Von Anna Miller

Die Frau heisst Barbara. Sie sitzt irgendwo im Nirgendwo, in einem Büro oder Container oder in einer Halle in München, weit weg von mir, und sucht gerade Kleider für mich aus. Barbara ist Beraterin, Mode- und Kommunikationsdesignerin und Stylistin, das steht zumindest auf der Website von Zalon. Sie kleidet sich gern schlicht, hat ein frisches Lachen, und ihre blonden Haare fallen so, wie sie fallen müssen, wenn man sie unkompliziert zusammenbindet, damit alles gut aussieht und niemals zu gewollt. Barbara fühlt sich irgendwie vertraut an. Wie eine Frau, die man in einer Bar sieht und denkt: Die kleidet sich gut, das will ich auch.

Deshalb habe ich Barbara als meine Stylistin ausgewählt. Und habe damit Zalon vertraut, einem neuen Online-Shopping-Dienst von Zalando. Ein Stylist sucht neue Teile für einen aus und schickt sie gratis zu. Man zahlt, was man behalten will. Den Rest schickt man umsonst wieder zurück. Curated Shopping, wie man Einkaufen mit Beratung nennt, wird immer beliebter. Es ist die Antwort auf die schier unendliche Auswahl im Internet.

Jeder fünfte Schweizer hat schon bei Zalando bestellt. Das Baby Zalon ist in der Schweiz seit ein paar Monaten online. Ganz neu ist das Modell nicht, so bietet zum Beispiel Outfittery den Dienst für Männer schon länger an.

Ich kaufe mir meine Kleider immer selbst. Ich kaufe mir selten etwas, und wenn, dann gleich in grossen Massen, damit ich wieder ein Jahr Ruhe habe. Ich gehöre nicht zu den Fashion Victims, kaufe Modemagazine nur wegen der Reportagen-Seiten und schminke mich nie. Wird Barbara instinktiv wissen, was ich will, obwohl ich das selbst nicht weiss?

Zalon und Barbara versuchen es. Sie fragen mich 15 Minuten und gefühlte hundert Seiten lang, was ich gern trage und was nicht. Gefallen dir Streifen? Welche Ausschnittform magst du? Würdest du Chino-Hosen tragen? Ich klicke mich durch. Die Grössentabellen kommen. Die Gewichtstabellen. Die Körperformen. Birne, Apfel? Breitere Hüfte als die Schultern? Eine Gesamtaufnahme meiner physischen Präsenz.

Dann gehts ans Ökonomische: Zalon fragt mich, wie viel Geld ich normalerweise für Kleider ausgebe. Wenig, antworte ich. Ich bereue es sofort. Schicken diese Leute mir jetzt Stilettos, die nach fünf Schritten auseinanderfallen? Man kann auch Fotos hochladen, damit der Stylist noch besser über einen Bescheid weiss. Ich weigere mich. Auch telefonieren kann man mit dem Stylisten. Ich weigere mich. Wird Barbara mich trotzdem durchschauen?

Nach ein paar Tagen die erste Auswahl von Barbara per Mail. Ich bin enttäuscht. Die Teile sind fad, in Weiss, Grau und Schwarz gehalten. T-Shirts, die ich bei H&M in der Basic-Abteilung für neun Franken kaufen könnte. Ich fühle einen Stich im Herz. Barbara, bist du wirklich so schlecht? Warum spürst du nicht, wer ich in meinem Inneren wirklich bin? Ist alles meine Schuld? Ich schlucke meine Enttäuschung hinunter und wähle die meisten Kleider wieder ab. Ich schreibe in die Begründungszeile: Zu fad, nicht aufregend, nicht speziell genug. Du bist doch eine Stylistin, Barbara! Fordere mich heraus!

Dann endlich kommt das Paket. Meine Nachbarin ist aufgeregter als ich. Sie will mit auspacken. Sie sagt, wenn das bei mir klappe, dann probiere sie das auch. Sorgsam zusammengebunden liegen die Kleider im Karton, zwei Päckchen, für zwei verschiedene Outfits. Barbara hat mir eine Anleitung beigelegt, wie ich was zu kombinieren habe. «Style deine Relaxed-Jeans zu Blusentops oder einem Rollkragenshirt in Blau! Pumps in Nude runden diesen Look perfekt ab.» Passend dazu wurde der Rollkragenpullover in Blau auch gleich um 20 Prozent reduziert. Die Jeans geht mir knapp über die Oberschenkel. Der Rollkragenpullover sieht alt an mir aus, die Bluse lässt meine Schultern hängen. Und das Kleid mit Schlangenprint lässt mich aussehen wie ein Teenager in den Neunzigern, als alles erlaubt war.

Doch die Pumps! Ein Volltreffer. Hell, bequem, richtige Grösse. Hätte ich mir so im Laden nie gekauft. Jetzt, wo ich sie trage, merke ich: Steht mir eigentlich ganz gut. Und dieser rote Blazer? Steht mir auch. Hätte ich so auch nie gekauft. Ich will ihn eigentlich wieder zurückschicken, zu sehr Fashion Statement, aber dafür ist es schon längstens zu spät. Ich habe ihn lieb gewonnen. Er wird bleiben.

Mir dämmert: Das erste Mal seit Jahren trage ich gerade ein Outfit, nicht nur Kleider an meinem Körper. Ich sehe etwas fremd aus, nicht wie sonst. Aber gut. Zalon ist gut für neue Inputs und um Welten angenehmer als Online-Shopping auf Zalando. Ein Dienst für Leute, die sich ohne grosse Mühe neue Inputs holen wollen, obwohl sie schon vieles im Schrank haben. Wenn man aber nicht alles aus dem Paket kauft, und das ist wohl die Regel, dann wird man die Teile am Ende ja doch alle wieder selber kombinieren müssen. Wer da keine Ahnung von Mode hat, wird nachher genauso schlimm herumlaufen wie davor.

Meine Nachbarin hat ein paar Stunden später auch ein Paket bestellt. Sie liebt ihre neuen Schuhe. Die durchsichtigen Blusen für den Business-Look schossen leider am Ziel vorbei.

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