VON DEBORAH BALMER

Heute Sonntag feiert Marcel Suter mit der Familie Weihnachten. Zwangsläufig wird sich der Bauleiter daran erinnern, was er auf den Tag genau vor sechs Jahren erlebt hat, als er in den Ferien an der Küste Thailands vom Tsunami mitgerissen wurde: «Ich hatte schon riesiges Glück.»

Am 26. Dezember 2004 löste ein Seebeben vor der indonesischen Insel Sumatra eine Flutwelle aus. Auch Suter wurde in den Weihnachtsferien von der verheerenden Katastrophe getroffen. Seit drei Wochen waren er, seine damalige Freundin Franziska und ein befreundetes Pärchen in Khao Lak. Sie wohnten in einem Bungalow nahe beim Meer. «Wir liessen es uns so richtig gut gehen, genossen das Essen und die thailändische Gastfreundschaft», erinnert sich Suter. Wie auch an Weihnachten, die man im Resort feierte. «Die Kellner trugen Nikolaus-Mützen, thailändische Kinder sangen Weihnachtslieder, es war perfekt», so Suter.

Die Welle erreichte das Ufer am nächsten Morgen etwa um halb zehn Uhr. Suter erinnert sich, wie es zuvor wie immer sehr ruhig war, der Himmel stahlblau. Dann zerstörte der Tsunami alles: Vom Restaurant standen nur doch die Grundpfeiler, die Bungalows waren weggedrückt, Stromleitungen eingeknickt wie Zündhölzer. Menschen liefen völlig verstört umher: Sie schrien Namen von Vermissten. Viele waren verletzt, einige stöhnten vor Schmerzen.

Als sich die Wassermassen bereits mit grosser Geschwindigkeit Khao Lak näherten, hatten die vier Schweizer eben gefrühstückt. Suter ging als Einziger nicht an den Strand, sondern zurück ins Bungalow und schaute am Fernseher ein Golfspiel. Plötzlich hörte er Leute schreien. Hysterische Stimmen. «Ich trat nach draussen und sah in das Gesicht eines rennenden Thailänders, dass ich nie mehr vergessen werde», so Suter. «Es drückte Angst und Schrecken aus, er rief mir zu: Run!» Suter blickte in Richtung Meer und sah eine hohe graue Wand – die Welle. Der Thailänder erreichte eine Mauer. Im Moment, als Suter darauf steigen wollte, riss ihn das Wasser mit.

Zum ersten Mal im Gespräch spürt man, wie beim 43-Jährigen die Gefühle hochkommen: Er blickt ernster, spricht atemloser. Er erzählt, dass er Todesangst hatte, wie ihn das Wasser gegen eine Palme schlug, wie er dachte, zu ertrinken. Dann aber konnte er sich an der Palme festhalten. «Sie hat mich gerettet, ich konnte den Kopf über Wasser halten.»

Dächer schwammen auf dem Wasserspiegel, es stank nach Öl und Benzin. Irgendwann floss das Wasser sehr schnell wieder ab. Nichts war mehr wiederzuerkennen. Keiner hatte verstanden, was geschehen war. Die nächsten drei Tage suchte Suter verzweifelt nach seiner Freundin. Übernachten konnte er in einem Lager, das Thailänder für die Verletzten aufgebaut hatten. In einem nahe gelegenen buddhistischen Tempel lagerte man die Toten.

Wildfremde Leute fragten verzweifelt: «Hast du den oder die gesehen?» Eine Thailänderin schenkte ihm Trainerhosen. Ein amerikanisches Care-Team ein Polo-Shirt. Suter war noch immer barfuss. In einem Spital suchte er seine Freundin. Ein paar Mal fuhren sie ihn zurück zum Resort, weil er dachte, sie dort zu finden. Einmal hat man ihn zu einer toten Frau gewiesen. Sie war blond, aber nicht seine Freundin. Er war froh und doch war es eine Tote. «Ein schrecklicher Moment», so Suter.

Was er nicht wusste: Die Freundin und das befreundete Paar waren rechtzeitig gewarnt worden und vom Strand losgerannt. Sie erreichten einen nahen Hügel und liefen weiter, bis sie in einen Naturschutzpark kamen. Sie fanden ein Hotel und verbrachten dort drei Ferientage. «Marcel ist ja stark, der hat sicher überlebt», dachten sie sich. Zum zerstörten Resort zurück hätten sie sich nicht getraut, aus Angst vor einer weiteren Welle.

Später trafen sich die vier in Bangkok wieder. Man fiel sich weinend in die Arme. Am 30. Dezember landeten alle in der Schweiz. Suter hatte nur ein paar Schürfungen. Es plagten ihn noch lange Albträume: Er träumte, wie er in eine Lawine geriet, von Feuer und Wasserfluten. Ein halbes Jahr später reiste er zur Verarbeitung nochmals nach Khao Lak. Er, der den Tsunami überlebt hat, staunte, dass noch alle Palmen standen.

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