Von Anna Kardos und Christof Moser

Herr Bärfuss, sehen Sie immer noch überall Koalas?
Lukas Bärfuss: Ich werde von ihnen verfolgt, bin umzingelt von Koalas. Jetzt ganz besonders, da mein Buch herauskommt.

Ihr neuer Roman trägt den Titel «Koala». Das ist nicht so putzig gemeint, wie es klingt. Wofür steht das Tier?
Für ein Existenzprinzip ohne Ehrgeiz und Ambitionen. Für ein Leben, das nicht der Arbeit verpflichtet ist, wie bei uns allen, auch bei mir. Das ist, was wir von unserer Erziehung auf den Weg bekommen: dass Leistung, Anstrengung durch sich selbst gut seien.

Der Koala tut ein Leben lang nichts.
Es gibt den schönen Bericht eines Koala-Forschers, der in Australien 456 Tage lang ein Tier beobachtet. In der ganzen Zeit passierte zweimal etwas, das nicht der Routine entsprach. Sonst nur schlafen und fressen. Es gibt offenbar sehr, sehr wenig, was Koalas aus der Ruhe bringt. Dieses Existenzprinzip ist für uns Menschen deshalb eine Provokation, weil es keine Alternative sein kann.

Das Nichtstun?
Der Glaube, dass wir uns anstrengen müssen, damit es uns besser geht, zieht sich durch unsere Kultur und alle politischen Lager. Das Dasein des Koalas ist aber ein älteres Prinzip. Er lebt schon zehnmal länger auf der Welt als der Mensch. Erst seit wir Menschen Australien besiedelt haben, geht es abwärts mit ihm.

Wird von der Gesellschaft eliminiert, wer das vorherrschende Arbeitsethos nicht teilt?
Jedenfalls hat er es sehr schwer. Er wird keine Lobby finden und einsam bleiben. Es gibt keine Vereine, keine Klubs, keine Parteien, die Faulheit propagieren. Die Arbeit am Buch war auch eine Kritik meiner eigenen Methodik. Von Else Lasker-Schüler stammt der Satz: Ehrgeiz ist der Tod einer jeden Kunst.

Sie fühlen sich ertappt?
Solange ich beim Schreiben nur meinen Ehrgeiz verfolge, bleibt der Text ein Machwerk. Ich möchte, dass er darüber hinausgeht, zu etwas wird, das ich nicht geplant habe.

Der Roman dreht sich um den Suizid Ihres Bruders. Sehen Sie den Selbstmord heute mit anderen Augen?
Absolut. Ich hatte immer Zweifel an der Pragmatisierung des Lebens. Dass wir uns halt das Leben nehmen, wenn wir das Gefühl haben, es nicht mehr in Würde leben zu können. Auch wenn ich Suizid aus einer moralphilosophischen Sicht verteidige, weil er letztlich Ausdruck menschlicher Freiheit ist, so weiss ich jetzt aus eigener Erfahrung: Persönlich bleibt eine grosse Verletzung zurück, ein Trauma, der Einbruch des Irrationalen, dem man allein mit Vernunft nicht beikommt.

Die Schweiz gehört zu den Ländern mit der höchsten Selbstmordrate.
Selbstmorde sind alltäglich. Und jeder Selbstmörder hinterlässt vier, fünf nahestehende Menschen, und diese Menschen tragen ihr Trauma zurück in die Gesellschaft. Selbstmord ist eine Kulturtechnik.

Und ein Tabu.
Wir reagieren darauf mit einer fast vollkommenen Diskurslosigkeit. Als sich letztes Jahr zwei Wirtschaftsführer umgebracht haben, kam die Berichterstattung darüber sehr schnell an ein Ende. Die Medien berichten mit Zurückhaltung über Selbstmorde, man will keine Nachahmer animieren. Das ist der Einbruch des Irrationalen, denn warum fürchtet man diese Nachahmer? Weil Selbstmord ansteckend ist wie eine Krankheit oder weil die Argumente dafür so überzeugend sind?

Sie schreiben im Buch, Sie hätten begonnen doppelt zu denken. Jedes Argument gegen Suizid wurde gleichzeitig ein Argument dafür.
Das ist das Gefährliche daran. Man weiss nicht, ob man einfach traumatisiert ist oder im Gegenteil das erste Mal nüchtern und radikal auf die Bedingungen seiner Existenz blickt.

Der Schweiz werden nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative auch selbstmörderische Tendenzen diagnostiziert. Zu Recht?
Man kann es auch umgekehrt sehen: als Ausdruck der Sehnsucht nach Lebendigkeit, dass endlich etwas passiert, auch wenn man nicht weiss, wohin das führt. Denn keiner wusste, was nach einem Ja zu dieser Initiative passieren wird, nicht einmal die Initianten.

Das «Ja» als Zeichen der Lebendigkeit – ist das eine positive Bewertung?
Nicht unbedingt. Ich glaube, der Graben verläuft zwischen Globalisierungsverlierern und Globalisierungsgewinnern. Tragisch ist, dass der politische Diskurs von ökonomischen Argumenten bestimmt wird. Von links bis rechts wurde gesagt, dass alle von der Personenfreizügigkeit profitieren. Aber das stimmt nicht. Es gibt immer Verlierer. Die Wirtschaft hat vielleicht profitiert, aber die Lebensqualität hat für die meisten Menschen nicht zugenommen. Die Mieten steigen, die Züge sind voll. Die Leute fühlen sich unter Druck.

Sie zeigen Verständnis für das Ja?
Ganz und gar nicht. Vielmehr grosses Unverständnis über eine Politik, die ausschliesslich ökonomisch argumentiert. Die europäische Idee geht weit über die Wirtschaft hinaus. Und keine politische Kraft hat den Mut, für diese Idee einzustehen und die Frage zu stellen, wie politische Beteiligung im 21. Jahrhundert aussehen soll.

Das klingt immer noch nach Verständnis.
Tragisch ist doch, dass sich eine populistische Partei um jene Menschen kümmert, die sich als Verlierer empfinden. Und dass diese Partei mit dem Geld eines der grössten Gewinner der Globalisierung finanziert wird, einem Menschen mit fast unbeschränkten finanziellen Mitteln, der die populistische Keule schwingt.

Macht Angst fremdenfeindlich?
Ich fürchte, es ist komplizierter. Ich bin oft im Prättigau. Dort bin ich herzlich willkommen, ebenso meine deutschen, französischen und argentinischen Freunde. Trotzdem haben über 60 Prozent für die Initiative gestimmt. Ich habe das Gespräch gesucht und festgestellt: Das war kein Votum gegen Ausländer. Es war Ausdruck des Gefühls, keine Identität mehr zu haben. Den Bauern geht es wirtschaftlich nicht schlecht, aber sie haben ihren Platz in der Gesellschaft verloren. Einerseits sollen sie wettbewerbsfähiger werden, sich den Märkten öffnen, und gleichzeitig haben sie das Gefühl, von Bundesbern gegängelt zu werden. Sie können nicht über ihr Schicksal bestimmen. Die Schafzüchterin bestimmt weder den Preis des Lammkoteletts noch kann sie selber entscheiden, ob sie ihre Schafe gegen Blauzungenkrankheit impfen will oder nicht. Man kann den Menschen Kurzsichtigkeit vorwerfen. Aber jeder von ihnen hat eine Stimme. Und es wäre Aufgabe der Politik, sich um diese Leute und ihre Ängste zu kümmern, statt sie sich selbst und den Populisten zu überlassen.

Die Einbindung in Europa löst offensichtlich Unbehagen aus. Jetzt wurde dieser Prozess gebremst.
Das ist keine Verlangsamung. Im Gegenteil, wir erleben eine weitere Beschleunigung. Ich glaube – und würde mich auch dafür zitieren lassen –, es wird plötzlich sehr schnell gehen und dann sind wir Mitglied der Europäischen Union. Denn letzten Endes gibt es in der Schweiz nur ein gültiges Gesetz, und das ist der Opportunismus. Wenn die Situation es notwendig macht, werden wir alles, was unverrückbar zum Selbstverständnis dieses Landes zu gehören scheint, über Nacht in die Kammer der Geschichte hängen.

Indem man einen Schritt zurückgemacht hat, wird man drei vorwärtsgeschleudert?
Jedenfalls sind die Widersprüche grösser und nicht kleiner geworden. Alleine die Tatsache, dass unsere Magistraten, die «nein» gestimmt haben, nun in Brüssel etwas verteidigen müssen, hinter dem sie nicht stehen. Das kann man nicht immer machen.

Sprechen wir von einer Zerreissprobe?
Ja, vor allem institutionell. Noch versucht man, die bilateralen Verträge zu retten, obwohl man weiss, dass das eigentlich unmöglich ist. Aber wenn sich die Institutionen zu weit von der Wirklichkeit entfernen, dann werden sie das nicht überleben. Die Institutionen sind letzten Endes schwächer als die Tatsachen. Jene, die gegen die europäische Einbindung sind, haben sich ins eigene Fleisch geschnitten.

Die Schweiz ist eines Ihrer Themen. Neben Romanen und Dramen schreiben Sie Essays zur Lage
des Landes.

Ich weiss nicht, ob das Thema die Schweiz ist. Es ist vielmehr meine Zeit, die ich zu verstehen versuche. Zufälligerweise bin ich irgendwo in diesen knapp 42 000 Quadratkilometern zur Welt gekommen. Damit muss man irgendwie umgehen. Daneben gibt es auch eine ganze Tradition von schweizerischen Schriftstellern, die sich mit diesem Land auseinandergesetzt haben.

Diese Tradition nimmt ab. Heute überlassen viele Autoren die Tagespolitik den Experten.
Man sollte den Experten nicht das Feld überlassen. Es braucht die Dilettanten. Vor der Bankenkrise wussten die Experten haargenau, was sie tun. Und trotzdem ist alles schiefgegangen. Und dass ich mich zur Schweiz äussere, hat sehr viel mit meiner persönlichen Geschichte zu tun. Die Öffentlichkeit und das gesellschaftliche Leben waren in einer gewissen Zeit – auch wenn das etwas dramatisch klingt – eine Frage von Sein oder Nichtsein. Die schweizerische Wirklichkeit hat mein Leben und das meiner Familie sehr deutlich geprägt. Die Behörden, das Gewaltmonopol, die Gefängnisse und Psychiatrien. Das war für mich nie etwas Abstraktes.

Gehört dazu auch das Thema «Arbeitsethos» in Ihrem Roman, oder ist dieses neu?
Ein neues Buch ist immer ein Vorstoss ins Unbekannte. Und wahrscheinlich hätte man nun nicht mit diesem Buch rechnen können. Aber es gibt für gewisse Dinge eine Art Notwendigkeit. Ich fühle mich nicht so frei in der Auswahl meiner Stoffe.

Der Stoff kommt zu Ihnen?
Ja. Und dann versuche ich, ein Buch zu schreiben, wie ich es zu schreiben in der Lage bin. Ich bin da überhaupt nicht auf der sicheren Seite. Es sind vielmehr lauter Versuche.

Hat Sie der Selbstmord Ihres Bruders verfolgt wie eine Obsession?
Das ist so. Aber die Obsession ist Teil der literarischen Arbeit. Das Schreiben führt zu einer Besetzung und einer Manie. Sie lässt einen nicht los bis zum Moment, wo das Buch da ist. Es gibt den Witz über die Ehe, dass sie einem bei Problemen helfe, die man ohne die Ehe gar nicht gehabt hätte. Mit dem Schreiben verhält es sich ähnlich.

Wenn die Schweiz eine literarische Gattung wäre, was wäre sie?
Musenalp express. Pubertäre Lyrik. Ich meine das nicht abwertend. In der Pubertät ist die grosse Frage: Wie kann ich einerseits zu einer Identität finden und gleichzeitig Teil der Gesellschaft werden? Das schafft Friktionen – mühsam für alle Beteiligten, man kann nur hoffen, dass man irgendwann erwachsen wird.

Stichwort «Lebensentwurf»: Haben Sie für sich mit Ihrem neuen Buch nun auch den Koala entdeckt?
Den Koala in mir?

Dass man der Arbeitsamkeit etwas gegenüberstellen kann.
Die Hingabe an den Moment, diese Kontemplation, die war für mich immer wichtig. Was sich radikalisiert hat, ist das Wissen um die Kostbarkeit der einfachen Genüsse. Andererseits aber auch das Bewusstsein dafür, dass das nicht alles ist. Und der eigene Nachwuchs hat eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Als Lebensstütze?
Überhaupt nicht. Sondern als Wissen darum, dass die eigene Existenz sich nicht erschöpft mit meiner Lebenszeit. Es gibt in meinem Buch diesen Gedanken, dass jeder von uns verbunden ist mit dem Anfang. Jeder von uns trägt die ganze Kette der Evolution in sich. Unsere Urahnen waren tatsächlich die ersten Aminosäuren, die sich im Urmeer gefunden haben. Diese Linie ist ununterbrochen. Und wenn wir Kinder haben, sind wir mit dieser Linie in die andere Richtung verbunden.

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