Christa Rigozzi, Sie sind vielleicht die bekannteste Tessinerin in der Deutschschweiz. Was sagt das über Sie und das Tessin aus?
Christa Rigozzi: Es gibt schon auch andere Tessiner, die man kennt. Aber wahrscheinlich ist es so, dass ich in den vergangenen acht Jahren am häufigsten im Fernsehen und in den Zeitungen war.

Der letzte Tessiner Bundesrat, Flavio Cotti, trat 1999 zurück . . .
. . . ja, wir hatten seither keinen Bundesrat mehr, und die wohl bekannteste Tessinerin, Nella Martinetti, ist vor drei Jahren gestorben. Trotzdem, das Tessin hat seine Prominenenten: Sebalter vertrat die Schweiz eben am European Song Contest. Bekannt sind in der Deutschschweiz auch die Rocker von Gotthard und natürlich einige Politiker.

Warum sind Sie als Tessinerin in Ihrer Heimat nicht so populär wie im fernen Zürich?
Da ich 90 Prozent meiner Jobs von Deutschschweizer Firmen erhalte, bin ich dort viel präsenter. Und vielleicht mag man dort mein Temperament und meinen Akzent.

Ein Umzug nach Zürich kam für Sie nicht infrage?
Ich liebe Zürich und hatte da auch einmal eine Wohnung. Doch für mich ist es wichtig geworden, zwischen meinem Job und meinem Privatleben eine klare Grenze zu ziehen. Darum haben mein Mann und ich in Monte Carasso, oberhalb von Bellinzona, unser Traumhaus gebaut. Da finde ich Ruhe, da kann ich mich erholen und ein ganz normales Leben führen. Fernab von Glamour und VIP-Partys. Und das Wetter ist hier auch besser . . .

Das Geld aber ist in der Deutschschweiz.
Ja (lacht). Wer im Showbiz tätig ist, käme im Tessin nicht weit. Das Tessiner Fernsehen fragte mich auch schon für Moderationen an, aber wenn ich eine Quizshow machen würde, wäre ich auf diese Region beschränkt. Aber es geht längst nicht nur mir so. Viele Tessiner finden in ihrer Heimat keinen Job oder nicht denjenigen, den sie sich wünschen. Die Wirtschaftslage ist schwierig, weil viele Firmen billige Arbeitskräfte aus Italien engagieren. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Krise ist allgegenwärtig, das spüre ich auch in meinem Umfeld.

Wie denn?
Um ihre Berufschancen zu erhören, studieren viele meiner Freunde in Bern oder Fribourg, um eine zweite oder dritte Sprache zu erlernen. Sie kehrten jedoch nie wieder ins Tessin zurück. Nicht weil sie nicht wollten, sondern weil sie keine guten Jobs fanden. Es ist oft so: Entweder man orientiert sich in Richtung Süden oder Norden. Doch die Wirtschaftslage im Süden ist ja momentan auch sehr schlecht.

Warum wurde die Masseneinwanderungsinitiative der SVP im Tessin so wuchtig angenommen?
Der Druck ist enorm und überall spürbar. Sogar meine Freunde mit italienischen Wurzeln, die seit längerem in der Schweiz wohnen, sind gegen die neue Masseneinwanderung. Es geht ja vor allem um die Grenzgänger: Sie bekommen hier einen Job, womöglich auf Kosten eines Schweizers oder eines hier seit langem wohnhaften Italieners, sie wohnen aber nicht hier und zahlen keine Steuern. Ich habe Freunde mit Familie, die entlassen und durch einen billigeren Grenzgänger ersetzt wurden. Wie soll man so die Kinder ernähren?

Lässt sich das Problem überhaupt lösen?
Ich sage nicht, dass man den Zoll schliessen soll, doch es müssen Grenzen gezogen werden. Und man muss anerkennen, dass es nicht nur im übrigen Europa, sondern auch bei uns grosse Probleme gibt. Sicher nicht so wie in Griechenland oder Spanien, aber die Situation im Tessin ist für viele Menschen schwierig. Wegen der Krise müssen viele Familien ihre Lebensmittel ennet der Grenze kaufen, wo es günstiger ist. Und Ferien können sie sich nicht mehr leisten.

Wie würden Sie das Verhältnis der Tessiner zu Italien beschreiben?
Die Tessiner schätzen das Land sehr – sie lieben das Dolce far niente, die Kultur, die historischen Bauten und die Mode. Wir haben eine ähnliche Mentalität. Und wie bei uns auch, ist für die Italiener die Familie das Wichtigste! Wir würden alles für unsere Kinder tun. Die meisten Tessiner sind jedoch nicht mit der italienischen Politik einverstanden, vor allem nicht mit Berlusconi. Denn einige Politiker bereichern sich, und zugleich leben Millionen von Menschen in bitterer Armut.

Eine TV-Karriere in Italien, so wie Michelle Hunziker, wäre aber toll für Sie?
Ich hatte schon Kontakte und Treffen mit Vertretern des italienischen Fernsehens, doch irgendwie hat es nie so richtig gepasst für mich. Lieber arbeite ich mit dem Schweizer Fernsehen.

Sie sagten einmal: «Zuerst bauen wir das Haus, danach kommen die Kinder.» Das Haus steht nun schon seit zwei Jahren . . .
Nein, nein, noch nicht einmal ein Jahr! (lacht) Mein Mann und ich wünschen uns sicher Kinder, das ist ein Thema. Wenn es so weit ist, will ich genug Zeit für mein Kind haben. Doch nächstes Jahr steht für mich noch ein grosses Projekt an und danach sehen wir dann weiter.

Erhalten Sie etwa eine eigene Show beim Schweizer Fernsehen?
Ich kann Ihnen zu meinem Projekt im Moment nichts sagen.

Werden Sie als Mutter weiterhin arbeiten?
Auf jeden Fall, ich brauche und liebe meinen Job – und nur wenn ich glücklich bin, kann ich auch eine gute Mutter sein. Ich sehe mich nicht als Hausfrau. Nichts gegen Hausfrauen, auch meine Mutter war Hausfrau, und ich hatte es als Kind grossartig. Ich bin anders.

2006 verdienten Sie als Miss Schweiz die Rekordsumme von 580 000 Franken und sind seither eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Viele andere Missen sind gescheitert. Was machen Sie besser?
Ich bin natürlich, spontan und authentisch. Das merken die Leute offenbar, sie sehen immer die echte Christa, sie kennen mich und wissen, wer und wie ich bin. Darum mache ich auch nicht alles mit, sondern nur das, was zu mir passt. Ich habe schon Angebote des Schweizer Fernsehens abgelehnt. Ich analysiere strategisch, wo ich aktiv bin und wo nicht. Schliesslich habe ich Marketing und PR studiert, das kann ich nun brauchen (lacht).

Sie wissen, was Sie wollen.
Ich überlege mir das sehr genau. Langfristig möchte ich moderieren, in der Eventorganisation und in der Kommunikation tätig sein. Und ein Buch möchte ich auch noch schreiben! Nicht eine klassische Autobiografie, sondern Erzählungen aus meinem Leben mit witzigen Anekdoten. Ich habe schon angefangen. Aber wissen Sie, ich würde auch ganz andere Dinge machen, wenn es finanziell nötig wäre.

Wie meinen Sie das?
Ich habe jetzt das Privileg, von Dingen leben zu können, die ich liebe. Aber ich habe vor nichts Angst. Als Studentin habe ich in einer Bar gearbeitet, Bürojobs gemacht und Geld als Babysitterin verdient. Ich würde auch Möbel montieren oder putzen oder im Garten arbeiten, wenn es nötig ist.

Sie haben ein grosses Haus gebaut, aber nie Angst, dass in Zukunft plötzlich alles anders sein könnte?
Nein, das liegt an meiner Mentalität und an meiner Herkunft. Ich verdiene heute gut, bin aber beim Geldausgeben vernünftig und gehe nicht dauernd shoppen. Ich habe keine Mühe, mir die Hände schmutzig zu machen. Ich komme aus einer einfachen Familie und durfte dennoch an einer Universität studieren. Ich habe mir mein Geld früh selber verdient, um mir beispielsweise Ferien im Ausland leisten zu können.

Zu Beginn Ihrer Karriere schien der Erfolg sehr ungewiss, denn als Sie 2006 Miss Schweiz wurden, stand die zweitplatzierte Xenia – ebenfalls Tessinerin – viel öfter im Rampenlicht.
Ja, Xenia und ich . . . Die russische, wunderschöne Lolita und ich. Wir galten beide als Favoritinnen . . .

. . . die Medien setzten auf Xenia.
Ich habe mit viel mehr Publikumsstimmen gewonnen. Es stimmt, für mich war das am Anfang nicht so einfach. Ich hatte aber gute Leute um mich herum, die mir sagten: Gib nicht auf, hör nicht auf die Presse, du wirst deinen Weg machen. Es waren viele Frauen, die mich ermutigten. Denn die Frauen waren damals für mich, die Männer für Xenia.

Die Frauen mögen Sie, offenbar lösen Sie bei ihnen keine Neidgefühle aus.
Ja, das ist so, die Frauen sind nicht eifersüchtig auf mich. Denn ich liebe die Frauen und setze mich für sie ein. Es sind oft die Frauen, die entscheiden, was für eine Sendung man am Fernsehen einschaltet oder was man einkauft. Das hilft mir. Darum habe ich es auch nicht nötig, Nacktfotos zu machen.

Es gibt schon auch viele Männer, die Sie verehren.
Sicher, ich erhalte E-Mails, Briefe und Facebook-Posts mit Hochzeitsanträgen. Das ist schön, aber nicht gefährlich: Diese Post zeige ich dann meinem Ehemann . . . Es kam auch schon vor, dass ein Mann auf der Strasse rief: «Christa, ich will ein Kind von dir!» Da sagte ich: Wow, das ist ein Kompliment. Er sagte nicht, «du bist schön», sondern dass ich die Mutter seiner Kinder sein solle.

Sie sind schon seit 14 Jahren mit Giovanni zusammen und haben vor vier Jahren geheiratet. Was ist Ihr Rezept für die Beziehung?
Wir lieben uns und reden viel miteinander. Wir respektieren uns gegenseitig, unterstützen uns. Für meinen Mann ist es nicht immer einfach, dass ich so oft weg bin – aber er unterstützt mich jederzeit. Wenn wir zu zweit sind, dann sind wir zu zweit, dann erzählt jeder von dem, was er so erlebt hat. Wir waren nach fünf Jahren Beziehung einmal getrennt, fanden aber zueinander zurück und sind natürlich reifer geworden. Treue ist für mich das Wichtigste.

Einen Seitensprung könnten Sie nicht verzeihen?
Nein, wenn so etwas passierte, dann wäre für mich Schluss und ich käme nicht zurück. Ich bin sehr leidenschaftlich, gebe alles für meinen Mann, aber auch für meine Freundinnen. Wenn aber mein Vertrauen missbraucht würde, dann wäre das unerträglich für mich.

Hat Ihr Mann nie Mühe, dass Sie der Star sind und er in der Öffentlichkeit bloss Ihre Begleitung ist?
(Energisch) Er ist nicht meine Begleitung, er ist mein Mann! Er ist mein Lebenspartner, mein Freund und der Vater meiner zukünftigen Kinder. Für ihn ist es nie ein Problem, mich zu begleiten. Auch nicht, wenn die Leute sagen: Christa verdient sicher viel mehr als du. Wer weiss das denn? Nein, er ist kein Macho, auch wenn er sizilianische Wurzeln hat (lacht).

Und nun gehen Sie gemeinsam in die Ferien?
Ja, drei Wochen in die USA. Wir hatten schon so lange keine richtigen Ferien mehr. Jetzt schalten wir ab. Das Handy ist zwar dabei, aber wir sind zum Glück auch in Regionen, wo es keinen Empfang geben wird.

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