VON SACHA ERCOLANI

Der bekannte Radio- und TV-Moderator Ruedi Josuran nimmt kein Blatt vor den Mund: «Klar, freuen sich die Zuschauer vor dem Fernseher, wenn es jemandem wie DJ Tatana nach einer Krise wieder besser geht. Andererseits fühlen sich viele Depressions-Betroffene und ihre Angehörigen – und dazu zähle ich mich auch – schlicht verarscht!»

Der Grund für seinen Ärger ist Tatanas Auftritt bei der der SF-Show «Aeschbacher». Dort redete die mehrfach mit Edelmetall ausgezeichnete Musikerin offen über ihre «schwerste Zeit im Leben». Von einem Tag auf den anderen erlitt Tatana Sterbova (34) alias DJ Tatana einen «seelischen und psychischen Zusammenbruch». Nach dem Party-Festival der Street Parade vor zwei Jahren habe ihre «Seele sehr gelitten», outete sich Tatana vor laufender Kamera.

Dabei betonte sie, dass sie sehr stolz sei, es ohne Medikamente wieder aus ihrer Depression geschafft zu haben – und auch dank viel Schlaf während ihres vierwöchigen Klinikaufenthaltes. Sie sei einfach in sich gegangen und habe während Waldspaziergängen immer wieder Bäume umarmt und dadurch viel Kraft erhalten.

Ruedi Josuran kann solche Aussagen nicht nachvollziehen: «Was die DJ-Lady da sagte, ist für alle, die an einem Burnout oder einer Depression leiden und deshalb Medikamente einnehmen mussten, wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht», so der Experte, der unter anderem den Bestseller «Mittendrin und nicht dabei» schrieb. Dabei geht es um seine persönliche Burnout-Erfahrung. In seinem Buch «Seele am Abgrund» beschäftigt er sich mit dem Umfeld von Burnout-Betroffenen.

«Die meisten Betroffenen kommen ohne Medikamente keinen Schritt weiter, finden oft den Weg nicht mehr zurück in den Beruf. Das sind die allermeisten. Nicht wenige bringen sich um», sagt Josuran. Er gründete dieses Jahr gar eine Stiftung zu Prävention von Burnouts und depressiven Krankheitsentwicklungen.

Beim Zuhören solcher «Blender-Geschichten aus dem PR-Handbuch» sei er sich vorgekommen wie ein Schwächling, der «halt Medis noch braucht», weil er noch so labil sei. Eines habe DJ Tatana mit dem TV-Auftritt aber sicher erreicht: «Promotion für die neue CD und eine Verharmlosung psychischer Belastungen.»

Auch Daniel Hell, leitender Arzt im Kompetenzzentrum für Depression und Angst in Meilen, warnt: «Depressionen darf man nicht verharmlosen oder auf die leichte Schulter nehmen. Für viele Betroffene ist die Einnahme von Medikamenten sogar überlebenswichtig. Was aber nicht heisst, dass alle Medikamente brauchen.»

DJ Tatana weilt derzeit für ihre CD-Promotion in der Mongolei – trotzdem wollte sie Stellung zu den Vorwürfen nehmen: «Für mich persönlich war es damals wichtig, dass ich diese Zeit ohne Medikamente durchstehen konnte. Ich hatte mir dies zum Ziel gesetzt, und wenn man Ziele erreicht, ist man verständlicherweise stolz darauf», so die Musikerin zum «Sonntag».

«Dies war aber wie gesagt meine ganz persönliche Entscheidung und hat nichts damit zu tun, dass ich Menschen herabsetze, welche dank Medikamenten ihren Weg zurück ins Leben gefunden haben.» Und zum Schluss will sich Tatana entschuldigen: «Sollte dies in der Sendung so rüber- gekommen sein, tut mir dies sehr leid.»

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