VON SANDRO BROTZ, FLORENCE VUICHARD

Herr Suter, Ihr Romanheld Adrian Weynfeldt ist Kunstexperte bei einem internationalen Auktionshaus. Welche Art von Kunst schätzen Sie?
Mir gefällt zum Beispiel das Künstlerduo Fischli/Weiss. Wie genau sie beobachten. Und ihre ernsthafte Ironie.

Würden Sie Millionen für Kunst ausgeben?
Das habe ich bis jetzt nicht gemacht. Ich habe immer in andere Sachen investiert, vor allem in Häuser. Wenn ich aber das Geld entbehren könnte: ja.

Dreh- und Angelpunkt in «Der letzte Weynfeldt» ist ein Bild von Félix Vallotton. Ein Lieblingskünstler von Ihnen?
Vallotton gefällt mir gut, weil er ähnliche Sachen macht, die ich auch in meiner Arbeit gern habe. Es hat sehr oft ein Geheimnis in seinen Bildern. Er reduziert, ohne zu abstrahieren. Er versucht mit wenigen, wesentlichen Elementen zu beschreiben. Sehr oft hat es eine Pointe in seinen Bildern – so wie in meinen Texten auch.

Wie stark haben Sie an der Verfilmung mitgearbeitet?
Ich mische mich nur auf Wunsch der Regie in ein Drehbuch ein. Im Fall von «Weynfeldt» hat sich das bewährt. Es gibt zu Beginn des Films zwar eine Szene, in der er an Selbstmord denkt und die im Buch nicht vorkommt. Sie wurde aus dramaturgischen Gründen eingefügt und um die Melancholie der Hauptfigur zu motivieren. Ich bin mir nicht sicher, ob es das gebraucht hätte. Aber nachdem ich den Rohschnitt der hochdeutschen Originalfassung gesehen habe, hat es hat mich auch nicht gestört.

Wieso haben Sie das Drehbuch nicht selbst geschrieben?
Das will ich nicht. Habe ich einen Roman beendet, brauche ich einen anderen Stoff. Kommt dazu: Ein Roman ist ein Endprodukt, ein Drehbuch ist ein Rohprodukt. Bis jetzt hat es mich nie gereizt, meinen selbst gestrickten Pullover wieder aufzutrennen.

Weynfeldts Welt ist massgeschneidert – bis eine Frau alles durcheinanderbringt. Sind Männer anfälliger dafür, dass ihr Leben durch die Liebe auf den Kopf gestellt wird?
Nein, es kommt nicht auf das Geschlecht an. Nur auf die Person.

In Ihren Büchern geben aber die Frauen den Weg vor und die Männer lassen sich treiben.
Das stimmt. Frauen sind in meinen Büchern immer die stärkeren Figuren als Männer. Die Frauen sind die heimlichen Hauptfiguren. Aber dass sie sich durch die Liebe weniger durcheinanderbringen lassen, glaube ich nicht. Wie sehr man durch eine unglückliche Liebe aus der Bahn geworfen wird, hängt von der Rollenverteilung ab. Es kommt darauf an, ob man verlässt oder verlassen wird. Fragen Sie alle, die in ihrem Leben schon verlassen wurden und verlassen haben. Also alle, die Sie kennen.

Sie gelten als Frauen-Autor. Stört Sie das?
Nein, gar nicht. Romane werden allgemein vor allem von Frauen gelesen. Es heisst, dass 80 Prozent der Romane von Frauen gekauft werden. Männer haben lieber Biografien, weil sie meinen, diese seien wahrer als Fiktion. Dabei ist das Gegenteil der Fall.

Ist schreiben für Sie anstrengend?
Schreiben ist etwas Tolles. Aber ich bin immer wieder froh, wenn ein Buch fertig ist. Einen Roman schreiben ist Arbeit, jeden Tag, sieben Tage die Woche.

Ist das die protestantische Ethik, die Sie von Zürich nach Guatemala mitgenommen haben?
Nein, ich bin kein disziplinierter Mensch, es ist schlicht Ungeduld. Ich weiss nicht, wie Kollegen von mir zwei, drei, vier Jahre an einem Roman sitzen können. Ich will wissen, wie die Geschichte weitergeht. Ich kenne den grossen Bogen, nicht aber die Details. Und ich weiss zu Beginn auch nicht, ob sie funktioniert oder misslingt.

Wie merken Sie, dass ein Roman misslungen ist?
Man wird immer unsicherer. Wenn man als sein eigener Leser aussteigt, sich langweilt und Zweifel bekommt. Wenn man beginnt, zu flicken.

Was machen Sie mit solchen Romanen?
Ich habe bis heute zwei misslungene Romane (schmunzelt). Aus denen habe ich später je einen Schauplatz herausgenommen, überarbeitet und in einem anderen Buch wieder verwendet. Ein misslungener Roman ist eine Erfahrung. Den ersten habe ich dem Diogenes-Verlag geschickt. Eine Praktikantin hat mir dann geschrieben – nicht etwa, dass er misslungen sei, aber dass er nicht ins Programm passe. Ich solle mich aber nicht entmutigen lassen. Der Standardbrief halt.

Ihre Bücher lassen sich gut verfilmen. Was kommt als Nächstes?
Im Dezember oder Januar kommt «Small World» mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle in die Kinos. Der Regisseur Oliver Hirschbiegel verfilmt «Die dunkle Seite des Mondes». Das ZDF und das Schweizer Fernsehen starten noch dieses Jahr mit den Arbeiten für den «Teufel von Mailand» und halten eine Option auf «Der perfekte Freund». Und für «Der Koch» gibt es viele Interessenten.

Statt «Der letzte Weynfeldt» hätten Sie auch «Der letzte Ospel» oder «Der letzte Madoff» schreiben können.
Weynfeldt ist altes Geld, Madoff und Ospel neues. Die drei haben auch sonst nicht viel gemeinsam.

Marcel Ospel brauchte Geld vom Staat, Bernie Madoff landete im Gefängnis. Hätten Sie jemals gedacht, dass es so weit kommen könnte?
Das Leben hat die Fiktion übertroffen. Im Nachhinein betrachtet, wars dann doch nicht so überraschend: Denn letztlich geht es den Managern um ihre eigene Karriere. Geht es der Firma gut, ist das nur ein Abfallprodukt ihrer Karrierebestrebungen. Aber ich gebe zu: Der Fall Madoff ist schon krass – ein Anlageberater braucht einfach die Einlagen seiner Kunden auf und bezahlt damit die fiktiven Gewinne anderer Kunden. Primitiver geht es fast nicht. Für einen Roman wärs zu plump.

Schuld an der Finanzkrise ist also einfach die Gier der Manager?
Gier ist eine populistische Beschreibung dessen, was passiert: Viel Geld verdienen ist eine Qualifikation geworden. Das Gesetz lautet: Wer viel verdient, ist gut. Nicht wer gut ist, verdient viel. Es geht diesen Leuten nicht darum, drei Ferraris zu haben, sondern für sie ist das hohe Gehalt ein Leistungsausweis. Der gleiche Mechanismus gilt für die Unternehmen: Eine Firma, die einem Manager im Jahr 30 Millionen und den Aktionären gleichzeitig hohe Dividenden zahlen kann, gilt als gute Firma.

Haben Sie Freunde mit Ferraris?
Nein. Ich würde aber auch keine Freundschaft künden, nur weil sich jemand einen Ferrari kauft. Ich habe schon Freunde, die reich sind – einen Ferrari hat aber keiner, vielleicht sind sie zu wenig sportlich. Ich will nicht moralisieren, ich finde, man darf auch viel Geld verdienen – aber dann muss man gewisse Bedingungen erfüllen.

Welche?
Die Manager müssen schauen, dass das Unternehmen gute Produkte macht, Arbeitsplätze schafft, seine soziale Verantwortung wahrnimmt. Es braucht eine moralische Richtschnur.

Welche Manager erfüllen diese sozialen Parameter?
Ich war nie ein Fan von Nicolas Hayek, aber ich denke, er hat das anständig gemacht. Und es gibt sicher viele andere Unternehmer, die es ebenfalls gut machen, die immer noch ihre Aufgabe darin sehen, möglichst viele Leute in Brot und Arbeit zu halten.

Sie halten mehr von Unternehmern als von Managern?
Der Unternehmer muss seine eigenen Fehler ausbaden. Ein Manager kann kommen und gehen, hat keine Beziehung zum Unternehmen: Ein Turnaround-Manager schaut sich die Probleme der Firma auf dem Papier an, schliesst ein Werk, entlässt die Hälfte der Belegschaft – und saniert die Firma und geht wieder.

Wann stellen Sie Manager oder Banker mal ins Zentrum eines Ihrer Bücher?
Das schliesse ich nicht aus. Ich mache aber lieber Dinge ausserhalb meines Faches. Zudem habe ich derzeit ein anderes Projekt: Ich will, bevor ich meinen nächsten Roman schreibe, etwas Krimi-ähnliches anpacken.

Mit einem Kommissar?
Mit einer Art Serienheld. Aber es ist noch keine Serie, eher ein Pilot dazu. Es wird eine Art kleiner Roman, der nächstes Jahr auf den Markt kommen soll.

Sie sagen: Manager dürfen unter Umständen viel verdienen. Wie viel verdient denn ein Star-Autor?
Da bin ich wie ein Star-Manager: Ich nenne da keine Zahlen. Aber ich habe mir in Guatemala ein Haus bauen können, habe in Ibiza ein grösseres Anwesen und hier in Zürich ein Pied-à-Terre – aber keine Aktien. Es gelingt mir noch immer, das Geld auszugeben, das ich mit meinen Büchern verdiene.

Sind Sie reich?
Wenn man meine Liegenschaften anschaut, dann kann man sagen, ich sei vermögend, wenn man auf mein Bankkonto schaut, dann würde ich wohl öfters zum Essen eingeladen.

Sie sind ein Bestseller-Autor. Eine unangenehme Etikette?
Diese Bezeichnung hat zwei Facetten: Die erste freut mich, geht es doch um die Zahl der verkauften Bücher. Denn mir persönlich ist es nicht egal, wie viele Leute meine Bücher lesen. Es ist eine Bestätigung, wenn es viele sind. Die zweite hat einen abschätzigen Unterton: Bestseller-Autor als Gattung. Günther Grass verkauft mehr Bücher als ich, aber noch nie hat ihn jemand als Bestseller-Autor bezeichnet. Aber es macht mir wirklich nichts aus. Wenn man mir mit 20 gesagt hätte, du wirst Bestseller-Autor, dann hätte mich das schon damals gefreut.

Das seriöse Feuilleton hat Ihre Bücher lange ignoriert.
Ich war zu Beginn der schreibende Werbetexter. Dieses Image ist schon lange weg, ich habe inzwischen sieben Romane und noch mehr Sammelbände veröffentlicht. Aber die Welt hat sich auch verändert: Heute ist Werbung nichts Anrüchiges mehr. Junge Leute finden Werbung gut. Beim «Koch», und nicht nur bei ihm, sind im grossen Feuilleton durchwegs positive Artikel erschienen. Selbst die Schweizer Medien, die mich besonders kritisch behandelten, sind umgeschwenkt und lassen eine sachliche Diskussion zu. Eigentlich gibt es nur noch ein Schweizer Medium, das aus Prinzip zerzaust, was ich schreibe.

Sie sprechen jetzt von der «NZZ». Ist eigentlich die Schweizer Presse mit ihren Künstlern ganz besonders kritisch?
Nein, die Presse des eigenen Landes. Deutsche, holländische Schriftsteller erzählen mir, dass es ihnen genauso gehe mit ihrer Presse.

Woran liegt das?
Ein ausländischer Autor ist kein direkter Konkurrent, anders als derjenige, den man in der Beiz trifft. Bei dem denkt der Rezensent schnell einmal: «Das hätte ich auch gekonnt.»

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu den Medien verändert, seit der «Blick» und die «Schweizer Illustrierte» im Herbst 2009 gegen Ihren Willen über den tragischen Tod Ihres damals dreijährigen Sohnes berichtet haben?
Das ist etwas sehr gelinde ausgedrückt. Ringier hat massiv gegen journalistische Richtlinien verstossen und ist dafür sehr deutlich vom Presserat gerügt worden. Ich arbeite nicht mehr mit Ringier-Medien zusammen – auch mit der «Betty Bossi»-Zeitschrift nicht. Aber die ganze übrige Presse war in dieser Zeit sehr anständig. Mein Verhältnis zu ihr hat sich eher verbessert.

Sie nehmen alle Ringier-Medien in Sippenhaft, obwohl nur zwei Titel in den Fall verwickelt waren?
Um diesen Vorwurf zu entkräften, habe ich nach der Veröffentlichung der beiden Artikel allen Chefredaktoren, dem Management und dem Verleger geschrieben. Niemand hat mir geantwortet, mir wenigstens geschrieben, dass ihm die Publikation leidtue – mit der Ausnahme des damaligen «Monopol»-Chefredaktors. Ihm habe ich danach zugesichert, weiter mit ihm zu arbeiten. Aber alle anderen haben geschwiegen, haben sich an die Ringier-interne Weisung gehalten, mir nicht zu antworten, und sich so mit dem Vorgehen von «Blick» und «Schweizer Illustrierte» solidarisiert. Und «Blick»-Chef Ralph Grosse-Bley hat öffentlich gesagt, dass er wieder genau gleich handeln würde. Er hat bewusst gegen den «Code of Conduct» von Ringier verstossen und wurde kurz darauf befördert.

Und Michael Ringier?
Er hat mir geschrieben, dass ihm der Tod unseres Sohnes leidtue. Er hat aber nicht, auch nachdem beide Medien vom Presserat für ihr Verhalten und Vorgehen gerügt worden sind, sich für das Verhalten seiner Leute entschuldigt. Er hat durchblicken lassen, dass er zu deren Vorgehen eine differenzierte Meinung habe, sich aber vor sie stellen müsse. Das finde ich nicht. Ein Verleger muss sich nicht immer vor seine Leute stellen. Er kann und muss sogar die ethischen Richtlinien vorgeben. Sogar die deutsche «Bild», die das Foto des Grabes meines Sohnes vom «Blick» gekauft und abgedruckt hatte, hat sich sofort entschuldigt, als sie erfuhr, wie das Foto zustande kam. Ringier bekämpft eben den Persönlichkeitsschutz von Kindern Prominenter sehr aggressiv und verbissen.

Gegenüber dem «Spiegel» haben Sie von «journalistischen Grabplünderern» gesprochen.
Darauf hat man bei Ringier empfindlich reagiert. Der Presserat hat mich dann aber auch darin unterstützt und von «publizistischen Grabräubern» gesprochen.

Sie haben nach dem Tod Ihres Sohnes auch sinngemäss mal gesagt: Das Leben geht nicht weiter, man tut nur so. Wie gelingt Ihnen das?
Manchmal besser, manchmal schlechter. Es dreht sich schon alles immer um diesen Moment, um diese Situation. Ich habe manchmal schon wieder glückliche, unbeschwerte Momente, aber dann meldet sich die Wirklichkeit in ihrer ganzen Grausamkeit wieder zurück.

Dennoch lassen Sie Fragen dazu zu?
Wenn es mir zu viel wird, bitte ich um einen Themawechsel. Einmal bei einer Lesung vor über 1000 Leuten bat ich nach einer Weile die Moderatorin darum – und das Publikum hat applaudiert. Aber sonst lasse ich die Fragen zu: Es gehört nun mal zu mir, zu meinem Leben. Es wäre seltsam, das auszuklammern. Meine Tochter spricht jeden Tag darüber.

Haben Sie jetzt keine Angst, Ihre Tochter nun doppelt beschützen zu wollen?
Wir müssen sehr aufpassen, dass wir sie nicht zu fest behüten. Alte Eltern wie wir, sind sowieso ängstlicher als junge. Man muss die Balance zwischen Beschützen und Vertrauen finden. Man kann nicht alle Gefahren bannen. Was unserem Söhnchen zugestossen ist, war etwas, mit dem man nicht rechnen konnte.

Jetzt, da Ihre Tochter bald ins Schulalter kommt, überlegen Sie sich eine Rückkehr nach Zürich?
In Zürich zu leben, kann ich mir gut vorstellen, hingegen wird es mir schwer fallen, ganz Abschied zu nehmen von Guatemala und Spanien. Wir sind schliesslich nicht weg, weil es uns in der Schweiz nicht gefallen hat. Wir sind weg, weil es uns anderen Orten auch gefallen hat.


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