VON FELIX BINGESSER (TEXT) UND ALEX SPICHALE (FOTOS)

Herr Lambiel, Frau Meier – wie fühlt man sich als Prinz, als Prinzessin?
Lambiel: Es ist sehr schön. Ich mag es, wenn ich den Leuten in dieser Rolle Freude bereiten kann. Man braucht so etwas in der Schweiz. Wir sind klein, wir haben nicht so viele Spitzensportler und wir müssen diesen Sorge geben. Ich fühle mich wohl in dieser Rolle und es ist gerade in diesen Zeiten schön, wenn man den Leuten Freude bereiten kann.

Meier: Das mit der Prinzessin ist natürlich auch ein Klischee. Aber wenn es dem Eislaufen mehr Popularität gibt, dann ist das gut so. In den Zeiten von Denise Biellmann interessierten sich viele Leute für unseren Sport. Dann verschwand das Eislaufen. Und wenn Stéphane und ich dazu beitragen können, dass das Eislaufen als Sport und als Kunst wieder populärer wird, dann ist das schön.

Wie viele Heiratsanträge haben Sie im Lauf Ihrer Karriere schon erhalten?
Meier: Viele waren es nicht. Ich glaube, so konkret hat es nur in einem einzigen Fall einmal ein Fan formuliert. Aber Fanpost und Liebesbriefe gibt es natürlich schon viel. Ich versuche alles zu beantworten. Aber wenn es mal zeitlich nicht reicht, dann tut mir das leid. Sie können ja schreiben: Auch ich habe alle meine Fans gern.

Lambiel: Bei mir hat noch niemand den Mut gehabt, mir einen Heiratsantrag zu machen. Aber Liebesbriefe und schöne Geschenke und selbst gebastelte Glücksbringer bekomme ich sehr viele. Ich habe sogar japanische Fans, die kommen regelmässig, wenn ich in der Schweiz auftrete.

Was haben die Prinzessin und der Prinz eigentlich für ein Verhältnis? Gibt es da einmal die Traumhochzeit?
Meier (lacht): Also darauf müssen die Leute ewig warten, das wird es nicht geben. Wir verstehen uns aber sehr gut.

Lambiel: Wir respektieren und schätzen uns gegenseitig. Mehr ist da nicht. Aber in Vancouver verpassen wir uns. Ich habe meinen Wettkampf in der ersten Woche und sie kommt erst in der zweiten Woche. Wenn ich dann Zeit hätte, etwas zu unternehmen, ist sie voll auf ihren Wettkampf fokussiert. Vor vier Jahren in Turin haben wir uns gar nicht gesehen.

Weihnachten und Neujahr, das ist die Zeit der grossen Träume. Wovon träumt Stéphane Lambiel?
Lambiel: Ich träume gerne und ich träume von vielen Sachen. Natürlich bin ich nach meinem Rücktritt wieder aufs Eis zurückgekehrt, um bei den Olympischen Spielen in Vancouver dabei zu sein. Das war meine grosse Motivation. Ja, ich träume von einer Medaille in Kanada.

Was haben Sie für eine Beziehung zu Kanada?
Lambiel: Ich habe in den letzten Jahren sehr viel Zeit in Kanada verbracht und war während meiner Wettkampfpause mit einer Eisgala in Kanada auf Tournee. Ich habe in Vancouver auch eine Physiotherapeutin getroffen, die mir sehr geholfen hat. Im letzten Sommer war ich dann auch noch einige Wochen bei ihr privat in Toronto, um meine Adduktoren pflegen zu lassen. Ich habe sehr viel Zeit in Kanada verbracht und habe dieses Land und seine Leute lieben gelernt. Die Kanadier sind sehr offen, es gibt für Eiskunstläufer eine tolle Infrastruktur. Ich verstehe die koreanische Weltmeisterin Yuna Kim, die in Kanada lebt und trainiert und da nur an Eiskunstlaufen denken kann.

Man sagt, in Vancouver finden im Februar die «Olympischen Eisspiele» statt. Eishockey und Eiskunstlaufen stehen bei diesen Spielen im Fokus. Ist das auch für Sarah Meier der ganz grosse Traum?
Meier: Traum oder Albtraum, das wird man dann sehen. Nein, klar, auch ich träume von einer Medaille in Vancouver. Aber ich bin im Moment leistungsmässig noch weit entfernt von einem solchen Ziel. Für mich steht jetzt die Europameisterschaft in Tallinn im Vordergrund. Dann habe ich nochmals einen Monat Zeit, um mich zu steigern. Ich träume einfach davon, dass ich in Vancouver einen Auftritt habe, der mich persönlich befriedigt. Dass ich vor allem die Kür laufen kann, die ich mir wünsche. Wie weit dies dann reicht, werden wir sehen.

Welche Beziehung haben Sie zu Kanada?
Meier: Ebenfalls eine intensive. Meine erste Weltmeisterschaft bin ich Vancouver gelaufen. Da bin ich zum ersten Mal vor 18 000 Zuschauern aufgetreten. Damals, vor acht Jahren, war Stéphane noch nicht dabei.

Lambiel: Man muss es anders sagen: Der Verband hat mich damals nicht nominiert. Ich wurde bei der Europameisterschaft Neunter. Ab das war zu wenig.

Meier: Auch ich bin immer wieder beeindruckt vom Land und den Leuten in Kanada. Viele sagen ja, es sei ähnlich wie in der Schweiz. Vielleicht fühle ich mich darum dort so wohl.

Wird Sarah Meier durch die Rückkehr von Stéphane Lambiel etwas entlastet, weil der Fokus vor allem auf ihn gerichtet ist?
Meier: Ich freue mich sehr, dass er wieder da ist. Wir sehen uns wieder regelmässig und können uns austauschen. Schliesslich kennen wir uns schon seit vielen Jahren. Seit der Zeit, als wir in der Juniorenkategorie gemeinsam auf dem Eis standen.

Eiskunstlaufen ist ja mehr als ein Sport. Es ist wie Zeichnen und Singen eine kunstvolle Form der Kommunikation. Das muss Ihnen, Stéphane Lambiel, nach Ihrem Rücktritt doch gefehlt haben?
Lambiel: Ich bin viele Shows gelaufen. Ganz frei, ohne Regeln, ohne Vorschrif- ten. Nur die Musik und ich und die Kreativität. Und das Publikum. Das hat mir sehr viel gebracht. Jetzt kommt halt wieder der Wettkampf. Jetzt muss ich wieder die Sprünge trainieren. Ich brauche ja Vierfachsprünge, um eine Medaille zu gewinnen. Ich muss bis zur EM in Tallinn jetzt noch die Landungen trainieren und an meinem Selbstvertrauen in den Sprüngen arbeiten.

Warum lässt man den Athleten nicht mehr künstlerische Freiheit?
Lambiel: Ich muss die Regeln akzeptieren. Mit Herz und Emotionen ist es möglich, den Spagat zwischen den Fängen der Regeln und der Kunst zu bewältigen. Mit den neuen Regeln ist es aber schon komplizierter. Früher war man vorne mit dabei, wenn man den Punktrichtern sympathisch war und beim Publikum angekommen ist. Heute gibt es viel mehr vorgeschriebene Schritte und Pirouetten. Das Ganze ist viel stressiger. Man braucht viel mehr Energie und Kondition.

Meier: Ja. Aber das alte System war willkürlicher.

Wie geht es eigentlich nach Vancouver weiter?
Meier: Da mache ich mir schon viele Gedanken, weil ich ja schon eine Ewigkeit mit dabei bin. Ich werde mir nach dieser Saison Zeit nehmen und in aller Ruhe entscheiden, ob ich nochmals eine Saison anhänge. Vielleicht beginne ich ein Studium, vielleicht laufe ich noch Shows. Ich habe mich noch entschieden.

Lambiel: Ich denke schon, dass ich noch weiterlaufen werde. Das ist Liebe und Leidenschaft für mich.

Was wünschen Sie den Schweizerinnen und Schweizern im neuen Jahr?
Meier: Natürlich Gesundheit. Und einen Moment der Besinnung. Und die Erkenntnis, dass man schätzt, was man hat, und damit auch einmal zufrieden ist.

Lambiel: Ich wünsche der Schweiz viele Medaillen in Vancouver. Und klar, auch Gesundheit. Und ein wenig mehr Wärme im Umgang miteinander.

In Zeiten der Wirtschaftskrise bieten Sie mit Ihrer Kunst den Leuten eine Ablenkung, die jetzt wohl noch wertvoller ist.
Meier: Wenn die Leute nur einmal abschalten und geniessen können, wenn auch nur für Momente das Negative in den Hintergrund rückt, dann ist das für uns die grösste Freude.

Lambiel: Ich mag es, frei zu sein. Und in der Schweiz kann ich das leben. Wir sind ein offenes Land und ich bin ein Vertreter einer offenen Schweiz. Wir dürfen unsere Optik aber nicht verkleinern, wir müssen tolerant und solidarisch sein. Und nicht nur an die eigenen Vorteile denken.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!