser Programm mitgestalten! (lacht)

Was geschieht eigentlich mit dem legendären Chalet von Claude Nobs, wo die Stars wilde Partys feierten?
Momentan gehört es noch Thierry, Claudes Partner. Er stellt es uns aber weiterhin zur Verfügung für Partys – inklusive exquisitem Wein und Lachs (lacht). Geplant ist, dass er das Chalet der Claude Nobs Foundation übergibt. Das freut mich, denn das ist nicht selbstverständlich. Ich war mir auch nicht sicher, ob die Musiker weiterhin ins Chalet gehen möchten. Aber alle haben mich danach gefragt. Nicht zuletzt, um Claudes Festival-Kollektion zu sehen.

Claude Nobs pflegte den persönlichen Kontakt zu den Stars, hofierte und beschenkte sie. Sie auch?
Das war sicher ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Festivals. Und diese Freundschaften können wir nicht einfach ersetzen. Aber Claude war immer sehr grosszügig. Er behielt seine Kontakte nicht für sich, er nahm immer jemanden vom Team mit zu den Stars, zu Quincy Jones oder Herbie Hancock oder wer auch immer. Er hat uns immer Türen geöffnet. Von nun an müssen wir die Türen selber öffnen.

Claude Nobs hat auf der Bühne immer wieder als Mundharmonika-Spieler überrascht. Wie steht es mit Ihren Fähigkeiten auf der Mundharmonika?
Sehr schlecht! Ich bin Gitarrist und sang früher in einer Band. So habe ich Claude kennen gelernt. Ich gab ihm eine Kassette von uns und er hörte sich unsere Musik an. Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich werde nicht auf die Bühne springen und mit den Stars mitmusizieren. Das wäre irgendwie komisch, das war Claudes Ding. Jedenfalls nicht in diesem Jahr. Aber vielleicht in ein paar Jahren, wer weiss? Dann singe ich den Blues.

Wie hören Sie sich eigentlich zu Hause Musik an – alt- oder neumodisch?
Beides. Ich lege oft alte Vinyl-Platten auf von den Klassikern, mit einem Verstärker für richtig guten Sound. Aber wenn ich für die Familie koche, schalte ich auch einfach mal den iPod ein.

Und welche Musik mag Ihre fünfjährige Tochter?
Momentan vor allem Adele.

Gerne hätte man Adele dieses Jahr in Montreux singen hören …
… ich auch! Und natürlich David Bowie. Eines Tages!

Haben Sie es versucht bei Bowie?
Wir drängen die Stars nie. Sie wissen, dass wir hier sind. Auch Prince, der dieses Jahr auftritt, haben wir nie gedrängt. Prince rief uns an, weil er in Montreux auftreten wollte.

Haben Sie ihn schon gefragt, ob er, wie einst Quincy Jones, offizieller Produzent des Festivals werden möchte?
Das ist nicht abwegig. Prince wollte ja auch mal das Nizza Jazz-Festival produzieren. Aber irgendwie kam es nicht dazu. Wir wären auf jeden Fall offen dafür.

David Bowie, Black Sabbath, Fleetwood Mac: Sie alle haben Comebacks gegeben. Weshalb tritt dieses Jahr niemand von ihnen in Montreux auf?
Wir hatten natürlich alle gehofft, dass Bowie kommen würde. Er lebte ja viele Jahre in der Gegend, war eng befreundet mit Claude und lebte zeitweise in seinem Apartment. 2002 gab er hier ein tolles Konzert und er nahm hier auch Songs auf mit Queen. Wenn er uns eines Tages anruft, und sagt, er wolle auftreten, mache ich alles für ihn. Für Bowie würde ich den Genfersee versetzen!

Was war Ihr schönstes Live-Konzert?
Darf ich drei nennen?

Okay.
David Bowie 2002. Man spürte, dass hier Musikgeschichte geschrieben wurde. Das zweite war Radiohead 2003. Ich hatte sie später noch einige Male gesehen, aber nie mehr so intensiv. Und zum Schluss die kubanische Band Irakere im Jahr 1995. Die Halle war nur zur Hälfte gefüllt, aber sie haben während dreier Stunden voller Emotionen gespielt.

Bei Claude Nobs stand Stevie Wonder ganz oben auf der Wunschliste. Und bei Ihnen?
Klar, genauso wie Bono und U2, aber in einem kleinen, sanften akustischen Rahmen. Es muss eine gewisse Intimität herrschen. Wir sind ja nicht das St. Jakobsstadion oder der Letzigrund.

Dürfte Lady Gaga auftreten?
Auf jeden Fall, auch wenn das einige Leute überraschen mag. Viele sind sich nicht bewusst, dass Lady Gaga eine sehr gute Musikerin ist. Sie wäre sehr willkommen bei uns, aber ohne grosse Show und zwanzig Tänzer. Ihre Musik müsste im Vordergrund stehen.

Was wäre, wenn Justin Bieber anrufen und sagen würde, er möchte ohne grosse Show auftreten?
Darf ich den Joker ziehen? (Lacht.) Schauen Sie, wenn Sie mich vor zwanzig Jahren gefragt hätten, ob Robbie Williams bei uns willkommen wäre, hätte ich wohl Nein gesagt. Er war damals noch in der Boyband Take That. Aber mittlerweile hat er bewiesen, dass er ein toller Künstler ist. Vielleicht schafft das Justin Bieber ja auch. Aber heute würde ich ihm wohl eine Absage erteilen.

Neu gibt es dieses Jahr wieder drei statt zwei Konzertlocations. Das gab es schon mal – und prompt schrieben Sie rote Zahlen.
Stimmt. Aber wir möchten die Musikrichtungen besser einteilen können. Jetzt gibt es eine Location für Rock, eine für Elektronik, eine für Latinmusik und so weiter. Das gibt mehr Struktur. Wir hängen zu 45 Prozent von den Ticketverkäufen ab, zu 25 Prozent vom Verpflegungsumsatz und schliesslich von den Sponsoringeinnahmen. Ob die Rechnung finanziell aufgeht, werden wir sehen. Aber ich bin zuversichtlich, auch weil wir das Risiko besser verteilt haben.

Wie denn?
Wir haben zwei zusätzliche Tage. So können wir das Wetterrisiko besser abfedern.

Wie sieht bis jetzt der Vorverkauf aus?
Ziemlich gut, ich bin zufrieden. Für die Stravinski-Halle haben wir beispielsweise 92 Prozent der Tickets verkauft. Auch die Konzerte im Club, in dem Jazz gespielt wird, sind bereits zu 75 Prozent verkauft.

Erhöhen Sie das Budget für 2014?
Mal schauen. Dieses Jahr ist das Programm schon sehr aussergewöhnlich mit Stars wie Leonard Cohen, Prince und Green Day. Normalerweise hat man nur einen solchen Mega-Star pro Festival. 2012 war auch gut, aber es gab sicher weniger Highlights und «Big Names». Wir sind auch abhängig von den Künstlern und ihren Tourneeplänen. Dieses Jahr passt alles perfekt zusammen. Letztes Jahr haben hingegen die meisten Musiker erst nach den Olympischen Spielen getourt, was für uns schlecht war. Zum Glück ist die nächste Fussball-WM in Brasilien, das ist etwas weiter weg (lacht).

Haben Sie dieses Jahr mehr Sponsoren?
Ja, wir konnten weitere Sponsoren gewinnen und punkto Sponsoring-Einnahmen einen neuen Rekord aufstellen.

Hauptsponsor des Festivals ist der umstrittene aserbaidschanische Ölkonzern Socar. Diese Partnerschaft brachte Ihnen Kritik ein.
Ja, das ist leider so. Ich verstehe die Kritiker, aber wir sehen die Sache anders. Wir arbeiten seit Jahren mit der Botschaft von Aserbaidschan zusammen, denn die Hauptstadt Baku ist ein Zentrum für orientalischen Jazz. Als Socar seinen Hauptsitz in die Schweiz verlegte, kamen sie auf uns zu. Zwischen Montreux und dem Nahen Osten gibt es eine kulturelle Dynamik und mit dieser Partnerschaft können wir unser Musikangebot weiterentwickeln.

Wie lange läuft der Vertrag noch?
Bis 2014.

Sie versuchen mit dem Montreux Jazz Café zu expandieren, sprachen schon von Rio, Los Angeles, Hongkong, Sydney und New York. Heute gibt es sie aber nur in Genf, Zürich und London.
Bald werden es sechs sein. 2015 eröffnen wir wie gesagt eines in Lausanne auf dem EPFL-Campus, inklusive Konzerthalle. Das wird grossartig. Und diesen Juli beginnen die Arbeiten für ein Café in Paris im Gare de Lyon. Dort bauen wir eine Brasserie zu einem Montreux Jazz Café um. Hier werden wir täglich 4000 Kunden zählen, damit ist sie die bestbesuchte Brasserie Frankreichs. Die französische Bahngesellschaft SNCF gab uns und unserem holländischen Gastronomiepartner SSP die Zusage. Im November rechnen wir mit der Eröffnung.

Und das sechste?
Ich warte auf eine Zusage aus Abu Dhabi. Hoffentlich nächsten Monat.

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