Herr Kachelmann, warum spinnt das Wetter?
Jörg Kachelmann: Es spinnt, weil Wetter immer die Neigung hat, einen einmal eingeschlagenen Weg ungern zu verlassen. Zwar schlägt es im Schnitt alle 5 bis 6 Tage um, aber wenn es das mal nicht tut, weil die Wetterlage eingerastet ist, dann fällt das Ganze immer wieder auch gerne ins ähnliche Schema zurück. Anders gesagt: Wenn es lange warm ist, dann wird mit der Zeit die Wahrscheinlichkeit nicht mit jedem Tag unbedingt grösser, dass das Ganze kippt. Deswegen gilt, wenn es mal ‹uhuere› warm ist zur Unzeit, kann es schon wie dieses Jahr passieren, dass es längere Zeit so bleibt.

Aber es war doch auch früher oft im November so warm.
Nein, das ist am oberen Ende dessen, was es seit Beginn von Wettermessungen gegeben hat.

Kommen diese Extreme selten vor – oder müssen wir in Zukunft öfters mit solchen Ausschlägen rechnen?
Ich bin kein Klimaforscher und grusele mich immer vor meinen Kollegen, die wie ich zwar eine Ausbildung zum Wettervorhersagen haben, aber so tun, als ob sie gleichzeitig noch Klimaforscher wären. Und dann uns in bedeutungsschwangeren Videos erzählen, dass wir 2050 alle sterben werden. Das kann durchaus sein und es ist nachvollziehbar, dass es im Schnitt immer wärmer wird, dass es dadurch mehr extremes Wetter gibt und eben auch Hitzewellen häufiger werden – auch das Aussehen der Schweizer Gletscher zeigt, dass was passiert.

Klingt nicht gut.
Ich habe als Journalist in den 80er-Jahren mal den Schweizer Wald verabschiedet und bin nach dieser Erfahrung etwas vorsichtiger geworden, was Weltuntergangsszenarien betrifft. Es ist letztendlich auch wurscht, warum man den Treibhausgasausstoss reduzieren muss. Wichtig ist, dass es passiert, und es ist fast noch wichtiger, weil das Ganze mit dem Kohlendioxid für viele Menschen mit echtem Rauch einhergeht. Es sollte uns deshalb etwas trauriger machen, dass viele Menschen in Asien Luft einatmen, die diesen Namen nicht verdient und womöglich Inseln absaufen, auf denen Menschen wohnen.

Sind die Schweizer besonders wetterfühlig?
Wetterfühligkeit ist hauptsächlich eine deutsche Erfindung. In der Schweiz gab es lange Zeit nur das Föhnkopfweh. Das kann es wirklich dann geben, wenn man im Mittelland in der Kaltluft sitzt und in der Höhe der Föhn pfeift, der viele kleine Luftdruckschwankungen macht, die dieses Kopfweh bei manchen Menschen auslösen können.

Aber es gibt doch das Biowetter …
Inzwischen ist das Gaga-Biowetter aus Deutschland sozusagen über uns hinweggerollt, fast jeder Mensch glaubt, er sei irgendwie auch ein Barometer, und wenn es irgendwo im Bein zu ziehen beginnt, soll das gleich eine Wetteränderung ankündigen. Die ja auch statistisch gerne alle ein bis vier Tagen kommt und so als Treffer gewertet wird. Die Wahrheit ist, dass die wenigsten Leute wetterfühlig sind und die, die es sein mögen, auch alle unterschiedlich.

Dann hat das nicht mit dem Wetter zu tun, sondern ist Esoterik?
Dass Dinge wie Biowetter in Deutschland weltweit einzigartig bedeutsam sind, hat mit der grossen Urlust dort zu tun, Verantwortung zu externalisieren. Anders gesagt: Wenn es schlecht geht, muss jemand anders schuld sein. Wahrscheinlich würde man auch einen Rentenzusatz als Ausgleich für böses Biowetter akzeptieren.

Und sonstige Wetter-Irrglauben?
Es gibt einen generellen Hang zu Wunderglauben – nördlich des Bodensees. Und in Sachsen werden Menschen mit Lärm belästigt, weil Hagelkanonen abgeschossen werden, die Hagelkörner mit Lärm erschrecken und zum Auseinanderfallen bringen sollen. Auch in der Schweiz soll es wieder solchen Schwachsinn geben, und es beelendet mich sehr, was alles an Blödsinn geglaubt wird. Man kann ja den amerikanischen Glauben an sich selbst übertrieben finden, aber hier denkt zumindest niemand, dass das Wetter schuld sei, wenn man die Narbe spürt.

Wann regnet es in der Schweiz endlich wieder?
Kommende Woche immer wieder mal, es kommt langsam etwas Bewegung in die Wetterküche.

Dürfen wir wenigstens auf einen kalten Winter mit viel Schnee hoffen?
Ich habe keine Ahnung. Niemand weiss das und jede Prognose für den Winter ist völliger Schwachsinn. Es kann extrem kalt werden oder warm, drei Meter oder gar keinen Schnee geben, alles das, was jetzt passiert, bedeutet für den eigentlichen Winter nichts. Was immer der «Blick» an Gugusgeschichten aus der «Bild» abschreibt, kann man getrost ignorieren, besonders und gerade auch, wenn es ums Wetter geht. Wenn ich eine Seilbahn in mittlerer Lage hätte oder Hagel verhindern wollte, würde ich im Kloster Einsiedeln ein Kerzli anzünden oder ins Nachtgebet aufnehmen, dass es nicht hageln möge. Bei den Hagelfliegern und Kanonen weiss man, dass es nichts hilft. Beim Nachtgebet besteht bis auf weiteres die Hoffnung, dass es nützt.


Jörg Kachelmann (57) aus Schaffhausen gehört zu den erfolgreichsten Wetter-Experten im deutschsprachigen Raum. Er präsentierte jahrelang Wettervorhersagen für die ARD sowie für verschiedene Radiostationen. www.kachelmannwetter.com