Herr Alimi, die Milizen des Islamischen Staats schockieren mit barbarischen Taten, die sie im Namen des Islam begehen. Was löst das bei Ihnen aus?
Bekim Alimi: Leider geschah es in der Geschichte immer wieder, dass Religionen für politische Zwecke missbraucht wurden. Ich sage ganz klar: Was die IS-Milizen tun, ist ein schwerer Missbrauch des Islams und verstösst gegen unsere Religion. Es geht ihnen um ihre eigene, persönliche Macht und um nichts anderes.

Die Terroristen berufen sich auf den Islam und den Koran.
Das ist inakzeptabel. Es darf nicht sein, dass unsere Religion auf eine Art und Weise ausgelegt wird, die andere Menschen gefährdet. Im Fall des IS sind vor allem andere Muslime gefährdet. Gott hat uns nicht beauftragt, in seinem Namen zu töten. Wer es dennoch tut, handelt nicht islamisch.

Wie kommt es, dass in Europa oder in der Schweiz aufgewachsene Jugendliche in den Kampf für einen islamistischen Staat ziehen?
Ich lese in Medienberichten, dass es solche Jugendliche geben soll. Ich kann das selbst nicht beurteilen. In den Schweizer Moscheen interpretieren wir den Islam der Mitte, und ich kann mir nicht vorstellen, dass in diesem Umfeld Jugendliche auf die Idee kommen können, in einen Krieg zu ziehen, der alles andere als islamisch ist. Wenn das Jugendliche aus der Schweiz tun, dann sind es kaum solche, die hierzulande Predigten hören. Vielleicht sind sie im Internet auf radikale Botschaften gestossen. Das könnte eine Gefahr sein.

In den Schweizer Moscheen gibt es keinerlei Sympathien für den IS und andere radikale Ideen?
Ich weiss, was in unseren Moscheen gepredigt wird. Ich bin Vizepräsident der albanischen Imame in der Schweiz und Vizepräsident der islamischen Gemeinschaften in der Ostschweiz. Dadurch sind mir sehr viele türkische und bosnische Imame bekannt. Wir verurteilen alle islamistische Gewalt. Unsere Moscheen sind offen, kommen Sie einmal an einem Wochenende vorbei. Sie werden ganz normale junge Menschen antreffen und auf grosse Toleranz stossen.

Was sind das für Jugendliche, die nicht in die Moschee kommen, aber sich von extremistischen Auslegungen des Islams im Internet begeistern lassen?
Das kann ich schlecht beurteilen, weil ich sie nicht kenne. Die Jugendlichen, mit denen ich zusammenarbeite, sind entweder in der Schweiz geboren oder in jungen Jahren hierher gezogen. In Wil sind es regelmässig 30 bis 40 Jugendliche, die sehr aktiv sind. Sie kommen zum Gebet, und viele kenne ich seit Jahren, weil ich sie schon in der Schule unterrichtete. Es ist mir absolut fremd, wie es möglich sein soll, hierzulande auf radikale Ideen zu kommen.

Sprechen Sie mit den Jugendlichen über den IS-Terror?
Ja, gerade heute Morgen war das in der Schule ein Thema. Gegen wen kämpfen diese Milizen überhaupt? Was sind das für Menschen, die Hunderte Frauen und Kinder als Geiseln nehmen und in eine Wüste verschleppen? Und dann diese Enthauptungen. Ich habe die Schüler gefragt: Hat das etwas mit dem Islam zu tun? Die muslimischen Schüler haben dazu sehr klare und vernünftige Meinungen und sind selber zutiefst schockiert über diese Taten. Und sie sehen auch sofort die Widersprüche zu dem, was der Prophet Mohammed gelehrt hat.

Warum sind es immer wieder Muslime, die zu Terroristen werden? Hat es nicht doch mit der Religion zu tun, dass sie sich auf den «Heiligen Krieg» berufen?
Es gab al-Kaida, die unsere Religion ebenfalls missbrauchte, und andere Netzwerke. Oft wird behauptet, der «Heilige Krieg» finde sich im Koran. Dort aber steht nichts davon – sehr wohl aber kommt das Wort «Dschihad» vor. Das wird dann fälschlicherweise mit «Heiliger Krieg» übersetzt. Was heisst Dschihad aber wirklich? Nichts anderes als «Anstrengung». Der Prophet Mohammed sagte darum: Bringt euren Kindern Schwimmen, Reiten und Selbstverteidigung bei. Selbstverteidigung ist nicht Angriff oder Krieg, sondern weltweit akzeptiert als Mittel, um sich gerade gegen Angriffe zu wehren. Genau für diesen Zweck hat die Schweiz eine Armee. Andere Menschen anzugreifen, ist kein Dschihad.

Aber «Dschihad» wird offenbar auch anders ausgelegt.
Es geht nicht um Auslegungen, sondern um Unwissen. Die Radikalisierung geschieht durch Unwissen. Allah sagte ganz eindeutig – ich zitiere aus dem Koran, Sure 5, Vers 32 (er spricht auf Arabisch). Das heisst auf Deutsch: «Deshalb haben wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.» Der Begriff «Heiliger Krieg» ist völlig falsch. Denn: Im Islam ist nicht einmal der Prophet Mohammed heilig, auch nicht der Kalif, auch nicht die Moschee. Wie soll dann ein Krieg heilig sein? Wir akzeptieren nicht, dass ein Krieg heilig sein könnte. Ein Krieg ist ein Krieg, er verursacht Tod und Schmerzen.

Im Koran steht aber auch: «Ihr seid die beste Gemeinschaft, die je von Menschen hervorgebracht worden ist.» Wie ist das zu verstehen? Ist das nicht eine Herabsetzung von Menschen anderer Religionen?
Alle monotheistischen Religionen betonen das Besondere der eigenen Religion. Auch das Christen- und das Judentum. Hier unterscheidet sich der Islam nicht von anderen Religionen, die sich selbst als die beste preisen.

Also ist es nicht im Sinne einer Überlegenheit gegenüber anderen Religionen gemeint?
Überhaupt nicht. Liest man den Vers weiter, steht: «Ihr gebietet das Rechtmässige und verbietet das Unrechtmässige und glaubt an Allah.» Das bedeutet, man ist nur ein guter Muslim, wenn auch die persönlichen Taten gut sind. (Holt den Koran und zitiert:) «Die gute Tat ist der schlechten nicht gleichzustellen. Erwidere die schlechte, die dir geschieht, mit einer guten, so wird derjenige, mit dem eine Feindschaft bestand, zu einem guten Freund werden.»

Sie haben in Wil eine lange Tradition der Integration und unterrichten seit 14 Jahren Muslime an der Schule. Befürchten Sie wegen der Eskalation um den IS, dass das Zusammenleben in der Schweiz schwieriger wird?
Ich habe das Gefühl, es wird schwieriger werden – auch für uns Muslime hier. Der IS und die Schreckensnachrichten machen der Bevölkerung Angst. Doch ich hoffe, dass die Menschen zwischen den Muslimen und dem IS unterscheiden. Dass sie sich fragen: Hat der Muslim, mit dem ich seit zehn Jahren zusammenarbeite oder der mein Nachbar ist, mir je etwas angetan? Man darf nicht Menschen einfach aufgrund ihrer Religion verurteilen.

Wie war das nach dem 9. September 2001?
Die Terroranschläge in New York führten bei uns in Wil zu ähnlichen Fragen wie jetzt die Gräueltaten des IS. Die Erfahrungen nach 9/11 haben gezeigt, dass ein problemloses Zusammenleben nach so einem tragischen Ereignis wieder möglich ist.

Wäre es für die Integration der Muslime in der Schweiz hilfreich, wenn der Islam als Landeskirche anerkannt würde?
Dafür plädieren wir schon lange. Doch ich muss sagen: Die muslimischen Organisationen sind noch nicht so weit, um zu einer öffentlich-rechtlichen Religion zu werden.

Warum nicht?
Würde der Islam anerkannt, bräuchten wir in sehr kurzer Zeit viele Geistliche. Uns fehlen aber Imame, die gut Deutsch sprechen, und es mangelt darüber hinaus an Lehrern für den Religionsunterricht. Klar ist aber: Wären wir als Landesreligion anerkannt, könnten wir deutlich mehr integrative Arbeit leisten. Und wir hätten gesetzliche Vorschriften, um radikale Gemeinschaften zur Mässigung aufzufordern oder sie auszuschliessen.

Wie sieht eigentlich ein typischer Tag bei Ihnen aus?
An einem normalen Wochentag bete ich um 6.30 Uhr hier in der Moschee das Morgengebet. Das dauert rund 30 Minuten. Danach trinke ich meist mit den Gläubigen einen Kaffee und bin für ihre Anliegen da. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ich einem älteren Herrn mal bei der Steuererklärung helfe oder über seine Schlafprobleme spreche. Ab 8 Uhr gebe ich muslimischen Kindern an den umliegenden Schulen Religionsunterricht. Meist sind es zwei oder drei Lektionen. Danach beginnt für mich die Familienzeit. So ab 10.30 Uhr bin ich zu Hause bei meiner Frau. Häufig bereite ich dann auch das Mittagessen zu.

Nicht Ihre Frau, sondern Sie kochen?
Das kommt immer wieder vor, ja. Und würden Sie meine Söhne fragen, gäben sie Ihnen zur Antwort, dass sie es lieber haben, wenn der Papi kocht (lacht). Ich bin mir aber bewusst, dass es viele muslimische Familien gibt, bei denen immer nur die Frau am Herd steht. Das hat weniger mit der Religion als mit Tradition zu tun. Diese Männer müssen begreifen, dass auch Frauen heute arbeiten wollen.

Arbeitet Ihre Frau?
Meine Frau ist Schneiderin, sie hat ihre Lehre hier abgeschlossen. Inzwischen hat sie aber ihr Pensum auf 10 Prozent reduziert, denn wir haben uns entschieden, dass sie sich vor allem um die beiden Söhne kümmert. Im Islam muss der Mann für die Familie aufkommen. Will eine Frau arbeiten, dann gehört ihr der Lohn allein, er wird nicht dem Familienbudget angerechnet.

Was wünschen Sie sich für Ihre Söhne?
Ich hoffe, sie werden keine Imame (lacht).

Warum nicht?
Es ist ein strenger Beruf. Hinzu kommt: In der Diaspora sollte man ein sehr guter Imam und nicht ein durchschnittlicher sein, das reicht nicht. Ich hoffe aber, dass sie eine natürliche Beziehung zur Religion aufbauen können. Der ältere Sohn ist ein guter Schüler in der ersten Sekundarschule. Er hat mir schon bei den Vorbereitungen für die Reise nach Mekka geholfen, und ich habe gemerkt, wie gut er vor Leuten sprechen kann. Doch er möchte Ingenieur werden, und das unterstütze ich.

Damit wir Ihren Tagesablauf abschliessen können. Was machen Sie, nachdem Sie das Mittagessen gekocht haben?
Dann halte ich um 12.30 Uhr das Mittagsgebet in der Moschee und gehe nochmals unterrichten. Dazwischen habe ich ein wenig Zeit für Büroarbeiten. Um 17 Uhr bete ich für die Gemeinde wieder, diesmal das Nachmittagsgebet. Dann gehe ich nach Hause, esse mit meiner Familie und verbringe Zeit mit den Kindern. Um 20 Uhr steht das Abendgebet an und um 21.30 Uhr das Nachtgebet. In den eineinhalb Stunden zwischen den Gebeten bin ich für die Gemeinde da.

Kommen auch Frauen zum Gebet?
Meist nur am Freitag oder während des Ramadan.

Und wo beten sie?
Hier im Gemeinschaftsraum. Ich hoffe aber, dass die geplante Moschee zustande kommt und wir sie bauen dürfen. Dann hätte es Platz für sie auf der Empore.

Trägt Ihre Frau ein Kopftuch?
Ja, weil sie es selber will. Im Islam kann kein Mensch einem anderen Menschen etwas vorschreiben. Das kann nur Gott.

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