Dieses Deutschland hätten sich unsere Grosseltern gewünscht

Keine Gier nach existenziellen Debatten mehr: Übertragung von Angela Merkels TV-Duell gegen Herausforderer Peer Steinbrück in einer Berliner Bar. Foto: Keystone

Keine Gier nach existenziellen Debatten mehr: Übertragung von Angela Merkels TV-Duell gegen Herausforderer Peer Steinbrück in einer Berliner Bar. Foto: Keystone

In Deutschland ist die vernünftigste Generation seit 150 Jahren herangewachsen. Deshalb wird Merkel Kanzlerin bleiben.

Die Kluft in der Beurteilung zwischen Intellektuellen und dem breiten Volk könnte nicht tiefer sein: Auf der einen Seite ruht da die deutsche Volksmehrheit, welche sich erneut Angela Merkel als Kanzlerin wünscht; auf der anderen Seite ärgern sich die Intellektuellen über die sie beunruhigende Langeweile, welche dieser Wahlkampf verbreitet; das angeblich schlummernde deutsche Volk – so die Empörten – merke gar nicht, was Angela Merkel da treibe.

Wer Beurteilungen und Kommentare über Angela Merkel hört und liest, wer sich in Diskussionen mit Gebildeten wagt, erlebt einen Furor der Ablehnung, wenn die Rede auf die Kanzlerin kommt. Diese Ablehnung kann nicht nur auf die Langeweile des Wahlkampfes zurückzuführen sein – die Gründe liegen tiefer.

Die blitzgescheite, analytisch begabte Naturwissenschafterin Merkel, die ihre Kindheit und Jugend in der kleinbürgerlichen sozialistischen DDR-Diktatur verbringen musste, erfüllt weder Wünsche nach geistigen Höhenflügen noch die alte Sehnsucht nach tiefen deutschen Gefühlen. Dies ärgert Journalisten, Kommentatoren, Beobachter und nicht zuletzt Ideologen jeglicher Herkunft. Und ärgert vor allem die deutschen Intellektuellen – ganz im Gegensatz zu uns schweizerischen Nachbarn: Wir sind beruhigt und empfinden Respekt für Angela Merkel. Sie verhilft uns zu einer neuen, entspannten Sicht auf die Deutschen und ihre Demokratie.

Die Gründe für die Sehnsuchts-Verweigerung liegen in Merkels rationalem Weltbild und ihrer Lebenserfahrung: Deutschland und die Deutschen gierten in den letzten 150 Jahren immer wieder nach grossen Gefühlen, existenziellen Debatten und fanatischen Wahnvorstellungen – von den Nationalsozialisten über den Berliner Mauerbau bis hin zu den Baader-Meinhof-Terroristen vor 30 Jahren. Wer aber heute mit Deutschen diskutiert, trifft auf eine im Kern veränderte Mentalität. Ob erfolgreiche Unternehmer in Süddeutschland, Tourismusmanager und liebenswürdige Gastgeber an der Ostsee, Kaufleute mit hanseatischen Traditionen in Hamburg oder Galeristen und Kulturfreaks in Berlin – ihnen allen steht weniger der Sinn nach der grossen Debatte, als der Wille ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen.

Diese Befindlichkeit der Deutschen im Jahre 2013 kennt Angela Merkel – und entsprechend hat sie ihre Wahlkampfstrategie aufgebaut. Ihr Lob für ihren Vorgänger Gerhard Schröder und seine wichtige Arbeitsmarktreform Hartz IV entspricht ebenfalls dieser Mentalität: Es ist wichtiger, den Menschen zu (schlecht bezahlten) Arbeitsplätzen zu verhelfen, als sie in der hoffnungslosen Arbeitslosigkeit des Sozialstaates zu finanzieren.

Es braucht ein vernünftiges, pragmatisches, bescheidenes und letztlich arbeitsames Volk, das eine solche Regierungschefin wieder wählt. Mit Angela Merkel ist nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl erneut eine Persönlichkeit an der Spitze der Regierung, welche eine tiefgreifende Veränderung der Wertehaltung in der deutschen Bevölkerung symbolisiert. Darin liegt ein entscheidender Grund für ihre hohe Anerkennung und Akzeptanz. Die heutigen Deutschen wollen weder die grosse Welt noch das kleine Griechenland retten. Diese bescheidene Grundhaltung macht sie selbstsicher und letztlich auch grosszügig: Wer beobachtet hat, mit welcher Grandezza die Deutschen auf die geschmacklosen und primitiven Beleidigungen in Athens Strassen während des Merkel-Besuchs reagiert haben, kann nur einen Schluss ziehen – die Deutschen sind wirklich souverän geworden.

Die Forderung, die Deutschen müssten aufgrund ihrer starken Volkswirtschaft alleine die Euro-Rettung finanzieren, war von Anfang an grotesk. Entsprechend wichtig wurde deshalb Merkels Krisenmanagement. Gegenüber den europäischen Politikern hebt sie sich damit in Form, Stil und Substanz ab – ob wir nun den in seinem Amt dahinserbelnden Präsidenten Hollande beobachten oder die letzten Zuckungen des lächerlichen Cavaliere Berlusconi, der zurück in sein Amt drängen will.

Alle diese Fähigkeiten und Erfolge drückte Angela Merkel während der vergangenen Wochen aus – in zugegebenermassen langweiligen Fernseh-Diskussionen und wenig inspirierenden Wahlkampfveranstaltungen. Unsere Gross- und Urgrosseltern hätten sich immer ein langweiligeres Deutschland gewünscht. Dank der tüchtigen Merkel haben wir es nun – und sie repräsentiert es: Nüchtern, bescheiden und zurückhaltend in der Form, schnell und gescheit in der Argumentation und unermüdlich im Arbeitseinsatz.

In diesem Sinne erinnert Merkel an die Tausende ihrer Landsleute bei uns, die einen wohltuenden Kontrast zum grossmauligen Peer Steinbrück abgeben – dem gescheiterten Chef der uns angedrohten Kavallerie. Aber eben: Steinbrück repräsentiert das alte Deutschland und kann schon deshalb nicht gewinnen – zur Beruhigung von uns Schweizern.

* Peter Hartmeier, Ex-Chefredaktor «Tages-Anzeiger» und Ex-UBS Schweiz-Kommunikationschef, ist heute als Berater und Publizist tätig und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Deutschland.

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