Sie ist das Gesicht der «Tagesschau» – und das schon seit 18 Jahren. Die TV-Moderatorin Katja Stauber über ihre Zukunft, ihre Rolle als Mutter und die schwere Krankheit ihres Mannes.

Frau Stauber, wie unbeschwert werden Ostern für Sie und Ihre Familie sein?
Unsere Familienostern sehen so aus, dass ich die vier Tage arbeite, Haupt- und Spätausgabe, also kaum zu Hause bin. Die Kinder gehen mit ihrem Vater ins Engadin und werden ein letztes Mal Ski fahren. Und mein Mann Florian fliegt am Sonntag nach London und ist nach seiner krankheitsbedingten Pause das erste Mal wieder für das Schweizer Fernsehen unterwegs.

Also keine gemeinsamen Ostern.
Genau. Wir sind getrennt voneinander. Aber das ist nicht gewollt, die Dienstpläne sind halt so.

Bedeuten Ihnen Ostern etwas?
Wenn Sie auf den Glauben abzielen, dann nein.

Es zieht Sie nicht in die Kirche?
Das letzte Mal war ich bei meiner Hochzeit in einer Kirche. Es ging um Tradition, nicht Religion.

Kein Stossgebet vor der «Tagesschau»?
Nein, das gibt es nicht (lacht). Gut, manchmal gibt es Situationen, bei denen man sagt: «Oh, my God!». Im Sinne von: «Bitte, nicht schon wieder!» Aber damit verbindet sich kein Glaube an einen lieben Gott.

Wie oft haben Sie sich während der schwierigen Zeit, als Ihr Mann schwer krank war, gesagt: «Herrgott nochmal»?
Gute Frage. Zuerst kommen einem Gedanken wie «Warum trifft es gerade ihn?» Dann hofft und glaubt man. Ein sehr gläubiger Mensch würde wohl sagen: «Das ist Gottes Wille. Das müssen wir jetzt akzeptieren.» Ich glaube eher an Schicksal und Zufall.

Wie findet man den Rank von der Verzweiflung hin zu positiven Gedanken?
Mit gesundem Menschenverstand. Das ist auch mein Lebensmotto. Ich habe mir gesagt: Hey, jetzt geht es einfach weiter. Da ist es hilfreich, Kinder zu haben. Vor ihnen kann man sich nie gehen lassen und die Verzweiflung ausleben. Ich konnte nicht heimkommen und drei Stunden heulen.

Sind Sie überhaupt ein Mensch, der weinen kann?
Am liebsten bei Filmen. Und dann wie ein Schlosshund. Sonst im Leben? Eher nein.

Wie ist es bei schlimmen Bildern aus Kriegsgebieten?
Da ziehe ich meine professionelle Brille an. Wir müssen die Realität zeigen. Aber ich bin ganz sicher nicht abgestumpft. Gerade jetzt zum Beispiel bei den Kindern von Misrata in Libyen. Das beelendet mich. Aber beim Moderieren ist es nicht so wie zu den Zeiten von Paul Spahn, als dieser offenbar Tränen in den Augen hatte.

Die «Tagesschau» hat sich in den letzten Jahren kaum verändert hat. Sehen Sie Möglichkeiten, diese Institution trotzdem noch weiterzuentwickeln?
Immer weniger nötig ist Kurzfutter. Dafür gibt es das Internet. Dafür wird das Einordnen immer wichtiger. Das bedeutet, künftig vielleicht auch mehr Gespräche zu bringen. Wie wir es jetzt in Nordafrika gemacht haben. Wenn da die Korrespondenten aus eigenem Erleben sagen können, wie sie die aktuelle Situation erfahren, dann ergibt dies für den Zuschauer einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn.

Zum Einordnen würde auch der Kommentar gehören. Die ARD pflegt dieses Instrument ganz konsequent, beim SF scheint es ausgestorben.
Diese Idee stand immer mal wieder auf der Traktandenliste. Aber in letzter Zeit haben wird nicht mehr darüber geredet. Aber Sie haben recht, das wäre ein gutes Instrument gerade heute, da Einordnung und Gewichtung immer wichtiger werden.

Sie moderieren die «Tagesschau» nun schon 18 Jahre. Freuen Sie sich auf die nächsten 18 Jahre?
Die Zeit ist extrem schnell vorbeigegangen. Ursprünglich habe ich mir 5 Jahre gegeben. Dann wurden 10 Jahre daraus. Und dann habe ich gar nicht gemerkt, dass es schon 15 Jahre sind.

Bald sind es 20 Jahre.
So viel kann ich sagen: Ich moderiere die «Tagesschau» sicher nicht nochmals 18 Jahre und sicher nicht bis zu meiner Pensionierung.

Es wird einen neuen Berufsabschnitt geben, möglicherweise auch bei einer anderen Sendung?
Ja, aber es muss nicht in der Moderation sein.

Mehr Reportagen? Eine Führungsfunktion?
Alles ist möglich.

Auch Nachfolgerin von Susanne Wille bei «10 vor 10»?
Nein, dann könnte ich ja gleich bei der «Tagesschau» bleiben. Ich sage nicht «Nie wieder Kamera». Jeder, der vor der Kamera steht, hat eine Eitelkeit zu befriedigen. Und jeder, der das abstreitet, macht sich etwas vor oder erzählt einen Mist. Aber nach so vielen Jahren ist diese Eitelkeit bei mir längst gestillt. Was mir an diesem Job nach wie vor Spass macht, ist der Journalismus an und für sich.

Wie gross ist Ihr Pensum beim Schweizer Fernsehen?
Etwa 50 Prozent. Dieses Teilzeit-Modell hat mit den Kindern sehr gut funktioniert. Ich wollte nie Schlüsselkinder, weil ich selber eines war und erst noch ein Einzelkind. Es ist nicht besonders lustig, jeden Mittag nach Hause zu kommen und sich die Brötchen selber zu streichen.

Was hat die Erfahrung, ein Schlüsselkind gewesen zu sein, aus Ihnen gemacht?
Dass ich nicht wollte, dass meine Kinder je Schlüsselkinder sein müssen (lacht). Das war mir wirklich ein grosses Anliegen. Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass ein Kind einmal zwei Stunden allein ist. Aber nicht von Montag bis Freitag.

Die Medienwelt dreht sich mit den Online-Portalen immer schneller. Aber wissen wir auch wirklich mehr und sind besser informiert?
Die neuen Medien überfüttern und überfordern sehr viele Leute. Das ist eindeutig so. Darum ist es ganz wichtig, dass es Sendungen wie die «Tagesschau» oder auch Zeitungen gibt, bei denen Profis die Nachrichten filtern und die Zuschauer oder Leser bei der Hand nehmen. Die Einordnung wird immer wichtiger. Was kann man schon mit einer Schlagzeile allein anfangen?

Die neue digitale Welt ist also nicht nur schön?
Das Internet ist auch eine grosse Müllhalde. Da tummeln sich viele Irre und es gibt auch viele Informationen, die missverstanden werden können. Man darf es aber nicht verteufeln. Beim Müesli am Morgen schalte ich auch den iPad an und informiere mich schnell, was auf der Welt läuft: «Blick», «20 Minuten», «Tages-Anzeiger», Spiegel online und so weiter. Da finde ich den Nutzwert des Internets schon gewaltig.

Was ist mit Social Media wie Facebook und Twitter?
Das mache ich nicht mit. Ich habe schon für meine realen Freunde kaum Zeit, um mit ihnen etwas zu trinken.

Und Ihre Kinder?
Facebook ist für sie natürlich das Grösste.

Wollen Sie wissen, was sie genau im Netz tun?
Es gibt Stichproben. Die ganze Erziehung beruht darauf, an die Leine zu nehmen, aber auch loszulassen, Selbstverantwortung zu übertragen.

Wie sehen denn diese Stichproben aus?
Das dürfen meine Kinder jetzt nicht lesen (lacht). Wenn zum Beispiel im Zimmer eine Riesensauerei und der Computer an ist, habe ich auch schon mal auf den Bildschirm geschaut. Ich bin aber noch nie erschrocken. Man darf aber auch nicht naiv sein. Ich weiss auch nicht, was auf den Pausenplätzen auf den Handys rumgezeigt wird.

Was sind neben Vertrauen die wichtigsten Grundsätze in der Erziehung Ihrer Kinder?
Ganz viel Liebe und noch mehr Geduld. Das ist das A und O. Lieben tut man sie natürlich immer, aber die Geduld fehlt halt manchmal. Wenn man nach einem stressigen Arbeitstag nach Hause kommt, muss man es transparent machen, authentisch sein und sagen: «Du, heute hatte ich einen strengen Tag, jetzt brauch ich eine Viertelstunde für mich.» Dafür hat ein Kind durchaus Verständnis.

Wann sprechen Sie Verbote aus?
Ich bin nicht wirklich eine Mutter, die hart erzieht. Ganz wichtig ist mir der Ton. Da kann ich auch mal sagen, dass ein gewisser Ton in diesem Haus gar nicht geht. Den Respekt, den ich meinen Kindern gegenüber zeige, erwarte ich auch von ihnen mir gegenüber.

Sie gehen in Ihrer Mutter-Rolle auf.
Das ist ungeheuer erfüllend, aber auch ungeheuer fordernd. Da kämpft die Mutter an jeder Menge Fronten: Pubertät, Lehrer, Zukunft, Werte vermitteln, Lehre oder Gymi, elementare Entscheidungen. Zimmer aufräumen. Auch elementar. Management eben: Planung, Organisation und Budget auch.

Sie managen eine Familie, bekommen dafür aber keinen Managerlohn.
Dafür kommt auch einiges zurück. Ich gehöre allerdings nicht zu den Müttern, die das Muttersein idealisieren. Kinder gehen einem auch immer mal wieder auf die Nerven, ganz klar. Noch mehr auf die Nerven gehen mir allerdings Frauen wie diese bekannte Bankerin. Die arbeitet angeblich 150 Prozent für die Bank, hat drei Kinder und schreibt frühmorgens noch Krimis. Sie wird als Jeanne d’Arc der Emanzipation gefeiert. Ein Witz! Für mich ist es ein riesiger Affront gegenüber Frauen, die einen normalen Alltag haben und am Abend todmüde sind, die Teilzeit arbeiten, um alles unter einen Hut zu bringen.

Sie sind sehr populär. Wie leben Ihre Kinder damit?
Sie blenden es vermutlich aus. Sie haben es gar nicht gerne, wenn ich an einen Besuchstag komme. Eigentlich verbieten sie es mir sogar. Es ist ihnen peinlich. Es ist gut für beide Kinder, dass sie nicht Stauber heissen, sondern so wie ihr Vater. Wenn ich auftauche, heisst es dann halt schnell: «Du bist doch der Sohn von Katja Stauber, oder?» Ich glaube, eine Zeit lang hat der Älteste sogar «Nein» gesagt (lacht). Kinder wollen ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. Und das ist völlig richtig so.

Sie und Ihr Mann sind selber zum Gegenstand der Berichterstattung geworden, als er schwer erkrankte.
Das war schwierig. Da gab es Momente, in denen ich mir wünschte, dass mich niemand gekannt hätte. Ein Beispiel: Als ich im Hochsommer ins Spital zu Florian ging, trug ich ein Kopftuch und eine Sonnenbrille. Weil beim unverhüllten Besuch am Tag zuvor hörte ich, wie die Leute tuschelten: «Das ist doch die Stauber, mein Gott, wie sieht die schlecht aus.» Das stimmte ja auch – wenn es mir schlecht geht, sehe ich tatsächlich nicht gut aus.

Was für Auswirkungen hatte die Krankheit Ihres Mannes auf Ihre Beziehung?
Wir waren beim Ausbruch der Krankheit erst gerade zwei Jahre verheiratet. Ich glaube, wenn wir eine schlechte Beziehung gehabt hätten, wäre sie wohl zerbrochen. Aber uns hat diese Erfahrung noch mehr zusammengeschweisst. Aber es sind schon auch die Fetzen geflogen. Es war eine Zeit voller Spannungen, eine extreme Belastung für alle.

Könnten Sie sich vorstellen, dereinst zusammen mit Ihrem Mann die Schweiz zu verlassen?
Den ziehts ja immer ins Ausland. Und klar, ich ginge mit. Aber mit einem guten Job vor Ort. Da sind Florian und ich uns einig.

Sie könnten Ihre Zelte abbrechen?
Ja. Aber nicht für ewig. Ich mag die Schweiz schon sehr gern. Je mehr ich von der Welt gesehen habe, desto mehr merke ich, wie schön wir es hier haben.

Sie sehen immer noch gleich aus, wie bei Ihrem «Tagesschau»-Start vor 18 Jahren. Ihr Geheimnis?
Unsinn! Vielleicht hat diese Wahrnehmung damit zu tun, dass man mich quasi Woche für Woche sieht. Das ist wie bei guten Freunden. Da geschieht die Veränderung quasi schleichend. Man wird zusammen älter. Meine Freunde, die Zuschauer und ich. Wir alle. Zudem glaube ich, dass Optimismus jung hält. Ich bin optimistisch. Immer.

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