Wer Kinder hat, ist fast täglich konfrontiert mit der Faszination der Kleinen für Smartphones und Tablets. Bereits Dreijährige fühlen sich davon magisch angezogen – Spiele, Videos und Fotos sind für die Kleinsten das Grösste. Wie aber bringt man ihnen bei, die neuen Medien sinnvoll zu nutzen, und wann heisst es: Stopp?

Schon bei der Suche nach der ersten App für den Nachwuchs stellt sich die Frage, wie man im Heuhaufen des App-Stores die geeignete Anwendung findet und wie lange man dann die Kinder mit dem Gerät spielen lassen soll.

Patric Raemy, Medienspezialist bei Pro Juventute, beobachtet, dass in Diskussionen zu Medienthemen die Lager der Pessimisten und der Euphoriker am lautesten argumentieren. Dazwischen gibt es nichts. Dabei läge die Wahrheit auch hier in der Mitte. Ab wann und wie lange sollten Kinder mit Apps denn spielen? «Diese Frage wird an unseren Elternveranstaltungen oft gestellt. Viele Eltern hätten gern Richtlinien, auf die sie sich bei der Erziehung stützen könnten. Die Reife und die psychische Belastbarkeit sollte bei jedem Kind individuell von den Eltern eingeschätzt werden», sagt Raemy.

Deshalb würden die Experten von Pro Juventute den Eltern raten, die Kinder zu begleiten, sie zu beobachten und abzuschätzen, wie das Kind auf die Mediennutzung reagiert. Raemy: «Testen Sie die Apps auf jeden Fall vorher selber, und überlegen Sie sich, ob vielleicht eine alternative Beschäftigung für das Kind besser wäre.»

Kinder, die heute aufwachsen, kennen nichts anderes als Bildschirme, die sie mit ihren Fingerchen bedienen können. Ganz intuitiv, ohne den geringsten Lernaufwand, schon bald nach der Geburt. «Berühren» ist ein grundlegendes Bewegungsmuster und ein natürliches Bedürfnis. Deshalb fällt es Kindern leicht, sich mit Smartphones und Tablets anzufreunden. Doch können Apps für Kinder
wirklich förderlich sein, oder sind sie gar schädlich für deren Entwicklung? Gemäss Medienexperte Raemy gibt es ähnlich viele Studien zu positiven wie zu negativen Einflüssen auf Kleinkinder. Er hält aber fest, dass sich das Hirn eines Kleinkindes noch stark verändert, weshalb Eltern besonders sensibel darauf achten sollten, welche Einflüsse und Reize sie dem Kind bieten wollen – sowohl digitale wie analoge.

Die Qualitätsunterschiede beim Angebot sind gross. «Keine gewalthaltigen Inhalte, sexuelle Darstellungen und hektische Handlungen. Möglichst viel Platz für kreative Eigenleistung des Kindes», rät Raemy. Apps, in denen das Kind sich kreativ entfalten und einfache Rätsel lösen kann. Puzzles zusammensetzen, zeichnen, Töne erzeugen, musizieren, Bilder erkennen und zuordnen.
Wichtig ist aber, dass Kleinkinder ihre Erfahrungen in erster Linie in der wirklichen Welt machen und Apps als Ergänzung dazu geboten werden können.

Was als gewalthaltiger Inhalt aufgefasst werde, ist in der App-und-Game-Industrie sehr breit ausgelegt. Raemy erachtet ein Spiel, welches darauf beruht, Punkte zu sichern, in dem die Spielfigur andere Figuren schlägt oder erschiesst – was bereits bei Super Mario der Fall sei –, als für Kleinkinder nicht geeignet.

Längst haben klassische Bilderbuchverlage den App-Markt für sich gesichert: Ravensburger etwa bietet knapp vier Dutzend Apps an: von Wimmelbuch- und Pixi- und Conni- und Lego- bis hin zu Memory-Apps. Die Versuchung ist für viele Eltern gross, das iPad als Babysitter zu benutzen.

«Mit dem Kind ein Bilderbuch auf dem Tablet anschauen ist okay. Ansonsten ist geklärt: Vor drei Jahren keine Bildschirmmedien. Es braucht keine. Klettern, sändele und Rollenspiele sind immer zu bevorzugen. Auch Langeweile müssen die Kinder aushalten lernen», sagt Claudia Gada, Primarlehrerin und Medienpädagogin. Sie ist Projektleiterin bei zischtig.ch, einem gemeinnützigen Verein, der Eltern unterhaltsame und interaktive Informationsveranstaltungen und Workshops anbietet.

Für den Umstand, dass Eltern Tablets und Smartphones als «Babysitter» einsetzen, hat Fachfrau Gada Verständnis.

«Ich habe selbst Kinder und kann die Situation nachempfinden. Aber damit kommt den Kindern sowohl Beziehung als auch kreatives Tun abhanden», sagt sie. Die Folge: Selbstwert und Selbstwirksamkeit würden zu wenig gefördert. Die Kinder würden sich auf diesem Weg an Ersatzbefriedigungen gewöhnen. Darum rät sie, bei der Wahl genau hinzuschauen. Eine gute Kinder-App sollte zu gemeinsamer Nutzung und zu kreativem Tun animieren, auch ohne Tablet. Zudem sollte sie liebevoll gestaltet sein und nur kindsgerechte Themen bringen.

Eine sinnvolle, liebevoll gestaltete App – das war der Beweggrund des Elternpaars Emel Ayakanat und Frank Bodin, eine eigene Version zu entwickeln. Mit «Mo & Co» haben die Sängerin und der Werber jetzt eine erste Einschlaf-App in Schweizer Qualität für Kinder bis fünf Jahre entwickelt. Wenn sich der Vorhang öffnet, ist die Bühne bereit für neun interaktive Abenteuer und eine Entdeckungsreise durch die Welt von Schäfchen Mo und seinen Freunden. Da wird gefischt, getanzt, gezaubert, aus der eigenen Wolle ein Pullover gestrickt oder auf dem Schaukelpferd durch den wilden Kinderzimmer-Westen geritten.

Das Grundkonzept: Die App soll Kinder bis vier Jahre nicht überfordern, sondern ein Erfolgserlebnis und lehrreich sein. Und: Das Spiel soll ein Ende haben, um das Weglegen des Gerätes zu vereinfachen. «Ich denke, unsere Tochter Ayleen nutzt das iPhone und das iPad schon seit der Geburt. Als Baby sah sie zu, wie ich ein Foto mache oder telefoniere, bis sie abgeguckt hat, wie man das iPhone entsperrt», sagt Mit-Gründerin Emel. Sie selbst hat keine feste Mediennutzungs-Limite – sie verlasse sich da auf ihren gesunden «Mami»-Verstand. Ihre neu gegründete Firma Human Touch Apps plant bereits weitere Kinder-Apps.

Die Meinungen der Fachleute sind sich zumindest darin einig: Für ihre geistige, körperliche und seelische Entwicklung benötigen Kinder keine elektronische Medien. Dasselbe gilt für Erwachsene – trotzdem ist es Realität. «Mediennutzung – und übereifrige Mediennutzung – ist ein vorübergehendes Phänomen in der Zeit des Heranwachsens», sagt Hans-Ulrich Grunder, Professor am Forschungszentrum für Pädagogik der Uni Basel und an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Allerdings könnten die Eltern viel tun, wenn es um den «guten Gebrauch» von Medien gehe. So etwa: kein Handy während des Essens oder bei Gesprächen oder gemeinsamen Erlebnissen, die Vorrang hätten. Klare Regeln also, welche die Eltern selber auch befolgen müssten. Ansonsten gelte laut Grunder: «Kleine Kinder sollen spielen, in drei Dimensionen. Sie sollen soziale Kontakte aufbauen und pflegen, in Echtzeit und an wirklichen Orten, nicht virtuell.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper