Herr Sommer, über die Festtage zog es viele Wintersportler auf die Pisten. War dementsprechend auf der Unfallchirurgie viel los?
Christoph Sommer: Ja, unser Team hatte viel zu tun. Wir hatten einige ausgerenkte und gebrochene Schultern und Ellbogen sowie gebrochene Handgelenke. Es kamen auch Wintersportler mit Hirnerschütterungen und Wirbelverletzungen zu uns.

Sind das typische Verletzungen?
Teilweise. Bei den Skifahrern sind oft die Beine betroffen, da diese anders als bei den Snowboardern nicht festgeschnallt sind. Daher sind bei den Skifahrern einerseits klassische Knieverletzungen immer noch relativ häufig. Andererseits auch Unterschenkel-, Schienbein- und Wadenbeinbrüche. Darunter gibt es nicht selten komplizierte Verletzungen, wie beispielsweise einen Schienbeinkopfbruch, wo auch das Knie ausgerenkt ist. Manchmal kommt es im Ski-Schuh selbst zu Verletzungen, wie beispielsweise zu Knöchel- oder Fersenbeinbrüchen. Ich kann oft selber nicht glauben, dass das überhaupt möglich ist.

Und welche Verletzungen erleiden Snowboarder?
Häufig sind Schulterverletzungen. Also ausgekugelte oder ausgerenkte Schultern sowie Schlüsselbein- und Oberarmkopfbrüche.

Wie häufig sind Kollisionen?
Bei uns behandeln wir 93 Prozent Selbstunfälle. Somit sind nur rund sechs bis sieben Prozent Kollisions-Opfer.

Und wen trifft es oft?
Bei den Snowboardern sind es tendenziell eher die jüngeren Fahrer. Doch es kann jeder auf der Unfallchirurgie landen. Ich erinnere mich gut an eine rüstige 86-jährige Skifahrerin, die vor zwei Jahren mit einem Unterschenkelbruch kam. Gerade bei älteren Frauen, die schon eine gewisse Osteoporose aufweisen, kann ein Sturz auf der Piste eher zu einem Knochenbruch führen als bei einem jungen Menschen. Auch weil dieser vielleicht besser und weniger verkrampft stürzt. Dafür fahren die Jungen schneller und jumpen auch über Schanzen. Wenn sie dann umfallen, kommt es häufig zu komplizierten Trümmerbrüchen.

Wie hat sich das Risikoverhalten in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren verändert, seit Sie am Kantonsspital Graubünden arbeiten?
Die Zahl der Sportler, die waghalsige Sprünge beispielsweise in den Funparks und Halfpipes machen, hat sicher zugenommen. Aber auch früher lebte die Jugend nicht risikoarm. Auch als ich jung war, haben wir Schanzen gebaut und sind mit einem Salto darüber gesprungen. Das war wahrscheinlich gefährlicher als heute, weil die Landebahn nicht gleich gut präpariert war. Daher glaube ich nicht, dass das Verhalten heute auf den hiesigen Skipisten risikoreicher ist. Aber der Wintersport an sich ist vermutlich schon gefährlicher geworden, da die Geschwindigkeiten auf den Pisten zugenommen haben. Durch das bessere Material, die Schutzkleidung und die flachgewalzten und harten Pisten fahren Ski- und Snowboardfahrer deutlich schneller. Früher bremste man irgendwann ab, wenn einem der Wind allzu sehr um die Ohren zog. Mit einem Helm spürt man die Geschwindigkeit deutlich weniger gut.

Dann hebt der Helm seinen positiven Effekt wieder auf, weil dadurch schneller gefahren wird?
Nein. Ein Helm ist wichtig. Zwar gibt es nach wie vor Kopfverletzungen, doch der Schweregrad hat wesentlich abgenommen.

Welche Kopfverletzungen sind heute selten?
Beispielsweise schwere Hirnverletzungen à la Michael Schumacher. Solche gab es früher eindeutig häufiger. Heute behandeln wir noch einige wenige pro Saison. Dies hängt mit der Helmtragquote zusammen. Die Wahrscheinlichkeit, eine schwere Hirnverletzung zu erleiden, ist mit einem Helm kleiner – aber nicht gleich null. Viele Patienten, die wegen einer Hirnerschütterung zu uns kommen, haben dank des Helms keine schwere Hirnverletzung.

Wie häufig ist bei den Wintersport-Unfällen Alkohol im Spiel?
Es gibt Fälle von Skifahrern, die betrunken gegen einen Baum fuhren, aber die sind selten. Mir ist schon klar, dass relativ viele Wintersportler Alkohol auf der Piste trinken, das mache ich auch, aber ich glaube nicht, dass es einen wesentlichen Einfluss auf die Unfallwahrscheinlichkeit hat. Einen deutlich grösseren Einfluss hat der Alkohol auf Verkehrsunfälle.

Warum haben Sie sich für den Chirurgen-Beruf entschieden?
Das ist eine gute Frage. (Lacht.) Mein Vater war Allgemeinpraktiker in Malans GR und später in Thal SG. Eigentlich war es immer mein Ziel, seine Praxis zu übernehmen. Nach dem Studium sah ich mir deshalb wie üblich verschiedene Bereiche in der Medizin an, unter anderem auch die Chirurgie. Und dort sagte mir mein damaliger Chef: «Sommer, du musst Chirurg werden. Du bist sicher kein Allgemeinpraktiker.»

Wie hatte Ihr Chef das begründet?
Er sagte, ich sei vom Typ her ein Chirurg.

Was muss ein Chirurg denn für ein Typ sein?
Jemand, der gerne rasch eine Analyse machen kann und gerne Entscheide fällt. Ich war immer eher ein Schneller, auch im Studium. Doch ursprünglich interessierte mich in der Medizin mehr das Detektivische. Beispielsweise herauszufinden, warum jetzt jemand Bauchschmerzen oder Atemnot hat. Dann habe ich allerdings gemerkt, dass diese Eigenschaften auch in der Chirurgie gefragt sind. Es geht nicht nur darum, zu operieren, also um das Manuelle. Kopfarbeit ist mindestens so gefragt wie das handwerkliche Geschick.

Was fasziniert Sie an der Chirurgie?
Spannend auf der Unfallchirurgie ist, die Patienten von der Notaufnahme bis zur Genesung zu betreuen. Hinzu kommt: Der Job gibt mir eine grosse Befriedigung. Denn 95 Prozent der Patienten geht es nach der Behandlung wieder wie vorher. Sie haben etwas gebrochen, man flickt und operiert es und in drei bis sechs Monaten sind sie wieder geheilt. In anderen Disziplinen hat man deutlich mehr mit dem Tod zu tun oder ist oft mit unheilbaren Krankheiten konfrontiert.

Das klingt nach Schlosserarbeit.
(Lacht.) Was man als Laien nicht sieht. Es ist weit mehr als ein paar Knochenstückli wieder zusammenpuzzeln und anschrauben. Entscheidend für ein gutes Ergebnis ist, wie schonungsvoll man die Weichteile wie Haut, Muskeln, Nerven und Gefässe behandelt. Wenn man beispielsweise den Knochen blütteln, also die Knochenhaut abziehen würde, und dann die Knochen zusammenschraubt, würde kein einziger Bruch heilen. Die Durchblutung des Knochens würde nicht mehr funktionieren, und ein toter Knochen wächst nun mal nicht zusammen. Ausserdem ist jeder Bruch anders. Und ich muss mir immer wieder aufs Neue überlegen: Wie gelange ich zum gebrochenen Knochen, wie muss ich die Stücke manipulieren, damit sie wieder in die richtige Position kommen und was gibt es für einen Trick, damit der Knochen besser zusammenwachsen kann.

Welche Verletzungen behandeln Sie besonders gerne?
Je komplizierter und je schwieriger etwas ist, umso mehr fasziniert es mich. Beispielsweise schwere Becken- oder Hüftpfannenbrüche sowie auch andere komplizierte Gelenkbrüche. In solchen Fällen bitte ich mein Team, mich zu informieren – auch wenn ich zu Hause bin.

Haben Sie manchmal auch Mitleid mit dem Patienten?
Ich habe Empathie. Aber ich freue mich eigentlich immer, wenn Patienten zu uns in den Notfall kommen. Einerseits, weil ich mich freue, den Verletzten zu helfen, und andererseits, weil ich weiss, dass es fast immer wieder gut kommt. Es gibt Ärzte, die eher pessimistisch denken, doch das ist nicht meine Art. Ich bin überzeugt, wenn wir positiv eingestellt sind und dem Patienten sagen: «Das kommt wieder gut», dann färbt das auf den Patienten und seinen Heilungsprozess ab.

Welches sind mühsame Patienten?
Meinen Sie vom Beruf her?

Ja, beispielsweise.
Gewisse Patienten mit akademischem Hintergrund können sehr schwierig sein. Auch erlebe ich oft Lehrer, die trotz ihrer Intelligenz dreimal nachfragen, weil sie im Internet vielleicht etwas anderes gelesen haben und vieles hinterfragen. Da geht mir dann die Geduld auch mal aus. Umgekehrt erlebe ich Handwerker und Landwirte, die mir ihr vollstes Vertrauen schenken und enorm dankbar sind.

Wie haben sich die Hilfsmittel in den vergangenen Jahren entwickelt?
Da hat sich auf verschiedenen Ebenen einiges getan. So gibt es heute nicht lediglich drei Implantat-Platten, sondern tausend verschiedene. Auch sind die Schrauben immer differenzierter geworden. Daneben hat sich die Operationstechnik verändert. Früher machte man einen grossen Schnitt und hat alles freigelegt. Mittlerweile arbeiten wir oft minimalinvasiv. Das heisst, wir gelangen über verschiedene kleine Zugänge zum Bruch und sehen den Knochen nur noch an bestimmten Bereichen. Zur Orientierung helfen uns Röntgenbilder, die wir von verschiedenen Ebenen machen. Es gibt Systeme, bei denen der Computer dann daraus eine dreidimensionale Ansicht errechnet. Während der Operation arbeiten wir oft via Bildschirm. Für gewisse Brüche steuern wir über Infrarot-Navigation die Instrumente und können so die Schrauben sehr präzis setzen.

Wie lange dauern die Operationen?
Durchschnittlich eine Stunde. Die kürzeste dauert manchmal nicht mehr als fünf Minuten, die längeren rund fünf Stunden.

Wie halten Sie die Konzentration über mehrere Stunden?
Das bereitet mir wenig Mühe. Während der Operation ist immer eine gewisse innere Anspannung da. Der Körper schüttet Adrenalin aus, der Puls geht etwas schneller und der Blutdruck ist leicht höher. Zudem arbeite ich genau nach einem vor der Operation im Kopf ausgearbeiteten Plan. Schritt für Schritt. Es wäre aber möglich, bei sehr langen Eingriffen eine kurze Pause einzulegen, da immer auch Assistenten dabei sind, die für ein paar Minuten übernehmen könnten.

Ist die Chirurgie bei angehenden Ärzten beliebt?
Eigentlich schon. Wir haben meist genügend Bewerbungen von Assistenzärztinnen und -ärzten. Gesamtschweizerisch hat es aber zu wenige.

Was ist der Grund dafür? Die Chirurgie gilt doch als Königsdisziplin bei den Medizinern.
Das ist nicht mehr ganz so ausgeprägt. Früher gab es einen Chefchirurgen, der alles machte. Heute ist die chirurgische Disziplin in verschiedene Unterbereiche aufgeteilt. Auch haben neue Techniken dazu geführt, dass beispielsweise Radiologen, Angiologen oder Gastroenterologen invasive Eingriffe durchführen, die noch vor ein paar Jahren Chirurgen machten. So gesehen gibt es heute 20 Spezialisten und keinen König mehr.

Vieles auf der Unfallchirurgie ist nicht planbar. Die Arbeitszeiten sind dementsprechend unberechenbar. Ist das mit ein Grund, sich gegen diesen Bereich zu entscheiden?
Das kann sein. 70 Prozent unserer Patienten kommen notfallmässig zu uns. Daher verlangt dieser Beruf auch die Bereitschaft morgens um drei Uhr aufzustehen und kurze Zeit später zu operieren. Doch Assistenzärzte und Oberärzte sind dem eidgenössischen Arbeitsgesetz unterstellt. Dementsprechend ist auch der Dienstplan gestaltet.

Das Gesetz gilt aber nicht für Sie als Chefarzt. Wie viel Stunden arbeiten Sie pro Woche?
Im Schnitt 65 bis 70 Stunden pro Woche. Wie viel Zeit ich aber am Operationstisch verbringe, ist saisonabhängig. So gibt es in der Zwischensaison Wochen, wo ich lediglich ein paar Stunden operiere, und dann kann es vorkommen, dass ich in der Wintersaison bis zu 40 Stunden am Operationstisch stehe. Durchschnittlich bin ich jedoch nur etwa einen Drittel der Zeit im OP. Die Untersuchungen, Diagnosestellungen, Operationsvorbereitungen und -besprechungen, Visiten, Sprechstunden sowie der Bürokrieg brauchen auch Zeit.

Wie finden Sie den Ausgleich?
Sobald ich das Spital verlasse, schalte ich ab. Dann unternehme ich etwas mit meiner Familie. Klettern ist unser Familiensport. Ich habe die Sportarten so gewählt, dass ich sie an den Randstunden auch ausüben kann. So gehe ich im Winter am Abend in die Halle und im Sommer in die Natur klettern. Und für die Kondition fahre ich kurz vor der Arbeit mit dem Mountainbike auf einen Hügel.

Was kommt zu kurz?
Die Familie muss viel Verständnis mitbringen und kommt oft zu kurz. Auf ganz nach der Pensionierung habe ich die Bergtouren verschoben. Mehrtägige Touren in den Alpen oder gar eine Expedition auf einen höheren Berg liegen zeitlich nicht drin.

Sie gehen gerne hoch hinaus?
(Lacht.) Würde ich gern, ja. Ich stand bereits einmal fast auf einem Achttausender, dem Dhaulagiri. Es war ein eindrückliches Erlebnis.

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