Rudolf Elmer ist zurück. Zurück im Leben nach 187 Tagen in Untersuchungshaft. Und bereit, seinen Kampf gegen Steuerhinterzieher und ihre Helfershelfer wieder aufzunehmen. «Die U-Haft hat mir bestätigt, dass ich richtig liege», sagt der 55-Jährige in seiner Vierzimmerwohnung im Zürcher Unterland. Der «Sonntag» ist das erste Medium, das er nach seiner Entlassung empfängt.

«Die Verhaftung hat meiner Sache geholfen», findet Elmer. «Die ganze Weltpresse berichtete, dass man in der Schweiz jemanden, der Missstände aufdeckt, verfolgt, während die Steuerhinterzieher und ihre Banken straffrei davonkommen.» Am 19. Januar war der ehemalige Manager der Bank Julius Bär in der Tiefgarage seines Hauses verhaftet worden – wenige Stunden, nachdem ihn das Bezirksgericht Zürich wegen Bankgeheimnisverletzung, Nötigung und Drohung zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt hatte.

Elmer hatte Steuerbehörden, Medien und der Enthüllungsplattform Wikileaks vertrauliche Kundendaten zugespielt, die ihm im Karibik-Steuerparadies Cayman Islands anvertraut worden waren. Das löste in mehreren Ländern Strafverfahren gegen Steuerhinterzieher aus.

«Die Verhaftung hatte den Charakter eines James-Bond-Films», schildert Elmer. Seine Frau sah zu, als er in Handschellen gelegt wurde. Er sollte sie für mehr als ein halbes Jahr nicht mehr sehen. Im Bezirksgefängnis Winterthur sass er 23 Stunden in Isolationshaft, konnte nur seine 12-jährige Tochter und seine Anwältin sehen.

Während er im Gefängnis sass, geriet das Schweizer Bankgeheimnis weiter ins Wanken: Die Debatte über Steuerhinterziehung schwappte über Europa und die USA hinaus in andere Länder. Der Steuerstreit mit den USA flammte wieder auf. Und die Schweiz sperrte die Geheimkonten des Gaddafi-Clans. Elmer war darüber bestens im Bild. Er abonnierte im Gefängnis die «Financial Times».

Heute, eineinhalb Monate nach der Freilassung, gehe es ihm wieder gut, sagt er. Von der U-Haft hat er sich im zweiwöchigen Familienurlaub auf Kreta erholt. Sogar zum Scherzen ist ihm zumute. «Neben meiner Zelle lag die von Roman Polanski», erzählt er. «Leider war er nicht mehr da, sonst hätten wir über die Verfilmung meiner Geschichte reden können.»

Doch so locker, wie er heute redet, war die Zeit in U-Haft nicht immer. Elmer hatte psychische Probleme, die Hüfte schmerzte. «Aber ich habe das Ganze durchgestanden, weil ich für eine Sache einstehe.» Nein, er habe zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, sich umzubringen. «Nur schon an so etwas denken, wenn man eine Tochter hat und eine Frau, die zu einem steht, geht zu weit.»

Sind Sie ein Märtyrer und Missionar, Herr Elmer? «Nein, ich sehe mich eher als Bürgerrechtler.» Er, der als Datendieb und Verräter abgestempelt wurde, bezeichnet sich sogar als Patriot. «Ich kämpfe nicht gegen die Schweiz. Ich will dazu beitragen, dass sich die Banken weiterentwickeln und von unsauberen Geschäften distanzieren.» Den Behörden attestiert Elmer, dass sie ihn korrekt behandelt haben. «Aber ich war schockiert über die Verhaftung.»

Der Staatsanwalt hatte diese damit begründet, dass Elmer dem Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, Julian Assange, in London zwei CDs mit Daten von 2000 Bankkunden übergeben hatte – nur zwei Tage vor dem Zürcher Gerichtsprozess und vor laufenden Fernsehkameras. «Ich habe in London nie Schweizer Banken und Kunden erwähnt», sagt Elmer. «Ich kann darum nicht verstehen, dass man mir vorwirft, ich hätte das Schweizer Bankgeheimnis verletzt.»

Später, in Untersuchungshaft, behauptete er plötzlich, die Datenträger seien leer gewesen. Darauf beharrt er bis heute. «Das war keine Schutzbehauptung, um freizukommen.» War also alles nur ein grosser Schwindel? «Nein. Die CDs waren nur zum Zeitpunkt der symbolischen öffentlichen Übergabe leer.»

Inzwischen distanziert sich Elmer von Assange. «Ich habe keinen Kontakt mehr.» Durch das jüngst aufgeflogene Datenleck seien unzählige Informanten in Gefahr gebracht worden. «Ich bezweifle, dass ich je wieder mit Wikileaks zusammenarbeite. Das Risiko ist zu gross.»

Elmer kritisiert die Schweizer Behörden scharf. «In jedem anderen Staat würde einer, der wie ich auspackt, Zeugenschutz bekommen. Aber in der Schweiz wird lieber ein Zeuge verfolgt, der Zivilcourage zeigt, als der Täter.» Eigentlich sei er den Behörden dafür dankbar: «Das hat dazu geführt, dass das Thema Steuerflucht an die Öffentlichkeit kommt. Sonst wäre es unter dem Teppich geblieben.»
Da ist er wieder: Elmer, der sich für seine gute Sache opfert. Und Elmer, der austeilt. Er spricht von «Rachejustiz», wirft den Behörden vor, ihn aus politischen Gründen zu verfolgen. Trotzdem erscheint er im Gespräch nicht als Sektierer, der die Welt nur schwarz und weiss sieht. Überraschenderweise verteidigt er das Bankgeheimnis. «Das Bankgeheimnis ist eine gute Sache, solange es die Privatsphäre von natürlichen Personen schützt. Leider wurde es dazu missbraucht, multinationalen Konzernen, Finanzinstituten und reichen Familien bei der Steuerhinterziehung zu helfen. Es war ungeschickt von der Schweiz, das zuzulassen.»

Jetzt schiesst sich Elmer auf die Abgeltungssteuer ein, welche die Schweiz mit Deutschland und Grossbritannien vereinbart hat. Für ihn ist sie «eine Totgeburt», da sie von den Superreichen dank Verschleierungsvehikeln in den Steueroasen spielend umgangen werden könne.

Aber auch der automatische Informationsaustausch, bei dem ausländische Beamte per Knopfdruck die Bankkonten in der Schweiz einsehen können, ist Elmer nicht geheuer. «Das geht zu weit. Die Privatsphäre des Einzelnen muss gewährleistet werden.» Stattdessen fordert er, der Bund müsse die Banken dazu verpflichten, von ihren Kunden eine Bestätigung zu verlangen, dass sie ihr Geld ordentlich versteuert haben. «Dann sind die Banken fein raus. Damit wären Angriffe aus anderen Ländern einfach abzuwehren. Das dient auch dem Schutz des Finanzplatzes Schweiz.»

Elmer ist überzeugt, dass die Schweizer Banken auch ohne Schwarzgeld überleben werden. Für dieses Ideal kämpft er weiter, während seine Frau dem Gelderwerb nachgeht. Geplant sind Vorträge, Pressekonferenzen, Interviews und zwei Dokumentarfilme.

Zuerst beschäftigt ihn allerdings die Zürcher Justiz. Am 17. November kommt es am Obergericht zur Berufungsverhandlung gegen seine erstinstanzliche Verurteilung wegen Bankgeheimnisverletzung. Elmer verlangt einen Freispruch und will dafür bis zum Bundesgericht kämpfen. Ein Elmer gibt nie auf.

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