Von Mario Widmer*

Es muss so sein, als sitze man abends zu Hause auf dem Balkon und schaut zu, wie der Himmel am Horizont sich verdunkelt. Die Luft steht, die Hitze drückt. Die Wolken ballen sich zu einer bedrohlichen Masse, die Vögel werden still, die Grillen lassen ihre Stridulation. Die Welt wartet darauf, was mit all der brutalen Energien passiert, die sich sammeln. Und dann, von einer Sekunde zur nächsten, geht es los. Blitze zucken links und rechts. Das Gewitter ist da. Unwiderstehliche Naturgewalt: Das ist Stan Wawrinka in jenen Momenten, wenn bei ihm alles zusammenpasst. Für den Gegner auf der anderen Seite des Netzes. Wer es auch immer sei.

Ist der 30-jährige Romand der beste Tennisspieler der Welt? Ist er nicht. Ist Stan leichtfüssig, selbstsicher, schon fast so arrogant elegant, wie ein Roger Federer es zu seiner besten Zeit war? Ist er nicht. Ist er von jener bedrohlichen und nervösen, aber eigentlich unfassbar kraftvollen Sportlichkeit, wie Rafa Nadal, als der Spanier auf Sand der König war? Ist er nicht.

Ist die ganze Wut der gereizten Clans und die Kampfbereitschaft des schottischen Hochlands in ihm wie etwa in einem Andy Murray, oder vielleicht die Schnelligkeit und Perfektion der Schläge und Bewegungen des Serben Nole Djokovic? Sicher nicht. Ganz sicher nicht.

Nur: Er schlägt sie alle, unser Stan in diesen Momenten. Er hat sie 2014 in Australien auf dem mit alten Autopneus aufgemischten Belag von Melbourne alle geschlagen und jetzt wieder auf dem roten Sand der Wälder der Boulogne in Paris. Und all jene schweigen oder erinnern sich einfach nicht mehr, die 2014 gesagt haben, Stan Wawrinka wäre nur diese Eintagesfliege, die zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war.

Und Stan, der in Ehrfurcht und grossem Respekt von den anderen spricht, voller Zweifel über sich selber ist, wird sie wieder alle schlagen, ob er die anderen nun in einer anderen Klasse ansiedelt als sich selber oder nicht.

Vor etwas mehr als einem Jahr nannte John McEnroe, der ehemals grossartige amerikanische Spieler und heute noch besserer TV-Analyst auf NBC, die einhändige Rückhand Wawrinkas «eine der besten Backhands im heutigen Tennis». Als Stan diesmal in Paris seinen Schlag des Turniers im Final gegen den Djoker produzierte, eine Backhand longline neben dem Netz über den früher dort sitzenden Netzrichter feuerte, feierte der New Yorker den Punkt mit folgender schlichten Feststellung: «Das war die beste Rückhand der Geschichte.»

Stan Wawrinka. Ein Mann wie eine Naturgewalt.

Dabei ist das mit dieser einhändigen Rückhand eine Geschichte für sich. In der klaren Mehrzahl wird heute die Backhand doppelhändig gelehrt. Nicht etwa aus dem naheliegenden Grund, weil zweihändig mehr Kraft oder Beschleunigung produziert werden kann, sondern darum, weil bei offenem Stand der Abstand zu Treffpunkt des Balles so auf beiden Seiten etwa gleich ist. Und es damit einfacher wird, den Rhythmus für Vorhand und Backhand zu finden und zu halten. Und das ist beim heute enorm schnellen Material gewiss nicht einfach.

Stan Wawrinka schlägt aber die Rückhand einhändig, was wiederum Vorteile in der Reichweite bringt. Während etwa ein Federer nach alter Schule seine ebenfalls einhändige Rückhand häufig unterschneidet, was langsame, wenig aufspringende und defensive Bälle produziert, überschneidet Wawrinka seine Rückhand meist mit brachialer Gewalt, was nach vorne wegspringende Bälle bringt, die auf der anderen Seite des Netzes nach dem Aufsprung noch etwas beschleunigen. Und eigentlich nur zu kontrollieren sind, wenn sie sehr energisch angegriffen werden.

Die so geschlagene einhändige Rückhand muss weit vor dem Körper geschlagen werden, was leicht zu Kontrollverlusten der Vorhand auf der anderen Seite führen kann, weil deren gefühlter Treffpunkt etwas anders ist.

Aus diesem Grunde hatte Stan Wawrinka «früher» öfter etwas Probleme mit seiner Vorhand, was mit seinem neuen Trainer Magnus Norman jetzt sehr viel besser geworden ist.

Und hier ist der eigentliche Unterschied zwischen dem Stanislas Wawrinka von früher und dem Stan Wawrinka von heute zu finden. Der stille Schwede hat die Rhythmusprobleme bei Stan nicht mit einem Zaubertrick gelöst, das ist bei den horrenden Tempi im heutigen Tennis gar nicht möglich, er hat Stan nur dazu gebracht, mehr an seine Vorhand zu glauben.

Damit schlägt der sie aggressiver – und dies bringt den eigentlichen Unterschied im Treffpunkt.
Die Naturgewalt Stan Wawrinka gibt es heute von beiden Seiten.

Zur Zukunft des Mannes, der wie ein Gewitter über die anderen zu kommen pflegt: Sie wird von zwei Komponenten abhängen.

Behält Stan das Vertrauen in seine Schläge, das er in Melbourne und in Paris hatte, und bleibt er gesund? Natürlich ist es für Wawrinka mit jedem grossen Sieg einfacher, das Selbstvertrauen in seine Schläge und seine Möglichkeiten zu behalten. Auf der anderem Seite ist sein Tennis der Naturgewalt aber auch eine Sache, die von einem enormen körperlichen Verschleiss begleitet wird. Er ist auf dem Court immer mit Vollgas unterwegs, Vollgas hilft ihm auch, die Feinmotorik in den Bewegungen zu behalten.

Und – Stan Wawrinka, der kein Genie ist wie Federer, kein Superathlet wie Nadal, kein Bewegungskünstler wie Djokovic und kein Highlander wie Murray, hat offensichtlich allen anderen dennoch etwas voraus. Er hat diese natürlichen Kräfte, die ihn, wenn alles stimmt, zu dieser Naturgewalt machen. Und – er scheint die Fähigkeit zu haben, sich schneller erholen zu können als die Konkurrenz.

Auf dem Papier scheint sein Tennis nicht unbedingt zu den Rasenplätzen von Wimbledon zu passen, kann er seine persönlichen Unsicherheiten unter Kontrolle halten und damit den Rhythmus für beide Seiten, können wir vielleicht am lauten US Open im Corona Park des Big Apples wieder auf ein Gewitter hoffen.

* Der profilierte Sportjournalist (u. a. Ressortchef beim «Blick») ist seit 1997 Manager von Martina Hingis und Lebenspartner von Melanie Monitor.

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