Frau Straub, heute ist der höchste katholische Feiertag, Ostern. Was bedeutet Ihnen die Gedächtnisfeier an die Auferstehung von Jesus Christus?
Jacqueline Straub: Es ist ein Freudentag. Jesus hat den Tod überwunden und hat uns das mitgeteilt, indem er von den Toten auferstanden ist. Zudem ist es ein Fest, das zeigt, wie wichtig die Rolle der Frau im katholischen Glauben ist. Es war Maria Magdalena, die als Erste Jesus begegnet ist. Ihr hat Jesus den Auftrag gegeben sie solle seine Auferstehung verkünden. Er ging nicht zu einem seiner Jünger, sondern zu Maria Magdalena. Ohne ihre Verkündung gäbe es heute wohl kein Christentum. Ihre starke Rolle zeigt, wie wichtig Jesus die Frauen waren und sie bestärkt mich, für eine Anerkennung als Frau in der Kirche zu kämpfen.

Als was sollte die katholische Kirche die Frauen anerkennen?
Als Priesterinnen.

Sie möchten Priesterin werden?
Ja, das ist mein Wunschtraum. Ich bewundere jeden Pfarrer, der am Altar steht, predigt und die Eucharistie feiern darf. Ich würde so gerne Kinder taufen, oder Ehen schliessen. Für mich ist das mehr als ein Beruf. Ich fühle mich dazu berufen. Es ist genau mein Ding.

Was unternehmen Sie, um Ihrem Ziel näher zu kommen?
Theoretisch könnte ich mein Recht, Priesterin zu werden, einklagen. Es gibt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. An die hat sich auch die Kirche zu halten. Rein rechtlich gesehen ist es heute nicht mehr haltbar, dass ich als Frau nicht Priesterin werden kann. Doch diesen Weg will ich nicht gehen.

Warum nicht?
Es würde zu einer Spaltung der katholischen Kirche führen, da Konservative einen solchen Schritt niemals gutheissen würden. Die Kirche braucht Zeit, jeder Schritt muss durchdacht sein und auf ein starkes Fundament abgestützt werden. Ich vertraue hier auf den Heiligen Geist. Ich vertraue darauf, dass er den konservativen Bischöfen und Kardinälen Fortschritt einhaucht.

Muss es das Priesteramt sein, oder gäbe es andere Möglichkeiten, Menschen den Glauben zu vermitteln?
Als Pastoralreferentin kann ich zwar für die Gemeinde da sein, aber ich kann keine Sakramente spenden. Genau das ist es, was für mich etwas vom Schönsten ist in der Kirche. Ich bin aber realistisch. So schnell wird sich in der Kirche nichts ändern, da brauche ich Geduld.

Erleben wir Sie eines Tages als Priesterin?
Davon bin ich überzeugt. Es stellt sich nur noch die Frage: wann? Morgen ganz sicher nicht, nächste Woche auch nicht, nächstes Jahr auch nicht, aber es wird möglich sein, dass Frauen die Priesterweihe erhalten. Ich warte.

Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht?
Mein Hoffnungsfunke ist Papst Franziskus. Vergangenes Jahr schrieb er im Evangelii Gaudium, die Kirche müsse die Rolle der Frau und vor allem die Theologie der Frau überdenken.

Gleichzeitig sagt Franziskus klar, dass die Weihe der Frau auch in ferner Zukunft nicht stattfinden wird.
Dass der Papst überhaupt über die Frauen spricht, werte ich positiv.

Wollten Sie schon als Kind Priesterin werden?
Eigentlich wollte ich Lehrerin werden. Doch in der neunten Klasse ging ich mit meinem damaligen Freund ab und zu am Sonntag in die Kirche. Mit meiner Familie tat ich das nur an Weihnachten. Der Pfarrer, ein sehr freundlicher und charismatischer Typ, weckte mein Interesse an der Religion. Ich beschloss deshalb, Theologie zu studieren. Und je mehr Semester ich studiere, umso stärker wird mein Berufswunsch. Ich will den Menschen zeigen, wie schön es sein kann, an Gott zu glauben.

Ihr Glaube ist sehr stark. Warum sind Sie sich in Ihrem Glauben so sicher, obwohl Sie es nicht beweisen können?
Ich habe ein Brennen in meinem Herzen. Ob dieses Zeichen von Gott kommt, weiss nur er selber. Ich bin überzeugt: Wer glaubt, ist mutig. Ein Gläubiger muss nicht alles beweisen können, sondern kann auch mal vertrauen und Zeichen annehmen.

Gab es Situationen, in denen Sie sich gefragt haben: Gott, wo bist du?
Klar. Zweifeln gehört für mich zu einem gesunden Glauben dazu. Doch ich weiss, wenn das Tal ganz tief ist und alles immer dunkler wird, auch dann ist Gott bei mir. Ich vertraue darauf, dass er mich an einer schwierigen Situation nicht zerbrechen lässt, sondern dass ich erstarkt herausfinde.

Vor acht Wochen sind Sie von Freiburg in Deutschland nach Fribourg in die Westschweiz gezogen. Wie haben Sie den Empfang als Deutsche erlebt?
Sehr gut. Ich fühle mich wohl. Ich bin überzeugt, dass wer sich in einem Land integriert, auch aufgenommen wird. Da ich richtig dazugehören möchte, lerne ich fleissig Schweizerdeutsch und habe bereits ein Gesuch um erleichtere Einbürgerung gestellt. Ich bin ein Fan der Schweiz.

Woher kommt diese Bewunderung?
Die Bewunderung liegt mir wohl im Blut. Mein Urgrossvater war Schweizer und lebte im Kanton Thurgau. Und mit meiner Mutter, einer Auslandschweizerin, haben wir einige Ferien hier verbracht. Je älter ich wurde, und je mehr ich mich mit meiner Familiengeschichte und auch mit der Geschichte der Schweiz auseinandersetzte, desto mehr begann ich, dieses Land zu lieben. Hinzu kommt: An der Universität in Luzern, wo ich meinen Master absolvieren werde, kann ich fundiert Frauenforschung betreiben.

Sie sind wenige Tage nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative eingewandert. Was löste das Votum bei Ihnen aus?
Ich hatte damit gerechnet, dass das Volk die Initiative annimmt. Ich kenne die Stimmungslage in Deutschland, dort würde eine solche Initiative auch sofort gutgeheissen werden.

Wären Sie nicht heute eingewandert, sondern erst in den nächsten Jahren, hätte es auch Sie treffen können.
Das stimmt. Es macht mir auch Sorgen, dass die Bilateralen mit der EU gefährdet sind. Als umso wichtiger erachte ich, dass die Politiker zeigen, dass die Schweiz kein geschlossenes Land sein will, sondern offen und freundlich, wie es sich mir präsentiert.

Wie unterscheidet sich die katholische Kirche in Deutschland von der in der Schweiz?
Ich glaube, dass die katholische Kirche in der Schweiz basisdemokratischer funktioniert. Hier erlebe ich, dass vieles von den einzelnen Gemeinden ausgeht. In Deutschland habe ich das Gefühl, dass die Gläubigen Vorgaben des Bischofs einfach hin- und selber wenig in die Hand nehmen. Bemerkenswert fand ich beispielsweise, wie der katholische Frauenbund auf die Strasse ging, um die Haltung des Bischofs von Chur zu kritisieren.

Dann sind Sie auch für die Absetzung des Churer Bischofs Huonder?
Es bringt nichts, wenn ich oder andere Personen die Absetzung des Bischofs fordern. Schliesslich kann er nur selber zurücktreten, oder der Papst kann ihn ersetzen. Ich habe in Deutschland schon festgestellt, dass nur weil ein Bischof konservativ ist, nicht das ganze Bistum gleich tickt. Allein durch mein Anliegen fühle ich mich aber zu den liberalen Bistümern wie beispielsweise Basel stärker hingezogen.

Wenn Sie Päpstin wären, was würden Sie in der katholischen Kirche ändern?
Als Päpstin hätte ich es ja bereits zur Priesterin und Bischöfin geschafft. Das heisst, ich müsste als Frau nicht mehr fürs Amt an sich kämpfen. Daher würde ich versuchen, vor allem wieder junge Menschen für die Kirche zu begeistern. Ich würde zeigen, wie in einer aufgeklärten, säkularisierten und pluralistischen Welt der Glaube und die Religion etwas Schönes sein kann.

Können Sie sich mit dem Zölibat identifizieren?
Das kann ich nicht abschliessend mit Ja oder Nein beantworten. Wenn ich Single bin, lebe ich ganz bewusst zölibatär, um zu schauen, ob ich diesen Weg gehen könnte. Klar bin ich mir bewusst, dass man sich fürs Zölibat nicht in wenigen Monaten entschliessen kann. Priesterkandidaten haben dafür über sechs Jahre Zeit. Doch ich kann für mich sagen, dass ich zölibatär leben könnte – zumindest für eine gewisse Zeit. Mich für ein ganzes Leben dafür zu entschliessen, würde mir aber zu viel abverlangen.

Warum?
Weil ich auf jeden Fall Kinder haben und heiraten möchte. Also erst heiraten und dann Kinder, schön in der katholischen Reihenfolge (lacht).

Leben Sie in einer Beziehung?
Ja, ich habe mich in einen Tessiner Jusstudenten verliebt.

Kommt Sex vor der Ehe infrage?
(Nickt).

Wenn Sie sich zwischen Ihrem Freund oder vielleicht zukünftigen Mann und einem Amt als Priesterin entscheiden müssten, was würden Sie tun?
Diese Entscheidung würde mich herausfordern. Vor allem wenn ich bereits eine Familie gegründet hätte. Ich kann mir keinesfalls vorstellen, dass ich meine Familie verlassen würde, um meiner Berufung zu folgen. Ich gehe aber davon aus, dass zuerst das Zölibat fällt und erst dann Frauen zum Priesteramt zugelassen werden. Die Kirche weiss, dass ihr Veränderungen bevorstehen. Sie wird abwägen, welche Fortschritte sich leichter umsetzen lassen. Da es das Zölibat, wie es heute gelebt wird, seit dem 12. Jahrhundert gibt, wird es zuerst fallen.

Der Priestermangel spitzt sich zu. Ist das Zölibat überhaupt noch tragbar?
Ich finde es schwierig, wenn ein Pfarrer, der mit 18 Jahren ins Priesterseminar eingetreten ist und noch nie eine Freundin hatte, in seinem Amt Ehegespräche führt. Der hat doch keine Ahnung von Beziehungen und Sexualität und Liebe. Ich bin für das Modell der orthodoxen Kirche. Dort kann man vor der Priesterweihe heiraten. Somit sind fast alle Priester verheiratet, wenn sie ihr Amt antreten. Die, die Bischöfe werden, müssen zölibatär leben. Das sind dann meist Ordensbrüder. Das finde ich sinnvoll.

Sie kritisieren einiges an der römisch-katholischen Kirche, warum fühlen Sie sich ihr trotzdem zugehörig?
Auch wenn ich mich nicht mit allem hundertprozentig identifizieren kann, spüre ich, dass es meine Religion, meine Heimat ist. Es fühlt sich an wie in einer Familie. Mit meinen Eltern oder meiner Schwester habe ich manchmal auch Meinungsverschiedenheiten. Doch weil ich mich geborgen fühle, traue ich mich, Veränderungen vorzuschlagen.

Sie studieren seit sieben Semestern Theologie. Wie hat sich Ihr Glaube durch das Studium verändert?
Er hat sich verstärkt. Und durch das Wissen kann ich meinen Glauben mehr reflektieren und hinterfragen. Von Semester zu Semester kann ich mit grösserer Überzeugung sagen: Das Christentum ist meine Religion, und die römisch-katholische Kirche ist meine Konfession.

Wie viele Studenten sind konservativ?
Ich würde sagen, dass 30 Prozent konservativ sind und an den alten Strukturen festhalten wollen. Für sie gibt es weder am Zölibat noch an der Haltung gegenüber Homosexuellen etwas zu ändern. Sie sagen auch klar und deutlich: Sollte ich Priesterin werden, dann würden sie den Pius-Brüdern beitreten. Doch die meisten sind weltoffen und wollen in der Kirche etwas verändern.

Was machen Sie, wenn Sie sich nicht mit dem Glauben beschäftigen?
Dann gehe ich boxen.

Das Kämpfen scheinen Sie im Blut zu haben. Sie fürchten sich nicht vor einem direkten Kampf?
Das hängt von meinem Gegner ab.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Nein. Ich bin weniger extrem als manche Feministinnen. Es stört mich beispielsweise nicht, wenn man mich als Theologiestudent anstatt als Theologiestudentin bezeichnet. Das Christentum lehrt Frauen und Männer, den Weg gemeinsam zu gehen. So heisst es im Galaterbrief: «Alle sind eins in Jesus Christus.» Ich würde mich deshalb als Frau bezeichnen, die sich einsetzt für Gleichheit. Weil ich davon ausgehe, dass Jesus Christus das wollte.

Wann beten Sie?
Ab und zu bete ich beim Joggen ein Vaterunser, oder ich schicke vor einer Prüfung ein Stossgebet zum Himmel. Abends bete ich eigentlich immer – manchmal auch eine Komplet aus dem Stundengebet.

Wo sind Sie Gott am nächsten?
Da ich Gott in meinem Herzen trage, ist er immer bei mir. Aber in der Kirche, einer gotischen Kirche, fühle ich mich ihm besonders nah.

Wie oft gehen Sie in die Kirche?
Mindestens jeden Sonntag.

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