VON PETER BURKHARDT

Herr Cerny, die Schweiz hat das zweitteuerste Gesundheitswesen der Welt, die Kosten steigen ungebremst. Gleichzeitig sterben in Schweizer Spitälern jedes Jahr rund 1200 Patienten wegen eines vermeidbaren Fehlers. Was läuft falsch?
Thomas Cerny: Eine der Hauptursachen des System-versagens ist, dass sich die kleine Schweiz immer noch 26 verschiedene Gesundheitswesen leistet. Diese institutionalisierte Kleinräumigkeit ist nicht nur teuer, darunter leidet auch die Qualität. Viele Spitäler haben zu tiefe Fallzahlen, um eine optimale Behandlung und Betreuung zu gewährleisten.

Welche Folgen hat das für die Patienten?
Nehmen wir die Mammografie zur Früherkennung von Brustkrebs: Es ist nachgewiesen, dass ein Team mindestens 5000 Mammografien pro Jahr machen muss, wenn es wirklich top sein will. Diese Anzahl erreichen in der Schweiz nur ganz wenige Spitäler. Trotzdem macht heute praktisch jedes kleine Spital Mammografien, nur weil sie bezahlt werden. Sie sind aber oft wertlos, ja sogar gefährlich. Wegen schlecht gemachter Mammografien sterben in der Schweiz mehr Frauen an Brustkrebs als nötig.

Unser System gefährdet also Leben?
Ja. Überspitzt könnte man sagen, der Föderalismus behindert die Qualität und tötet Patienten.

Wie gross muss ein Spital sein, damit es die Patienten optimal betreuen kann?
In der Akutmedizin braucht es mindestens 200, besser 500 und mehr Betten, um eine gute Versorgung sicherzustellen. Darunter sinkt sofort die Qualität, es gibt mehr Komplikationen und mehr Rückfälle. Weil bei uns alles so kleinräumig strukturiert ist und wir zu viele Spitäler betreiben, stimmt die Qualität einfach nicht. Damit steigen auch die indirekten Kosten durch vermeidbare Komplikationen, unnötigen Arbeitsausfall, verlorene Lebensjahre und Invalidität.

Wie müsste die Spitallandschaft Schweiz aussehen, um diesen Missstand zu beheben?
Heute gibt es in der Schweiz 320 Spitäler. Das ist viel zu viel. Auf den Grossraum London mit seinen 14 Millionen Einwohnern übertragen würde das bedeuten, dass London 600 Spitäler haben müsste. Es sind aber nur 32 Grossspitäler. Das zeigt die ganze Absurdität unseres Systems. Wir investieren in Beton statt in Qualität.

Welche Spitäler sind überflüssig?
Vor allem bei den Akutspitälern haben wir einen Überhang. Heute sind es 150. Von drei Spitälern braucht man längerfristig nur eines, aber als voll ausgebautes Zentrumsspital. Wir hätten damit eine bessere Qualität und könnten erst noch viel Geld sparen. Das Verrückte ist: Die hohe Qualität ist am Schluss immer die kostengünstigste Variante.

Wenn es nach Ihnen ginge, würden also 100 Akutspitäler geschlossen. Damit gingen aber Tausende Arbeitsplätze verloren.
Nein. Die überflüssigen Spitäler muss man nicht schliessen, sondern bedarfsgerecht umfunktionieren.

Wie?
Man kann sie weiternutzen als regionale Gesundheitszentren, Reha-Kliniken, Pflegeheime, Gruppenpraxen oder Ambulatorien, die mit dem Zentrumsspital vernetzt sind. Meine Vision ist: Für einen Eingriff geht der Patient in ein nahes Zentrumsspital, also dorthin, wo Operationen am besten und effizientesten gemacht werden. Für die Rehabilitation, die ambulante Behandlung und Nachbetreuung geht er zurück in seine Region. Und wenn es zu Komplikationen kommt, dann soll er wieder zu den Spezialisten im Zentrum gehen.

Das tönt alles sehr zentralistisch. Lässt sich das in der Schweiz überhaupt durchsetzen?
In unserer Region haben wir dies schon weitgehend geschafft: Seit kurzem ist die ganze Ostschweiz zum Beispiel für Krebsbehandlungen eine einzige Versorgungsregion. Das heisst, dass die meisten Hausärzte, niedergelassenen Onkologen und die kleineren Spitäler Krebspatienten nur noch in Zusammenarbeit mit dem Zentrumsspital betreuen. Bald führen wir auch einheitliche Qualitätsstandards ein. Das Modell hat also eine Chance.

Dennoch: Genau mit solchen zentralistischen Vorstellungen ist Gesundheitsminister Couchepin gescheitert.
Couchepin hat aus meiner Sicht vieles richtig gesehen, aber ist offenbar zu früh gewesen. Er hat die Schwachpunkte, die unsere regional zerstückelte Medizin hat, von Anfang an begriffen und hat versucht, auf der nationalen Ebene mehr in Bewegung zu bringen. Dass er damit gescheitert ist, ist nicht seine Schuld.

Sondern?
Eher die des Parlaments. Es hat sich auf nichts einigen können und hat Couchepin zermürbt. Ich bin nie der Meinung gewesen, er sei der Versager. Versagt haben die Parlamente auf nationaler und kantonaler Ebene und insbesondere auch wir Ärzte.

Was haben die Ärzte falsch gemacht?
Wir haben zu wenig getan, um den Patienten Gesundheitswesen wieder auf die Beine zu bringen. Lieber erhalten wir die Strukturen und falschen Anreize von gestern, nur damit unser Einkommen stimmt. Kurz: sture Standespolitik statt Gesundheitspolitik im Interesse der Bevölkerung.

Ein Arzt, der sagt, sein Berufsstand habe versagt – das kommt nicht jeden Tag vor. Haben Sie noch Freunde unter den Ärzten?
Die meisten Kollegen wissen um diese Problematik, möchten sich aber nicht exponieren. Ich erhalte aber viel Zustimmung von Ärzten, Patienten und Politikern.

Welche falschen Anreize möchten Sie beseitigen?
Heute wird ein Arzt belohnt, wenn er viele Patienten maximal behandelt und viele Leistungen verkauft. Aber er wird nicht belohnt, wenn er richtigerweise etwas nicht macht und sich Zeit nimmt, das seinem Patienten zu erklären. Unser ganzes System ist auf Verkaufen und Machen ausgerichtet, nicht auf Beraten und optimale Qualität.

Wie wollen Sie das ändern?
Der Hausarzt muss eine weitere Funktion bekommen. Er sollte sich nicht nur für Unfall und Krankheit zuständig fühlen, sondern zum regionalen Experten für Gesundheit werden. Also zum Beispiel die Patienten beraten, wie sie sich gesund verhalten, bewegen und ernähren können. Aber das müsste natürlich abgegolten werden.

Bundesrat Couchepin findet, der Hausarzt sei ein Auslaufmodell. Einverstanden?
Der Hausarzt als Einzelkämpfer wird langsam verschwinden. Stattdessen braucht es Hausärzte, die sich zu Netzwerken zusammenschliessen.

CVP-Präsident Christophe Darbellay hat kürzlich die heikle Frage aufgeworfen, ob das Leben von unheilbar kranken Patienten um jeden Preis verlängert werden soll. Was sagen Sie als Krebsspezialist dazu?
Gut ist, dass Darbellay die Diskussion um Qualität und Kosten in Gang gebracht hat. Aber er hat es am falschen Objekt gemacht. Statt ausgerechnet dort die Diskussion anzureissen, wo es um Leben und Tod geht, würde man viel besser zuerst dort sparen, wo das Überflüssige und damit meist auch Schädliche tapfer weiterbetrieben wird. Da gibt es Beispiele zuhauf.

Nennen Sie ein paar.
Darbellay könnte mal unter die Lupe nehmen, warum in gewissen Regionen x-mal mehr Hüft- oder Kniegelenke implantiert werden oder warum die Patienten länger im Spital bleiben als in anderen Regionen. Und dies, obwohl dort, wo besonders viele medizinische Leistungen erbracht werden, die Bevölkerung nicht gesünder ist. Wenn man diese Unterschiede einebnen würde, könnte man sehr viel Geld sparen.

Wie viele der 60 Milliarden, die unser Gesundheitswesen jährlich kostet, könnte man ohne Qualitätsverlust für die Patienten einsparen?
Aufs Gesamte gesehen könnte man mindestens 10 Prozent oder zwischen 5 und 10 Milliarden Franken einsparen. Andere Länder zeigen, wie das geht: Wir geben 11,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts für die Gesundheit aus. In Holland, Dänemark und Schweden sind es aber nur gut 9 Prozent – bei mindestens gleich hoher Qualität und Patientenzufriedenheit wie in der Schweiz.

Was machen diese Länder besser?
Sie haben ein Gesundheitswesen aus einem Guss und mit klaren Qualitätskriterien. Schweden zum Beispiel hat die kleineren Spitäler aufgegeben. Die muten den Leuten im Extremfall bis zu 800 Kilometer Reise für eine Geburt zu. Im Notfall zahlen sie aber auch das Flugzeug. Das ist immer noch billiger, als irgendwo eine schlechte Geburtshilfe aufrechtzuerhalten. Oder schauen Sie Holland an: Dort werden Spitäler, die nicht die geforderte Qualität bringen oder zu geringe Fallzahlen haben, vom nationalen Gesundheitsministerium geschlossen oder dazu gezwungen, mit anderen kleinen Spitälern zusammenzuarbeiten.

Bei uns gibt es einen halben Volksaufstand, wenn ein Spital oder nur schon eine Abteilung geschlossen werden soll.
Das Volk lebt im Irrglauben, wenn man überall ein Akutspital, eine Geburtsabteilung oder einen Notfall eröffne, dann sei das auch immer gute Medizin. Es hat noch nicht begriffen, dass das hochineffizient und nicht zukunftsgerichtet ist. Wir haben diese Art Aufklärung bisher als politisch heikel vermieden.

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