Frau Meckel, Sie haben ein iPhone und einen iPad bei sich. Wie stark bestimmen diese Geräte Ihren Alltag?
Miriam Meckel: Sie werden schnell zu Diktatoren, wenn man nicht ganz bewusst mit ihnen umgeht. Bei mir sind sie alle auf stumm gestellt. Ich hasse es, wenn ein Handy klingelt. Ich kommuniziere über die Geräte nur, wenn ich das möchte.

Ich habe aber gelesen, dass Sie sich sogar durch das Handy wecken lassen.
Davon bin ich wieder abgekommen, weil ich ein fast traumatisches Erlebnis hatte: Der iPhone-Wecker versagte, als ich beim «Spiegel» in Hamburg für eine Blattkritik eingeladen war. Da wachte ich erst eine halbe Stunde vor der Veranstaltung auf. Seither benutze ich wieder einen mechanischen Wecker, der einfach klingelt.

Viele Leute sind längst zu Sklaven der digitalen Wundergeräte geworden ...
Einerseits ja, andererseits ist das Bewusstsein gewachsen, dass man sich von ihnen lösen muss, um produktiv und kreativ zu sein. Denn sie stören uns oft bei unserer Hauptaufgabe. Gelegentlich beobachte ich, dass Menschen ihre Geräte gerade darum benutzen, weil sie sich in ihrer eigentlichen Tätigkeit, mit der sie gerade befasst sind, langweilen. Dann warten sie darauf, dass sich immerhin in ihrer Mailbox oder auf Facebook etwas tut.

Faszinierend und beängstigend zugleich ist, wie iPhones schon 2-jährige Kinder magisch anziehen. Wie erklären Sie sich das?
Es ist bei den Apple-Geräten sehr viel Buntes da, und vor allem kommt mit ihnen eine haptische Komponente dazu – das heisst, sie sind intuitiv erfassbar. Da war Steve Jobs schon genial.

Der leichte Zugang von Kindern zu diesen Geräten verunsichert Eltern und Lehrer, denn sie verlieren die Kontrolle.
Eltern und Lehrer haben keine Chance, in der Bedienung an ihren Nachwuchs heranzukommen. Da sind die Kinder einfach besser, weil sie die Geräte intuitiv beherrschen. Allerdings: Viel wichtiger als die Anwendung der Geräte ist die Frage, wie gehe ich mit dem um, was ich darin finde. Was ist wichtig, richtig und nützlich, welchen Informationen kann ich vertrauen?

Auch hier sind die Erwachsenen oft überfordert.
Problematisch wird es, wenn uns die Metaebene fehlt, die Fähigkeit zur Einschätzung von Technologien. Deshalb müsste es längst ein Schulfach geben – wie auch immer das dann heisst, vielleicht «Medienkompetenz» oder «Leben im digitalen Zeitalter».

Ab welcher Schulstufe würde dieses Fach Sinn machen?
Wenn Sie sich anschauen, wie Kinder mit der Technik umgehen, wäre das vom Beginn des Schuleintritts an bis zur Matura ein durchgehendes Thema, jeweils mit anderen Schwerpunkten.

Das scheint die Bildungspolitiker nicht zu interessieren. Woran liegts?
Mein Eindruck ist, dass die Generation, die jetzt an der Macht ist, immer noch durch eine grosse Unsicherheit geprägt ist. Darum verschliesst sie die Augen.

In jeder Familie wird nur schon die Frage, wann das Kind ein Handy bekommen soll, zu einer Grundsatzfrage der Erziehung.
Ja, und die Frage reicht sehr weit: Wer ein Handy hat, muss auch mit Geld umgehen können. Meistens handelt es sich ja um ein Smartphone, mit dem die Kinder dann auch in iTunes und im App Store einkaufen können. Das belastet die Kreditkarte von Mama oder Papa. Da gilt es zu verstehen, dass man nicht beliebig alles runterladen kann. Wenn die Kinder also ein eigenes Budget haben, wird das schnell klarer.

In Ihrem Buch «Next» beschreiben Sie, wie Google, Facebook und Co. die Kontrolle über uns Menschen übernehmen. Zeichnen Sie da nicht ein allzu düsteres Bild?
Doch, ich will ja durch eine Überzeichnung aufrütteln – darum auch die für eine Wissenschafterin ungewöhnliche Form der Ich-Erzählung. Wenn ich mir die Diskussion jetzt anschaue, so glaube ich: Ein bisschen hat es funktioniert.

Wo im Alltag sehen Sie denn, wie wir Menschen die Kontrolle über uns selber verlieren?
Wenn wir in Netzwerken wie Facebook unterwegs sind, erhalten wir nur noch diejenigen Informationen, die unsere Präferenzen widerspiegeln – die uns gefallen, die uns interessieren. Das ist erst mal angenehm, weil wir uns in der Informationsflut besser zurechtfinden. Aber es ist auch gefährlich. Wenn ich beispielsweise in meiner Facebook Community nur die Postings von FDP-Mitgliedern mag und kommentiere, dann berechnet der Algorithmus: Aha, das ist deine Präferenz, also biete ich dir mehr davon an. So stossen wir langfristig kaum mehr auf Widerspruch, auf Positionen aus anderen Parteien. Für eine demokratische, pluralistische Gesellschaft ist das ein echtes Problem.

Viele Menschen sind sich dessen nicht bewusst: Sie halten sich für prima informiert.
Das gilt selbst für Studenten. Wenn ich zu Beginn meines Kurses frage: Wer weiss, was das personalisierte Internet ist? Dann melden sich von 50 höchstens 5.

Die Personalisierung ist bei Google sehr ausgeprägt: Die Suchmaschine listet zuoberst die Treffer auf, die meinem persönlichen Profil entsprechen.
Das ist einerseits praktisch. Andererseits gewinnt Google damit implizit Macht: die Macht, unsere Entscheidungsfindung zu beeinflussen. Auch wenn es Google vermutlich gar nicht um Macht geht, sondern darum, Geld zu verdienen. Mit Facebook habe ich mehr Schwierigkeiten ...

... Facebook strebt nach Macht?
Die sind viel intransparenter als Google. Und sie werden Schritt für Schritt zu einer Lebensplattform. Es gibt junge Menschen, die fast alles über Facebook erledigen: Sie mailen, sie unterhalten sich, sie hören Musik, sie schauen Filme über Facebook. Wenn ich von Facebook aus auf eine andere Website wechsle – dann bleibe ich mit Facebook verbunden, und alles wird bei Facebook abgespeichert. Das wissen viele Nutzer nicht.

Heute wird Facebook kaum kritisch hinterfragt. Wenn es nun immer dominanter wird, könnte dann eine Gegenbewegung entstehen?
Wenn etwas exzessiv wird, formieren sich Gegenbewegungen – das lehrt die Geschichte. Nur: Es gibt einen wesentlichen Unterschied etwa zu Exzessen auf den Finanzmärkten, die politische Gegenbewegungen ausgelöst haben. In der Digitalisierung geschieht vieles im Hintergrund, wir sehen es nicht. Bei der Finanzkrise haben wir Geld verloren, das haben wir auf unseren Kontoauszügen gesehen. Aber bei Facebook weiss ich nicht, was mit meinen Daten wirklich geschieht, wie weit die vermarktet, mit anderen Datensätzen kombiniert und ausgewertet werden.

Was kommt als Nächstes?
Eine Weiterentwicklung ist die Vernetzung des menschlichen Denk- und Entscheidungsprozesses mit der Maschine selber. Wir kommen hier durchaus in die Nähe der Science-Fiction. Unternehmen wie IBM forschen schon daran. Die Entwicklung läuft auf verschiedenen Ebenen rasend – ein neues Schlagwort ist die «augmented reality», die erweiterte Realitätsvorstellung: Google bringt eine Brille auf den Markt, mit der man sich nicht nur im Internet bewegen kann, sondern auch bestimmte Erweiterungen dessen bekomme, was ich als Wirklichkeit wahrnehme.

Das ist schwer zu verstehen – viele Leute fürchten sich vor solchen Entwicklungen.
Im Verstehenwollen liegt der Schlüssel zum richtigen Umgang mit solchen Dingen und zum Abbau von Angst. Man kann zum Beispiel seine Kinder fragen, was da passiert, oder Kollegen – es gibt immer jemanden, der es erklären kann. Es ist gar nicht so dramatisch und kompliziert. Warum haben so viele Leute Geld mit Lehman-Produkten verloren? Weil sie sich nicht die Mühe nahmen, zu verstehen, was für ein Produkt sie gekauft haben und welche Risiken damit verbunden waren.

Haben in dieser digitalen Welt klassische Zeitungskonzerne wie NZZ, Tamedia oder regionale Zeitungsverlage eine Zukunft?
Ich bin davon überzeugt. Das Produkt ist ja nicht das Papier, das Produkt ist der journalistische Inhalt, der bereits heute auch auf Tablets geliefert wird. Und diesen Inhalt brauchen wir. Gewisse Entwicklungen machen mich sehr nachdenklich. Es gibt eine amerikanische Firma, die algorithmischen Journalismus anbietet: Da ist kein Mensch mehr involviert in der Herstellung von Filmkritiken oder Sportberichten.

Was sollten die Verlage tun?
Sie müssen ihren Leserinnen und Lesern erklären, warum ihre Leistung unverzichtbar ist – Journalismus, der von Menschen gemacht ist, der ihnen hilft, sich im Leben zurechtzufinden. Im algorithmischen Journalismus funktioniert das Entscheidende nicht mehr: Es gibt keine Überraschungen mehr, keine Erweiterung der Perspektive, keine Auseinandersetzung mit Widerspruch. Letztlich können wir nichts mehr lernen. Das aber tun wir mit dem Journalismus, der von Menschen gemacht ist. Der darf und soll auch etwas kosten.

Was ist eigentlich die wichtigste Kompetenz, die Sie Ihren Studentinnen und Studenten mitgeben möchten?
«Challenge your assumptions». Eigene Annahmen herausfordern. Zweifel zulassen, Zweifel äussern.

Gelingt das?
Ich hoffe es! Aber das müssen Sie meine Studenten fragen.

Sie waren einst Regierungssprecherin von Nordrhein-Westfalen, des Bundeslandes, das Schweizer Bank-CDs aufkauft. Hat das Bankgeheimnis in Zeiten von Facebook, Wikileaks und dem Megatrend Transparenz überhaupt eine Überlebenschance?
Der Fall Hildebrand zeigt ja, wie sehr der Schutz der Privatsphäre heute relativ geworden ist – vor allem, wenn politische Ziele mit im Spiel sind. Die Forderung nach Transparenz geht weit über das Bankgeheimnis hinaus. In skandinavischen Ländern steht jede individuelle Steuererklärung im Internet.

Sind wir unterwegs zum gläsernen Bürger?
Datenschutz ist und bleibt wichtig, aber er kann nicht mehr von einzelnen Ländern gewährleistet werden. Die Zukunft liegt in internationalen Übereinkommen: Was ist rechtlich geschützt vor Eingriffen? Da ist die Schweiz mit ih-rem Verständnis von Privatsphäre in keiner einfachen Situation. Gegenüber den USA ist das Bankgeheimnis bereits durchbrochen.

Transparenz wird heute zum höchsten Gut erhoben. Von Privatsphäre spricht keiner mehr.
Privatsphäre muss ein hoher Wert bleiben. Ohne Privatsphäre gibt es keine freiheitliche Gesellschaft. Sie ist in Gefahr, wenn wichtige Lebensbereiche der Kontrolle und Überwachung unterworfen werden – sei es durch den Staat, durch Unternehmen oder auch durch den kollektiven Zwang nach Offenlegung, durch den Druck des Mainstreams. Transparenz ist im Sinne von «Accountability» – Rechtfertigungsnotwendigkeit – wichtig. Wenn Transparenz aber zur Ideologie erhoben wird, wie etwa von Wikileaks, dann ist sie mehr als problematisch.

Heute scheint Transparenz zum Selbstzweck geworden zu sein.
Das darf nicht sein. Es gäbe beispielsweise keine Innovation mehr, wenn Erfindungen nicht mehr geschützt werden können. Auch unternehmerische und politische Entscheide müssen zumindest in ihrer Entstehung zeitlich begrenzt geheim bleiben können. Und nicht zuletzt geht es auch um den Menschen selber: Wenn zum Beispiel Erotik komplett transparent wird, dann ist es keine Erotik mehr, sondern Pornografie.

Miriam Meckel (44) ist seit 2005 Professorin für Corporate Communication und Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen. Sie war Journalistin, TV-Moderatorin und Regierungssprecherin von Nordrhein-Westfalen. Meckel schrieb mehrere Bücher, darunter den Bestseller «Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout» (2010). 2011 veröffentlichte sie «Next – Erinnerung an eine Zukunft ohne uns». Darin geht es um die «Machtübernahme» der Algorithmen. Dahinter steht Meckels Forschungsprojekt «Digital Serendipity», für das die Professorin vorgestern Freitag von der Universität St. Gallen mit dem Communication Impact Award ausgezeichnet wurde. Präsident der Jury dieses Awards ist «Sonntag»-Chefredaktor Patrik Müller.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!