Von Robert Hetkämper*

Kampfjets donnern drohend über Singapur. Über der künstlich aufgeschütteten Marina Bay mit den Türmen des Casinos, den Luxushotels und Kulturzentren üben sie den Anflug auf die stolze Skyline. Das Krachspektakel dient der Vorbereitung auf den grossen Tag der National Day Parade am 9. August, mit der alljährlich die Staatsgründung gefeiert wird. Dazu werden einige tausend Bürger in roten Poloshirts auf Tribünen versammelt, um Volkstänzer und Militärparade zu bejubeln. Höhepunkt ist dabei der tiefe Vollgas-Überflug der Airforce-Jets.

Kein Zweifel: Singapur ist eine nahezu einmalige Erfolgsgeschichte. Mitte der Sechzigerjahre war Singapur eine von Slums durchwucherte Hafenstadt, von Rassenunruhen gebeutelt, ohne Hinterland, ohne Bodenschätze und ohne nennenswerte Industrie. Ein tropisches Backwater, seiner Bedeutung als Militärstützpunkt und Vorposten des Britischen Weltreichs längst beraubt. Selbst das Datum des 9. August 1965 markierte zunächst eher ein Desaster.

Zwei Jahre zuvor war Singapur von Grossbritannien als Teil des neuen Staates Malaysia in die Unabhängigkeit entlassen worden. Am 9. August 1965 wies das Parlament von Malaysia Singapur aufgrund ethnischer Spannungen aus dem gemeinsamen Staat aus. Malaysia konnte sich mit der von Chinesen dominierten Stadt nicht anfreunden. Der damalige politische Führer von Singapur, der gerade 42 Jahre alte Lee Kuan Yew, erklärte daraufhin ein paar Stunden später die Gründung der Republik Singapur.

Lee Kuan Yew gilt zu Recht als Vater der Nation und des singapurischen Wirtschaftswunders. Als Nachkomme chinesischer Einwanderer hatte er in Cambridge Jura studiert. Der brillante Student war, was man in Asien eine «Banane» nennt: Aussen gelb, innen weiss. Chinesisch lernte er erst, als er längst Regierungschef war. «Was die Briten können, können wir auch», lautete sein Mantra. Sein Ziel: Singapur zu einem Land der Ersten Welt zu machen.

Unter seiner Führung wurde der Stadtstaat industrialisiert. Der Hafen ausgebaut, eine Fluggesellschaft gegründet, Raffinerien angesiedelt und ein modernes Bildungssystem eingeführt. Ein «Housing Development Board» sorgte dafür, dass die Bürger systematisch zu Wohnungseigentümern wurden. Der Staat baute dafür Hochhaussiedlungen. Mit dem Umzug aus den Slums in moderne Hochhäuser verband sich eine für Lee Kuan Yews Denken typische volkserzieherische Absicht. Das Problem sei gewesen, die Menschen dazu zu bringen, sich wie Bürger der Ersten Welt zu benehmen, sagte er in einem Interview: «Sie brachten ihre Hühner und Enten mit, und sie pinkelten einfach irgendwo hin.» Der Staat erzog sie darauf mit strenger Hand zu Bürgern der Ersten Welt: «Wir bauten Urinierfallen in die Aufzüge. Wenn jemand dort pinkelte, blieb der Lift stehen. Das war nötig, die Leute mussten lernen, dass so etwas bestraft wird.»

Die Pinkelfallen sind wohl heute nicht mehr nötig, aber der Hang zur Volkserziehung ist noch da. Geldstrafen für Spucken, Rauchen in öffentlichen Gebäuden, Abfall oder Kippen auf die Strasse werfen. Und das berühmte Kaugummiverbot. Auch die drakonischen Strafen für Graffiti gehören dazu. Im März dieses Jahres wurden zwei deutsche Jugendliche zu Gefängnis und je drei Stockschlägen verurteilt, weil sie einen U-Bahn-Waggon besprüht hatten. Stockhiebe riskieren auch illegale Einwanderer, die in Singapur Arbeit suchen. Singapur veröffentlicht keine Statistik über die Prügelstrafen, aber nach amerikanischen Quellen sind allein 2013 über 2200 Delinquenten geprügelt worden, die Hälfte davon Ausländer. Europäische Beobachter registrieren den häufigen Vollzug der Todesstrafe mit Unverständnis. Zwischen 1990 und 2005 wurden in diesem kleinen Land 420 Menschen gehängt. Rigoros geahndet werden insbesondere Drogendelikte. Wer mit einem Pfund Cannabis angetroffen wird, verliert nahezu automatisch sein Leben.

Die Versammlungs- und Redefreiheit im Stadtstaat ist massiv eingeschränkt. Die Presse im Land ist staatlich gelenkt. Auf dem weltweiten Press Freedom Index liegt Singapur weit unten auf dem 149. Platz von 179 Ländern. Wohlstand und Entwicklung, so Lee Kuan Yews Maxime, geht vor politischer Freiheit. Damit regierte Lee 31 Jahre lang. Und als er sein Amt als Ministerpräsident 1990 aufgab, blieb er im Kabinett. Erst als «Senior Minister», später gar als offenbar allweiser «Minister Mentor». Er blieb die personifizierte überlebensgrosse Autorität. Am 23. März dieses Jahres ist er im Alter von 92 Jahren gestorben.

Zum 50-Jahr-Jubiläum der Staatsgründung ist Lee Kuan Yews Vision Wahrheit geworden: Singapur ist ein Land der Ersten Welt. Das Brutto-Inlandsprodukt pro Einwohner, also das Pro-Kopf-Einkommen, liegt mit über 55 000 US-Dollar im Weltvergleich auf Platz acht, vor den USA, Österreich und Deutschland. Die Schweiz liegt nahebei, auf Platz vier. Die Stadt ist moderner als viele Metropolen Europas. Parks und Grünflächen machen sie lebenswert. Man bemüht sich um ökologisch hohe Standards. Das öffentliche Verkehrssystem mit ausgedehnten U-Bahn--Strecken ist nahezu beispiellos effizient. Das Bildungsniveau liegt auf westlichem Niveau mit mehreren hervorragenden Universitäten. Zwischen den verschiedenen Ethnien, 77 Prozent Chinesen, 15 Prozent Malaien und 8 Prozent Inder, gibt es kaum sichtbare Spannungen. Wohl kaum ein anderes Land hat eine so niedrige Kriminalitätsrate.

Nicht zu unterschätzen ist zudem, dass die Stadt, die fast genau auf dem Äquator liegt, ihre Bewohner von der erdrückenden feuchten Hitze des Tropenklimas praktisch befreit hat: Singapur ist eine «Airconditioned City». In Wohnungen, öffentlichen Gebäuden, Bussen, Büros und Einkaufszentren surren die Klimaanlagen. Die Tropenträgheit, die an vielen Orten der Region die menschliche Leistungsbereitschaft lähmt, ist in Singapur mit technischen Mitteln gebannt.

Die wirtschaftlichen Errungenschaften Singapurs können sich sehen lassen: ein effizienter Flughafen, ein hochmoderner Containerhafen, ganze Industrieviertel für Zukunftstechnologien, eines der grössten Ölraffineriezentren der Welt. Singapur boomt auch als Finanzzentrum. Beobachter sehen die Stadt bereits gleichauf mit der Schweiz als Standort für internationale Vermögensverwaltung.

Warum dann aber die penetranten Appelle der Regierung an die Einheit der Nation? Warum die Propagandafilmchen, welche die Harmonie zwischen den Ethnien beschwören? Warum die orchestrierten Massenveranstaltungen? Warum das Verbot von Homosexualität? Warum diese Volkspädagogik, als ob die Bürger ohne staatliche Aufsicht wieder anfangen würden, in Aufzügen zu pinkeln? Woher diese Ängstlichkeit der Regierung, die Kritiker und Oppositionelle mit Verleumdungsklagen und Geldstrafen belegt?

2004 übernahm Lee Hsien Loong die Regierung. Der heute 63-Jährige ist der Sohn des Staatsgründers. Mit 32 bereits wurde er Brigadegeneral der Armee, der jüngste in Singapurs Geschichte. Mit 35 trat er ins Kabinett ein, später als stellvertretender Regierungschef. Lee bemüht sich sichtlich um ein volkstümliches und jugendliches Image. Doch bei einer der jüngsten Paraden zum Nationalfeiertag zollten ihm die rot gehemdeten Massen nur höflichen Applaus. Kein Vergleich mit dem brausenden Jubel, der seinem Vater zuteil wurde.

Lee Hsien Loong ist auch Chef der Singapore Investment Corporation, die staatliche Gelder weltweit investiert. Seine Frau ist Executive Director von Temasek, der zweiten staatlichen Investmentgesellschaft des Landes. Temasek kontrolliert unter anderem Singapore Airlines und den Hafenbetreiber Keppel. Der Bruder des Ministerpräsidenten war bis 2007 Chef der Telekommunikationsgesellschaft Singtel, heute leitet er die Luftverkehrsbehörde. Offiziell hat freilich niemand der Familie Lee Korruption oder andere unsaubere Geschäfte vorwerfen können.

Unter dem jüngeren Lee traten im politischen System erste Haarrisse auf. Die regierende Political Action Party (PAP) hat seit 1959 alle Wahlen gewonnen. In den vergangenen 50 Jahren gab es zusammengenommen bloss 12 Parlamentsabgeordnete anderer Parteien. Bei der jüngsten Wahl 2011 gewann die PAP zwar nur noch rund 60 Prozent der Stimmen. Wegen des besonderen Wahlsystems erhielt sie dafür dennoch 81 von 87 der Parlamentssitze. Aber das historisch schlechte Ergebnis für die Regierungspartei galt manchen als Menetekel für die Zukunft ohne die überragende Vaterfigur des Staatsgründers.

2012 entzündete sich an einem Autounfall, den ein Chinese verschuldet hatte, ein Sturm der Entrüstung über «die Ausländer» in Singapur. Nur 60 Prozent der 5,6 Millionen Einwohner sind singapurische Staatsangehörige, 40 Prozent sind Ausländer. Vor allem billige Gastarbeiter aus Indien und Bangladesch sowie europäische und amerikanische Expats, die für gute Gehälter das Know-how für Industrie und Banken mitbringen. Aber auch reiche Investoren aus Asien, Festlandchinesen und ethnische Chinesen aus Indonesien, die hier ihr Kapital in Sicherheit bringen. Die wohlhabenden Ausländer haben die Preise für Immobilien auf schwindelerregende Höhen getrieben. Singapur ist heute eine der teuersten Städte der Welt, hauptsächlich wegen der Wohnungspreise. Die Preissteigerungen treffen vor allem die Normalbürger. Das schürt Ressentiments gegen die Fremden – obwohl die Mehrheit der Einwohner selbst aus Einwandererfamilien stammen.

Um der Stimmung im Volk entgegenzukommen, zumal die Oppositionsparteien mit Anti-Ausländer-Parolen Wähler für sich gewannen, erschwert jetzt die Regierung den Zuzug von Ausländern nach Singapur.

Selbst dort, wo es an geeigneten einheimischen Arbeitskräften mangelt, kämpfen heute internationale Unternehmen bis hin zu den Büros ausländischer Medien mit einer sturen Bürokratie, die aus politischen Gründen das Prinzip «Singaporians first» zu verfechten hat. Auf der Strecke bleiben Weltoffenheit und Flexibilität, die wesentlichen Fundamente von Singapurs wirtschaftlichem Aufstieg.

Zwei Urängste sind es, welche die Stimmung des jungen Landes trüben. Das ist zum einen die eklatante Raumnot. Singapur ist mit 704 Quadratkilometern kleiner als der Kanton Solothurn. Trotz der Anstrengungen zur Landgewinnung durch Aufschüttung wird es eng auf der kleinen Insel. Die südostasiatischen Nachbarn verweigern inzwischen den Export des für die Aufschüttungen nötigen Sandes nach Singapur. Sie fürchten den Raubbau an ihren eigenen Landschaften.

Zum anderen sieht sich Singapur umgeben von Ländern, die in keiner Weise zur Ersten Welt gehören. Das Pro-Kopf-Einkommen im Nachbarland Indonesien liegt bei 3500 US-Dollar, nicht einmal einem Zehntel desjenigen von Singapur. Geografisch ist Singapur nur eine kleine Insel zwischen vielen, die zu Indonesien gehören. Von Singapur nach Indonesien sind es mit der Fähre nur gut 15 Minuten. 250 Millionen Menschen leben dort unter Lebensbedingungen der Dritten Welt. Singapur ist eben nicht nur geografisch eine Insel.

So herrscht in Singapur noch immer das Gefühl der Bedrohung durch seine Nachbarn. Diese war einst vielleicht real, heute jedoch kaum. Aber das kleine reiche Land leistet sich teure, bestens gerüstete Streitkräfte. Die Wehrpflicht beträgt zwei Jahre, 50 000 Mann sind ständig unter Waffen. Und die martialischen Tiefflüge der Kampfjets am Nationalfeiertag demonstrieren machtvolle Kampfbereitschaft.

Der ehemalige indonesische Staatspräsident, Bacharuddin Jusuf Habibie, nannte Singapur einmal verächtlich einen «kleinen roten Punkt auf der Landkarte». In einem seltenen Anflug von Selbstironie hat Singapurs Regierung diesen Spruch für seine Feiern zum Jubiläum der Staatsgründung aufgegriffen. «Wir sind der kleine rote Fleck», heisst es stolz in den Medien. Und überall sieht man kleine rote Sticker mit der Zahl 50. Man sollte dem kleinen Land mehr von solch gelassener Witzigkeit empfehlen. Es hat sich das redlich verdient.


* Robert Hetkämper leitete 2001 bis 2014 das ARD-Büro Singapur. Heute lebt er in Bangkok und in Deutschland. Er schrieb diesen Text exklusiv für «Schweiz am Sonntag».

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