Herr Bodenmann, wie wirkt sich die Aufhebung des Mindestkurses hier im Wallis aus?
Peter Bodenmann: Der Standort Wallis ist für Export-Unternehmen wie Lonza und Scintilla 16 Prozent teurer geworden. Die Wasserkraft gerät unter Druck, weil Kilowattstunden europaweit in Cents gehandelt werden. Noch stärker betroffen ist der Tourismus.

Wie sind Sie selbst als Hotelier betroffen?
Wir haben mit dem «Good Night Inn» einen Betrieb mit 300 Betten und 50 Angestellten. Eine Grössenordnung, mit der wir diese künstlich herbeigeführte Krise meistern werden – im Gegensatz zu vielen kleineren Hotels oder Bergbahnen mit ungünstigerer Kostenstruktur. Eine ganze Branche und viele Regionen kommen unnötigerweise unter die Räder, weil die Nationalbank einen Fehlentscheid getroffen hat.

Fehlentscheid? Die Nationalbankspitze um Thomas Jordan sagt, sie hätte mit viel zu grossen Summen intervenieren müssen.
Die Nationalbank ist am längeren Hebel als die Spekulanten. Sie hat mit dem Mindestkurs Geld verdient und nicht Geld verloren, weil sie heute Geld sogar ohne Inflationsgefahr drucken kann. Sie hätte den Kurs problemlos halten können. Dänemark, das Ende 2015 weniger Arbeitslose haben wird als die Schweiz, macht das seit 1982 erfolgreich.

Was hätte die Nationalbank also tun müssen?
Bereits Anfang Januar war klar: Die Griechen werden ihre korrupte Regierung abwählen. Mario Draghi wird – wie zuvor die erfolgreichen Amerikaner – die Märkte mit Geld fluten. Die Nationalbank hätte Anfang Januar Negativzinsen einführen und mit Kapitalkontrollen drohen müssen. Die Spekulanten wären abgezottelt.

Warum hat die SNB das nicht getan?
Im Direktorium der Nationalbank sitzen ehemalige Professoren und Beamte. Sie haben in ihrem Leben nie irgendwelche politische oder wirtschaftliche Verantwortung getragen. Jordan, Zurbrügg und Danthine können mit Druck nicht umgehen. Und haben mit dem Monetarismus – für einmal hat Rudolf Strahm recht – erst noch die falsche Theorie im Kopf. Direktionsmitglied Fritz Zurbrügg hat im Kern gesagt: «Die Spekulanten haben uns unter Druck gesetzt. Und wir haben dieser Erpressung nachgegeben.» Wer sich einmal erpressen lässt, ist immer wieder erpressbar.

Offenbar hat sie jetzt einen Korridor von 1.05 bis 1.10 festgelegt.
Jetzt muss die Schweizer Nationalbank Geld drucken, um wenigstens einen Kurs von 1.05 zu halten. Alles was unter 1.15 liegt, richtet grosse, weitgehend irreversible Flurschäden an. Die Herren Grübel, Janssen, Schiltknecht und Co. sind verdammt still geworden.

Warum?
Weil die Folgen des von ihnen herbeigeredeten Fehlentscheids viel tiefgreifender sind, als sie erwartet haben. Die Unternehmen haben diesmal viel schneller reagiert als 2011. Sie stellen Investitionen zurück, verfügen Personalstopps, drücken die Löhne und verlagern Teile der Produktion ins Ausland. Deflation und Rezession stehen in der Haustür.

Sind Sie sicher?
Leider ja, weil meine Welt inzwischen die Welt der kleinen und mittleren Betriebe ist. Hier kocht der Ärger auf die von der SVP ferngesteuerte Nationalbank.

In den 90er-Jahren nannten Sie den damaligen SNB-Chef Markus Lusser den «Jobkiller der Nation». Würden Sie Jordan auch als das bezeichnen?
Blicken wir zurück: In den 70er-Jahren hatte die Schweiz den grössten wirtschaftlichen Einbruch aller Industrieländer. 340 000 Menschen verloren ihre Jobs. Auch wegen der Nationalbank. In den 90er-Jahren stagnierte die Schweiz wirtschaftlich. Nur wenige – wie Elmar Ledergerber, Serge Gaillard und ich – kritisierten die Nationalbank, die mit zu hohen Zinsen den Franken zu stark machte. Es dauerte fünf Jahre, bis die Nationalbank ihre Politik änderte. Nachdem Lusser zuvor 150 000 Arbeitsplätze vernichtet hatte. Nie hat jemand dafür die Verantwortung übernommen.

Wiederholt sich das jetzt?
Unter anderen Vorzeichen. Die Nationalbank müsste die Interessen der Schweizer Wirtschaft, die Interessen der Unternehmer und der Lohnabhängigen vertreten und nicht jene der Spekulanten. Stattdessen hat sie geltendes Recht gleich zweimal verletzt.

Womit?
Sie hätte die Aufhebung des Mindestkurses erst nach Konsultationen mit dem Bundesrat beschliessen dürfen. Aber Jordan stellte Eveline Widmer-Schlumpf bloss eine Stunde vor Bekanntgabe des Entscheids vor vollendete Tatsachen. Umgekehrt hatte Jordan Zeit, um gleichentags an einer SVP-Wahlveranstaltung aufzutreten. Zweitens: Die Nationalbank muss gemäss Gesetz für Preisstabilität sorgen. Sie darf also keine Deflation zulassen.

Aber Jordan kann sich das offenbar leisten. Niemand kann ihn zur Verantwortung ziehen.
Der Bundesrat wählt das Direktorium der Nationalbank. Der Bundesrat kann das Direktorium auch abwählen. Christian Constantin hätte so schlechte Trainer schon mehrmals ersetzt. Spass beiseite. Die Nationalbank verachtet in der Logik der SVP den Bundesrat. Vor der Rettung der UBS arbeiteten Bundesrat und Nationalbank während Wochen eng und vertraulich zusammen. Diesmal handelte die Nationalbank allein.

Das spricht aber auch gegen den Bundesrat.
Wir haben zu liebe Bundesräte. Nur Widmer-Schlumpf hat richtig reagiert. Für sie braucht die Wirtschaft mindestens einen Kurs von 1.10. Damit hat sie die Banane ausgelegt, auf der Jordan absehbar ausrutschen wird.

Was kann der Bundesrat jetzt noch tun?
Wenn er etwas für die Schweiz machen will, müsste er den drei Direktoren sagen: Entweder schafft ihr es jetzt auf 1.15, oder ihr seid am falschen Platz.

Wäre 1.15 denn in Ordnung?
Natürlich nicht. Selbst UBS-Chef Ermotti sagt, dass die Kaufkraftparität bei 1.30 liegt. Lampart von den Gewerkschaften spricht von 1.40. Aber grosse Sprünge liegen vorerst realpolitisch leider nicht mehr drin, weil die SNB der Schweiz ins Knie geschossen hat. Ein Kurs von 1.15 würde immerhin schwere Flurschäden verhindern.

Und innerhalb welcher Frist müsste das geschehen?
Sehr schnell, weil diesmal die Unternehmen viel schneller reagieren als 2011.

Dabei wurde der Wirtschaft doch vorgeworfen, sie habe vier Jahre Mindestkurs tatenlos verstreichen lassen.
Das ist reiner Zynismus. Tourismus und Exportwirtschaft haben innerhalb von vier Jahren die Senkung des Wechselkurses von 1.55 auf 1.20 verdaut. Und da kommen ein paar freche Professoren und Wirtschaftsjournalisten und sagen, ihr hättet euch halt vorbereiten müssen. Man müsste diese Naseweisen in Euro bezahlen. Zum Kurs von 1.55. Vielleicht würden sie dann begreifen, was los ist.

BDP-Nationalrat Grunder will dem Tourismus die Mehrwertsteuer erlassen für ein Jahr. Das muss Sie doch freuen.
Grunder ist ein liebenswürdiger Schlaumeier. Im Tourismus brauchen wir vier Dinge. Erstens einen Mindestkurs von 1.15. Zweitens europäische Lebensmittelpreise. Drittens weniger Imagewerbung für die Schweiz und stattdessen kostenfreie Vermarktung unserer Betten und Bahnen. Und viertens Zerschlagung der vertikalen Kartelle.

Wie soll das mit den Bauern gehen?
Heute geben wir für die 55 000 Bauern acht Milliarden aus. Vier Milliarden aus der Bundeskasse, vier Milliarden über Zollschutz. Wenn die Mehrheit der Schweizer die Bauern weiterhin vergolden will, dann müssen wir die Zölle auf EU-Niveau senken und die Direktzahlungen erhöhen. Das bringt dem Tourismus und allen Schweizern mit kleinen und mittleren Einkommen jedes Jahr ein Vielfaches mehr als Grunders einmaliges Almosen.

Warum nicht die Image-Werbung verstärken?
Wir haben bekanntlich bereits ein Super-Image. Selbst ausländische Banken werben mit dem Matterhorn. Was wir brauchen, sind tiefere Kosten, damit wir preislich konkurrenzfähig sein können. Den marktbeherrschenden internationalen Buchungsplattformen zahlen wir 13 und mehr Prozent Vermittlungsgebühren. Wir sind ihnen ausgeliefert, weil wir regional, kantonal und national zu viele Tourismus-Bürokratien haben. Die machen lieber Image-Werbung, anstatt Betten und Bahnen zu verkaufen.

Und der vierte Punkt?
Wir zahlen für die exakt gleichen Geräte viel mehr als die ausländische Konkurrenz. Die Wettbewerbskommission muss endlich alle ihre Möglichkeiten ausschöpfen. Vermutlich braucht es darüber hinaus ein griffigeres Kartellgesetz. Werden diese vier Punkte erfüllt, blüht der Tourismus auf, ohne Druck auf die Gewinne und Löhne.

Thema Einwanderung. Die Wirtschaft leidet, also geht auch die Einwanderung zurück. Ist das so?
Logo. Rezession bedeutet – zeitverzögert – weniger Einwanderung.

Dann wird sich die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative von selbst erledigen?
Die Europäische Union kann und wird in Sachen Personenfreizügigkeit nicht nachgeben. Die Schweiz ihrerseits braucht die Bilateralen. Nach dem Fehlentscheid der Nationalbank noch dringender als zuvor. Der Bundesrat weiss es. Die SVP weiss es.

Warum soll die SVP einen Kurswechsel machen?
Die SVP will keinen Mindestkurs. Und keine bilateralen Verträge. Bisher. Das tritt die eigenen Leute. SVP-Unternehmer Wandfluh hat zwei wichtige Aufträge verloren. SVP-Unternehmer Peter Spuhler droht offen mit der Verlagerung der Produktion. SVP-Wahlkampfleiter Albert Rösti war bisher Wirtschaftsförderer im Berner Oberland. Die Berner Seilbahnen haben in diesem Winter 28 Prozent Umsatz verloren. Wenn die Linke etwas beweglicher wäre, würde sie diese SVP jetzt vor sich hertreiben.

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