Herr Klitschko, Sie sind zwar Bürgermeister von Kiew, am WEF bekommt man aber das Gefühl, Sie seien Aussenminister der Ukraine. Täuscht dieser Eindruck?
Vitali Klitschko: Meine Vergangenheit als Boxer öffnet mir viele Türen und hilft mir in der Politik. Der Celebrity-Status ermöglicht mir, die ukrainische Botschaft in die Welt zu tragen. Sei es in Gesprächen mit Politikern oder über die Presse. Mir ist in den vergangenen Monaten klar geworden, welchen Einfluss die Medien haben können. Medien sind viel gefährlicher als Waffen.

Damit meinen Sie wohl speziell die russischen Medien.
Richtig. Ich verstehe heute, wie die ganze Propagandamaschine funktioniert. Die Zeitungen, Teile der sozialen Netzwerke und ganze Bereiche des Internets werden von der russischen Regierung kontrolliert und missbraucht. Das ist extrem gefährlich. Deshalb ist es für uns so wichtig, die Menschen darüber aufzuklären, was auf der Krim passiert, und ihnen echte Informationen weiterzugeben, nicht die manipulierten.

Besonders die Ostukraine wird von russischen Medien geprägt und beeinflusst. Bröckelt der Zusammenhalt zwischen den Regionen und dem Rest des Landes?
Man darf eines nicht vergessen: Ohne diese gewaltige Propagandamaschine wäre es nie zu einem solchen Konflikt gekommen. Er wurde künstlich herbeigeführt. Die Russen haben von Anfang an Lügen verbreitet. Menschen in der Ostukraine wurden nicht gezwungen, Ukrainisch zu sprechen. Das ist Quatsch. Egal, aus welchen Landesteilen die Menschen stammen, ob Westen, Osten, Norden oder Süden, alle verstehen beide Sprachen, sowohl Ukrainisch als auch Russisch. Danach hiess es plötzlich, radikale Nationalisten und Russlandhasser kämen an die Macht. Auch das ist Quatsch. Wir hassen uns doch nicht. Wie könnte ich Russen hassen, wenn meine Mutter Russin ist?

Welche Absichten verfolgt Putin mit dieser Strategie?
Putin hat doch nur ein Ziel: Er will ein neues Imperium aufbauen. Er hat die Wiederherstellung eines Gross-Russlands vor Augen. Moskau will nicht nur die Krim und Donezk. Moskau will das ganze Land. Aber wir Ukrainer sagen klar: Wir wollen nicht zurück in die UdSSR. (Klopft auf den Tisch)

Sie wollen in die EU.
Wir wollen ein demokratisches, europäisches Land werden. Offiziell sind wir zwar schon über 20 Jahre unabhängig, aber in Wirklichkeit waren wir auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs immer von Russland beeinflusst. Erst durch die «Revolution der Würde» vor einem Jahr haben wir uns von Moskau gelöst, mit der Folge, dass die Russen die Krim annektierten. Putin hat Angst vor einem Machtverlust.

Sagten Sie deshalb vor kurzem: «Putin ist krank»?
Ja, das habe ich gesagt. Wir wollen keine russischen Märchen mehr hören. Wir haben genug! Wir wollen Reformen und europäische Werte. Ex-Präsident Janukowitsch hatte das versprochen. Stattdessen hat er Milliarden abkassiert und das Volk in Armut leben lassen. Zuerst gingen Studenten auf die Strasse, um dagegen zu protestieren. Sie wurden brutal niedergeschlagen. Danach versammelten sich Millionen Menschen auf dem Maidan. Das hatte ich nicht erwartet. Ich bin stolz, dass ich einer von ihnen war. Wir müssen die Werte, die wir damals verteidigten, nun umsetzen und unseren Traum weiterverfolgen.

Wie realistisch ist es, diesen Traum vom EU-Beitritt in den nächsten Jahren zu erreichen?
Das ist natürlich schwierig. Wir alle stehen unter grossem Druck. Wir alle wollen schnelle Fortschritte. Dafür müssen wir die Korruption mit allen Mitteln bekämpfen und Transparenz schaffen. Die Menschen haben kein grosses Vertrauen in Machtpositionen, was bei der langjährigen Korruption nicht verwunderlich ist. Wir müssen jetzt die richtigen Schritte nach vorn vollziehen und den Bürgern beweisen, dass sie uns vertrauen können.

Wie soll das gehen, wenn gleichzeitig Menschen im Osten des Landes sterben?
Der Krieg in der Ostukraine belastet uns sehr. Menschlich, aber auch wirtschaftlich. Die Region produziert 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist für die ukrainische Wirtschaft natürlich ein Tiefschlag. Ausserdem tut es sehr weh, ohne russisches Gas zu leben. Glücklicherweise ändern wir nun unsere Energiepolitik. Langsam, aber wir kommen voran. Letztlich haben wir nur eine Option: Reformen durchsetzen und die Situation stabilisieren. An andere Optionen möchte ich gar nicht denken.

Reichen die Wirtschaftssanktionen gegen Russland, um den Konflikt zu beenden?
Die Annexion der Krim durch Russland war ein terroristischer Akt. Wir sind sehr dankbar für alle, die uns und unser Streben nach Demokratie unterstützen. Nur gemeinsam sind wir stark. Das ist ganz wichtig. Darum bin ich hier am WEF. Ich führe viele Gespräche und nehme das nötige Know-how für Reformen mit.

Angela Merkel sagte in Davos, die «Krim-Sache» sei nicht vergessen. Glauben Sie daran, dass die Annexion rückgängig gemacht werden kann?
Sie fragen, ob die Ukraine die Krim verloren hat? Niemals! Wir werden die Krim niemals aufgeben. Das ist unser Territorium. Wir werden für jeden Einwohner der Krim kämpfen. Russland hat das Budapester Memorandum gebrochen und die Einheit der Ukraine missachtet. Alles, was auf der Krim passiert ist, ist eine Folge der russischen Manipulation. Die Annexion der Krim hat Russland schon länger vorbereitet. Putin hat nur auf den richtigen Moment gewartet. Der kam nach der Revolution. In dem Moment war die Ukraine schwach. Die Armee war schwach.

War die EU in dem Moment auch schwach, weil sie die Annexion zugelassen hat?
(Überlegt lange) Wenn ich ehrlich bin, ja. Die EU hat viel zu lange über Sanktionen gesprochen und nicht gehandelt. Erst nachdem die prorussischen Separatisten das Passagier-Flugzeug MH17 abgeschossen haben, hat jeder Europäer verstanden, dass es kein lokaler Konflikt ist. Es kann jeden treffen, nicht nur Ukrainer und Russen.

Sie haben erwähnt, dass Ihre Mutter Russin ist. Ihr Vater war Ukrainer. Gibt es bei Ihnen in der Familie nicht unterschiedliche Ansichten zum Konflikt?
Nein, da haben wir keine Meinungsverschiedenheiten. Obwohl, einmal kam ich nach Hause und meine Mutter rannte sofort zu mir und sagte: «Vitali, vielleicht ist das, was die neue ukrainische Regierung macht, falsch.» Ich schaute sie verwundert an und fragte: «Mutter, was soll das? Hast du russisches Fernsehen geschaut?» – «Ja, den ganzen Tag», sagte sie. Ich bat sie, das nicht mehr zu tun. Aber sehen Sie, was ich damit sagen will? Die Propaganda, diese Gehirnwäsche funktioniert.

Verfolgen Sie die russischen Nachrichten?
Manchmal. Zuletzt schaute ich russisches Fernsehen auf einer meiner Geschäftsreisen. Da standen mir die Haare zu Berge. Ich muss sagen, die Propaganda ist professionell gemacht und effizient.

Unabhängig vom russischen Fernsehen gibt es im Westen, speziell in Deutschland und der Schweiz, viele, die von Putin fasziniert sind. Wie erklären Sie sich das?
Das hat mich schon überrascht, als ich davon zum ersten Mal gehört habe. Erklären kann ich es nicht. An mich wenden sich andere Leute. Eine Deutsch-Russin hat mir zuletzt eine E-Mail geschickt. Es ist ein fiktiver Brief an Putin. Es steckt aber viel Wahrheit drin: «Lieber Herr Putin», schrieb sie, «in Deutschland leben fünf Millionen russischsprachige Menschen. Wir werden gezwungen, überall nur Deutsch zu sprechen. Unsere Kinder werden in der Schule gezwungen, nur Deutsch zu sprechen. Schicken Sie Ihre Armee.» Das sagt doch alles.

In Deutschland haben Sie viele Unterstützer, haben Sie solche Verbündete auch in der Schweiz?
Vielleicht komme ich bald wieder dazu, Alexander Tschäppät zu treffen, den Stadtpräsidenten von Bern. Ansonsten habe ich viele Freunde und Bekannte in der Schweiz.

Also haben Sie kaum Unterstützung auf politischer Ebene?
Nein, aber auf der menschlichen. Mir ist bewusst, dass ich kein klassischer Politiker bin. Mir ist es wichtig, ein echtes Gespräch mit den Menschen zu führen. Das habe ich auch hier in Davos versucht. Ich rede so, wie ein Normalbürger spricht.

Ist die Schweizer Demokratie eine Inspiration für Sie?
Natürlich, die Schweiz ist ein Vorbild für uns. Sie hat ein interessantes Demokratie-Modell. Wir haben in der Ukraine eine ähnliche Situation, was die Sprache angeht. Bei uns leben über 70 Nationen. Genau wie in der Schweiz spielt es keine Rolle, welche Sprache man spricht, alle können sich verständigen. Und wir sind tolerant, das haben wir gemeinsam. Nun wollen wir auch die besten Modelle aus der EU bei uns implementieren.

Sie sprechen viel über die Ukraine, nicht nur über Kiew. Können Sie sich vorstellen, eines Tages als Präsident zu kandidieren?
Darüber möchte ich jetzt nicht sprechen. Die Zeit dafür ist noch nicht gekommen.

Dann lassen Sie uns über Kiew reden. Mit welchen alltäglichen Problemen haben Sie zu kämpfen?
Mit sehr vielen. Ich arbeite 25 Stunden täglich, 8 Tage die Woche (schmunzelt). Meine Frau fragt schon, ob ich sie und meine Kinder in den Terminkalender eintragen kann. Leider habe ich zurzeit kaum Zeit, an etwas anderes als an die Ukraine zu denken. Als Boxweltmeister habe ich nicht so viele Unterschriften gegeben wie als Bürgermeister. All unsere Reformen starten in Kiew, unserer Hauptstadt.

Zum Beispiel?
Wir wollen Aufträge wie gesagt transparent vergeben. Wir realisieren derzeit ein Projekt namens «Smart Site». Damit kann jeder Bürger das Budget und unsere Ausgaben im Netz einsehen. Wir wollen den Menschen diese Einblicke ermöglichen, damit sie involviert sind und sehen, wo ihr Geld hinfliesst.

Was verbindet Sie so stark mit Kiew? Sie waren während Ihrer Zeit als Boxer jahrelang in Deutschland.
Was viele nicht wissen, mein erster Beruf war Stadtführer in Kiew. Damals war ich 15 Jahre alt. Ich kenne Kiew sehr, sehr gut. Es ist eine der schönsten Städte in Osteuropa, mit einer über 1000-jährigen Geschichte. Meine Aufgabe ist, die Stadt sicher zu machen. Und glauben Sie mir, die Stadt ist sicher. Ich möchte alle Schweizer nach Kiew einladen, um sich selbst von der Schönheit der Stadt zu überzeugen. Sie werden positiv überrascht sein, das verspreche ich Ihnen!

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